„… wächst das Rettende auch“? Bibel und Bild zum Monatsspruch März 2021

Jesus antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lukas 19,40)

Unbelebtes bäumt sich auf. Im Jesuswort sind es Steine, die statt der Jünger schreien. Auf dem Bild ist es Eichenholzparkett in einem Art-déco-Saal, das sich aufwölbt: Stilvolles Eiche-Parkett mag den Saal des früheren Bellevue-Hotels in Wiesbaden auch früher geziert und den Hotelgästen ein Gefühl von gediegener Wertigkeit vermittelt haben. Eine angemessene Basis für den gesellschaftlichen Verkehr einer sich wichtig nehmenden Bourgeoisie.

Jetzt türmt es sich zu einer Wand auf wie eine Welle, die scheinbar irgendwo an einem unsichtbaren Horizont ausgelöst und zum Tsunami geworden ist. Wer versuchen wollte, diese Welle zu reiten, müsste sich beim Anblick der brechenden Gischt aus sich überschlagendem Parkett und blaugrüner Trittschalldämmung die Unmöglichkeit eingestehen.

2019 schuf die Künstlerin Christine Biehler die raumfüllende Skulptur AUFWALL (Eiche rustikal) als Stipendiatin des Kunstvereins Bellevue-Saal, Wiesbaden. Es ist eine mächtige Welle, die im vernichtenden Ausholen eingefroren scheint. Wie die Plagen unserer Zeit: Der Klimawandel wurde durch dieselbe Industrialisierung angestoßen, die dem gründerzeitlichen Bürgertum solche heiligen Hallen, wie den Bellevue-Saal schenkte. Auch er ist ein Tsunami, dessen initiales Erdbeben sich wie in Zeitlupe und scheinbar in unsichtbarer Ferne vollzog. Aktuell erleben wir schon ein Jahr lang den Aufwall des Virus, der uns aus dem Rausch der Globalisierung in die Quarantäne wirft.

Wenn der Boden des Alltäglichen und Gewohnten erschüttert wird durch schicksalhaft hereinbrechende Ereignisse, dann springt das instinktive Krisenprogramm im Menschen an mit seinen drei möglichen Reflexen: Kämpfen oder Flüchten oder Totstellen. Was aber, wenn sich die Katastrophen so zeitlupenartig wie in dem Kunstwerk veranschaulicht aufbauen, so dass sie nicht abrupt, sondern schleichend das Gewohnte verändern?

In der Auseinandersetzung mit der Gefahr durch Covid19, die unseren Alltag erschüttert und eine Umstellung unserer Gewohnheiten verlangt, kann man alle drei urzeitlichen Krisenreaktionsweisen beobachten: Die Kämpfer*innen stellen sich trotzig auf jede neue Verordnung ein und versuchen, weiterhin ihre Aufgaben zu erfüllen und sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Die modernen Flüchtenden leugnen die Realität. Die Totsteller tauchen ab und warten darauf, dass alles wieder so wird, wie es war. In ähnlicher Weise lassen sich die drei Reaktionsmöglichkeiten beim Thema Klimawandel durchspielen.

Das Kunstwerk von Menschenhand steht für die menschengemachten Katastrophen und provoziert die Frage nach deren Bewältigung. Versagt unsere evolutionäre psycho-genetische Ausstattung angesichts hochkomplexer Langzeitkrisen? Hier möchte der AUFWALL wachrütteln.

Eine Analogie zwischen Steinen und Holzparkett besteht nur scheinbar: Wenn Steine schreien, dann verlassen wir die Domäne der Existenz und begegnen dem Sein selbst.

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