Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 399 S., 28 EUR
Dieter Thomä, Emeritus der Universität St. Gallen, kritisiert in dem Band Theorien, die als Vorsilbe „Post“ tragen. Heute begegnet die einfallslose Bezeichnung vor allem in Politik und Wissenschaft: Posthumanismus, postindustriell, Posthegemonie, postfaktisch und dergl. mehr. Der Autor möchte der Vorsilbe ihren Kultstatus streitig machen, denn das Präfix präge heute Weltbilder, spiegle aber keine komplexe Wirklichkeit. Es würden Wahrheiten verkündet, die ein Faible für Kontingentes und Fingiertes hätten. So rede man davon, dass die Geschichte an ein Ende gekommen sei, eine Pseudowahrheit, die diese Theorien verkündeten, doch ernährten sie sich gerade von dieser Vergangenheit. Es werde ein Epochenwechsel deklariert, ein historischer Vorläufer postuliert und ein Nachfolger aufgespürt. Satirisch notierte der Autor: „Wären die Wissenschaftler, die sich auf den Post-Weg begeben, Autofahrer, würden sie Vollgas geben und die ganze Zeit in den Rückspiegel schauen. Wären sie Seeleute, würden sie die Segel setzen und den Anker nicht lichten“.
Ausführlich bewertet Thomä die drei Konzepte von Posthistoire, Postmoderne und Postkolonialismus. Das Posthistoire verkünde mit dem Ende der Geschichte keine Apokalypse, sondern lasse die Endphase bis heute andauern, in welcher sich der Tod der Menschheit manifestiere. Zoowärter in dem derart erzeugten Menschenpark seien selbsternannte Eliten. In der postmodernen Denkweise entscheide nicht das schreibende Subjekt über Bedeutungen, sondern der Text verweise dominant auf eine Vielzahl von Sprachspielen. Es gehe um Differenz: Genau darauf berufe sich die heutige Identitäts- und Multioptionsbewegung.
Der neueste Trend sei der Postkolonialismus, der auch in der heutigen Theologie als Lehre verbreitet werde. Die Gräueltaten in der modernen Geschichte, besonders in der Welt der Kolonien, dienten einer Umwertung der Ereignisse. So konnte ein Monopol der moralischen Bewertung die konkrete Vergangenheit zum Verschwinden bringen. Postkolonialismus sei dann kein lokales, sondern ein globales Phänomen. Die Schuld für die weltweite Sklaverei trage die Epoche der Aufklärung, weshalb es für die gegenwärtigen, afrikanischen Eliten einfach sei, ihr Versagen zu cachieren und eine reine Identität der Indigenen als Rettung für die Zukunft zu verkünden. Höchste Zeit, meint Thomä, die Blickrichtung zu ändern.