Das gelesene und das gesprochene Wort (Vor-)Lesen im säkularen und kirchlichen Raum

Was bedeuten für Sie Buchstaben und Bücher? Wir haben nachgefragt und Stimmen gesammelt. O-Töne, Testimonials, Behauptungen, Zitate: eine literarische Umfrage.

Als wir im Dezember letzten Jahres unsere Ausgabe geplant haben, war schnell klar: Ein Artikel über das gelesene und das gesprochene Wort soll unbedingt dabei sein. Erste Anfragen für Beiträge blieben aber ohne Erfolg, und so hieß es: Fragen wir doch die vielen! Gesammelte O-Töne und Statements bieten immer spannende Einblicke.

Also haben wir uns umgehört. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagt das Sprichwort. Aber: »Es wird immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht«, lässt sich Hermann Hesse hören. Für Habermas hat die Sprache fundamentale Bedeutung für die öffentliche Debatte und Argumentation. Während Ricoeur Erzählungen und die erzählte Zeit besonders intensiv bedachte (Temps et récit, Bd. 1-3, 1983-85: dt.: Zeit und Erzählung, 1988-91).

Lesen und Sprechen: Die Bedeutung der Sprache

Habermas schätzt das gesprochene Wort. Für die öffentliche Sphäre ist öffentliche Rede unverzichtbar. „Mein letztes Motiv ist das befreiende Wort.“, betont er in einem seiner letzten Impulse; Denkanstöße, die viel von Überzeugung, Kommunikation, Sprache, Interessen in der public sphere gesellschaftlicher Debatten handelten – lauter klassische Themen der evangelischen Tradition. Das passte auch bestens im Umfeld des linguistic turn, der breiten Hinwendung zu Wort und Sprache in den Wissenschaften der 1970er Jahre.

Es gibt diesen Witz, wo sich zwei junge Fische unterhalten, ein älterer schwimmt vorbei und sagt: Na, wie ist das Wasser? Und die beiden schauen verdutzt hinterher und der eine fragt den andern: Welches Wasser?

Sprache ist wie das Wasser. Sie prägt, ist das Element, in dem wir denken, reden, und entscheiden. Ob bewusst oder unbewusst, gleich, ob wir es merken oder erst später. Das gilt zumal im öffentlichen Raum. Die öffentliche Rede, vom Teleprompter abgelesen oder vom vorgelegten Sprechzettel, hat bis heute wenig an Bedeutung eingebüßt. Selbst der Souffleur am Theater liest meistens vor.

Wirkung – Was Worte mit uns machen

Worte und Lesen können uns verändern. Emotional und existentiell, affektreich im Moment; und nachhaltig. Nach einer alten Einteilung soll die gelungene Rede als Wirkung erzielen: delectare, movere, docere (erfreuen, bewegen, lehren). Wie das geht? How to Do Things with Words ist ein Buchtitel von John L. Austin, den man schon mal im Ohr gehabt haben könnte. Wittgenstein in seiner Spätphilosophie weist darauf hin, dass alles Reden als ein »Sprachspiel« aufzufassen und immer mit der konkreten Sprechsituation verbunden sei – so wie beim Übersetzen von einer Sprache in die andere (vgl. Seite 12).

Wer den hebräischen Schöpfungsbericht der biblischen Überlieferung kennt oder den Prolog im Johannesevangelium, den wird kaum wundern, dass Wort und Rede (auch) im kirchlichen Raum eine große Rolle spielen. Die jüdisch-christliche Erzählgemeinschaft lebt vom überlieferten Wort. Sei es das gesprochene, sei es das vorgetragene, das laut oder das still gelesene Wort. Eine Predigt wird einerseits gesprochen, aber meist – weil sie sorgfältig vorbereitet und überlegt sein will – gleichzeitig vorgelesen. In der Liturgie gibt es die Lesungen. Und ein zentraler Text wie Psalm 23 entfaltet seine Wirkung sowohl in der gottesdienstlichen Praxis wie außerhalb.

Die biblische Tradition hat so viele starke Texte (!) – vier Fünftel der Bibel sind jüdische Literatur. Nicht von ungefähr sind die beliebten Losungen und Bibelübersetzungen im Buchhandel Jahr für Jahr aufs Neue absolute Bestseller im Millionenbereich und »ewige« Longseller.

Kirche pflegt »schon immer« eine besondere Wortkultur. Kein Wunder, dass sie ein poetisches Wort-Institut wie das Literaturhaus in Hildesheim unterhält, das mit Wortinstallationen, literarischen Interventionen, szenischen Lesungen für ein lebendiges Hör- und Rede-Training sorgt. Und bei Preacher Slams versuchen PredigerInnen eine tagesfrische Wortakrobatik einzuüben und sich anzueignen.

Vom Wort zum Text – Vom Text zum Wort

Nun gibt es in jeder Sprache ein Richtig und ein Falsch. Das ist unvermeidlich – und sonst wäre auch Übersetzen unnötig. Es werden dabei nicht nur Regeln (schriftlich) aufgestellt, wie es zukünftig funktionieren kann, nach Hannah Arendt sind beide fundamental, das Verzeihen und das Versprechen.

Doch schlussendlich gibt es nicht nur das „Buch der Schrift“. Das Buch der Schöpfung kann ebenfalls auf eine Art „gelesen“ werden. Richtig Lesen lernen, eine Sprache sprechen: Die jeweiligen Buchstaben zu kennen, ist die halbe Miete. In Kinderzimmern finden sich daher seit Jahr und Tag die „ABC-Books“, Bücher, um das Alphabet zu lernen. Selbst das Internet ist textbasiert. Und ist es nicht so, dass auch das Humangenom bei seiner Entschlüsselung sich als ein ausbuchstabierbarer Code bestätigt hat (»genetischer Code«).

Das Sprechen einer Sprache

„Das Wort »Sprachspiel« soll hier hervorheben, dass das Sprechen der Sprache ein Teil ist einer Tätigkeit, oder einer Lebensform. Führe dir die Mannigfaltigkeit der Sprachspiele an diesen Beispielen, und anderen, vor Augen:

Befehlen, und nach Befehlen handeln –
Beschreiben eines Gegenstands nach dem Ansehen, oder nach Messungen –
Herstellen eines Gegenstands nach einer Beschreibung (Zeichnung) –
Berichten eines Hergangs –
Über den Hergang Vermutungen anstellen –
Eine Hypothese aufstellen und prüfen –
Darstellen der Ergebnisse eines Experiments durch Tabellen und Diagramme –
Eine Geschichte erfinden; und lesen –
Theater spielen –
Reigen singen –
Rätsel raten –
Einen Witz machen; erzählen –
Ein angewandtes Rechenexempel lösen –
Aus einer Sprache in die andere übersetzen –
Bitten, Danken, Fluchen, Grüßen, Beten.“

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen § 23


Was Worte mit uns machen

Eine literarische Umfrage

Mann mit weißem Hemd, bei dem Buchstaben aus dem Mund kommen

Foto: Feodora, © Adobe Stock

Worte als Kunstform

Das gesprochene Wort ist eine der unmittelbarsten Kunstformen überhaupt. Es entsteht im Moment zwischen Menschen und lebt von Stimme, Klang, Rhythmus und Präsenz. Besonders im Theater spielt es eine zentrale Rolle: Dort ist es nicht nur Mittel, sondern wird im Zusammenspiel mit Bühnenbild und Kostüm selbst zur Handlung. Es verlangt Aufmerksamkeit, denn es verhallt und ist in seiner Flüchtigkeit unwiederholbar. Gerade darin liegt seine besondere Intensität und
Wirkungskraft.

Anne Nothtroff, Studentin (u.a.) der Medienwissenschaften, Regensburg

Poetry Slam

»Nichts wirkt so eindringlich, so direkt und so berührend wie das gesprochene Wort. Nichts bringt uns mehr zum Lachen oder zum Nachdenken. Und niemand weiß besser, wie man Sprache wirkungsvoll einsetzt, als die besten Bühnenpoet*innen. Poetry Slam bewegt auf eine Art, die man sich gerne gefallen lässt. Es reißt ein Lachen ins Gesicht, kitzelt an der Hirnrinde und flutet das Herz.«

Webauftritt Poetry-Slam-Agentur („Über uns“, slampool Hamburg)

Das Buch der Schöpfung lesen

Schauen wir als Erdbewohner in den Sternenhimmel, spüren wir vielleicht grenzenloses Staunen, aber auch ein Erschaudern vor dem ewigen, unermesslichen Getriebe der Billion beobachtbarer Galaxien. Wir alle können diese Betroffenheit spüren, wenn wir uns als Teil dieser unendlichen Räume verstehen und das Schicksal des Universums auch als unser Schicksal betrachten.

Spiritualität geht es um eine tiefere Wahrnehmung der Existenz, die hilft, uns einem umgreifenden Ganzen verbunden zu fühlen. Eine Motivations- und Werterfahrung, die Naturwissenschaft allein nicht bieten kann. Auch weltliche Transzendenz-Erfahrungen wie Poesie, Musik, Kunst, Kreativität, geistige Erkenntnis zählen dazu.

Magdalene Schönhoff, EAiD Berlin

Preacher Slam

Unter Fahnen der Hoffnung, die im Wind wehen.
Von der neuen Welt erzählen.
Die Zuversicht stählen

Das Motto schreit mich an:

Visualisier deine Ziele und BÄMM – es klappt.

Was würde er sagen?

Vielleicht etwas wie dieses:
Mut wächst nicht im Wohlfühlgarten.
Nicht da, wo Blumen und Tomaten gut geraten.

Dreh alles um.

Predigt-Slam zum Kirchentag 2025, von Ragna Miller (Auswahl)

„Das Thema Kommunikation, Worte finden, alte Themen neu zur Sprache bringen ist mir nicht nur bei Slampoetry wichtig,“ sagt die preisgekrönte Predigt Slammerin. „Ich habe immer großen Spaß daran, Theaterstücke zu schreiben, Podcasts einzusprechen. Wie kann man Gott und die Welt zur Sprache bringen…”?

Pressestatement Ragna Miller, Bremen

Wo das Sprechen aufhört, hört Politik auf.
Hannah Arendt, Schriftstellerin

Schwarz-weiß-Zeichnung eines Portraits von Hilde Domin mit hinterlegtem Text eines ihrer Gedichte
Bild: »Hilde Domin« von Ursula Stock, Bildausschnitt, via Wikimedia-Commons, CC BY-SA 3.0 DE

Das eigene Wort,
wer holt es zurück,
das lebendige
eben noch unausgesprochene
Wort?
Wo das Wort vorbeifliegt
verdorren die Gräber,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte

Hilde Domin, Lyrikerin

Impulse für eine junge evangelische Kirche

Die Bibel lebt davon, dass sie gelesen, gepredigt und gelehrt wird, aber lebendig wird sie erst, wenn eine aktive Auseinandersetzung und ein aktives Erleben stattfinden. Es ist vielmehr das Hineinfallen, das Detailverträumte oder die Suche nach einer bestimmten Bibelstelle oder Bibelgeschichte, die etwas mit uns macht, die es schafft, etwas in uns zu berühren und uns etwas fühlen lässt.

Es gelingt durch echtes Zuhören und auch den Mut, jungen Menschen kreative Freiräume zuzutrauen. So können mitreißende Projekte entstehen – von Podcasts und Musik bis hin zu schauspielerischen Inszenierungen.

Yasmin Mäurer, Lehramts-Studentin in Leipzig

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