Zufriedenheit lernen?  Wie wir nicht trotz, sondern durch die Schule für’s Leben lernen

Unser Schulsystem zu kritisieren, gehört zum guten Ton. Bildung Fehlanzeige, kein Geld, hoher Leistungsdruck. Wie sollen daraus gebildete, zufriedene Menschen erwachsen, die die Zukunft gestalten? Ein Blick an eine Gemeinschaftsschule in Stuttgart.

Kaum ein Thema wird emotional so aufgeladen und divers diskutiert wie das Bildungswesen in Deutschland. Zuletzt medial in Szene gesetzt: wie 16 Bildungsminister*innen versuchten, eine gemeinsame Linie für die Bekämpfung der Pandemie zu finden. Bildung ist Ländersache. Jedes der 16 Bundesländer verfolgt ein anderes Konzept, und sich in einer Beschreibung derselben zu versuchen, führt zu wenig Erkenntnisgewinn.

Die Schule prägt uns in einem entwicklungspsychologisch wichtigen Alter. Schule stellt die Weichen für das weitere Leben, und wir alle haben Vorstellungen davon, wie Schule zu sein hat. Eine Kombination aus ›Disziplin lernen‹ und der optimalen Entfaltung der individuellen Persönlichkeit. Mathe ist natürlich wichtig. Deutsch auch. Fremdsprachen braucht man immer mehr. Und da sich die Anforderungen der meisten Berufe laufend ändern, müssen die Schüler*innen sowohl selbstständig arbeiten können, als auch im Team funktionieren. Die Jugendlichen sind in hohem Maße nicht nur den Erwartungen der Gesellschaft, sondern auch denen der Peergroup, der Gleichaltrigen, ausgesetzt. Durch die Sozialen Medien befeuert, sollte jede*r mindestens gut aussehend, erfolgreich, reich, gesund und sportlich sein. Dazu immer verfügbar, weil immer irgendwas passiert.

Die Anforderungen an Schule, an Bildung wachsen in gleichem Maße, und die Frage „Wie werden aus Schüler*innen zufriedene Erwachsene?“ scheint zunächst der Kontrapunkt dieser Entwicklung zu sein. Wie soll man Zufriedenheit unterrichten?

Menschen sind dann zufrieden, wenn sie starke soziale Beziehungen leben dürfen, wenn sie sich als resilient und selbstwirksam erleben, wenn sie Anforderungen, die an sie gestellt werden, bewältigen können und wenn sie als Personen grundsätzlich angenommen werden. Wie wäre es also, Schule so zu gestalten, dass das in hohem Maße umgesetzt wird, um selbstbewusste, zufriedene Menschen hervorzubringen, die ihre Stärken optimal entwickeln? Wie wäre es, wenn junge Menschen ein positives Selbstbild, eine eigene Identität in der Schule entwickeln dürfen? – Zugegebenermaßen ein hoher Anspruch.

Willkommen an der Körschtalschule

Die Körschtalschule ist in einem eher ländlichen Bezirk von Stuttgart angesiedelt. Es ist eine Grund- und Gemeinschaftsschule. In Baden-Württemberg gibt es seit dem Schuljahr 2012/2013 Gemeinschaftsschulen, diese sind aus den Werkrealschulen hervorgegangen. An Gemeinschaftsschulen werden alle Niveaus unterrichtet, so dass Haupt- und Realschulabschluss sowie Abitur erreicht werden können. Die Kinder dürfen in unterschiedlichen Fächern auf unterschiedlichen Niveaus arbeiten. Es kommt also beispielsweise nicht die Matheschwäche zum Tragen, sondern die Stärke in Deutsch.

Die Körschtalschule ist eine Ganztagesschule, die Schüler*innen werden sowohl von Lehrer*innen als auch von Pädagog*innen eines Jugendhilfeträgers im Schulalltag begleitet. Die Schule ist hier eine Lebenswelt für die Kinder und Jugendlichen. Neben den Schulfächern gibt es deutlich mehr Raum und Zeit, um Soft Skills zu lernen, das Miteinander: Wer bin ich, wie möchte ich von anderen gesehen werden und wie gehe ich mit anderen um?

Wenn Schule sich selbst ernst nimmt, muss sie lernen

An der Gemeinschaftsschule wird also sowohl individuell gearbeitet als auch mit gegenseitigem Feedback. Sowohl Lehrende geben sich gegenseitig Feedback, als auch Lehrer*innen den Schüler*innen. Aber auch andersrum. Wenn Schule sich selbst ernst nimmt, muss sie gewillt sein zu lernen. Besser zu werden. Und von den Schüler*innen aus zu denken. Dazu ist das Feedback der Schüler*innen wie auch der Eltern elementar. Dieses findet halbjährlich in einem ausführlichen Gespräch, einem Lernentwicklungsbericht statt. Die Noten sind dabei nicht wichtig und werden nur auf ausdrücklichen Wunsch ausgewiesen. Wichtiger ist, welche Lernerfolge, welchen Kompetenzgewinn es gab. Es werden Ziele formuliert, die auch in den vierzehntägigen Coaching-Gesprächen mit den Schüler*innen aufgegriffen werden. Die Ziele werden gemeinsam erarbeitet; zwischen Coach und Schüler*in besteht ein Vertrauensverhältnis.

Führt das zu einer höheren Zufriedenheit aller am Schulleben Beteiligten? Die Erfahrungen aus der Praxis legen dies nahe. Führt das aber auch dazu, dass Schüler*innen lernen, zufrieden (mit sich) zu sein? Das ist eine der Fragen, die mich seit der Anfrage für diesen Artikel umtreibt – eine gute Gelegenheit mit Menschen intensiver zu reden, die das am besten einschätzen können.

Stärken stärken als Zukunftsinvestition

Eine Achtklässlerin, Iman, und ein Achtklässler, Eltion, beantworten meine Fragen: Zufriedenheit ist für beide stark gekoppelt an das Erreichen der Ziele, andererseits aber geprägt von einem erreichbaren Anspruch an sich selbst. Iman sagt dazu gleich zu Anfang: „Zufriedenheit ist, wenn ich mit mir selbst klarkomme, wenn ich mich selbst akzeptiere. Wenn ich meine Ziele und meinen Erfolg erreicht habe.“ Auf die Frage, was ihre Ziele im Leben sind, wer sie als Erwachsene sein wollen, steht für beide an erster Stelle die Familie. Und beide suchen ihre berufliche Zukunft da, wo sie ihre Stärken haben. Eltion formuliert seine Ziele selbstreflektiert und bodenständig: „Eine Familie gründen, eine Arbeit finden und eine Wohnung, mehr braucht man nicht, das reicht. Also zwei oder drei Kinder, eine Frau und so. Als Beruf vielleicht Elektroniker. Ich finde es auch toll, mit Autos zu arbeiten.“

Bei Iman liegt der Fokus auf ihrer sprachlichen Stärke: „Ich stell mir sie (die Iman in 20 Jahren) so vor, dass sie eine kleine Familie gegründet hat, im Ausland wohnt, etwas mit Sprachen macht. Vielleicht `n Haus hat. Vielleicht sogar `ne Villa. So stell ich mir das vor.“

Von den Erwachsenen an der Schule, also von Pädagog*innen und Lehrer*innen, erwarten beide das Gleiche wie von sich selbst: Lust am Beruf und an der gemeinsamen Sache. Für Eltion ist neben der fachlichen Eignung auch wichtig, dass „die mit Freude zur Schule kommen“. Iman adaptiert gedanklich, was sie in der Rolle als Lehrerin von sich erwarten würde: „Wäre ich eine Lehrerin, dann würde ich mein Bestes geben, dass meine Schüler den Stoff verstehen, dass sie sich wohlfühlen in meinem Unterricht und, dass wir Zusammenhalt haben.“ Für beide ergibt sich aus Lehrer*innen und Schüler*innen ein Team, das sich kennen und das gleiche Ziel haben muss – den gemeinsamen Lernerfolg.

Beim Druck kommt es auf das richtige Maß an

Sind die Schüler*innen an unserer Schule zufrieden? Werden sie zu selbstbewussten Erwachsenen? Meistens. Wie Iman sagt: „Ich hab so einen leichten Seelenfrieden. Es gibt jetzt nicht wirklich dieses „ich bin zufrieden mit mir“, und auch nicht wirklich dieses „ich bin unzufrieden“.“ Die Schüler*innen schätzen es sehr, dass sie ihre eigenen Ziele stecken und verfolgen dürfen und daran gemessen werden – und die Ziele immer wieder neu anpassen dürfen. Eltion dazu: „Ja, ich bin zufrieden mit der Schule. Es gibt viele Niveaus und im Klassenzimmer weiß man, wie man lernt. Du kannst selbst entscheiden, welches Niveau du nimmst, was Schweres, oder was Leichteres. Und, weil das Miteinander so wichtig ist.“

Zufriedenheit ist keine Einzelleistung.

Es gäbe noch so vieles von unserer Schule zu berichten, so vieles wäre für unsere Zukunft, die gerade in Schulen heranwächst, noch wichtig. Zufrieden, ja, dankbar bin ich, eine so vielschichtige Arbeit zu haben. Aber auch für die Pädagog*innen ist die Zufriedenheit im Job eine Teamleistung, ein gemeinsam zu erreichendes Ziel. Was gibt es Bewegenderes, als junge Menschen zu begleiten, die sich auf den Weg zu einem guten Leben machen? Wie Eltion und Iman, denen ich alles Glück und vor allem aber das tiefe Glück wünsche, mit sich selbst zufrieden zu sein. Wozu sie allen Grund haben. Iman: „Ich möchte auf jeden Fall meiner Familie das Glück, das sie mir ins Leben gebracht haben, genauso auch wieder zurückgeben. Ich möchte ihnen beiseite stehen und ihnen genauso helfen, wie sie mir geholfen haben. Ich möchte diese eine Person sein, wo sie sagen: Ich bin stolz auf dich und ich bin glücklich, dass ich dich in der Familie hab. Was sie jetzt auch schon sind, aber ich möchte diese eine sein, die es geschafft hat. Und ich habe es geschafft, wenn ich mein Glück gefunden habe.“

Ein hoher Druck lastet auf den jungen Menschen, es zu schaffen. Nach meinem Eindruck ist das System der Gemeinschaftsschule, das Anforderungen in einem erreichbaren Maße an die Kinder stellt, ein gutes. Es rückt Erfolge immer in sichtbare, aber nicht zu leicht erreichbare Nähe, so dass die Kinder ein Gleichgewicht aus Unzufriedenheit und Zufriedenheit erleben dürfen. Aber nicht nur Leistung ist auf diesem Wege erfahrbar, auch Gemeinschaft. Wir erschaffen keine Einzelkämpfer, sondern fördern die Arbeit im Team. Gesellschaft wird so zu einem Konstrukt, das auffängt, in dem jede*r einzelne sich selbst aber auch als gestaltend erleben kann. Denn langfristig ist Zufriedenheit keine Einzelleistung. Nur eine starke Gemeinschaft bringt zufriedene Menschen hervor.

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