„Der Begriff der Heimat hat eine dunkle Geschichte, die der Erhellung bedarf, und sie hat womöglich mehr Zukunft, als uns lieb ist. Je mehr Heimatlosigkeit die mobile, flexible neoliberale Welt mit sich bringt, desto unausweichlicher wird es, von Heimat zu reden.“ (Christoph Türcke, „Heimat. Eine Rehabilitierung“)
Eine unwirtliche Welt ist heute unser Zuhause. Rund um uns und näher zu uns explodieren Bomben, Drohnen und Raketen. Sie vernichten wichtige Ressourcen der Zukunft, vernichten willkürlich zahlreiche Menschenleben und drängen Menschen zur Flucht, zum Verlust ihrer Heimat. Die Natur als gestalteter Lebensraum des Menschen wird zerstört. Genauso schlimm sind die Nebeneffekte dieser Entwicklungen: Unsicherheit für das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben, fehlendes Geld für Gesundheit und Altersvorsorge und eine hohe Schuldenlast des Staates. Dazu kommen aus identitätspolitischen Überzeugungen und in vielen Medien große Erzählungen von drohenden, eschatologischen Zeiten.
Die Suche nach einem Gegengewicht kulminiert derzeit in verschiedenen Vorstellungen von Heimat. Ein Gegenbild und eine Gegenrede, die noch immer Zustimmung erfahren, handeln von der Heimat als einem utopischen Zustand, den Ernst Bloch am Ende von Das Prinzip Hoffnung beschrieb, der aber erst in einer harmonischen Zukunft erreichbar wäre. Dort lebt man in Gemeinschaften, nicht in einer anonym differenzierten Gesellschaft. Der Traum scheint ausgeträumt. Wolf Biermann dichtete 2006: „Die heile Heimat Utopie hab ich verloren / Dafür und ganz kaputt die halbe Welt gewonnen.“ Ein größerer Teil der ostdeutschen Sektion der Partei Die Linke scheint bis heute nicht im Westen angekommen zu sein. Ein Gefühl des Nichtanerkannt-Werdens könnte verantwortlich sein, sich nicht in Deutschland heimisch zu fühlen. Volker Braun schrieb: „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. […] Ich selber habe ihm den Tritt versetzt.“ Heimat verkörpert für diese Intellektuellen die Sehnsucht nach einem verlorenen Ort, nach anderen politischen Zuständen.
Politische Debatten
Die gegenwärtige Debatte wird fern von utopischen Ideen geführt; sie ist fast völlig politisch geworden und hat sich von der Idee eines idealen Sehnsuchtsortes entfernt. Vor allem identitätspolitische Vorstellungen prägen den Begriff. Besonders von rechtsextremen Parteien wurde diese Idee „Heimat“ genutzt, allerdings in breiterer Vielfalt als häufig dargestellt. Das Konzept wirkt identitätsstiftend und wird meist territorial bestimmt.
Der Heimat-Begriff rechtsextremer Parteien
Dergestalt lässt es sich in der Denkweise des Ethnopluralismus gegen das Fremde in Stellung bringen. Die Dimension einer ethnisch-kulturellen Homogenität ermöglicht die Exklusion; kein Land außer dem jeweils eigenen kann für Fremde zur Heimat werden; auch eine vollständige Assimilation leistet dies nicht. Die xenophobe Argumentation behauptet, dass andere Traditionen, eine andere Geschichte, Religion, Kultur und Sprache zwingend mit einem Begriff von Heimat verbunden sind, der nicht übertragbar ist. Jede religiöse und ethnische Heterogenität zerstöre die eigene, für uns hier die deutsche Identität.
Worin besteht für Ethnopluralisten die Homogenität? Die räumliche Dimension wurde gerade genannt; betont wird besonders die Bedeutung des ländlichen Raumes und auch der Natur. „Heimatliebe ist kein Verbrechen“, sang 2025 die Gruppe Grenzen/Los. Die Band Frei.Wild rockte die Heimatliebe vor großem Publikum: „Das ist das Land der Vollidioten / Die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat / […] Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier / Wir haben immer gesagt, dass wir das Land hier furchtbar lieben.“ Ein wichtiger Ort der Heimatliebe ist zudem eine intakte Familie.
Eine neuere Untersuchung stellte im Vergleich (in den Parteiprogrammen) fest, dass die Themen der Alternative für Deutschland, die oft ethnopluralistisch argumentiert, für Teile der Partei der Grünen die gleichen sind. Betont werden ebenfalls die Bedeutung der Familie, der Bodenständigkeit, des Vereinslebens und der Natur (Naturschutz). Die Bewertung der Begriffe aber unterscheidet sich. Die grüne Heimat ist ein integratives und inklusives Projekt in einer multikulturellen Gesellschaft.
In diesem Kontext ist erstaunlich, wie gering die Forschung zum Heimatbegriff der Menschen mit Migrationshintergrund bei uns ist. Eine Studie der linken Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München (FIRM) kam für den Zeitraum 2009 bis 2013 zu beunruhigenden Ergebnissen (Selbst-Ethnisierung, Exklusion, nationalistische Gesinnung in Bezug auf das Herkunftsland).
Historische Dimension
Diese Nähe könnte historisch erklärt werden. Der Heimatbegriff, anfangs ein Rechtsbegriff, wurde in der ausgehenden Epoche der Aufklärung emotionalisiert. Eine erste Bewegung in diesem Sinne war die deutsche Romantik. Der Heimatbegriff wurde sogar mit dem Konzept einer Naturgeschichte des Volkes korreliert. Mit der beginnenden Industrialisierung, die eine heftige Urbanisierungswelle mit sich brachte, aber auch zu einer starken Individualisierung und Differenzierung innerhalb der modernen Gesellschaft beitrug, etablierte sich ein Widerstand besonders gegen den Gedanken des (technologischen) Fortschritts. Es wurde agrarromantisch und großstadtfeindlich argumentiert. Dieser Teil der romantischen Bewegung betonte die Nähe zur Natur, die Verwurzelung des Menschen im Raum und einer gegebenen Kultur, betonte aber auch die Nähe zu Vaterland und zur deutschen Nation. Sozial wurde Heimat oft mit einer dörflichen Umgebung identifiziert und ein Verfall der Kultur beklagt.
Mit der Gründung des Reichs (1871) entstanden Vereine, die sich dem Heimatschutz widmeten. Sie wurden vom Bildungsbürgertum und Teilen der Wirtschaft organisiert und widmeten sich der Erinnerung an die vaterländische Geschichte, dem Naturschutz, dem Denkmalschutz, der Landschaftspflege und der Pflege von Brauchtum. Lokale Traditionen sollten erhalten werden. An den Schulen entstand das Fach „Heimatkunde“. In der NS-Zeit wurden diese Verbände in die Ideologie des Staates integriert, weshalb der Gedanke des Heimatschutzes nach 1945 diskreditiert war. Erst in den 1970er Jahren etablierte sich im Rahmen des Naturschutzes wieder der Gedanke an die Heimat.
Sprache und Dialekte
Schon mit Johann G. Herder und seinem Umkreis verband sich die Sprache mit der Idee von der Heimat. Der Weimarer Superintendent sammelte Volkslieder, allerdings aus der gesamten Welt. Einige damalige Komponisten schrieben ihre Lieder im Volksliederton. Ein Höhepunkt der Begeisterung ist die Sammlung Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim. Die Stichworte waren: Verlust der Natur, Rückkehr in vormoderne Lebenswelten. Die Vermittlung des Begriffs lief über die Kultur und die Sprache, die Sprache des deutschen Volkes und seiner Nation. Deutschland als Idee existierte schon lange vor der Reichsgründung. Eine wichtige Rolle spielten für die deutsche Identität die Dialekte.
1813 fragte Ernst M. Arndt (Lieder für Deutsche): „Was ist des Teutschen Vaterland? / Ist’s Preußenland? ist’s Schwabenland? / […] O nein, nein, nein! / Sein Vaterland muss größer sein.“ Alle Regionen wurden in das Lied aufgenommen, auch die Schweiz. „So weit die teutsche Zunge klingt / Und Gott im Himmel Lieder singt, / Das soll es sein! / Das, wackrer Teutscher, nenne dein!“ Nation, Vaterland, Heimat, verschiedene Dialekte, aber zugleich die gemeinsame Sprache korrelierten. Rechtsextreme vertreten bis heute einen solchen Begriff von Heimat, weshalb in ihren Schulprogrammen die Pflege des Dialekts eine prominente Stelle einnimmt.
Heimat als Popkultur
Ganz anders positionieren sich postmoderne Vorstellungen von Heimat. Sie gilt als sprachliches Ereignis, als eine gesellschaftlich und historisch veränderbare Konstruktion. Manche sprechen vom Internet als einer digitalen Heimat, einer Netzwerkheimat des global agierenden Menschen. Da sich jeder Mensch in seinem Kopf die Welt sozial konstruiert, löst sich der Begriff nicht nur in Beliebigkeit auf, sondern er wird auch zu einem permanent veränderbaren Muster des subjektiven Empfindens und Erzählens. Heimat verwandelt sich für manchen in diesen Vorstellungen in einen Non-Lieu (Marc Augé, Ort des Hier und Jetzt ohne Vergangenheit und Zukunft wie ein funktionales Gebäude der Eisenbahn oder einer Shopping Mall), in welchem sich keine Identität entfaltet.
Effekt der Beliebigkeit in der Postmoderne
Der Effekt der Beliebigkeit zeigt sich in der Pop-Kultur der Gegenwart. Das Dirndl, der Hut mit Gamsbart, die krachlederne Hose sind Requisiten aus einer vergangenen Welt und Teil der gegenwärtigen Binnenexotik, eine Kulisse für die Selbstinszenierung vor dem Smartphone. Da sich Identitäten für postmoderne Milieus ständig ändern, unterliegen diese Waren den Gesetzen des Modemarktes.
Der Kreis der Darstellung schließt mit Ernst Bloch. Christen beten: Dein Reich komme. Jesus wandte sich von jedem Gedanken an eine innerweltliche „Heimat“ ab. In der christlichen Tradition gilt die These der Fremdheit in der Welt. Nach dem irdischen Jerusalem kommt das himmlische. Die Heimat erreicht der Mensch erst in der transzendenten Gemeinschaft mit Gott. Paul Gerhardt sang: „Ich wandre meine Straße, / die zu der Heimat führt, / da mich ohn alle Maße / mein Vater trösten wird. / Mein Heimat ist dort droben, / da aller Engel Schar / den großen Herrscher loben.“ Doch das kann nicht die alleinige Antwort sein: Wie können christliche Gemeinden Orte der Beheimatung werden, an welchen das Läuten der Heimatglocken die Sehnsucht stillt?
Zum Weiterlesen
Christoph Türcke: Heimat. Eine Rehabilitierung, zu Klampen-Verlag, Springe 2006.
