Kirche in der Knautschzone Ein Blick aus der Vogelperspektive

Vor 40 Jahren trat meine Generation an, um eine verstaubte Kirche lebendig und menschennäher zu machen. Doch wurde dieser Anspruch eingelöst? Mehr denn je ringt die evangelische Kirche um ihren Platz in der modernen Gesellschaft. Wie wird sie mit anstehenden Veränderungen umgehen?

Herausforderungen aus 40 Jahren

Viele der drängendsten Fragen der Gegenwart bildeten sich um die Zeit meines Berufseinstiegs 1983 herum. Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Vancouver beschloss einen „Konziliaren Prozess zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“. Ebenfalls 1983 protestierten eine halbe Million Menschen im Bonner Hofgarten für Frieden und gegen den Nato-Doppelbeschluss. Unter dem Stichwort „Ausländerfreundlichkeit“ wurden erste Debatten um eine offene, multikulturelle Gesellschaft geführt. Die EKD veröffentlichte 1985 ihre Demokratiedenkschrift. Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte den 8. Mai 1945 erstmals einen „Tag der Befreiung“. Die Debatten um Lebensformen, Geschlechtergerechtigkeit und Diversität hatten gerade begonnen. Die Kirche sah sich zunehmenden Austrittszahlen gegenüber und stand vor einem enormen Modernisierungsprozess mit der Ansage: Wenn ihr nicht menschennäher werdet, wird diese Kirche keine Zukunft haben.

Kirche vor dem Crash?

Es mag verwundern, dass all diese Herausforderungen heute immer noch aktuell und ungelöst sind. Alle Öffnungen haben nicht dazu geführt, dass mehr Menschen die Kirche suchen, im Gegenteil. Wie ein Auto mit Geschwindigkeit in eine Knautschzone fährt, so scheinen wir auf einen Crash zuzufahren, befinden uns in einer „Knautschzone gestauchter Zukunft“. Wird es zum Crash kommen? Wie hat die evangelische Kirche sich in den letzten 40 Jahren auf die aktuellen Herausforderungen eingestellt, wie hat sie sich positioniert? Und wie wird sie mit den anstehenden Veränderungen umgehen?

Betrachtung aus der Vogelperspektive

Dies sind die Leitfragen einer auf mehrere Beiträge angelegten Studie, an der ich als korrespondierendes Mitglied der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft „FEST e.V.“ in Heidelberg arbeite. Darin unternehme ich den Versuch, aus der Vogelperspektive eine Feldbeobachtung vorzunehmen: Angenommen, ein Wesen von einem anderen Stern würde uns besuchen und neben zahlreichen anderen Beobachtungen auch einen Blick auf das Leben der evangelischen Kirche in Deutschland werfen. Was würde ein solcher Ethnologe wahrnehmen? Wie käme ihm die evangelische Kirche vor? Worüber würde er staunen?

Dabei unterscheide ich mich vom Besucher von einem anderen Stern dadurch, dass ich über mehr als 40 Jahre eigener beruflicher Erfahrung in der evangelischen Kirche verfüge. Diese Feldkenntnis soll aber nicht zum Erzählen von Anekdoten verführen, sondern gestützt durch soziologische und systemtheoretische Methoden zu einer Perspektive führen, die Neues entdecken oder Bekanntes neu aussehen lässt. Dabei werden nicht Wahrheiten behauptet, sondern Diskurse re-konstruiert. Was ich beobachte, sind Diskurse, die die Kirche über sich selbst führt oder andere über sie.

Kirche auf dem Weg in die Moderne

Ein durchgehendes Thema der Studie ist das Ringen der evangelischen Kirche um ihren Weg in die Moderne: Religionen stehen insofern in einem besonderen Zwiespalt, als nur sie mehrere tausend Jahre alte Urkunden haben, die für die Gegenwart Relevanz beanspruchen. Von keinem Arzt, von keinem Rechtsanwalt erwartet man, dass er nach Normen von vor 2000 Jahren handelt. Aber Religionen müssen genau dies leisten: Die Bedeutung ihrer Heiligen Schriften festhalten und gleichzeitig ihre Gegenwartstauglichkeit beweisen. Dafür gibt es keine fertigen Lösungen, es wird immer Dialog und auch Streit brauchen.

In der Vormoderne war Religion eine Klammer, die die Gesellschaft zusammenhielt.

Und noch eine Erbschaft zeichnet allein die Kirchen aus: Nur sie hatten in der vormodernen Gesellschaft eine Allzuständigkeit für die Erklärung der Kontingenzen des Lebens und für die Durchsetzung moralischer Ansprüche. In der Vormoderne war Religion eine Klammer, die die Gesellschaft zusammenhielt. Für keinen anderen Teil der Gesellschaft bedeutete die Moderne deshalb einen so gravierenden Bedeutungsverlust. So sehr die Kirche heute zur Moderne steht: Der Schmerz über diesen Verlust läuft allgegenwärtig mit. Er verleiht der evangelischen Kirche den typischen, leicht bekümmerten Zug um den Mund, wenn sie ihre Situation betrachtet.

Das „Nie-wieder-Gen“ der protestantischen Kirchen nach 1945

Exemplarisch kann man das damit gegebene Ringen am Verständnis des modernen Staates nachvollziehen. Nach einem protestantischem Verständnis, das seit dem 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert verbreitet war, dient der Staat als Fügung Gottes der Abwehr der Sünde der Menschen. Er selbst schien von der Sündhaftigkeit nicht betroffen. Nach den Erfahrungen der Nazi-Diktatur war dieses Verständnis unhaltbar geworden.

Das Versagen auch großer Teile der Kirchen in der NS-Diktatur führte zu dem Anspruch, künftig auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Das „Nie-wieder-Gen“ ist den protestantischen Kirchen der Nachkriegszeit quasi angeboren. Durch fast alle Äußerungen bis heute zieht sich der Rekurs auf das Versagen 1933 und der Anspruch, es jetzt besser zu machen. Der von den Nazis hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer dient als legitimierender Bezugspunkt: Sich auf Bonhoeffer zu beziehen, heißt, auf der richtigen Seite zu stehen. Freilich gehen damit Unschärfen in der Wahrnehmung der Gegenwart einher. Das „Nie-Wieder-Gen“ führt zu klaren Zeitansagen der evangelischen Kirche, aber es hindert bisweilen, die Unterschiede zwischen damals und jetzt präzise wahrzunehmen.

Der Platz der Kirche in der demokratischen Gesellschaft

Die Kirche suchte nach 1945 in der demokratischen Gesellschaft der Bundesrepublik ihren Platz als Akteurin, die sich an Debatten beteiligt und dazu beiträgt, Grundkonsense der Gesellschaft zu stärken. So steht es in der 1985 veröffentlichten Demokratiedenkschrift der EKD. Ganz im Sinne des kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas wollte die Kirche sich an vernünftigen Dialogen beteiligen, sich um die besten Argumente bemühen und dabei ihre Tradition in gesellschaftlich anschlussfähige Argumente übersetzen.

Dazu griff sie auf eine Theorie zurück, die von dem Philosophen Karl Löwith entwickelt worden war: Er hatte nachzuweisen versucht, dass die Werte der modernen Gesellschaft letztlich Säkularisate – Umwandlungen in weltliche Gewänder – der christlichen Tradition seien. Menschenwürde, Freiheit, demokratischer Rechtsstaat seien Werte, zu denen die Kirche sich mit gutem Grund bekennen könne, weil sie aus ihren eigenen Wurzeln stammten. Zwar wandte der Philosoph Hans Blumenberg dagegen ein, dass die modernen Werte gerade aus dem Widerstand gegen die christlichen Ansprüche entstanden seien. Aber die Theorie war zu gut zu gebrauchen und wirkte, meist unausgesprochen, weiter. Auf ihrer Grundlage konnte die evangelische Kirche sich grundsätzlich positiv zu allem staatlichen Handeln in der Bundesrepublik stellen, ohne sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, sie laufe nur dem Zeitgeist hinterher. Denn eben dieser Zeitgeist entspringe ja christlichen Wurzeln. Aus der alten Staatsnähe, die im Staat eine von Gott gegebene Ordnung sah, wurde eine neue Staatsnähe, nun ideengeschichtlich begründet.

Spannungsverhältnis zwischen christlichen und modernen Werten

Diese Amalgamierung von christlichen und modernen Werten hat einen Modernisierungsschub begünstigt, erschwert aber zugleich die Abgrenzung zu säkularen Werten und Ansprüchen. So scheinen die neoliberalen Marktwerte – stetige (Selbst)Optimierung, Wachstum als Qualitätskriterium, verlässliche Produktlieferung – wie Säkularisate der christlichen Grundsätze stetiger Heiligung des Lebens, Auftrag zur Mission und der „ecclesia semper reformanda“ (dt.:  Kirche, die immer wieder der Erneuerung bedarf).

Das „Produkt“ der Kirche auf dem Markt des modernen Lebens.

Ob das „Produkt“ der Kirche, ihre Botschaft in Wort und Tat, aber geeignet ist, wie ein Produkt auf dem Markt des modernen Lebens geliefert zu werden, ist die Frage. Das Qualitätskriterium „Wachstum“ scheint unerreichbar. Die Ermüdung, die viele beruflich und freiwillig Mitarbeitende in der evangelischen Kirche spüren, mag eine Ursache darin haben, dass es an der Abgrenzung der eigenen Inhalte zu denen gesellschaftlicher Ideen mangelt. Man setzt sich Kriterien aus, die nicht zum Eigenen passen, und wird daran müde.

Ausblick

Weitere Studien des Projekts sollen beispielhaft untersuchen, wie die evangelische Kirche modernitätssensibel mit Themen wie dem Verhältnis zu den natürlichen Ressourcen, Diversity oder bioethischen Themen umgegangen ist und welche Auswirkungen das Ringen um den Weg in die Moderne auf binnenkirchliche Themen wie Bekenntnis und Gottesdienst hatte.

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