Verwandtes Schöpfertum Der Maler Jörg Immendorff über das Verhältnis von Kunst und Religion

Als ich kürzlich in eine bestimmte „Ecke“ meines Bücherregals sah, stieß ich auf Die Immendorff-Bibel, 2006 im Gütersloher Verlagshaus erschienen, mit einem Vorwort von dem Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff (1945–2007). Ich  hatte sie sozusagen vergessen.

Die Bibel enthält 24 Abbildungen des Künstlers, eingebettet in die biblischen Texte (Übersetzung: Gute Nachricht). In einer Einleitung des Buches heißt es, die abgedruckten Bilder „entspringen einer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Menschseins, die unauflöslich mit religiösen Fragen und Erfahrungen verbunden sind…“.

Immendorff selbst schreibt in der Immendorff-Bibel, dass es einer sich öffnenden Seele bedürfe, um „die Schönheit und die Tiefe (als) den Brückenschlag zum Göttlichen, der aus der Kunst kommt, … erfahren (zu) können.“ Und wenig später: „Ich habe immer gesagt, es verbietet sich einem, Gott zu malen… Aber man kann sich als Maler mit den Grundlagen des Religiösen beschäftigen, mit Sorgen und Sehnsüchten, mit Brüchen und Brücken, mit Heil und Unheil.“ In seiner malenden Auseinandersetzung mit der Bibel sind keine künstlerischen Nachstellungen bestimmter biblischer Szenen gewollt, sondern „visionäre Vorstellungen des großen Ganzen. Sie weisen über sich hinaus, wie der Mensch über sich hinausweist.“

Ganz Beuys-Schüler („Jeder Mensch ist ein Künstler“, sagte Beuys einmal), der er war, nimmt Immenhoff diese Sichtweise auf und sagt seinerseits, dass der Mensch „schöpferisch und ein Abbild von Gott (ist). Eine Schöpfung Gottes.“ Der Gedanke an Gott habe sich in unserer Welt keineswegs erübrigt, er enthalte vielmehr einen notwendigen „revolutionären“ Anspruch, nämlich „die Entfaltung des Menschen zu fördern, sofern Gott Symbol des Schöpfertums sei und damit „der Möglichkeiten, die er den Menschen mitgegeben hat.“

Das bedeutet, dass Kirche, deren Dienst an der Gesellschaft darin besteht, über sich hinauszuweisen und an diesen Gott zu erinnern, und Kunst in einem dialogischen Verhältnis stehen. Sie stehen ein für einen sich seiner Verantwortung bewussten, die kreative Auseinandersetzung mit seiner Lebenswelt und seinem Dasein suchenden Menschen.

Für Immendorff ist Kunst eine „Weltsprache“, die die philosophischen Grundfragen kommuniziert: „Woher kommen wir, wohin gehen wir, was kommt danach?“ Sie weist somit über alles Nationale, den Menschen feststellen und verfügbar machen Wollende, hinaus. An diesem Punkt ist sie eine Zwillingsschwester des „revolutionären“ christlichen Glaubens; denn „da ist weder“ – nach Paulus – „Jude noch Grieche, Sklave noch Freier, nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus.“ Die Emanzipation des Menschen aus natürlichen, sozialen, kulturellen und ethnischen Grenzen leuchtet als gemeinsames Anliegen von Kunst und Kirche auf.

Klickt man ins Internet und sucht nach Informationen über Immendorff, stößt man durchaus auf diesen emanzipativen Aspekt seines Œuvres, wenn auch unter dem allgemeinen Stichwort Kultur – und natürlich Gesellschaft und Politik. Seine Ansichten zum schöpferischen Gott und seinem schöpferischen Abbild tat er ein Jahr vor seinem Tod in der nach ihm benannten Bibel kund.

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