Von Hüttenarbeitern und Glasbläsern In Völklingen treffen Industriekultur und Religionsgeschichte aufeinander

Ottmar Hörl ist einer der populärsten zeitgenössischen deutschen Künstler. Zurzeit lenkt er die Aufmerksamkeit auf Völklingen, einen Ort, der wie kein anderer zum Symbol der Industriekultur geworden ist. Zugleich spiegelt sich hier ein Stück europäischer Religionsgeschichte wider.

Völklingen liegt im Südwesten des Saarlandes nahe der Grenze zu Frankreich. Dort ehrt der durch seine poppigen Kunststoff-Figuren bekannte Ottmar Hörl im Weltkulturerbe „Völklinger Hütte“ die ehemaligen Eisenwerker mit seinen dem Völklinger Hüttenarbeiter mit Helm und Arbeitskleidung nachgebildeten Figuren ab 1. Mai auf künstlerische Weise. Zugleich wird im Völklinger Ortsteil Ludweiler daran erinnert, dass hier nicht nur Bergbau und Stahlindustrie eine lange Tradition haben, sondern auch die Glasindustrie. Diese kam mit den aus Frankreich vertriebenen Hugenotten ins Saarland.

Heimatmuseum und grenzübergreifender Wanderweg

Diesen heute fast in Vergessenheit geratenen Teil der Industriegeschichte der Region lebendig zu erhalten, das hat sich der Heimatkundliche Verein Warndt zur Aufgabe gemacht, der das Glas- und Heimatmuseum Warndt in Ludweiler betreibt. Hier erhalten die Besucher auch Informationen über den Hugenottenweg. Ausgeschilderte Wanderwege von mehr als 200 Kilometer Länge führen durch die Waldgebiete rund um Völklingen. Dazu gehört auch der Warndt. Das besonders weitläufige Wander- und Waldgebiet erstreckt sich südwestlich von der Innenstadt Völklingens bis nach Frankreich.

Zur Erinnerung an die Vertreibung der französischen Calvinisten aus ihrer Heimat wurde ein grenzübergreifender Wanderweg eingerichtet. Dieser saarländisch-lothringische Kulturwanderweg hat eine Länge von 42 Kilometern. Ausgangspunkt auf deutscher Seite ist die Hugenottenkirche in Ludweiler. Ziel ist die Kaiserkirche im französischen Courcelles-Chaussey.

Wie die Hugenotten nach Völklingen kamen

Die Geschichte der Hugenotten in Völklingen geht zurück bis ins Jahr 1604. Diese wurden damals zur Vermehrung der Bevölkerung und zur Ankurbelung der Wirtschaft im Warndt angesiedelt. Dafür wurde auf dem Land des Völklinger Hofes durch den Saarbrücker Grafen Ludwig II. von Nassau-Weilburg der Ort Ludwigsweiler angelegt, aus dem das heutige Ludweiler hervorgegangen ist. Eine Urkunde besagt, dass der Graf zwölf Hugenotten, die wegen ihres calvinistischen Glaubens vor dem französischen König hatten flüchten müssen, erlaubte, an der „Rixfurth im Warneth“ ein Dorf zu gründen.

Dies ist ungewöhnlich, weil die Grafen von Nassau-Saarbrücken im Jahr 1575 die Reformation nach lutherischem Bekenntnis eingeführt hatten. Nach den Vorgaben des Augsburger Religionsfriedens (1555) hätten die Calvinisten nicht geduldet werden dürfen. Dennoch erhielten die Hugenotten in Ludweiler das Recht, eine eigene Pfarrei zu errichten. Die hugenottischen Einwanderer brachten das Glasbläserhandwerk mit und führten im Jahr 1616 die Glasindustrie an der Saar ein. Der Warndt bot dazu mit dem Vorkommen von Quarzsand, Holzkohle und Farnen zur Pottasche-Gewinnung günstige Voraussetzungen. Nach einigen Jahrzehnten verkürzte sich der Name Ludwigsweiler in Ludweiler. Insgesamt sind 23 Standorte von Glashütten im Warndt bekannt. Die erste saarländische Glashütte produzierte 1616 in Ludweiler.

Das Eisenwerk – eine „Kathedrale der Arbeit“

Bevor sich Wanderer aufmachen, um den Hugenottenweg zu erkunden, sollten sie einen Abstecher in die „Völklinger Hütte“ machen. Das 1873 gegründete Eisenwerk wurde 1994 von der UNESCO als erstes Industriedenkmal der Welt auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt. Die frühere „Kathedrale der Arbeit“ ist zudem ein zentraler Punkt auf der „Europäischen Route der Industriekultur“. Es handelt sich um das weltweit einzige erhaltene Eisenwerk aus der Blütezeit der Eisen- und Stahlindustrie, das 1986 stillgelegt und unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die ehemalige Roheisenproduktion mit einer Fläche von 600.000 Quadratmetern ist heute ein Themen- und Erlebnispark mit gigantischen Maschinen in der mehr als 6.000 Quadratmeter großen Gebläsehalle, sechs Hochöfen und einem weltweit einzigartigen Schrägaufzug.  Es gibt hier zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, die im Jahr von mehr als 200.000 Menschen besucht werden.

Figurenschau und Garten-Paradies

Für den Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte ist einer der Höhepunkte in diesem Jahr die Figurenschau von Ottmar Hörl. Dies bekräftigte Meinrad Maria Grewenig in Stuttgart, als er in einer Ausstellung mit Hörls malerischen Arbeiten einführte, die in der Galerie Abtart bis zum 15. Juni gezeigt werden. In Völklingen erinnert der Konzeptkünstler und Bildhauer an die Menschen, die hier mehr als ein Jahrhundert lang Schwerstarbeit leisteten.

Ein besonderer Ort ist das Paradies. Mit Unterstützung der Landschaftsarchitektin Catherine Gräfin Bernadotte von der Insel Mainau entstand auf dem völlig verwilderten Gelände zwischen Kokerei und Saarufer ein malerischer Garten. Der einzigartige Landschaftsgarten umfasst insgesamt 33.000 Quadratmeter.

www.voelklingen.de; www.abtart.com

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