Eine Woche in Taizé Eine spirituelle Erfahrung für junge Menschen

Menschen zwischen 15 und 29 Jahren aus aller Welt reisen jeweils für eine Woche ins französische Burgund. Während sie in der großen Mehrzahl den verfassten Kirchen fernbleiben, finden sie in Taizé, was sie offensichtlich brauchen: tiefe religiöse Erlebnisse.

Zusammen mit den Brüdern des inzwischen ökumenischen Männerordens leben sie dort, beten miteinander, versuchen den Sinn von Bibelversen für sich zu erfassen und sprechen über Gotteserfahrungen. Nicht zuletzt: Sie hören einander zu und „gehen“ bewusst in die Stille.

Erlebnisstille

Während jedes Gottesdienstes gibt es eine mehrminütige Phase der Stille. Immer wieder sieht man junge Menschen, die kniend, das Gesicht und Hände auf dem Boden ablegend, im tiefen Gebet verweilen. Andere nutzen diese Zeit, um zu lesen oder zu schreiben. Texte aus der Bibel und Fürbitten werden in verschiedenen Sprachen von den Brüdern vorgetragen, eine Predigt gibt es nicht. Jeden Morgen wird Eucharistie gefeiert; als Ort gelebter Ökumene können die Jugendlichen entscheiden, ob sie die Heilige Kommunion, gesegnetes oder geweihtes Brot empfangen wollen. In Taizé wird nicht gefragt, ob man nun katholisch, evangelisch, orthodox oder anders gläubig ist.

Ich war nun dreimal in Taizé: als 17-jährige Jugendliche mit einer Jugendgruppe aus meiner Heimatpfarrei, während des Studiums mit etwa 20 weiteren Studierenden der Sozialen Arbeit an der Katholischen Hochschule NRW und zuletzt im Juni diesen Jahres als Begleitung mit inzwischen knapp 100 Studierenden derselben Hochschule. Die alljährliche Taizé-Fahrt hat sich in der Hochschule längst etabliert, die Zahl der Mitfahrenden ist dabei stetig gestiegen.

Luxusferne

Im Sommer 1940 kam der evangelische Theologiestudent Roger Schutz (1915-2005), bekannt als „Frère Roger“, in das kleine Dorf Taizé in Burgund. Dort kaufte er ein leerstehendes Haus, nahm Juden und später Kriegsflüchtlinge auf. Gegründet wurde der Männerorden Communauté de Taizé schließlich im Jahr 1949, als sieben evangelische Christen das Ordensgelübde ablegten. Anfänglich aufgrund der strikt monastischen Lebensweise (Gehorsam gegenüber der Leitung, Leben in Ehelosigkeit und in Armut) von Teilen der evangelischen Kirche skeptisch beäugt, entwickelte sich die Gemeinschaft der Brüder zu einem spirituellen Ort der gelebten Ökumene.

Was genau ist es in Taizé, dass so viele junge Menschen in den Schul- oder Semesterferien dorthin pilgern und bewusst eine Woche auf den gewohnten Luxus ihres täglichen Lebens verzichten? In Taizé wird bei Wind und Wetter gezeltet oder in Barracken mit bis zu zwölf Personen geschlafen. Das erste Gebet findet um 8:15 Uhr statt, die Anwesenheit zu den drei Gebetszeiten ist für die Jugendlichen ein Muss. Nachtruhe ist um 23:30 Uhr, der Genuss von mitgebrachtem Alkohol ist strengstens untersagt, auch der Zugang zum Internet ist erschwert. Zudem kommen feste Arbeitsdienste wie Kochen, Essen austeilen, Putzen der Sanitäranlagen, das Saugen des Teppichs in der Kirche oder das Ordnen hunderter Seiten von Liedtexten. Über das große Gelände laufend, hört man immer wieder Gruppen, die bei den anstehenden Arbeiten fröhlich Taizé-Gesänge anstimmen.

Gebetslust

Entstanden sind alle diese – inzwischen weithin bekannten charakteristischen – Gesänge für die Gottesdienste, die dreimal täglich stattfinden und als spiritueller Mittelpunkt von zentraler Bedeutung sind. Gefeiert werden diese in der großen Versöhnungskirche, in der Tausende Menschen Platz finden. Der Charakter der Gottesdienste ist anders als bei traditionellen Kirchen, eine ganz besondere Atmosphäre wird geschaffen. Gebetet wird hier sitzend oder auf einem Höckerchen kniend auf dem Boden, der Blick zum Kreuz und auf eine Marienikone gerichtet. Der Altarbereich ist in warmen gelb-orangen Tönen gehalten, das Licht gedämmt, während der Gottesdienste brennen kleine Lichter.

Andächtig still ist es in der Kirche, während die etwa 100 Brüder unterschiedlicher christlicher Konfessionen aus über 25 Nationen die Kirche betreten und im Mittelraum Platz nehmen. Geprägt sind die Gottesdienste von den typischen, von den Brüdern komponierten liturgischen Gesängen, die A-capella oder mit Orgelbegleitung, z.T. mehrstimmig, gesungen werden. Es sind einfache, wohlklingende Melodien, die immer wieder wiederholt werden, die kurzen Liedtexte sind oft an Bibelverse angelehnt. Das jährlich wechselnde Liederbuch enthält Gesänge in verschiedenen Sprachen, sodass im Idealfall jede/r einmal in der eigenen Sprache mitsingen kann.

In Taizé wird den Jugendlichen ein Rahmen geboten, in dem tiefere religiöse Erlebnisse möglich sind; ob im Gebet während der Gottesdienste oder in der Begegnung und im Austausch mit anderen. Diese religiösen Erlebnisse werden hier mit christlichen Glaubensinhalten gefüllt: geprägt wird die Spiritualität der Gemeinschaft von Taizé von einem christuszentrierten Glaubensverständnis und einer greifbaren Orientierung an der Bibel. Im Blick sind insbesondere die Seligpreisungen der Bergpredigt und die sich daraus ergebende Botschaft. In den morgendlichen Bibeleinführungen und Inputs der Brüder und in den anschließenden Gesprächsgruppen wird stets der ethischen Frage nach der Umsetzung des Wortes Gottes im Handeln jedes Einzelnen nachgegangen.

Selbstfindung

Insbesondere als Jugendliche im Selbstfindungsprozess habe ich die Taizéfahrt als eine große persönliche Bereicherung empfunden. In Taizé trifft man auf andere junge Menschen, die an Gott glauben und/oder über Gott und die Welt reden wollen. In Taizé erlebt man echte Solidarität und Rücksichtnahme, das Leben in Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn alle mitanpacken und sich einbringen. Das Zusammenleben mit jungen Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft weckt Toleranz und Achtung voreinander. Die Motivation zum Engagement für andere sowie Verantwortungsbewusstsein werden gestärkt.

Eine Woche Taizé und der Blick auf vieles Selbstverständliche ändert sich, der Horizont wird erweitert. Seit meiner ersten Fahrt nach Taizé versuche ich regelmäßig an Taizé-Gebeten teilzunehmen, die in vielen Kirchengemeinden stattfinden. Dies ist von den Brüdern der Communauté auch gewünscht, die besondere Spiritualität und das Anliegen von Taizé weiterzutragen.

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