Willkommen im Zeitalter der Großeltern! Großväter brauchen Enkel – Enkel brauchen Großväter

Nie zuvor gab es so viele Großeltern wie heute. Eckart Hammer über eine der am meisten unterschätzten Gruppen in unserer Gesellschaft, ihr Potential und die Möglichkeiten, die sich besonders für und mit Großvätern ergeben können.

Zu keiner Zeit erlebten Enkel so viele Großeltern gleichzeitig und hatten mit ihnen eine so lange gemeinsame Lebenszeit; nie zuvor waren Großeltern so fit und aktiv; niemals hatten Großeltern eine größere Bedeutung für Familie und Enkel, vor allem in Doppelverdiener-, Scheidungs- und Patchworkfamilien; nie waren die Generationenbeziehungen besser, hatten Großeltern und Enkel eine so enge Beziehung, wurde diese so positiv bewertet; noch nie war die Großelternrolle für ältere Menschen so bedeutsam wie heute.

Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts zeichnete sich diese Großeltern-Konjunktur ab. Während noch 1890 zwei Drittel aller Kinder keine Großeltern und schon gar keinen Großvater erlebten, führte nur drei Generationen weiter der steile Anstieg der Lebenserwartung zu einer nennenswerten erstmalig gemeinsamen Zeit von Großeltern und Enkeln. Heute liegt bei Geburt des ersten Enkelkindes der Anteil der noch lebenden Großeltern bei 90 Prozent, und für 20-Jährige ist es wahrscheinlicher, noch eine lebende Großmutter zu haben (90%) als dass 20-Jährige um 1900 noch eine lebende Mutter (80 %) hatten. Drei Viertel aller Großväter erleben noch die Volljährigkeit ihres ersten Enkelkindes.

3,5 Mrd. Stunden Enkelbetreuung jährlich

Eltern werden heute im Durchschnitt Anfang/Mitte 50 zu Großeltern und haben optimale Voraussetzungen, um sich der Großelternschaft mit Energie und vielen Ressourcen widmen zu können. Langlebigkeit in Verbindung mit sinkenden Kinderzahlen führt dazu, dass einer abnehmenden Zahl von Geschwistern immer mehr lebende Vorfahren gegenübertreten. Großeltern und Enkel werden wichtiger füreinander, die großelterliche Zuwendung muss durch immer weniger Enkel geteilt werden. Gleichzeitig steigt der familiäre Unterstützungsbedarf von Familien. Fast jedes zweite Kind im Alter von fünf bis sechs Jahren wird in Deutschland zusätzlich zum Kindergarten auch von der stillen Reserve Großeltern betreut. Insgesamt leisten die über 60-Jährigen in Deutschland jährlich 3,5 Milliarden Stunden Enkelbetreuung. Dreiviertel aller Großeltern haben mindestens wöchentlich Kontakt zu ihren Enkelkindern.

Angesichts dieses Bedeutungsgewinns von Großeltern verwundert es umso mehr, dass die Großelternforschung – zumindest im deutschsprachigen Raum – noch ziemlich unterentwickelt ist. Nur wenige Forschungsarbeiten haben sich explizit mit der Großeltern-Enkel-Beziehung befasst, in regierungsamtlichen Familien- und Altenberichten spielen Großeltern nur eine randständige Rolle. Und wenn Großeltern erwähnt werden, ist bei genauerem Hinsehen meist lediglich von Großmüttern die Rede, für die sich die Sozialpolitik vor allem als Unterstützerinnen für junge Familien interessiert. Dabei ist die großväterliche Unterstützung mittlerweile annähernd so groß wie die großmütterliche. Großväter sind möglicherweise die am meisten unterschätzte Gruppe in unserer Gesellschaft.

Doch längst ist eine Generation von Großvätern am Werk, die sich nicht um diese Ignoranz der Familienforschung schert, sondern mit großem Engagement und Spaß ihre Rolle lebt. Getreu dem holländischen Sprichwort »Großväter sind Väter, die vom lieben Gott eine zweite Chance bekommen haben« ergreifen sie diese zweite Chance und sind nicht mehr bereit, die Kinder den Frauen zu überlassen. Es sind Männer, die in der Enkelbetreuung nachholen, was sie bei ihren Kindern verpasst haben und dem sie oft schmerzlich nachtrauern. Väter, die nach einem eher familienfernen Berufsleben eine Welt entdecken, von der sie keine Ahnung hatten, wie bereichernd und beglückend diese sein kann. Männer, die spüren, wie wichtig und sinnstiftend diese neue Rolle für ihre persönliche Entwicklung im höheren Lebensalter und für die Lebensabrundung ist. Diese Männer setzen sich dabei ab vom jahrhundertealten Klischee des distanzierten, strengen Großvaters, und müssen noch manche überkommenen Bilder in den Köpfen überwinden, um in ihrer neuen, fürsorglich zugewandten Rolle gesehen und akzeptiert zu werden.

Verlässlicher Pol in einer sich immer schneller drehenden Welt

Großväter brauchen Enkel – Enkel brauchen Großväter. Nicht nur für Großväter, sondern auch für ihre Enkel liegt in dieser so besonderen Beziehung eine wichtige Entwicklungschance. Großväter sind für Enkel eine Brücke in die Welt; sie sind wichtige Betreuungs- und Freizeitpartner mit einem Angebot, das es so oft nur vom Großvater gibt; sie sind in einer sich immer schneller drehenden Welt der verlässliche und ruhende Pol, in stürmischen Familienzeiten der Fels in der Brandung; mit ihrem sichtbaren Älterwerden und Alter sind Großväter schließlich für ihre Enkel auch so etwas wie Lehrmeister der Vergänglichkeit. Abnehmende Kinderzahlen, zunehmende Frauenerwerbsquoten und steigende Scheidungsraten führen zu einer Transformation der klassischen Kernfamilie, wovon die Großeltern-Enkel-Beziehung profitiert. Für das Wohlergehen und den Beistand über den Lebenslauf sind multigenerationale Bindungen zwischenzeitlich bedeutsamer als die Bande der Kernfamilie geworden.

Nie zuvor waren die Generationsbeziehungen positiver als heute.

Und nie zuvor waren die Generationsbeziehungen positiver als heute. 12–16-jährige Enkel schätzen ihre Großeltern mehrheitlich als großzügig, liebevoll und gesellig sowie vielfach auch als humorvoll und tolerant ein. Zwei Drittel aller 16- bis 29-Jährigen geben an, von ihren Großeltern geprägt worden zu sein und etwas von ihnen gelernt zu haben. Eine Generation zuvor sah dies noch ganz anders aus: Bei den über 60-jährigen Befragten hat nicht einmal die Hälfte derartige gute Erinnerungen an ihre Großeltern, an die sie sich zudem als sehr alte Menschen erinnern, die kaum noch in der Lage waren, auf ihre Enkel einzugehen; abgesehen davon hat ein Fünftel dieser Älteren seine Großeltern überhaupt nicht mehr kennengelernt.

Emotionale Entlastung

Großväter und Enkel leben allerdings nicht in einer exklusiven Zweierbeziehung, sondern sind Teil eines größeren Familien- und Verwandtschaftssystems. Wo die Kernfamilie immer häufiger zur Einkindfamilie wird, in der das Kind im Mittelpunkt steht und nicht selten von zwei pädagogisch ambitionierten Eltern geradezu fürsorglich belagert wird, ist es entwicklungsfördernd, wenn ein Außenstehender wohlwollend an die Seite des Kindes tritt. Diese Rolle ist besonders geeignet für den Großvater, der die Eltern-Kind-Triangulierung zur Quadrangulierung der Familienbeziehungen erweitert. Er kann das Enkelkind unterstützen, sich von den Eltern zu lösen, ohne dabei die familialen Bindungen zu gefährden. Großeltern können die Allmacht der Eltern begrenzen und relativieren; zu erkennen, dass der mächtige Vater selbst einen Vater hat, einen Groß-Vater, der ihm etwas zu sagen hat, kann für das Kind entlastend sein. Personen, die dem Kind nah und vertraut sind und sich doch anders als die Eltern verhalten, bilden eine Brücke in die Welt nach draußen. Auch wenn es in Mitteleuropa vielleicht nicht ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt, so benötigt ein Neugeborenes jedoch auch bei uns mindestens sieben Betreuungspersonen, damit es ihm gut geht.

Positive Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln haben allerdings eine entscheidende Voraussetzung – gute Familienbeziehungen. Der Weg zum Herzen der Enkel führt über die Herzen der Kinder und Schwiegerkinder. Untersuchungen belegen: Je häufiger der Kontakt zwischen Großeltern und Eltern und je intensiver ihre emotionale Verbundenheit ist, desto stärker ist auch die Beziehung zwischen Großeltern und Enkelkindern. Dabei geht es vor allem anderen um das Herz der Schwiegertochter, sie ist die Wächterin über die Außenkontakte der Kinder, und schließlich wird auch sie es sein, die im Scheidungsfall in der Regel die Kinder mitnimmt.

Opa ohne Enkelkind

Großväter können jedoch auch Männer sein, die zwar nominell Großväter sind, an denen diese zweite Chance jedoch vorbeigeht. Die einen wollen nicht, tun Enkelbetreuung als angebliche Frauensache ab und lassen sich in den Hintergrund schieben; die anderen können nicht, wären gerne aktive Großväter, können jedoch aufgrund von zu großer räumlicher Distanz keine tragfähige Beziehung zu ihren Enkeln entwickeln; die dritten schließlich verwaisen als Großväter in Folge von Scheidungen oder anderen Familienkonflikten. Und dann ist da schließlich noch die inzwischen wachsende Zahl von Männern, die niemals biologische Großväter werden, weil sie keine Kinder haben oder ihre Kinder kinderlos bleiben. Solche Männer, wie auch alle anderen, die ihre Großvaterrolle nicht wahrnehmen können, können ihre generativen Energien in soziale Großvaterschaft umleiten, zum Leih- oder Wahlopa werden. In Paten- und Mentorenprojekten sowie anderen generationsübergreifenden Feldern sozialen Engagements spielen ältere Männer eine besondere Rolle, sind wichtige Vorbilder für junge Menschen und können selbst neuen Lebenssinn erfahren.

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