Von innen verändern! Kolumne

Die Sicherheitsorgane sind ins Gerede gekommen. Dass rechtsextreme Skandale unter Polizisten und Soldaten Einzelfälle seien und kein Strukturproblem, kommt kaum einem Verantwortlichen mehr über die Lippen. Sogar von staatszersetzenden Netzwerken wird gesprochen.

Hartes disziplinarisches und strafrechtliches Vorgehen gegen verfassungsfeindliche Uniformträger zu verlangen, ist so berechtigt wie nötig. Allerdings sollte sich die Gesellschaft um ihre Verantwortung für jene Menschen nicht herummogeln, die den Dienst in Polizei und Militär übernommen haben.

Der Publizist Ronen Steinke fragte, weshalb sich so auffallend wenig Linke und Liberale unter den Uniformierten finden. Denn natürlich lässt sich billig beklagen, wie „rechts“ die Sicherheitskräfte sind; nur trifft dieser Vorwurf am meisten die „weltoffenen“ Kritiker selbst, die selten persönliches Engagement zeigen, von innen die Sicherheitsorgane zum Guten zu verändern. Jugendoffiziere aus Schulen zu verbannen, statt mit ihnen zu diskutieren, ist bestimmt der falsche Weg.

„Kurzer Prozess“ mit Menschen, die als „rechts“ auffallen, ist überdies ein zweischneidiger Lösungsansatz. Wenn Vorgesetzte gegen politische Entgleisungen in „ihrer“ Truppe Drohkulissen aufbauen, verheißt das wenig Ertrag. Verdikte wie „Sie verdienen unsere Kameradschaft nicht! Sie gehören nicht zu uns!“ verfestigen die Abkapselung in „heroischen“ Subkulturen nur. Als Ort geregelter Meinungsverschiedenheit lässt Demokratie sich nicht mit Repression sichern, sondern einzig durch geistige Auseinandersetzung, im Vertrauen auf die Durchsetzungskraft von Argumenten.

Ein „Mindesteinkommen“ an Zuwendung

Der Theologe Walter Allgaier prägte den Satz: „Schaden an seiner Seele nimmt, wer kein Mindesteinkommen an Zuwendung hat.“ Polizisten und Soldaten, die fragen, ob die Gesellschaft ihren Dienst stützt, müssen bei Vorgesetzten, politisch Verantwortlichen und nicht zuletzt Seelsorgern die nötige Empathie spüren. Ein der Demokratie gemäßes „nationales Selbstverständnis“ auf Basis der universalen Menschenrechte, das dem Dienst Sinn zuspricht, gehört auf die Tagesordnung.

Um Diskurs zu ermöglichen, darf Kirche nicht kneifen. Die Rechtfertigungsbotschaft der Reformation kommt ja erst dort zum Tragen, wo auch dem Abstoßenden die Gemeinschaft nicht verwehrt wird. Mit ausgrenzender moralischer Selbstgewissheit verträgt sich das evangelische Menschenbild nicht. Es lädt ein, achtsam aufeinander zu hören. Amos Oz schlug für den Umgang mit Fanatikern eine „Sprache des Wundenheilens“ vor, in der die subjektiven Gründe gefährlicher Ansichten erst einmal wahrgenommen werden.

Immerhin bewirkt die Pluralisierung der Seelsorge in der Bundeswehr, namentlich die in Gang befindliche Schaffung eines Militärrabbinates, dass viele Soldatinnen und Soldaten in naher Zukunft Vertreter des lebendigen Judentums „in echt“ erleben werden, primär in dem für alle verpflichtenden Lebenskundlichen Unterricht. Mit diesem Schritt zur Eindämmung des Antisemitismus sind die Streitkräfte der Gesamtgesellschaft voraus.

Härte zu fordern, ist einfach – und manchmal unumgänglich. Doch für die Zukunft der Demokratie bedarf es mehr.

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2 Gedanken zu „<span class="entry-title-primary">Von innen verändern!</span> <span class="entry-subtitle">Kolumne</span>“

  1. “Jugendoffiziere aus Schulen zu verbannen, statt mit ihnen zu diskutieren, ist bestimmt der falsche Weg.”
    Meine volle Zustimmung!
    Ich könnte hier ein garstig Lied von meinen eigenen Erfahrungen im Dezember 2014 singen…

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  2. Meiner Meinung nach erfährt der Dienst bei der Polizei oder der Bundeswehr zu wenig Anerkennung in unserer Gesellschaft. Wer einmal Gewalt/Unrecht erlebt hat, schätzt sicher den Schutz durch die Polizei sehr hoch. Genauso würde die Verteidigung im Bedrohungsfall durch die Bundeswehr sicher mehr geschätzt, zum Glück ist er weit weg (zumindest auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland).
    Auch ist der Dienst der Bw z.B. beim Oder/Elbe Hochwasser oder auch jetzt in den Gesundheitsämtern sehr wertvoll.
    Vielleicht sind “gewaltanwendende” Staatsorgane immer noch aus der Erfahrung des Dritten Reiches negativ belegt.
    Habe einmal gelesen: der Pazifismus der letzten Jahrzehnte konnte sich auch nur unter dem Schutz der Alliierten so entwickeln.
    Jugendoffiziere sind sicher ein wertvolle Ergänzung zur Meinungsbildung im Schulbetrieb.

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