Protestantische Spiritualität Traditionen, die weitertragen

Die eine protestantische Spiritualität gibt es nicht. Jede Zeit muss ihre eigenen spirituellen Ausdruckformen entwickeln. Dabei lässt sich aber an prägende Erscheinungsformen anknüpfen, die sich seit der Reformation im 16. Jahrhundert herausgebildet haben.

Für den Mainstream protestantischer Spiritualität ist die Berufung auf Martin Luthers Wiederentdeckung der paulinischen Erkenntnis von der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnaden grundlegend. Ich habe Erscheinungsformen ausgewählt, die bis heute vital sind und die Spiritualität von Menschen anzuregen und zu prägen vermögen. Dabei geht es mir weniger um eine kritische Analyse als um eine phänomenologisch orientierte Darstellung der Vielfalt und des Reichtums protestantischer Frömmigkeit.

1. Was macht reformatorischer Spiritualität aus?

Reformatorische Frömmigkeit zeichnet sich durch eine doppelte, gegenläufige Bewegung aus. Einmal verläuft diese Bewegung in Richtung auf Konzentration, zum anderen in Richtung auf Grenzüberschreitung. Schließlich ist für sie die Orientierung an der Bildung typisch.

Konzentration auf den individuellen Glauben

Die Konzentrationsbewegung lässt sich an den vier Exklusivpartikeln reformatorischer Spiritualität erkennen: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide. Christus allein ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Tim 2,5). Die Heiligen, allen voran Maria, verlieren durch die Reformation ihre konstitutive Bedeutung für den Glauben. Reformatorische Frömmigkeit ist bibelorientiert. Die Bibel allein genügt – unter Verzicht auf die kirchliche Tradition –, um zu wissen, was Gott dem Menschen geben will und was er von ihm fordert. Durch das Studium der Bibel erkennt Luther, dass Gottes Gerechtigkeit nicht als dessen unerfüllbare Forderung an den Menschen zu verstehen ist, sondern Gottes allein aus Gnade gewährtes Geschenk ist. Reformatorische Spiritualität ist durch eine Konzentration auf den individuellen Glauben bestimmt. Ohne Werke, allein im Glauben an die durch Jesus Christus vollbrachte Versöhnung, erlangt der Mensch das Heil.

Grenzüberschreitung hin zur Welt

Neben der Konzentrationsbewegung ist die grenzüberschreitende Bewegung für reformatorische Spiritualität charakteristisch. Sie zeigt sich an der Entdeckung von Familie, Beruf und Gesellschaft als Verwirklichungsfelder. Damit verlagert sich das Zentrum der Spiritualität gegenüber dem Mittelalter vom abgegrenzten Bereich des Klosters in die Welt. Voraussetzung der grenzüberschreitenden Bewegung ist die Erkenntnis, dass Christus selbst mir im Nächsten begegnet: „Wo kannst du ihn aber finden denn in deinem Bruder?“ (Martin Luther: Weimarer Ausgabe, Bd. 15, S. 488, 30). Von dieser reformatorischen Erkenntnis her wird sowohl der Einsatz für das Wohl des Nächsten in der Familie, als auch in der Gesellschaft zum Dienst für Christus und damit zum Gottesdienst.

Bildung und Demokratisierung

Schließlich ist für reformatorische Spiritualität ihre Orientierung an Bildung konstitutiv, die Voraussetzung ihrer praktischen Umsetzung. Philipp Melanchthon, der Begründer des evangelischen Bildungswesens, schreibt: „Zwei Begriffe sind es, auf die gleichsam als auf das Ziel das ganze Leben ausgerichtet ist: Frömmigkeit und Bildung“ (Philipp Melanchthon: Supplementa Melanchthoniana VI/1, Lpz. 1910, S. 373).

Gegenüber der spätmittelalterlichen Frömmigkeit stellt die reformatorische Spiritualität in mehrfacher Hinsicht einen qualitativen Fortschritt dar. Sie ermöglicht deren Demokratisierung, d.h. die Befreiung der Spiritualität aus der Vereinnahmung durch religiöse Eliten. Reformatorische Spiritualität ist eine Spiritualität für jedermann und jedefrau! Grundlegend dafür ist die Alltagsverträglichkeit reformatorischer Spiritualität, indem die Grenzen zwischen Sonntag und Alltag, zwischen heilig und profan relativiert werden. Die Freiheitsgeschichte des modernen Europa ist ohne diesen Vorgang nicht denkbar.

2. Protestantische Spiritualität ist Gesangbuchfrömmigkeit: Paul Gerhardt

Gerade in kirchendistanzierten Familien griff und greift man eher zum Gesangbuch als zur Bibel. In den Liedern sind die spirituellen Erkenntnisse und Erfahrungen von Generationen evangelischer Christen wie in einem Schatzhaus aufbewahrt. Sie sind durch die Person des Dichters hindurch gegangenes Bibelwort.

Paul Gerhardt (1607–1676) ist in den vergangenen Jahren zum beliebtesten evangelischen Liederdichter avanciert. Verantwortlich dafür ist der herausragende Qualitätsstandard seiner Lieder, und zwar in künstlerischer, spiritueller und seelsorgerlicher Hinsicht. Durch ihre sprachliche Schönheit, in der sich die Schönheit des göttlichen Schöpfers widerspiegeln soll, wollen die Lieder Freude hervorrufen. Dreh- und Angelpunkt der Spiritualität von Gerhardts Liedern ist die liebende Hinwendung Gottes zum Menschen in Jesus Christus.

Die spirituelle Qualität der Lieder zeigt sich darin, dass sie eine großartige Sprachschule des Glaubens darstellen. „In Einsamkeit mein Sprachgesell“ nennt Paul Gerhardt sie (Philipp Wackernagel [Hg.]: Paul Gerhardts geistliche Lieder, Stgt. 1855, S. 46). Indem Angst und Schmerz, Schuld und Tod durch die Lieder eine Sprache finden, werden sie ans Licht geholt. Damit verschwinden sie zwar nicht, aber sie helfen, mit negativen Erfahrungen umzugehen.

Gesungenes Gespräch mit Gott

Und das ist noch nicht alles: Die Lieder bleiben nicht bei der bloßen Beschreibung der Erfahrungen stehen. Sie bringen die Angst, den Schmerz, die Schuld und den Tod in einen Dialog, und zwar in den Dialog mit Gott. Dabei wird Gott nicht als Abstraktum verstanden. Vielmehr erhält Gott in den Liedern Namen, die in die Tiefe von Angst und Tod hinabreichen. In seinem Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ nennt Gerhardt Christus „mein Hüter“, „mein Hirte“, „Quell aller Güter“, „liebster Freund“.

Eine solche Sprache vermag in der Angst ein Fenster in die Freiheit zu öffnen und bietet die Möglichkeit, Gegenerfahrungen zu machen. Seine Lieder vermögen trotz ihres Alters und trotz einschneidender kirchlicher Traditionsabbrüche während der vergangenen 50 Jahre auch heute noch Menschen zu berühren und deren Spiritualität zu prägen.

3. Protestantische Spiritualität ist Losungsfrömmigkeit: Graf von Zinzendorf

Als Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) am 3. Mai 1728 in der Abendversammlung der Herrnhuter Gemeine zum ersten Male eine Losung für den nächsten Tag mitgab, hat sicher niemand damit gerechnet, dass damit eine atemberaubende Erfolgsgeschichte begann. Inzwischen sind die Losungen das am weitesten verbreitete Andachtsbuch des Protestantismus.

Die entscheidende theologische Voraussetzung für die Entstehung der Losungen ist Zinzendorfs Überzeugung, dass der auferstandene Jesus Christus durch das Losungswort unmittelbar in die Situation der Gemeinde und des einzelnen Gemeindeglieds spricht. Dass die Losungen Stimme Jesu Christi in den Alltag der Gemeine sind, wird auf dem Hintergrund von Zinzendorfs Bibelverständnisses nachvollziehbar. Die Bibel ist für ihn nicht primär Quelle von dogmatischen Aussagen. Vielmehr steht die existentielle Erfahrung im Zentrum, dass sie Anrede Jesu Christi ist. Wie ein Maggi-Würfel enthalten die Losungen die „Quint-Essenz“ der Heiligen Schrift. Schon aufgrund ihrer Kürze schneiden sie jede Flucht in unverbindliche theologische Spekulationen ab. In den Losungen spricht Gott unmittelbar zum Leser und erwartet dessen Gehorsam.

 „Bibel light“ und Seelsorge in nuce

Als „Bibel light“ waren die Losungen die originellste und folgenreichste Erfindung Zinzendorfs. Die Brüdergemeine sollte mit ihrer Hilfe lernen, die Stimme Jesu Christi in der ganzen Bibel zu hören. Zinzendorf war überzeugt, dass nur derjenige die Stimme Christi in der ganzen Bibel zu hören vermochte, der den „General-Geist“ der Schrift besaß. Bis es soweit war, wurden der Gemeinde deshalb die Bibelverse gesagt, aus denen sie Jesu Stimme zweifelsfrei vernehmen konnte. Diese pädagogische Aufgabe sollten die täglichen Losungen erfüllen. Die einsetzende Bibelkritik der Aufklärung mit ihrer Scheidung zwischen dem Wort Gottes und den Worten der Bibel ließ dieses Ziel hochaktuell werden. Fiel doch das Alte Testament bald ganz der rationalistischen Kritik an der Bibel zum Opfer. Im Gegensatz dazu wurden schon in der Zinzendorf-Zeit die Losungen meist aus dem Alten Testament genommen.

„Ein guter Muth“ und „Kräftige Ermunterungen“, die „direkt aufs Herz gehen“, nannte der Graf die Losungen. Er hat damit instinktiv ein uraltes Mittel der Seelsorge wieder entdeckt. Bereits die ersten literarisch greifbaren Seelsorger der Christenheit, die sog. Wüstenväter und Wüstenmütter im Ägypten des 3. Jahrhundert, gaben Menschen ein „Wort des Lebens“ mit auf den Weg (Manfred Seitz: Wüstenmönche, in: Christian Möller [Hg.], Geschichte der Seelsorge, Bd. 1, S. 81–111). Häufig bestand es bloß aus einem kurzen Bibelvers. Ein solches Wort gab ihnen Orientierung und Halt in ihren Problemen. Auch die traditionelle Frömmigkeit der evangelischen Landeskirchen ist bis heute weithin Spruchfrömmigkeit: Man denke nur an die große Bedeutung, die Konfirmations- und Trausprüche für viele Kirchenmitglieder besitzen.

4. Protestantische Spiritualität ist politisch: Dietrich Bonhoeffer

Am 7. April 1933 wurde in Nazi-Deutschland der Arier-Paragraph verabschiedet, der Juden vom Beamtentum ausschloss. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) hielt als Reaktion darauf in Berlin einen Vortrag zum Thema „Die Kirche vor der Judenfrage“. Darin verteidigte er nicht nur die Kirchenmitgliedschaft getaufter Juden, sondern auch die bürgerlichen Rechte der Juden im deutschen Staat. Diese Erkenntnis war neu für ein Mitglied der sich gerade formierenden Bekennenden Kirche: Dass man als Christ auch Verantwortung für Nicht-Christen hat, wenn ihnen durch den Staat Unrecht geschieht.

Bonhoeffer hat diese Einsicht anhand des Neuen Testaments gewonnen. Er nennt in seinem Vortrag drei Möglichkeiten kirchlichen Handelns gegenüber staatlichem Unrecht: „erstens […] die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns, d.h. die Verantwortlichmachung des Staates. Zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören. ›Tut Gutes an jedermann.‹ [Gal 6,10] […]. Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“ (Dietrich Bonhoeffer: Berlin 1932–1933, hg.v. C. Nicolaisen und E.-A. Scharffenorth, DBW, Bd. 12, Gütersloh 1997, S. 353, Hervorhebungen im Text).

Die beiden ersten Möglichkeiten des Widerstands – gegen staatliches Unrecht zu protestieren bzw. den Opfern diakonisch beizustehen – lassen sich aus der theologischen Tradition heraus erklären. Dass Bonhoeffer schon 1933 damit rechnete, dass die Kirche auch politisch in Opposition gegen den Staat treten könnte, versetzt jedoch in Erstaunen. Er hat damit die politische Dimension protestantischer Spiritualität entdeckt. In den folgenden Jahren entwickelte er die Kriterien christlichen Handelns gegenüber staatlichem Unrecht weiter. Immer deutlicher erkannte er, dass sich das kirchliche Engagement nicht auf die eigenen Belange der Kirche beschränken durfte.

Tägliche Meditation als Inspirationsquelle für theologische wie politische Urteile

Dabei scheint Bonhoeffer seine persönliche tägliche Meditationszeit zur Inspirationsquelle theologischer Erkenntnisse geworden zu sein – wie Bonhoeffer auch sonst mit Hilfe von Theologie sein Leben zu bewältigen suchte. Durch einen Glücksfall ist seine Meditationsbibel erhalten geblieben. Sie befindet sich mit dem übrigen Nachlass Bonhoeffers in der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin und ist voller unterschiedlicher farbiger An- und Unterstreichungen.

Nur ein einziges Mal hat Bonhoeffer ein Kalenderdatum neben einem Bibelvers notiert. Es ist der 9.11.38. Die Datumsangabe steht neben Ps 74,8, wo es heißt: „Sie verbrennen alle Gotteshäuser im Lande.“ Zufällig wissen wir, wo Bonhoeffer sich am 9. und 10.11.1938 aufhielt (vgl. Wolf-Dieter Zimmermann [Hg.]: Begegnungen mit Dietrich Bonhoeffer. Mchn. 1964, S. 118f.). Er war am 9.11.38 in Schlawe in Hinterpommern, wo es keine Synagoge gab. Am 10.11.38 fuhr er nach Köslin, um die zweite Hälfte des Vikarskurses zu unterrichten. Die dortige Synagoge war von den Nazis angezündet worden. Manche der Vikare meinten, dass die Juden damit für die Kreuzigung Jesu bestraft worden seien. Bonhoeffer hat dem scharf widersprochen und gesagt: Hier habe sich erneut das gottlose Gesicht des Nationalsozialismus offenbart. Und er fügte hinzu: Wenn heute die Synagogen brennen, werden morgen die Kirchen angezündet. Bonhoeffer hat also durch seine Bibelmeditation anhand von Ps 74,8 politische Ereignisse geistlich zu deuten vermocht und als Konsequenz entsprechend politisch gehandelt und sich dem Widerstand gegen Hitler angeschlossen.

Wohin entwickelt sich protestantische Spiritualität?

Protestantische Spiritualität fand im Laufe ihrer Geschichte immer wieder neue Ausdrucksformen. Das spricht für die ungebrochene Vitalität von Martin Luthers reformatorischen Erkenntnissen. Auch in Zukunft bleibt die Aufgabe bestehen, protestantische Spiritualität weiterzuentwickeln. Es geht dabei nicht darum, die Formen traditioneller protestantischer Spiritualität einfach unverändert zu übernehmen. Genauso wenig sollte sie sich von der Spiritualität der anderen Konfessionen abschotten. Das wäre schon aufgrund zunehmender Entkirchlichung und Säkularisierung unklug; überdies würde dadurch das ökumenische Potenzial gelebter Spiritualität ungenutzt bleiben.

Zum Weiterlesen

Peter Zimmerling: Evangelische Spiritualität. Wurzeln und Zugänge. Göttingen, 2. Aufl., 2010 und Peter Zimmerling: Evangelische Mystik. Göttingen 2015.

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