Vererbte Traumata und Kraft aus der eigenen Herkunft Einsichten der transgenerationalen Forschung

Die transgenerationale Forschung hat ans Licht gebracht, dass traumatische Erfahrungen nicht nur die Person prägen, die sie gemacht haben, sondern oft auch nachfolgende Generationen. Das kann sich in bestimmten Verhaltensmustern, aber auch in besonderen Stärken zeigen.

Nach zwei Jahren Pandemie spürt man eine große Sehnsucht danach, dass die aktuelle und für viele verunsichernde Situation endlich einer gesellschaftlichen Normalität weicht. Die Welt ist mit dem Aufkommen des Corona-Virus eine vollständig andere geworden, und diese Krise scheint mit keiner anderen vergleichbar zu sein. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Können wir auf Erfahrungen und Krisenbewältigungsstrategien vorheriger Generationen zurückgreifen? Auf den ersten Blick mag es unpassend erscheinen, die aktuelle Krise mit den Krisenerfahrungen von gestern bewältigen zu wollen. Am Beispiel des Verhältnisses von Kriegskindern und Kriegsenkeln hat die transgenerationale Forschung jedoch gezeigt, dass genau darin durchaus Potential liegen kann.

Kriegskinder – eine krisenerprobte Generation

Für die Kriegs- und Flüchtlingskinder (1928–1946) war die Welt von Anbeginn ihres Lebens an kein sicherer Ort, und diese Erfahrung steckt tief in jeder Faser ihres Körpers. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass etwa ein Drittel der Generation mehrfachen ausgeprägten und lang anhaltenden und ein weiteres Drittel zumindest zeitweiligen traumatisierenden Ereignissen ausgesetzt war. Ein weiteres Drittel scheint nicht davon betroffen zu sein. Bei der Bevölkerung mit einem jüdischen Hintergrund müssen wir allerdings von einer Traumatisierung von 90% ausgehen. Nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung der nächsten Angehörigen, schreckliche Kriegserlebnisse – viele erlebten den Feuersturm in Hamburg oder Dresden –, Flucht, Vertreibung und das harte Ankommen in einer „kalten Heimat“ bestimmten von Beginn an ihre Kindheit. Sie waren Flakhelfer, – Schülersoldaten und Kindersoldaten – sie waren Mädchen und Jungen in Jungvolk, Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel, sie waren Geflüchtete und ausgebombte, vater- und mutterlose Kinder. Und ein Teil dieser großen Gruppe von Kriegskindern waren verfolgte, gequälte und an Leib und Seele verletzte Kinder, deren Angehörige in den Gaskammern der Nazis umgebracht worden sind. Das ist die Generation der Kriegs- und Flüchtlingskinder, die Generation, die zuerst von der nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmt wurde und dann, nach dem Ende des Nationalsozialismus, vor dem Nichts stand. All dies galt für die jüdische Bevölkerung umso mehr, da sie auch nach dem Ende des Nationalsozialismus nirgendwo willkommen war.

Welche Ressourcen hatten sie, das zu überleben?

Eine der größten Krisen im Leben meiner Mutter war die Flucht als Auswirkung der Nazi-Herrschaft und des Krieges. Sie war gerade 13 Jahre alt geworden, als ihr bisheriges Leben für immer Geschichte war. Sie verlor nicht nur ihren Status, der ihr eine gute Schulausbildung garantiert hätte, sie erlebte in den kommenden Jahren richtiggehende Armut, Hunger und als Geflüchtete entwürdigende Anfeindungen von der ansässigen Bevölkerung. Schon mit 16 Jahren hat sie die Familie verlassen müssen, um selbst Geld zu verdienen und damit einen Esser weniger in der Familie zu haben. Bald danach gründete sie ihre eine Familie und relativ schnell hat sie dann auch über eine abgesicherte Existenz verfügt. Geholfen hat ihr eine unglaubliche Zähigkeit, ihr Durchhaltevermögen und ihre Sehnsucht nach einem besseren Leben! Und Disziplin!

Augen zu und durch!

Denn „Befindlichkeiten“ konnte sich diese Generation nicht leisten. Das hätte den Aufbau der jungen BRD und der DDR gestört. Schon früh wurde das Klagen der Kriegskinder über ihr erlittenes Leid mit Hinweis darauf, dass es dort, wo die Soldaten-Väter herkamen, noch viel schlimmer war, rigoros unterbunden. Nützlicher erschienen alte Leitsätze, wie z.B.: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Denn im Selbstkonzept dieser Generation galten Gefühle tendenziell als etwas Bedrohliches und Böses, „als Schwäche und Zeichen von Unreife“ (Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Berlin, 52020, S. 209). Gefühle galt es, unter Kontrolle halten. Deshalb stand über allem die Selbstdisziplin.

Obgleich auch meine Mutter mit eiserner Disziplin ausgestattet war und selbst dann nicht aufgegeben hat, wenn es völlig aussichtslos schien und sie nicht wusste, wie sie ihre Familie ernähren sollte, weil mein Vater wieder einmal (unverschuldet) arbeitslos war, zeigte auch sie sich immer wieder depressiv und war für uns Kinder nicht zuverlässig erreichbar. Wie viele ihrer Generation war auch sie traumatisiert.

Die Traumatisierung der Kriegskinder-Generation hatte in der Öffentlichkeit genauso wenig Raum wie die Vorstellung, es in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit einer traumatisierten Gesellschaft zu tun zu haben. Das hing auch damit zusammen, dass bis Ende der 1960er Jahre eine „Subjektkultur“ für die westlichen Gesellschaften typisch war, „deren wichtigste Merkmale das unauffällige Sicheinfügen in einen sozialen Kontext,“ und wie schon gesagt, „die Skepsis gegenüber den Emotionen und das Ringen um die Selbstdisziplin zur Erfüllung sozialer Pflichten sind“ (A. Reckwitz, s.o.). Auch vor diesem Hintergrund fand das Leid der Kriegskinder keinerlei öffentliche Beachtung, es wurde einfach ins Private abgeschoben. Für dieses Leid waren die Kinder der Kriegskinder zuständig – die Kriegsenkel –, die Generation, die heute maßgeblich die Geschicke unseres Landes lenkt.

„Ich habe immer alle gerettet!“

Die Kriegsenkel hatten als Kinder mit den Traumata der Eltern umzugehen. Das bedeutete, die eigenen Bedürfnisse zugunsten der hilfebedürftigen Eltern zurückzunehmen und schließlich so etwas wie die „Eltern für die Eltern“ zu werden. Sie lernten schnell, Mutter oder Vater zu trösten und auch für ihre Geschwister da zu sein. Sie lernten in diesem Prozess, den Eltern nicht auch noch zur Last zu fallen. Das alles machte die Einzelnen schon früh selbständig, und sie begannen rasch, sich selbst zu managen. Materiell wurden sie gut versorgt – schließlich wuchsen sie sukzessive in eine Wohlstands- und Konsumgesellschaft hinein. Emotional aber wurden sie eher nicht gesehen, und von heute aus betrachtet, würden viele dieser Kinder als emotional vollkommen vernachlässigt gelten.

Kriegsenkel:innen werden zu Expert:innen im Umgang mit Leid

Das, was die Kriegsenkel:innen – aus der unmittelbaren Beschäftigung mit den traumatisierten Eltern gelernt haben – zu trösten, zu beraten, die Familien zu managen etc. –, haben viele später professionalisiert und sind in soziale Berufe gegangen, sind Therapeut:innen, Jurist:innen etc. geworden oder haben – anknüpfend an das Leid ihrer Eltern – mit Geflüchteten gearbeitet und haben so die elterlichen/familialen, aber auch die eigenen leidvollen Themen aufgegriffen und neue Akzente gesetzt.

So können wir sagen: Weil die Kriegsenkel:innen schon von frühester Kindheit an, sich in diese „Tätigkeiten“ im Umgang mit ihren traumatisierten Eltern eingeübt haben wie ebenso aus der Reflexion ihrer eigenen, durchaus leidvollen Situation innerhalb dieser Familien, sind sie häufig zu „den“ Expert:innen geworden, die sie heute sind. Viele erzählen, dass sie schon als Kinder gedacht haben: „So wie meine Eltern mit mir umgehen, geht man nicht mit Kindern um.“ In der Auseinandersetzung mit dem Leid der Eltern und dem eigenen Leid haben sie eine ganz besondere Stärke, ein feines Einfühlungsvermögen und auch eine große Krisenkompetenz entwickelt ebenso wie Konzepte für ein „anderes Leben“, in dem die Traumatisierungen früherer Generationen sich nicht wiederholen sollten. In Bezug auf die Krisenkompetenz ist dabei u.U. aus den Biografien der Kriegsenkel:innen, die in der DDR aufgewachsen sind, noch mehr zu holen. Denn die Kriegsenkel-Jahrgänge waren es maßgeblich, die diesen Staat und das dazugehörige Gesellschaftssystem zu Fall gebracht haben.

Die Krise als Beschleunigerin

Wenn ich die Einzelnen im Rahmen der von mir entwickelten Biografie-Arbeit in meiner psychotherapeutischen Praxis befrage, wann ihr „anderes Leben“ angefangen hat, dann nennen sie häufig die erste großen Krise der BRD Ende der 1970er Jahre. Viele Kriegsenkel:innen haben diese Krise genutzt und haben sich neu erfunden. So erzählt Vera, die ich bereits in meinem Buch Die Kraft der Kriegsenkel (2016) vorgestellt habe: „Mein Studium war zu Ende und wie viele andere Sozialarbeiter:innen hätte ich anfangen können zu arbeiten, wenn wir nicht – wie in Studien längst gewarnt wurde – vor „besetzten Stühlen“ standen. Aber statt zu jammern, habe ich es als Chance begriffen, mich in einem anderen Bereich auszuprobieren. Ich wollte Künstlerin werden.“

Ende der 1970er Jahre war es das erste Mal für die Bundesrepublik, dass dieses „Höher Schneller Weiter“ einen Dämpfer erhielt. Aber statt sich zu beklagen, hat sich ein großer Teil der Kriegsenkel-Jahrgänge in eine ganz neue Welt aufgemacht. Die Krise hat ihnen quasi eine Legitimation gegeben, nicht den üblichen Weg einer Normalbiografie zu gehen: Schule, Ausbildung/Studium, Beruf, Heirat, Rente, sondern daraus auszusteigen. Hier fing der lange Weg der Selbstverwirklichung der Kriegsenkel:innen an, ein Weg, auf dem sie immer wieder – bis heute – Krisenkompetenz und Krisenmanagement zeigen müssen. Denn das, was viele machen, dafür gibt es immer noch wenig familiäre und häufig auch keine gesellschaftlichen Vorbilder, und ihre Lebensläufe zeugen von einem sehr lebendigen Patchwork.

Obwohl? Haben ihre Eltern ihnen als einstige Flüchtlingskinder nicht auch vorgemacht, wie man ein Leben aus dem Nichts aufbaut? Wie man immer wieder neu anfängt? Haben sie ihnen nicht auch vorgemacht, wie man sich in einem Leben zurechtfindet, das aus traditionalen Bindungen herausgelöst war, weil die Familien auseinandergerissen worden waren oder, „im Krieg geblieben“ waren. Damit hätten sie ihren Nachkommen viele wertvolle Ressourcen zur Verfügung gestellt – auch für die Bewältigung der aktuellen Krise. Denn gerade auch in Zeiten von Corona sind Menschen besser aufgestellt, die mit Krisenmanagement und der Suche nach neuen Wegen in scheinbar ausweglosen Situationen schon erfolgreich Erfahrung gesammelt haben.

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Ingrid Meyer-Legrand: Die Kraft der Kriegsenkel. Wie Kriegsenkel heute ihr biografisches Erbe erkennen und nutzen. Europa Verlag 2016.

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