Was wäre eigentlich eine Theologie, der die Zukunft von Kirche und Gesellschaft gleichgültig ist? Niemand wünscht sich das. Dennoch flammt immer wieder die Debatte auf, sobald Wissenschaften – und die Theologie als eine davon – energisch darauf drängen, aus ihren Erkenntnissen politische und gesellschaftliche Konsequenzen zu ziehen.
Schnell fällt dann das Wort „Aktivismus“ – meist als Vorwurf gemeint. Dies führt zu einem drängenden Problem: Wo verläuft die Grenze zwischen legitimem Engagement und problematischer Kompetenzüberschreitung?
Wissenschaftstheoretisch ist die Grenze schnell gezogen. Aktivismus wird dort zum Problem, wo er die Begründungsrichtung wissenschaftlicher Arbeit umkehrt und Forschungsergebnisse nicht mehr aus einem kontrollierbaren Erkenntnisweg erwachsen, sondern politische Positionierungen im Gewand wissenschaftlicher Sprache auftreten. Damit ist aber nur ein Teil der Frage beantwortet – die wissenschaftspraktische Frage lautet nämlich: Welchem Zweck dienen Wissenschaften?
Die Theologie ist seit jeher mittendrin in der Aushandlung, welche Funktion sie im Gegenüber zu Kirche, Staat, Öffentlichkeiten und Wissenschaften erfüllen kann. Das Repertoire möglicher Antworten reicht von der Theologie als „kritischer Funktion der Kirche“ (Karl Barth), „positiver Wissenschaft“ zur Befähigung der Kirchenleitung (Friedrich Schleiermacher) bis hin zur Mitgestalterin gesellschaftlicher Verständigung (Wolfgang Huber). Theologie hat immer einen Bezugs- und Anwendungsrahmen ihrer Reflexionsleistung. Wie weit ist aber dieser Rahmen? Und finden sich politische Aktivismus- und Protestbewegungen darin wieder?
Unsere Gesellschaft leistet sich das Unternehmen der Wissenschaften (und die Theologie als Teil davon), weil sie sich davon einen gesellschaftlichen Mehrwert verspricht. Könnte es nicht sein, dass Forschungsvorhaben, die als aktivistisch wahrgenommen werden, sich gerade darum einem Vorwurf ausgesetzt sehen, weil sie meinen, diesen Mehrwert möglichst unmittelbar realisieren zu können? Was aber als Mehrwert gilt, dafür gibt es keinen einfachen Konsens; und in einer pluralistischen Gesellschaft wäre der vielleicht auch gar nicht wünschenswert. Daher kann Theologie die Kirche, die Gesellschaft und das Christentum von morgen nicht so gestalten, als verfügte sie über deren Richtung. Aber sie kann diese mitverhandeln.
Theologische Forschungsvorhaben, die sich den evidenten Krisen von Ökologie, Demokratie und sozialer wie ökonomischer Gerechtigkeit stellen, entkommen dieser Spannung nicht. Denn die Tatsache dieser Krisen lässt sich weder diskursiv auflösen noch durch energische Positionierung bewältigen. Was Theologie aber beitragen kann, ist Reflexionsarbeit, die eine Position überhaupt erst ermöglicht, aus der heraus sich Handlungs- und Denkoptionen entfalten lassen. Unterwirft sich diese Arbeit denselben Qualitätsmaßstäben wie jede Wissenschaft, dann ist ihr Engagement keine Distanzlosigkeit, sondern genau jener gesellschaftliche Beitrag, um dessentwillen sich eine Gesellschaft die Wissenschaften leistet: ein Wissen, das in der Aushandlung um die Zukunft etwas zu sagen hat.
