Agnieszka Komorowska, Annika Nickenig (Hg.): Poetiken des Scheiterns Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens

Wilhelm Fink Verlag, 2018, 300 S., 59,00 EUR

Es gehört zum Reiz von Literatur, Geschichten des Scheiterns erleben zu können, ohne selbst die Konsequenzen der krisenhaften Erfahrungen tragen zu müssen. Nach der aristotelischen Poetik wird die Seele des Rezipienten in der imaginären Teilhabe durch die Erfahrung von Schrecken und Schauder sowie von Jammer und Rührung von genau diesen Erregungszuständen gereinigt und er selbst durch diese karthartische Wirkung geläutert.

Entscheidend bei dieser Konzeption ist freilich, dass das Unglück den Helden oder die Heldin unverschuldet und somit schicksalhaft trifft. Denn sonst hätte er nicht Mitleid, sondern eher Geringschätzung verdient. In modernen Geschichten des Scheiterns ist der Protagonist allerding – dem emanzipierten Subjektbegriff der Aufklärung entsprechend – für seinen Untergang oft selbst verantwortlich. Dies gilt umso mehr, wenn Szenarien des ökonomischen Scheiterns in den Blick kommen, bei denen die Hauptfiguren sich in einer modernen, kapitalistisch organisierten Gesellschaft als erfolgsunfähig erweisen: Bankrotteure, Spieler, Verschwender, Müßiggänger oder Künstler gehen zugrunde, weil sie mit Geld nicht umzugehen wissen oder es im Umgang damit zu riskant treiben. Buddenbrook und Bovary sind nur zwei der bekanntesten Namen, die einem in diesem Zusammenhang einfallen.

Achtzehn solche Beispiele zwischen scheiterndem Kalkül und scheiternden Kalkulationen versammelt der von Agnieszka Komorowska und Annika Nickenig herausgegebene Band Poetiken des Scheiterns. Er geht an ihnen der Frage nach, inwieweit sich mit der Thematik auch eine neue Form des Erzählens verbindet. Die These der Herausgeberinnen lautet: „dass die inhaltliche Verknüpfung von Scheitern und Ökonomie in literarischen Texten mit der Ausprägung bestimmter Erzählformen, d.h. mit einer bestimmten Erzählökonomie einhergeht“ (S. 14). Diese sei vor allem durch Gegenbewegungen zur klassischen, dramatischen Erzählweise geprägt. So sei festzustellen, dass die einschlägigen Texte oft eine „Verschwendung narrativer Mittel“ betrieben und „weder ‚sparsam‘ noch ‚effizient‘“ mit den eigenen Ressourcen umgingen. Dazu trügen Schreibweisen der Wucherung und Formen der Ausschweifung bei – z.B. durch das häufige Auftreten von Nebensträngen und Nebenschauplätzen bis hin zum Fehlen eines „roten Fadens“ –, aber auch Formen des Abbruchs, der Fragmentierung und der extremen Verknappung. Schließlich ließen „Verfahren der Zyklik, Zirkularität, Serialisierung und Prozessualität die Narration als unabschließbar erscheinen“ (S. 16). Durch diese erzählerischen Mittel würde insgesamt die klassische Ökonomie des Erzählens „unterlaufen“.

Eindrücklich werden diese Thesen in den achtzehn versammelten Lektüren des Sammelbandes von deutschen RomanistInnen belegt. Auch wenn der Blick dabei auf Texte des romanischen Sprachraums verengt bleibt (der Band dokumentiert Beiträge des Romanistentags 2015), scheinen die Ergebnisse doch nationalliteraturübergreifend gültig. Von Boccaccio und Cervantes bis Italo Calvino und Rafael Chirbes werden Figuren des Scheiterns und Formen des „Versagens“ im doppelten Sinne nachgezeichnet – sowohl auf der Ebene der Erzählhandlung als auch im Hinblick auf die jeweilige Poetik. Dabei wird deutlich, wie oft und zugleich wie vielfältig das Schreiben als Medium der systemimmanenten Verweigerung gegen ökonomische Gesetze und Zwänge eingesetzt wird – bis hin zum Scheitern des Textes an seiner eigenen Vermittlung.

Die Herausgeberinnen verstehen das „unökonomische Erzählen“ denn auch dezidiert als ein subversives, „widerständiges Moment“ der Literatur, das sich der totalitären ökonomischen Optimierungslogik moderner kapitalistischer Gesellschaften verweigert: Die Literatur könne „in der Darstellung des Scheiterns ihre eigene gesellschaftliche Funktion oder Dysfunktionalität“ thematisieren, indem sie „eine Profitabilität resp. Nutzbarmachung von Kunst verweigert und politisch-ökonomische Diskurse und Zwänge performativ zum Scheitern bringt“ (S. 18). Die literarische Teilhabe an Geschichten des Scheiterns wirkt so zwar nicht mehr unbedingt läuternd, aber mit ihrer kritischen Komponente dafür hoffentlich umso produktiver.

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