Glauben im Wissenschaftsbetrieb Spiritualität und Gebet im Hochschulumfeld

Soll die Universität ein weltanschaulich neutraler Raum sein? Oder haben Anhänger verschiedener Religionen und Konfessionen Anspruch darauf, ihren Glauben auch in diesem Umfeld öffentlich zu leben? Oft fehlt es für die spirituelle Praxis schon an einem geeigneten Raum.

Der „Raum der Stille“ im Ökumenischen Zentrum auf dem Campus der Universität Stuttgart hatte in den fast 40 Jahren seines Bestehens schon verschiedene Namen. In den 1970er Jahren war es der Andachtsraum, später hieß er Meditationsraum und nun schon seit vielen Jahren „Raum der Stille“. Manchmal kommen muslimische Studierende zum Mittagsgebet in der Annahme, dass es sich um den Raum der Stille bzw. den muslimischen Gebetsraum der Universität handelt. Und sie wundern sich, wenn man ihnen erzählt, dass sie dort Gäste der evangelischen und katholischen Kirche sind. Aber es stört sie nicht und sie freuen sich über die Gastfreundschaft.

An der Hochschule soll Religion Privatsache bleiben

Dass an Hochschulen Räume für gelebte Spiritualität der Religionen zur Verfügung stehen, ist nicht selbstverständlich. Denn das Zauberwort in diesem Umfeld lautet „Weltanschauliche Neutralität“. Weit verbreitet ist die Einstellung, jeder solle nach seiner Façon selig werden, aber den Wissenschaftsbetrieb damit möglichst unberührt lassen. Die alte Kontroverse zwischen Glauben und Wissenschaft wirkt immer noch nach.

Religionsfreiheit wird in diesem Kontext v.a. auch als Freiheit von der Ausübung religiöser Pflichten verstanden, und damit als das Recht, auch keine Religion zu haben oder auszuüben. Obwohl diese Haltung sich weiter verbreitet, gewinnt nun – für manche überraschend – auch der gegenläufige Aspekt von Religionsfreiheit wieder an Bedeutung, wie ihn christlich dominierte Gesellschaften in Europa noch aus Zeiten der in Konfessionskriegen blutig erkämpften Toleranz im Gedächtnis haben: Freiheit der Religionsausübung meint in diesem Zusammenhang das Recht, den eigenen Glauben unbehelligt und unabhängig von religiösen Mehrheitsmeinungen auch öffentlich ausüben zu können.

Räume für spirituelle Praxis im Hochschulumfeld

Allerdings ist es nicht Aufgabe der Hochschule, Gottesdienst- und Gebetsräume für Anhänger verschiedener Religionen, Konfession, sowie unterschiedlicher Sprache und Herkunft bereitzustellen. Das liegt in deren eigener Verantwortung. Und es gab und gibt ja auch Räume für Glaubende und Religionsgemeinschaften im Hochschulumfeld: Manche Hochschulstädte haben altehrwürdige Universitätskirchen, in denen in Verbindung mit den Theologischen Fakultäten die Tradition der Hochschulgottesdienste weiter gepflegt wird. Andernorts wird deren Fehlen nicht wirklich vermisst. Die evangelischen und katholischen Studierendengemeinden stellen Räumlichkeiten zur Verfügung und sind für einen kleinen Teil der Studierenden eine Brücke zur Glaubensgemeinschaft ihrer Kirche. Andere Gruppen wie die Studentenmission Deutschland (smd) und auch charismatische oft international geprägte Kreise treffen sich selbstorganisiert zu Gebetsgemeinschaften und Bibellese, oft in kirchlichen, freikirchlichen oder auch privaten Räumen.

Es gibt also durchaus eine sehr breit gefächerte Wirklichkeit christlichen Glaubenslebens im Umfeld der Hochschulen, und jeder Hochschulstandort hat noch einmal seine eigene Prägung. Allerdings teilen die verschiedenen Gruppen und auch Einzelne die Erfahrung, im Wissenschaftsbetrieb der Hochschulen eine Minderheit zu sein – ein Erleben, das aber wiederum unterschiedlich als problematisch oder als selbstverständlich empfunden werden kann.

Die Raumfrage wurde für die Hochschulen vor allem im Zusammenhang mit den Bedürfnissen muslimischer Studierender wieder zu einem Thema. Wenn für Muslime das fünfmal tägliche Gebet zu den Grundlagen ihrer Glaubensausübung gehört, ist die Frage zu stellen, ob und in welcher Weise auch im Umfeld der Hochschulen für einen Raum zu sorgen ist, in dem dies ohne Störung für die Betenden und den Hochschulbetrieb möglich ist.

Ein gemeinsamer „Raum der Stille“ für alle?

Der Versuch, den Bedürfnissen unterschiedlicher Personen und Gruppen mit einem gemeinsamen „Raum der Stille“ zu genügen, kann derzeit noch nicht als zufriedenstellend angesehen werden, wie auch die Schließung solcher Räume in den vergangenen Monaten gezeigt hat. Die Kräfte und Ressourcen für die Einrichtung und den Unterhalt eines solchen Raumes sind sehr unterschiedlich, aber auch die Bedürfnisse im Blick auf Religionsausübung und Gebet.

Ein Raum der Stille kann weder einen muslimischen Gebetsraum, noch eine katholische Kapelle oder einen Gottesdienstraum für eine christliche Gemeinde ersetzen. Zunächst ist ein Raum der Stille nur ein „Frei-Raum“, der frei ist von Betrieb, in diesem Fall vom Wissenschaftsbetrieb. Ein Raum der Stille eröffnet die Möglichkeit, für Einzelne und für Gruppen, im Alltag des Wissenschaftsbetriebs einen „anderen Ort“ aufzusuchen. Stille, Meditation, Gebet, Nachdenken außerhalb wissenschaftlicher Denksysteme – ganz unterschiedliche Formen von Spiritualität und geistlicher Lebenspraxis erlauben ein Innehalten.

Im Prinzip geht es darum, die Sinne zu kalibrieren, Denken, Herz und Sinn neu abzustimmen, Motivation für Frieden zu finden. Manche machen Sport. Andere lieben Musik. Vielen gibt ein Gemeinschaftserlebnis neue Kraft. Für Menschen etwas Gutes zu tun, kann auch dem eigenen Leben Sinn geben. Und einer religiösen Tradition zu folgen, kann Angst abbauen und helfen, die eigenen Wurzeln zu spüren. Sich verbunden zu wissen mit Gott, dem Grund der Liebe.

Chance und Aufgabe für die Hochschulen

Ein universitärer Raum der Stille für alle – die Hochschulen tun gut daran, auch bei der Zukunftsplanung und Hochschulentwicklung hier mit vorzusorgen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Besucher des Raumes ganz profan auf der Suche nach Ruhe sind oder den Raum als geistliches Fitnessstudio nutzen wollen. Entscheidend ist allerdings der Konsens darüber, dass niemand den Raum ausschließlich für sich und seine Gruppe in Beschlag nehmen darf. Dazu ist eine Abstimmung der Interessen verschiedener Glaubensrichtungen notwendig.

Wo es gelingt, auf Einladung der Hochschule einen Beirat für einen Raum der Stille zu berufen, in dem VertreterInnen verschiedener Glaubensgemeinschaften im Gespräch darüber bleiben, welche Bedeutung Spiritualität und Gebet im Umfeld des Hochschulalltags für sie haben, kann das ein Schritt sein, Bedürfnisse ernst zu nehmen und zugleich realistischer zu betrachten. Es gibt schon positive Erfahrungen. Und Konflikte zeigen, wie wichtig es ist, eine gemeinsame Gesprächsplattform zu haben.

Kultur der geistlichen Gastfreundschaft

Wenn die Universität Stuttgart eines Tages selbst einen Raum der Stille zur Verfügung stellt, bleibt für den Raum in der Mitte des Ökumenischen Zentrums vielleicht wieder einmal ein neuer Name zu suchen. Keine Ahnung, was dann passt? Vorschläge sind willkommen. Bis dahin pflegen wir gerne die Kultur der geistlichen Gastfreundschaft.

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