Hans-Christoph Koller/Markus Rieger-Ladich (Hg.): Vom Scheitern Pädagogische Lektüren zeitgenössischer Romane III

Bielefeld, transcript Verlag, 2013, 294 S., 33,80 EUR

Die Literatur der Moderne ist ins Scheitern verliebt. So lautet die These von Hans-Christoph Koller und Markus Rieger-Ladich in dem von ihnen herausgegebenen Band Vom Scheitern. Die beiden Pädagogik-Professoren stellen darin zwölf Lektüren zeitgenössischer Romane vor, die krisenhafte Selbsterfahrungen ihrer Protagonisten in pädagogischen Zusammenhängen zum Thema haben. Die von verschiedenen FachkollegInnen analysierten Werke stammen von deutschsprachigen AutorInnen wie Christa Wolf, Herta Müller und Wilhelm Genazino, aber auch von fremdsprachigen SchriftstellerInnen wie T.C. Boyle, David Grossman, Philip Roth, Jonathan Franzen oder Zeruya Shalev.

Für die Herausgeber zeichnet sich in diesen Romanen übergreifend die Tendenz ab, dass sich die Literatur „insbesondere seit Beginn der Moderne für das Fehlschlagen menschlicher Bemühungen, für Krisen und Niedergänge aller Art interessiert“ (S. 10). Dass sie gerade als Erziehungswissenschaftler darauf aufmerksam werden, hat einen besonderen Grund. Denn nach ihrer eigenen Einschätzung fehle der Pädagogik selbst nur allzu oft das Bewusstsein dafür, dass „Erziehung und Bildung oder Lehren und Lernen als hochgradig riskant“ gelten müssen, weil es „eben prinzipiell ausgeschlossen ist, sämtliche Bedingungen des Gelingens zu kennen oder gar zu kontrollieren“ (S. 9).

Deshalb biete die Auseinandersetzung mit literarischen Inszenierungen des Scheiterns eine besondere Erkenntnischance: Dem notorischen Optimismus der Pädagogik, dass Krisen zum Leben dazu gehören, dass diese aber stets revidierbar seien und man an ihnen wachse, stelle die Literatur die Erkenntnis gegenüber, dass es gerade „innerhalb des pädagogischen Feldes zu Ereignissen und Phänomenen kommen kann, die keinerlei kathartischen Effekt erkennen lassen“ (S. 8). Die pädagogische „Rhetorik der Beschwichtigung“ sehe sich durch diese Eigenlogik literarischer Texte einer grundsätzlichen Skepsis ausgesetzt, und gerade diese Infragestellung könne dazu beitragen, die eigenen blinden Flecke zu erkennen.

Die Einzelanalysen des Bandes zeigen denn auch unterschiedlichste Lebensläufe in schwankenden oder gar absteigenden Linien, die im starken Kontrast zu den „Geschichten mit notorisch gutem Ausgang“ (Marianne Schuller) stehen, wie sie z.B. durch die Tradition des deutschen Bildungsromans verkörpert werden. Ob in Familien-, Eltern-Kind- oder Lehrer-Schüler-Beziehungen, ob im Rückblick auf traumatische Erfahrungen oder in der Analyse aporetischer Kommunikationsprozesse – auf je eigene Weise tragen die zwölf Romane zu einer Archäologie des Scheiterns bei und öffnen so einen die Pädagogik verstörenden Blick auf das, was nicht erst seit der Moderne prägendes Thema von Literatur ist: die tragischen Seiten des Lebens.

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