Frauenrechte sind Menschenrechte Zwei Frauen, zwei Generationen, ein Ziel: Geschlechter-Gerechtigkeit

Seit 2017 ist Jane Austen als erste Frau außer der Queen auf einer britischen Banknote zu sehen – dank Caroline Criado-Perez  (35). Sigrid Metz-Göckel (79) sammelt „aufmüpfige Frauen“ um sich und ist Mitbegründerin der deutschen Frauenforschung.

Eine Frau verfügt in ihrem genetischen Bausatz über zwei X-Chromosomen und unterscheidet sich damit von Männern, die mit ihrem XY-Chromosomensatz anders aussehen und andere Körperfunktionen erfüllen können. Die Natur bzw. die Evolution haben hier wie bei vielen anderen Gattungen auf unserem Planeten zwei Geschlechter geschaffen, damit wir unsere Gene austauschen, auf diese Weise Vielfalt erzeugen und so das Überleben der Menschheit langfristig sichern. Dies ist der einzige Grund, warum Frauen und Männer anders aussehen: Wir müssen beim Geschlechtsakt zueinander passen und wir übernehmen qua Natur unterschiedliche Funktionen bei der Nachwuchs-Aufzucht.

In der Frühzeit der Menschheit waren diese dem Überleben geschuldet und wurden nicht in Frage gestellt. Mit dem Hinterfragen dieser natürlichen bzw. „gottgegebenen“ Ordnung in der bürgerlich-industriellen Gesellschaft durch einige mutige Frauen und den Verfechterinnen der ersten Frauen(wahlrechts)bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts geht es seither um mehr Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern und um echte Machtteilung. Denn trotz zweier großer Frauenbewegungen im 20. Jahrhundert kann von vollkommener Gleichberechtigung der Frauen nicht die Rede sein.

Es gibt viele Gründe, warum dies nicht so ist, so wie es Hunderte von Erscheinungsformen der Unterdrückung gibt; sie unterscheiden sich je nach Gesellschaft bzw. Kulturen, wiegen mal mehr, mal weniger schwer. Frauenrechte sind jedoch immer auch Menschenrechte. Sie zu bewahren und zu achten und für sie im Alltag einzutreten, sollte gerade auch für Christinnen und Christen selbstverständliches Ziel sein. Gerade weil auch die jahrhundertelange rein patriarchale Auslegung bzw. Fortschreibung der Bibel in der Geschichte der kirchlichen Verkündigung Christinnen zusätzlich unterdrückt (hat) in ihrer Einschränkung auf ihre häusliche Rolle als Mutter und Hüterin des Haushaltes.

„Die Datenlücke“ – Frauen sind kein Maßstab

Was Frauen erreicht haben, aber auch wo sie ihren Kampf gegen Unterdrückung gemeinsam weiterführen müssen, soll im Folgenden beleuchtet werden – um unsere Welt auch durch die achtsame Berücksichtigung von Frauenrechten ein bisschen gerechter zu machen.

Frauen sind in vielen Bereichen des täglichen Lebens noch immer unsichtbar.

Frauen sind in vielen Bereichen des täglichen Lebens noch immer unsichtbar bzw. werden durch falsche oder fehlende Daten bewusst unsichtbar gehalten und damit diskriminiert. Diese These vertritt die englischsprachige Autorin Caroline Criado-Perez in ihrem 2020 auf Deutsch erschienenen Buch Unsichtbare Frauen. Sie fokussiert dabei drei Motive, die ein Frauenleben definieren:

  • Der weibliche Körper und seine regelmäßig fehlende Berücksichtigung in medizinischen, technischen oder architektonischen Gestaltungsprozessen.
  • Die Sichtbarkeit des weiblichen Körpers und die daraus resultierende sexuelle Gewalt von Männern gegenüber Frauen sowie die damit verbundene Einschränkung von Frauen im öffentlichen Raum.
  • Die unbezahlte Care-Arbeit wie Kindererziehung, Haushalt oder Pflege von Angehörigen.

Frauen leisten in unserer Gesellschaft den Löwenanteil dieser notwendigen Arbeit, „ohne die das Leben jedes Einzelnen zusammenbrechen würde“, so Criado-Perez. Oder anders ausgedrückt „Dass eine Frau als weiblich erkannt wird, bedeutet gleichzeitig ihre Einstufung als Person, die das Büro aufräumt, die Weihnachts- und Geburtstagskarten an die Familie ihres Mannes schreibt, sich um ebendiese Familienmitglieder kümmert, wenn sie krank werden, weniger Gehalt bekommt und Teilzeit arbeitet, wenn das Paar Kinder bekommt.“

Eine von Männern für Männer geschaffene Gesellschaft

Sie unterfüttert ihre Beispiele mit wissenschaftlichen Studien und Zahlen. Ganz nüchtern führt sie uns eine noch immer von Männern für Männer geschaffene Gesellschaft vor Augen, die mehr oder weniger absichtlich eine echte Gleichberechtigung von Frauen und Männern verhindert, indem sie noch immer Männer zum Maßstab aller Dinge macht, indem Daten über Männer, nicht über Frauen, gesammelt und ausgewertet werden. Nur einige Beispiele: In der Medizin werden Therapie- und Arzneimittelstudien vor allem an Männern erprobt, weil der Männerkörper im Vergleich zum Frauenkörper viel einfacher funktioniert und nicht so viele hormonelle Variablen berücksichtigt werden müssen. In der Automobilbranche gibt es noch immer mehr männliche Crashtest-Dummies als weibliche, Stadtplanung beruht oft auf der Generalisierung männlichen Lebens, das sich mehr in Autos denn als Fußgänger mit Kinderwagen abspielt.

In der Wissenschaft machen Frauen anders Karriere bzw. herrschen bestimmte Strukturen vor, die sie noch immer daran hindern, sich im selben Maß wie Männer einzubringen. Criado-Perez fordert daher: „Wir müssen die Repräsentation von Frauen in allen Lebensbereichen erhöhen … und diese Lücke … schließen. Wenn Frauen in der Forschung und Wissensproduktion an Entscheidungsprozessen beteiligt sind, werden Frauen nicht vergessen. Die Leben und Perspektiven von Frauen werden sichtbar. Davon profitieren Frauen auf der ganzen Welt.“

Frauenforschung als Praxis der Emanzipation

Genau hier setzte bereits vor über vierzig Jahren die Dortmunder Soziologin Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel an. Sie war in den 70er Jahren eine von nur drei Professorinnen an der Dortmunder Universität und erfuhr hautnah, was Frau-Sein und Wissenschaftlerin-Sein damals bedeutete – nicht nur in Form übergriffiger Kollegen, als die #metoo-Debatte noch in weiter Ferne lag. Dass einmal Frauenforschung ihr lebensbestimmendes Thema werden würde, hätte sie nicht gedacht, „es hat sich so ergeben“, berichtet die 79-Jährige im Gespräch. Aus einem Arbeitskreis mit ihren jungen Wissenschaftskolleginnen entwickelten sich in vier Memoranden konkrete hochschulpolitische Forderungen.

„Ich habe bei unseren Bemühungen um die 50-Prozent-Quotierung für Männer und Frauen im NRW-Wissenschaftsbetrieb nicht nur Politik gelernt, sondern bin auch als Person gewachsen.“ Besonders beschäftigt habe sie damals auch das Mütter-Thema und die Vergabe lediglich befristeter Verträge. Oft kehrten die jungen Wissenschaftlerinnen nicht aus dem Mutterschutz in den Wissenschaftsbetrieb zurück. Heute seien Frauen sichtbarer – wenn auch nicht gleichgestellt, betont sie.

Metz-Göckel widmete sich bis zu ihrer Emeritierung schwerpunktmäßig der Bildungs- und Hochschulforschung und damit verbunden der Geschlechtergerechtigkeit im Hochschulbetrieb. Sie forschte zu Koedukations- und Fachkultur und widmete sich Bildungs- und Wissenschaftskarrieren in geschlechterdifferenzierender Perspektive. Im Rahmen der Frauen- und Geschlechterforschung beschäftigten sie besonders die Themen Gender Mainstreaming und Elitenforschung.

Geschlechtergerechtigkeit – die Aufgabe „aufmüpfiger Frauen“

Wo sieht sie noch heute gravierende Probleme auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit? „Natürlich in der noch immer bestehenden Gehaltsdifferenz zwischen Frauen und Männern“, antwortet sie ohne zu zögern. Als Beispiel nennt sie das System von Leistungszulagen bei Medizinern oder Drittmittel-Einwerbungen, die auf individuellen Verhandlungen basierten. Hier sind Männer offenbar immer noch die besseren Verhandler bzw. sind Frauen aufgrund ihrer Mehrfachbelastungen nicht in der Lage, so viel einzuwerben wie Männer. Auch befinden sich Frauen noch immer häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen und sind immer noch sexueller bzw. physischer Gewalt durch Männer ausgeliefert. Und prekäre Beschäftigungsverhältnisse zögen oft Altersarmut nach sich.

Hier müssten die Männer wirklich umerzogen werden.

Genau wie Criado-Perez kritisiert Metz-Göckel die unbezahlte Care-Arbeit der Frauen: „Hier müssten die Männer wirklich umerzogen werden“, ärgert sie sich. „Ein Kind verändert alles.“ Haben denn die Männer nichts dazu gelernt? Hier hält es die Emerita eher damit, sich um die Stärkung von Frauen zu kümmern, als über die Männer zu urteilen. Weil sie sich „als Mitglied der Zivilgesellschaft für soziale Gerechtigkeit und die Verbesserung der Situation von Frauen engagiert“, hat sie die Stiftung „Aufmüpfige Frauen“ ins Leben gerufen. Alle zwei Jahre werden hier außergewöhnliche Frauen geehrt, die „radikales Engagement für ein Anliegen von Frauen“ bewiesen haben. „Aufmüpfigkeit und Querdenken“ sind ein weiteres wichtiges Kriterium und natürlich das Gemeinwohl-Interesse, das im Hintergrund steht.

Gute Politik ist Frauenpolitik

Als politische Stellschrauben für mehr Geschlechtergerechtigkeit würdigt Metz-Göckel auch die Ganztagsschul-Bewegung, die Elternzeit für Männer oder das Engagement für „Equal Pay“ sowie jetzt verstärkt auch „Equal Care“. Eine gleiche Grundrente für Frauen und Männer könnte der Frauen-Altersarmut ebenfalls entgegenwirken. Die #metoo-Debatte hat sie aufmerksam verfolgt und freut sich, dass die Frauen nach langem Schweigen den Mut hatten, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie ist noch immer der Auffassung, dass es weiterhin Schutzräume für Frauen geben muss.

Sie glaubt daran, dass Frauen durch gute Qualifikation immer mehr die gleichen Befähigungen wie Männer erlangen werden. „Wir sind auf einem guten Weg“, fasst sie die derzeitige Situation zusammen und verweist ebenfalls darauf, dass Gleichberechtigung ein Menschenrecht ist. Allerdings beobachtet sie sehr wach andere Länder und stellt fest: „Wo Menschenrechte nicht beachtet werden, ist es auch mit den Frauenrechten nicht weit her.“

Prof. Dr. Sigrid Metz-Göckel war bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2005 Leiterin des Hochschuldidaktischen Zentrums der Universität Dortmund und wissenschaftliche Leiterin der Frauenstudien. Bis heute betreut sie Dissertationen, berät politische und wissenschaftliche Gremien und ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Ihre Stiftung „Aufmüpfige Frauen“ verleiht alle zwei Jahre (auch 2020) einen Preis an Frauen, die konsequent für den Feminismus streiten (www.stiftung-aufmuepfige-frauen.de).

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Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. München 2020.

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