Der allein gelassene Soldat Ein nationaler Ethikrat für militärische Themen ist überfällig

Wer kraft Auftrag als Soldat töten muss, gerät häufig in Gewissensnot. Auch in demokratischen Gesellschaften und gerade in Zeiten rasanten (waffen-)technologischen Wandels bedarf ein tragfähiges Soldatenethos des öffentlichen Diskurses. Zur Orientierung hilft ein Blick zurück.

Kapitän zur See Hans Langsdorff gilt als der integre „Lebensretter“ unter den Offizieren der deutschen Kriegsmarine. In militärisch aussichtsloser Situation widerstand er im Dezember 1939 vor Montevideo der Erwartung der Marineführung, indem er ein „ehrenhaftes“ letztes Gefecht mit den überlegenen Briten vermied. Er rettete dadurch seiner Besatzung von etwa 1.200 Mann das Leben, versenkte das evakuierte Schiff und tötete sich selbst. Bei Traditionalisten im Militär ist Langsdorff unpopulär, geachtet hingegen bei solchen, die dem kritischen „Staatsbürger in Uniform“ verpflichtet sind. Eine detaillierte Biografie fand kürzlich kontroverse Aufnahme (Hans-Jürgen Kaack: Kapitän zur See Hans Langsdorff. Der letzte Kommandant des Panzerschiffs Admiral Graf Spee. Paderborn 2020).

Langsdorff – ein freier Kopf mit komplizierter Geschichte

Langsdorff wird der Satz zugeschrieben: „Tausend lebende Seeleute sind mir lieber als tausend tote Helden.“ Die herrschende Linie dagegen hatte bei Großadmiral Raeder, dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, so geklungen: „Das Deutsche Kriegsschiff kämpft unter vollem Einsatz seiner Besatzung bis zur letzten Granate, bis es siegt oder mit wehender Flagge untergeht.“ Langsdorff sah in der Fahne nicht „mehr als den Tod“.

Bereits zum Ende des Ersten Weltkriegs zeigte sich Langsdorff als junger Marineoffizier eigenständig, als er den gegen die befohlene Selbstversenkung meuternden Soldaten Verständnis entgegenbrachte. Ein „Linker“ war dieser aus einer Juristen- und Pastorenfamilie stammende Offizier sicherlich nicht, ein freier Kopf sehr wohl. Überliefert ist seine Distanz zu Vertretern der Marineseelsorge, die noch nach dem Untergang des wilhelminischen Reiches die Einheit von Thron und Altar zelebrierten und sich republikanischer Realität verschlossen. Eine Zeitlang war Langsdorff Adjutant des Reichswehrministers Schleicher, den die Nazis 1934 ermordeten.

Langsdorffs Geschichte ist jedoch komplizierter, als es ein schlichtes Heldenepos erzählen könnte. Denn die kritische Situation, in der sich der Kapitän als fürsorglicher Lebensretter bewährte, hatte maßgeblich er selbst herbeigeführt. Die von ihm befehligte „Admiral Graf Spee“ operierte seit Kriegsbeginn als „Handelsstörer“ im Südatlantik mit dem für ein hochmodernes Kriegsschiff weder fordernden noch schmeichelhaften Auftrag, zivile Frachter zu versenken. Der Angriff nicht nur auf militärische Nachschubwege, sondern auf die gesamte Volkswirtschaft des „Gegners“ entsprang der Logik des „totalen Krieges“. Beim „Feind“ gab es keine Nichtkombattanten mehr, die gemäß soldatischem Ehrenkodex zu schonen gewesen wären.

„Feiger“ Befehl, „ritterliches“ Verhalten und eigenmächtiges Handeln

Nach allem, was man von Langsdorff weiß, lag dem konservativ erzogenen und doch eigensinnigen Offizier dieser „feige“ Auftrag schwer auf der Seele. Mit seinem Biografen Hans-Jürgen Kaack lässt sich das Selbstbild Langsdorffs „ritterlich“ nennen. Das führt zu christlich-mittelalterlichen Ursprüngen und schließt die Achtung Schutzbedürftiger ebenso ein wie persönliches Eintreten für Ideale.

Während des Einsatzes gegen wehrlose zivile Ziele weigerte sich Langsdorff, die Crews englischer Frachter als Feinde anzusehen. Kein einziges Besatzungsmitglied der durch die „Graf Spee“ aufgebrachten Schiffe verlor sein Leben. Über die damals noch bestehende Vorschrift der Kriegsmarine hinaus, „gegnerische“ Besatzungen zu schonen, sorgte Langsdorff für ihre ehrenhafte Behandlung.

Systematisch verletztes Gewissen

Der spannendste und heikelste Moment der Biografie Langsdorffs ist aber fraglos seine eigenmächtige Entscheidung, den vorgeschriebenen Kurs zu verlassen und vor der La-Plata-Mündung ins offene Gefecht zu gehen mit einem Schiffsverband der britischen Marine. Auf dramatische Weise wird hier klar, weshalb das Thema „Langsdorff“ in der Ausbildung junger Soldaten einen wichtigen Platz verdient; geht es doch um das systematisch verletzte Gewissen eines Verantwortungsträgers und die daraus resultierende Gefahr.

Vier Tage, bevor Langsdorff den „Untergang in Ehren“ verweigern und 1.200 Menschenleben bewahren sollte, ignorierte er die Order der Seekriegsleitung, das Schiff – ausdrücklich unter Vermeidung von Feindkontakt – zu kleineren Reparaturarbeiten nach Wilhelmshaven zu bringen. Der Kapitän suchte die Feindberührung regelrecht, offenbar in seelischer Not, um sich einem satisfaktionsfähigen Gegenüber zu stellen – und seine Soldatenehre zu heilen. Daraus erst entwickelte sich die Lage, die zur Versenkung der „Graf Spee“ führte.

Flucht in die direkte militärische Konfrontation aus Scham

Der irrationale Schritt ins Gefecht wird verstehbar als Kurzschluss aus angestauter Anspannung, als Übersprungshandlung nach lange hingenommenem, erzwungen unwürdigem Handeln. 36 Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod. Im letzten Brief an seinen Bruder äußert Hans Langsdorff tiefe Trauer darüber.

  Wo Töten zur prima ratio wird, gibt es keine militärische Ethik mehr.

Langsdorffs innerer Kampf zwischen gegensätzlichen Kriegsparadigmen gehört zur geistigen Grundspannung seiner Epoche. Dietrich Bonhoeffer unterschied im Ethik-Fragment von 1943 zwischen dem „ritterlichen Krieg unter christlichen Völkern“ und dem „totalen Vernichtungskrieg“ im Vorzeichen des „modernen Nihilismus“. Hannah Arendt urteilte 1942, „größer als die Untat, einen Krieg entfesselt zu haben“, sei „die Schande, gegen Wehrlose Krieg zu führen“. Wo Krieg zur Produktion von Leichen totalisiert, das Töten zur prima ratio wird, gibt es schlechterdings keine militärische Ethik mehr. „Soldatenehre“ wird zum obsoleten Begriff.

Soldat sein – eine Gratwanderung auch in der demokratischen Gesellschaft

Was konstituiert unter demokratischen Voraussetzungen ein tragfähiges Soldatenethos? Erforderlich ist zuerst die Verständigung zwischen Soldaten und Gesamtgesellschaft, was die Gesellschaft von Soldaten erwarten kann.

Wesenhaft ist der Beruf des Soldaten moralische Gratwanderung. Um der staatlichen Gemeinschaft Sicherheit zu gewährleisten, handeln Soldaten nötigenfalls dort, wo Menschen sich eigentlich nicht bewegen dürfen: in der Tabuzone des Menschen-Tötens. Dies aber geschieht in Treue zur Gemeinschaft und unter dem bewussten Risiko, die eigene moralische Integrität zu beschädigen zu Gunsten anderer Menschen.

Soldaten fühlen sich moralisch verletzt, wenn die legitime Vertretung der Gesamtgesellschaft, das Parlament, Militäreinsätze beschließt, anrüchige Folgen dann aber öffentlich den Ausführenden allein angelastet werden. Eine redliche Debatte über nationale Sicherheitsinteressen, entsprechende Ziele sowie dazu nötige und akzeptable Instrumente wird von Soldaten schmerzlich vermisst.

Werden nicht auch heute Soldaten Aufträge zugemutet, die sie vor sich selbst entehren?

Langsdorffs Ehrbegriff passte nicht in die politisch wie militärisch totalitären Umstände seiner Zeit. Doch bietet unsere demokratische Gesellschaft, achtzig Jahre später, ein überzeugendes ethisches Konzept, in dem jene sich wiederfinden, die sie in gefährliche Einsätze schickt? Wie fühlen sich jene, die um gefallene Kameraden trauern oder mit lebenslanger seelischer Schädigung konfrontiert sind, wenn nach ihrem Empfinden die öffentliche Bilanz gemieden, schöngefärbt und manipulativ berichtet wird?

Wird nicht auch in der Gegenwart Uniformträgern zugemutet, Dinge zu tun, die geeignet sind, die Ausführenden vor sich selbst zu entehren?

Neue Kriegstechnologien stellen vor neue moralische Herausforderungen

Der von Langsdorff als moralische Katastrophe erlebte „totale Krieg“ hat sich unter neuen technologischen Entwicklungen radikalisiert und stellt noch einmal ganz anders gelagerte Herausforderungen an das Gewissen verantwortlich Handelnder.

So kann die Handhabung bewaffneter Drohnen ethische Prinzipienverstöße bedingen, die Langsdorffs Erfahrung potenzieren. „Töten per Joystick“ ist nicht nur abstrakt ein moralisches Problem, sondern sehr konkret psychologisch und seelsorglich. Vorschnelles Urteilen über ein Waffensystem wäre allerdings kontraproduktiv, denn eine seriöse ethische Bewertung hängt vom Einsatzszenario ab. Die Einsatzmöglichkeiten schließen die Fernkontrolle ganzer Landstriche zwar ein – ein ethisches Fiasko mit der Garantie der Züchtung künftigen Terrorismus –, gehen darin aber nicht auf. Beim Cyber War ist die Gefahr, dass „Kollateralschäden“ in der Dimension schlimmster Kriegsverbrechen als Routine verbucht werden, nicht zu verkennen. Gleichwohl erfordern die komplexen Umstände des „Krieges im Netz“ ein differenziertes Hinschauen, sollen etwa von kirchlicher Seite kundgetane Urteile nicht zum bloßen Ausweis moralischer Hybris geraten.

Überfällige Begleitung in Gewissenskonflikten

Einer demokratischen Gesellschaft, die Soldaten in vielfältig riskante Situationen schickt, steht es gut an, diesen Dienst nicht nur zu würdigen, sondern die eigene Verantwortung anzunehmen. Der evangelische Militärbischof hat 2019 angeregt, analog zur bestehenden Ethikkommission für medizinische Grundsatzfragen einen nationalen Ethikrat für militärische Themen ins Leben zu rufen, an dem neben Soldaten auch Theologen, Philosophen, Psychologen, Informatiker, Ökonomen und gewählte Bürgervertreter beteiligt sein sollten. Andere Staatsbedienstete, die kraft „Auftrag“ in Gewissenskonflikte geraten können, verdienten eine entsprechende Begleitung – etwa an Abschiebungen beteiligte Polizeibeamte. Die Diskussion darüber, was ein Land seinen „Dienern“ ethisch zumutet, gehört in die Mitte einer menschlichen Gesellschaft.

Langsdorff lehrt: Es rächt sich, wenn Menschen zu lange Dinge tun müssen, gegen die ihr moralischer Kompass rebelliert. Nicht nur human, sondern klug ist die Gesellschaft, die das beherzigt.

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Ein Gedanke zu „<span class="entry-title-primary">Der allein gelassene Soldat</span> <span class="entry-subtitle">Ein nationaler Ethikrat für militärische Themen ist überfällig</span>“

  1. Danke für Ihren guten Bericht über Kapitän Hans Langsdorff. Ein in aller Welt geachteter wirklicher Held! Aber in seinem Heimatland Vergessen und verdrängt?

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