Abgrund und Himmel Bibel und Bild zur Losung des 1. Dezember 2018

„Frohlocken und deiner sich freuen sollen alle, die dich suchen.“ (Psalm 70,5, Zürcher Übersetzung)

Wenn wir doch so beten könnten, wie die Juden. Wie Israel im Psalter. Leidenschaftlich Gott zur Rechenschaft ziehend und gleichzeitig alles Gute von ihm erwartend.

Der holländische Theologe Huub Oosterhuis: „Maßlose Texte, voller Abgrund und siebtem Himmel.“ In dem ganz kurzen Psalm 70, in dem die Losung steht, vollzieht sich das geradezu beispielhaft auf engstem Raum. Der Psalm ist eigentlich ein einziger Hilfeschrei. Einem einzelnen Beter, einer Beterin, steht das Wasser bis zum Hals: „Eile, Gott, mich zu retten!“ Es ist dringend! Wo bleibst du? So fängt der Psalm an, so hört er auf.

Man trachtet dem Psalmisten nach dem Leben, und Spott ergießt sich auch noch über ihn. Deftig werden die Schuldigen vorgeführt. Aber dann, mitten darin, für unsere übliche Betpraxis so völlig überraschend wie inkonsequent: „Frohlocken sollen die, die sich an dir, Gott, freuen und dich suchen.“

Beeile dich doch mit deiner Hilfe, Gott, ich kann nicht mehr! Millionenfach umgibt uns heute, ausgesprochen oder unausgesprochen, dieser Verzweiflungsschrei. Auf ausgedörrtem Boden im Sudan die Mutter, die ihrer Familie kein Essen mehr bereiten kann. Der ertrinkende Flüchtling im Mittelmeer. Mein Freund, der an der Pflege seiner parkinson- und demenzkranken Frau kaputtgeht. Gefolterte in vielen Gefängnissen der Erde.

Und dann Frohlocken über diesen Gott, der sich doch offenbar nicht erweichen lässt?

Ja, ich denke, es ist so: Nur wer das ureigene Wesen dieses Gottes Israels, des Vaters Jesu, kennt, sich unablässig dessen vergewissert, kann ihn anschreien, darf ihn herausfordern, ihn anklagen. Es ist der Vorhalt an ihn: Du kannst dich doch nicht selbst Lügen strafen, wenn dich mein Schicksal nicht kümmert. Du hast dich doch einmal ganz dem Menschen verschworen! Und umgekehrt: Nur wer diesem Gott ungeniert sozusagen auf die Pelle rückt, wer ihm rückhaltlos eigene und fremde Not entgegenschreit, findet darüber auch wieder in den Lobgesang, „Nur wer für die Juden schreit, darf Gregorianisch singen“ (Dietrich Bonhoeffer).

Kürzlich hörte ich den Arzt und humoristischen Entertainer E. v. Hirschhausen sagen: „Freuen Sie sich, dass Sie bis jetzt noch nicht gestorben sind.“ Wie flapsig, dachte ich. Aber warum fiel es mir ausgerechnet bei dieser Losung wieder ein? Könnte es sein, dass es nur die säkulare Ausdrucksweise ist für dieses Psalmwort: „Freuen sollen sich alle, die dich, Gott, suchen“? Solange dieser Gott dich noch leben lässt, freue dich und nutze es, um für Gedemütigte, Verfolgte, Rechtlose zu schreien: „Beeile dich, Gott, ihnen zu helfen.“

Denn: „Das Leben ist Gottes Ziel mit uns“ (Dietrich Bonhoeffer).

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