Neukirchener Verlagsgesellschaft, Neukirchen-Vluyn 2024, 216 S., 20,00 EUR
Die langjährige Leiterin der Abteilung Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) möchte mit diesem Buch dem christlichen Missionsbegriff in der Gegenwart neue Plausibilität verleihen. Denn Mission im kirchlichen Kontext erscheint gemeinhin als ein aus der Zeit gefallenes Konzept, das durch die Verwobenheit mit dem europäischen Kolonialismus diskreditiert ist. Dieser Hürde für ein positives Verständnis der Mission widmen sich daher auch die ersten beiden Kapitel des Buches. Dabei weist die Autorin darauf hin, dass eine Missionsgeschichte ohne die Erwähnung ihrer kolonialen Verstrickung ebenso unvollständig ist, wie eine Missionsgeschichte, die die vielen spontanen, marginalen oder marginalisierten Aufbrüche unberücksichtigt lässt, die sich über die gesamte Geschichte des Christentums hinweg ereigneten. Aufbrüche, die oft abseits von Institutionen und politischen Überlegungen geschahen und geschehen.
Das zweite Kapitel zeigt die Ambivalenz missionarischer Aktivitäten im Kontext des Kolonialismus, vorgetragen von Autoren aus dem globalen Süden. Kurze Beiträge weiterer (internationaler) Autor*innen – insgesamt 16 – prägen die folgenden Kapitel, die nach dem geschichtlichen Problemaufriss wie Podien einer Tagung zur Diskussion von zukünftigen, postkolonialen Missionspraxen wirken. Die Herausgeberin leitet diese Diskussionen im dritten Kapitel mit einer gemeinsam mit ihrem Mann verfassten, dem eigenen Anspruch nach „postkolonialen Lektüre des ‚Missionsbefehls‘“ ein. Im Einklang mit dem ersten Kapitel empfiehlt diese Exegese im Ergebnis eine Missionspraxis von den Rändern mit dem Ziel einer egalitären Lerngemeinschaft. Daran schließt eine kritische Diskussion bestehender Machtverhältnisse im globalen Christentum an, in denen koloniale Strukturen weiterleben.
Der Beitrag der Herausgeberin beschränkt sich nun häufig auf kurze Einleitungen und Zwischenkommentare. Die Ko-Autor*innen beschäftigen sich mit dem „Missionsfeld Europa“, dem Spannungsfeld von Mission und religiöser Pluralität sowie der Verbreitung des Glaubens durch Krankenheilung und Gebetserhörung. Die Herausgeberin begleitet dies berechtigterweise mit dem Hinweis, die Beiträge könnten die Leser*innen „herausfordern“. Da ist der deutsche Gemeindereferent, der ganz unbeschwert von der Missionsarbeit unter iranischen Geflüchteten berichtet oder der Pfarrer in Sri Lanka, der von wachsenden Gemeinden aufgrund von Krankenheilungen schreibt.
Alle Texte enthalten interessante Beobachtungen – die Texte zur „Mission im multireligiösen Kontext“ ragen dabei besonders hervor – doch können die Schlussfolgerungen nicht immer überzeugen. Insgesamt neigen die Autor*innen und auch die Herausgeberin eher evangelikalen bis pentekostalen Strömungen im Christentum zu – diese bilden in der Regel das positive Gegenbild zu recht schematisch als hierarchisch, unflexibel und tendenziell rassistisch beschriebenen „protestantischen“ Kirchen in Deutschland oder allgemein im globalen Norden. Im Zentrum des theologischen Denkens steht das Ideal einer individuellen, lebendigen Jesusbeziehung und ein praktisch grenzenloses Vertrauen in die Wirkmacht des Heiligen Geistes. Kontemplative Elemente sind von untergeordneter Bedeutung. So findet man im letzten Kapitel, das wieder überwiegend aus der Feder der Herausgeberin stammt und die thesenförmige Zusammenfassung des Buches bietet, den anfechtbaren Satz: „Eine Spiritualität, die nicht missionarisch ist, ist nicht christlich.“ In einem Buch, das Offenheit gegenüber herausfordernden Praxen und Positionen verlangt, überraschen derartige Festlegungen ebenso wie die zahlreichen Ausrufezeichen, die im Text begegnen.
Das Buch verlangt kein theologisches Vorwissen, wird nichtreligiöse Leser*innen durch seinen evangelikalen Einschlag aber wahrscheinlich befremden. Gemeindlichen Lesekreisen könnte es aber guten Diskussionsstoff zur Frage liefern, ob Mission noch geht.
In der gedruckten Ausgabe erschien eine gekürzte Fassung dieser Rezension.