Eine Welt – in Zahlen Digitale Gesellschaften zwischen smarter Innovation und Stalking

Hinsichtlich der Möglichkeiten elektronischer Kommunikation gibt es sie bereits: die eine Welt. Der offene Austausch von Informationen eröffnet rasanten Fortschritt. Und Stalking.

In seiner Oktoberausgabe erforschte das Monatsmagazin Zeitzeichen die Folgen digitalen Wandels („Das entgrenzte Ich“, zeitzeichen 10/2015). Vom revolutionären Ausmaß einer epochalen Wende ist da die Rede. Als sich die EKD-Synode im Herbst 2014 der digitalen Gesellschaft widmete, hieß es gar: „Ein Leben außerhalb des Digitalen ist in Zukunft nicht mehr denkbar.“ Ob dabei die Risiken oder die Chancen überwiegen?

Chancen der Digitalisierung

Für Viele in der sogenannten „Dritten Welt“ bringt der digitale Wandel wahre Segnungen mit sich. Wer ein Handy hat, dem steht selbst in der afrikanischen Wüste alles offen. Smartphones helfen signifikant bei der Alphabetisierung, sagt das Kinderhilfswerk UNICEF. Gerade für Entwicklungsarbeit bietet das „World Wide Web“ ungeheures Potenzial. Indische Handwerker verkaufen ihre Waren überregional, und wenn es gut läuft global. Der Umsatz im weltweiten Online-Handel erreichte 2015 wieder neue Rekorde. In Zahlen: 780 Milliarden Euro.

Auch hierzulande schätzt man die Vorteile der Digitalisierung, schnelle E-Mail-Kommunikation, Kurznachrichten, Online-Banking. Wie bequem es doch ist, sich per Navigationstool zum gewünschten Ziel lotsen zu lassen. Im elektronisch erfassten Kartenmaterial ist ja schließlich alle Welt vermessen. Die GPS-Ortung zeigt die nächste Tankstelle genauso wie die Abkürzung zum Stadtcafé. Das digitale Potenzial in Zahlen angedeutet: 62 Millionen Handynutzer gibt es derzeit in Deutschland.

Risiken der Digitalen Welt

Doch alles hat zwei Seiten, wissen wir, seit das Brot stets auf die Marmeladenseite fällt: Leider sind die angehäuften Datenberge nicht sicher. Schon eine kleine Liste bekannt gewordener Datenhacks mag das illustrieren: Die Hotelkette Hilton musste im September 2015 einräumen, dass zahlreiche Zahlungsdaten von Hotelgästen entwendet wurden. Wenig später widerfuhr der Hotelkette Hyatt Ähnliches. Auch die Lernsoftware VTech wurde gehackt: Dadurch gelangten 6,4 Millionen Kinderprofile und nochmals 4,8 Millionen Eltern-Accounts in die Hände von unbekannten Hackern. Rund um Weihnachten war es bei der Spieleplattform Steam durch einen technischen Fehler möglich, dass Kunden untereinander die Accounts einsehen konnten (Steam hat weltweit 125 Millionen Nutzer). Gehackt wurden zudem: mehrfach die Sparkassen-App, wochenlang die komplette IT des Deutschen Bundestages, der Konzern Sony, die US-Personalverwaltung. Es gab sogar jemand, den die Website der Feuerwehr in Zwettler (Niederösterreich) als Hackerziel interessierte.

Oft bleibt dabei unbekannt, wer wie viele Datensätze erbeutet und was er damit beabsichtigt. In einem Fall in den USA wurde versucht, die persönlichen Daten von 130 Prominenten inklusive Sozialversicherungsnummer meistbietend zu verhökern. Wenn, wie neulich bei Apples iPhone-Hack, hunderttausende Smartphones betroffen sind, bietet sich ein breites Anwendungsspektrum. Mit dem Smartphone wird heutzutage ja nicht nur die Suchmaschine bedient, sondern auch eingekauft, der Urlaub geplant und das Berufliche organisiert. Quasi nebenbei gelangt bei einem Zugriff auf das Smartphone zudem das persönliche Bewegungsprofil, das jedes Gerät automatisch anlegt, in die Hände von – wem auch immer.

Eine Welt zwischen Komfortgewinn und umfassendem Stalking

Insofern wirkt es zweischneidig, wenn das neue PC-Betriebssystem Windows 10 kontinuierlich und konsequent Nutzungsdaten an Hersteller Microsoft übermittelt. Viele Nutzer begrüßen allerdings die Vorteile, weil dadurch der Anwendungskomfort gesteigert wird. Windows 10 zeichnet standardmäßig Informationen wie Adresse und Kalenderdaten, aufgerufene Internetseiten, Spracheingaben (z.B. für die Sprachassistentin „Cortana“), Tastatureingaben inkl. Tippgeschwindigkeit, aktuelle sowie vorherige Gerätestandorte auf und sendet sie an Microsoft. Webcam- und Mikrofoneinstellungen werden automatisiert für Apps freigegeben.

Damit zieht Windows lediglich mit dem Mobilbetriebssystem „Android“ gleich, das bei rund drei Viertel der Smartphones im Einsatz ist. Übrigens: Auch jedes normale Handy übermittelt alle paar Sekunden per Einwahl in die Funkzelle den Standort an den Provider (vgl. oben iPhone).

Der richtige Mix macht’s

Werden Sie jetzt Ihr Handy wegwerfen? Sollten wir alle den Strom abschalten und wieder über Buschtrommeln kommunizieren? Man zögert und guckt etwas unschlüssig in die Luft.
Vielleicht findet sich ja doch noch irgendwie ein Trick, wie die Digitale Welt zu retten ist?

Vielleicht findet sich ein Trick, wie die Digitale Welt zu retten ist?

Einfach wird das nicht. Das ist schon daran zu ersehen, dass die klugen Deutschen zur allgemeinen Sicherung ihrer Gesellschaft auf die Idee gekommen sind, am besten einen großen – Datensatz (!) anzulegen. Monate- und wochenlang werden durch die gesetzlich eingeführte „Vorratsdatenspeicherung“ sämtliche Handy-Verbindungsdaten sowie sämtliche Handy-Standorte zentral erfasst und an einem bestimmt sicheren Ort verwahrt.

Annotation

Wie es sich anfühlt, wenn jemand Unbekanntes plötzlich zu verstehen gibt, dass er Zugriff auf persönliche E-Mail-Daten hat, weiß der Verfasser dieser Zeilen aus persönlicher Anschauung. Und wie schwer sich Ermittlungsbehörden dabei tun, mit Derartigem umzugehen. (In diesem Fall besteht seit über einem Jahr ein Ermittlungsverfahren, ohne dass sich bis jetzt zielführende Ermittlungsansätze abzeichnen. Somit ist offen, ob es sich um eine Art von Stalking handelt, schlicht um einen Wirrkopf oder irgendeinen Scherzkeks, der seine Technikfähigkeiten testet.)

Fazit

Die Digitalisierung bietet tolle Möglichkeiten und manche Abgründe. Wie ein verantwortungsvolles digitales Leben in der Einen Welt aussehen könnte, gilt es erst noch auszumachen.

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