„Bitte wischen Sie hinterher den Gemeinderaum, Frau Pfarrer!“ Sexismus in der Kirche

Obwohl Frauenordination ein Merkmal der evangelischen Kirche ist, müssen sich Pfarrerinnen immer noch dafür rechtfertigen, in Amt und Würden zu sein. Sie sind sexistischem Verhalten ausgesetzt und gelten als „humorlos“ oder „zickig“, wenn sie sich zur Wehr setzen.

Dass Frauen alle Ämter innehaben können, ist Kennzeichen der reformatorischen Kirchen. Was heute als Selbstverständlichkeit gelten kann, ist eine Entwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am 1. Sept 1958 verabschiedete die Evangelisch-lutherische Kirche in Lübeck ein Kirchengesetz, das den Pfarrberuf für Frauen ermöglichte. Als erste Landeskirche führte Hannover 1961 die Frauenordination ein.

Die volle rechtliche Gleichstellung ist aber erst seit zwanzig Jahren in allen Landeskirchen hergestellt, so der von der EKD herausgegebene Ergänzungsband 1 zum Atlas zur Gleichstellung von Frauen und Männern (Hannover 2017). Professorin Margot Käßmann berichtet dort im Vorwort: „Ich selbst begann mein Theologiestudium 1977 und war zuvor nie einer Pfarrerin begegnet.“  Wie viele andere Pfarrerinnen habe auch sie zahlreiche Debatten darüber erlebt, dass Jesus sich zwölf Männer (und nicht Frauen) zum Gefolge erwählt habe und die Frau in der Gemeinde schweigen solle.

Sind die Frauen in der evangelischen Kirche gleichberechtigt? Nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Alltag? Oder leiden sie, auch in ihren rechtlich gleichgestellten Ämtern, immer noch unter Sexismus?

Zum Sexismus in kirchlichen Ämtern gibt es noch keine Studie. Doch Kirche ist Abbild der Gesellschaft und unsere Gesellschaft ist immer noch an vielen Stellen von Sexismus geprägt. Das wurde spätestens mit dem Hashtag #metoo offenbar, unter dem zahlreiche Frauen über Missbrauch berichteten. Nun ist Sexismus nicht dasselbe wie sexueller Missbrauch, aber Sexismus begünstigt sexuellen Missbrauch.

Studie: Sexismus im Alltag

Die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellte Studie Sexismus im Alltag zeigt, dass Sexismus in Deutschland ein Massenphänomen ist (Stand Februar 2020). Die Studie untersucht, in welcher Form und an welchen Orten Sexismus erlebt wird. Sie verdeutlicht, wie unterschiedlich das Thema Sexismus in den verschiedenen gesellschaftlichen Milieus erlebt und wie ihm begegnet wird.

Die befragten Personen bekamen keine Sexismus-Definition vorgesetzt. Ihren subjektiven Definitionen von Sexismus ist gemein, dass dieser nicht als Identifikationsbegriff wahrgenommen wird, sondern als Distanzierungsbegriff: Sexismus gilt als moralisch zu verurteilen und hat in privaten und öffentlichen Räumen nichts zu suchen, so der Konsens der Befragten. Laut den persönlichen Eindrücken gibt es allerdings kaum einen Bereich in unserer Gesellschaft, der frei von Sexismus ist.

Sexismus sei ein „Sammelbegriff für verschiedene Formen der Übergriffigkeit und Herabwürdigung des anderen Geschlechts“ (S. 8). Darunter fallen aufdringliche Blicke ebenso wie unerwünschte Berührungen, Kritik an aufreizender Kleidung, Tuscheln über eine vorübergehende Frau (natürlich gibt es auch Sexismus gegenüber Männern).

„Zu Sexismus wird eine Tat, ein Wort oder ein Bild, wenn darin nicht die Person wahrgenommen wird, ihre Freiheit, Würde und ihr Wille nicht respektiert wird, sondern eine Person in ihrer geschlechtlichen Individualität verletzt beziehungsweise als Angehörige (Repräsentantin, Ausprägung) eines bestimmten Geschlechts und als reines Objekt behandelt wird,“ so die Studie (S. 9).

Eine Frage des Alters, Milieus und Geschlechts

Die meisten Frauen haben ihren Umgang mit Sexismus gefunden. Sie ignorieren ihn teils, tun ihn teils ab, sind also daran gewöhnt und in gewisser Weise abgehärtet. Gleichzeitig empfinden sie ihn aber grundsätzlich als störend und herabwürdigend. Es gibt allerdings auch Frauen (meist mit sehr hoher Bildung aus dem Bereich der Konservativen/Etablierten), die nach eigener Aussage nirgends Sexismus beobachten und selbst nicht von Sexismus betroffen sind, so die Studie. So berichten 39 Prozent der 55–64jährigen, sie könnten im eigenen Umfeld keinen Sexismus beobachten. Zum Vergleich: Im Altersbereich der 16–24jährigen sind es nur 10 Prozent, die dies bestätigen können.

Vor allem jüngere Frauen empfinden die Ungerechtigkeiten des Sexismus stark. Sie assoziieren damit ein weites Feld, das von der Ungleichbezahlung über Unterrepräsentanz in Führungspositionen bis zur Altersarmut reicht, von Vergewaltigung über jegliche Form von Gewalt gegen Frauen, und das auch Rollenzuschreibungen umfasst wie das „schöne“ versus das „starke“ Geschlecht sowie strukturelle Ungleichheiten (z.B. Lohnsteuerklassen, Ehegattensplitting).

Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Handeln

Interessant ist, dass Sexismus von allen Bevölkerungsgruppen als moralisch und ethisch inakzeptabel abgelehnt wird. Diese Wahrnehmung scheint aber nicht immer auf das Handeln zurückzuwirken, da Sexismus dennoch häufig erlebt wird. Offenbar ist den Akteuren selbst ihr sexistisches Handeln nicht immer bewusst. So wird Sexismus über gesellschaftliche Strukturen und gängige Verhaltensweisen fortwährend unreflektiert reproduziert.

Ein weiterer interessanter Fakt ist, dass Sexismus im Alltag von vielen als „nicht schlimm“ beurteilt wird – wenn sie selbst nicht davon betroffen sind. Die Erkenntnis dahinter ist fast schon banal: Wer Sexismus nicht selbst schon erfahren oder zumindest beobachtet hat, für den sind Schilderungen desselben abstrakte Information, die kaum Empathie zutage fördert. Eigene Betroffenheit hingegen fördert Empathie ungemein: 74 Prozent der betroffenen Frauen empfinden Sexismus als (sehr) schlimm. Die Folge daraus sollte sein, betroffenen Frauen gut zuzuhören. In unserem Fall sind dies z.B. Pfarrerinnen und andere Frauen innerhalb der Kirche.

Sexismus in der Kirche? Ja! Klar! Selbstverständlich!

Als die Redaktion der evangelischen aspekte das Heft zum Thema „Frauen“ plante und sich fragte, wie es um den Sexismus in der Kirche steht, gaben wir diese Frage auf Twitter weiter. Das Ergebnis war fast schon ein kleiner Sturm (twitter.com/ev_akademiker; aus den Tweets stammen auch die eingestreuten Zitate in diesem Text). Die meisten berichteten, sie erlebten regelmäßig Sexismus in ihrem kirchlichen Alltag, andere empörten sich über die Frage an sich, weil sie ein zu geringes Problembewusstsein verriete.

„Schade, dass Sie eine Frau sind. Wir hatten bisher immer nur Männer mit Familie. Die Frau hat hier immer auch den Gemeinderaum gewischt. Das müssten Sie dann bitte auch machen. Sie sind ja schließlich eine Frau.“

Auf Twitter wurde uns berichtet, man werde als Pfarrerin häufig darauf angesprochen, wie denn die Kinder betreut seien, während ihre Mutter arbeite. Dahinter stecke zum einen der Vorwurf, eine Rabenmutter zu sein, zum anderen der entgegengesetzte, die Pfarrstelle zugunsten der Kinderbetreuung zu vernachlässigen. Haben Pfarrerinnen noch keine Kinder, so wird die Möglichkeit einer Schwangerschaft z.B. von den Mitgliedern des Kirchengemeinderats diskutiert, v.a. unter dem Aspekt der angeblichen Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Pfarrberuf. Dies greift deutlich in die Privatsphäre der Pfarrerinnen ein, während bei männlichen Pfarrern offenbar keine Vereinbarkeitsprobleme erwartet werden.

Auch den Ruf nach einem „richtigen Pfarrer“ kennen viele Pfarrerinnen. So zitiert Stadtrandpfarrerin (@Stadtrandpfrin) in ihrer Twitter-Rückmeldung einen Bekannten: „Sie sind ja sehr nett. Aber von einer Frau hätte ich mich trotzdem nicht verheiraten lassen wollen“.

„Meine Beerdigung soll aber bitte ein richtiger Pfarrer halten.“

Eine Pfarrerin machte sich die Mühe, für uns sexistische Erfahrungen aus ihrer Karriere aufzuschreiben. Es wurde ein mehrseitiger Bericht. Kleine und größere Grenzüberschreitungen durch Wort und Tat, sexistisches Verhalten durch Frauen, Männer, Höhergestellte oder ehrenamtliche Mitarbeiter. Sie schließt mit dem Wunsch nach einer Unterstützungsstruktur für Pfarrerinnen. Sie selbst war beeindruckt, wie „viele Pfarrerinnen auf Twitter reagierten. Der Gesprächsbedarf scheint hoch zu sein. Bislang gab es darüber kaum Gespräche.“

Pfarrerinnen reagieren auf Sexismus

Unter dem Titel Deutschland 3000 produziert funk, ein Online-Medienangebot von ARD und ZDF, ein wöchentliches Video für Facebook und Instagram. Im Video „Pfarrerinnen reagieren auf Sexismus“ berichten unter anderem die beiden evangelischen Pfarrerinnen Theresa Brückner aus Berlin und Josefine Teske (Schleswig-Holstein), welche sexistischen Kommentare sie zu hören bekommen. So wird ihnen etwa gesagt, sie seien keine Christinnen und kämen in die Hölle.

Im Video sprechen die Befragten auch darüber, ob Frauen in kirchlichen Berufen aufhören sollten, das, was gesellschaftlich als Kennzeichen von Weiblichkeit definiert wird, zu betonen, also ob sie z.B. keinen Lippenstift, Nagellack oder kurze Röcke  tragen sollten. Pfarrerin Theresa Brückner aus Berlin meint dazu, es sei selbstverständlich, dass sie auf einer Beerdigung keine Hotpants trage. Sie brauche diese aber nicht komplett aus ihrem Kleiderschrank zu verbannen, nur, weil sie Pfarrerin sei. Sie berichtet außerdem von der wiederholt gemachten Erfahrung, dass manche Gemeinden lieber einen Pfarrer als eine Pfarrerin haben wollten. Männern würden bessere Leitungsqualitäten zugesprochen, sie könnten sich besser durchsetzen und hätten mehr Autorität. Frauen könnten das nicht so gut, so die vorherrschende Meinung. Für Brückner ist es eines der Zeichen für fehlende Gleichberechtigung, wenn in Leitungsgremien 90 Prozent Männer am Tisch sitzen.

Da Sprache ein wichtiger Wegbereiter der Gleichberechtigung ist, benutzt Theresa Brückner im Gottesdienst statt des Wortes „Herr“ lieber „Gott“, das sei geschlechtsneutraler. Teske unterschreibt aus dem gleichen Grund keine Dokumente, in denen sie als „Pastor“ bezeichnet wird. Sie sei schließlich Pastorin.

Ob innerhalb oder außerhalb der Kirche: Menschen anhand von Äußerlichkeiten zu bewerten, ihnen aufgrund ihres Geschlechts gewisse Eigenschaften oder Kompetenzen zu- oder abzuschreiben – vieles davon passiert unbewusst, ist gelerntes Verhalten und kann durch Sensibilisierung zum Besseren verändert werden. Bei Männern und Frauen.

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Ein Gedanke zu „<span class="entry-title-primary">„Bitte wischen Sie hinterher den Gemeinderaum, Frau Pfarrer!“</span> <span class="entry-subtitle">Sexismus in der Kirche</span>“

  1. Wie wahr! Die Situation in der Kirche spiegelt die noch in weiter Ferne stehende Gleichberechtigung innerhalb der Gesellschaft wider. Da ist die Kirche leider kein leuchtendes Beispiel. Dabei könnte sie wunderbar vorleben, was Jesus gemeint hatte als er meinte: alle Menschen seien vor Gott gleich.
    Super Artikel! Danke! Ü

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