Moderne Kunst in alten Kirchen Ein notwendiger „Clash of Cultures“

Um Menschen kirchliche Räume wieder als mystische Räume mit einem Bezug zu ihrer Lebenswelt und ihrer Gottessicht entdecken zu lassen, bedarf es bei ihrer Ausstattung eines Brückenschlags in die Gegenwart. Moderne Kunstwerke können dabei eine wichtige Rolle spielen.

Das Ortsbild unserer Dörfer und Städte wird seit Jahrhunderten fast durchgehend durch deren Kirchen geprägt. Sie bilden zumeist auch den ältesten vor Ort vorfindbaren Baubestand. Entsprechend ist auch die Erwartungshaltung, mit der sie aufgesucht und besucht werden. Überrascht sind die Besucherinnen und Besucher dieser Sakralbauten nicht, wenn sie in deren Räumen eine Ausstattung vorfinden, die nicht selten ein Miteinander verschiedenster Kunstepochen von der Romanik bis zum Historismus darstellt. Dieser wahrnehmbare Zusammenklang unterschiedlichster Kunststile wird vielfach als zusammengehörig gesehen, da die Ausstattung insgesamt als alt und museal empfunden wird und somit auch der Einschätzung der Kirche insgesamt als nicht mehr unserer Gegenwart zugehörig entspricht.

Der Status quo: Kirchen als Archivräume und Immobilienobjekte

Diese Zuordnung der Kirchen als museale Schauräume für Zeugnisse des künstlerischen und kunsthandwerklichen Schaffens vergangener Jahrhunderte sowie die Bewertung ihres Besuchs als Zeitensprung oder als Wahrnehmung örtlicher bzw. regionaler Geschichte und Kultur bedingt den Erhalt der Kirchenbauten in einer Zeit zunehmender Entkirchlichung. Sie wird als kulturelle Aufgabe vergleichbar mit der Pflege eines Archivbestands gesehen.

Einer solchen denkmalpflegerischen Bewahrung steht seitens der Kirchenleitungen in ihrem Bestreben, ihren Gebäudebestand angesichts zurückgehender Einnahmen zu verringern, die Überlegung gegenüber, sich unter Erhalt der historischen Kirchen, dank hierfür geleisteter Mittel des Staates und anderer Kulturfonds, vor allem von Kirchenbauten des 19. und 20. Jahrhunderts ohne museale Wertigkeit zu verabschieden und sie profanen Nutzungen zuzuführen. Diesbezüglich kann der Würzburger Bischof Franz Jung zitiert werden: „Nur noch begrenzt leistbar ist ganz klar der Unterhalt der Immobilien. Es geht darum, Kirche zu erhalten und nicht Kirchen“ – eine Aussage, die ein erschreckendes Unwissen und eine Gespürlosigkeit für Kirchenräume offenlegt und die Sorge um die Sakralräume auf eine Immobilienverwaltung reduziert.

Der Gegenentwurf: Mystische Räume mit Bezug zur aktuellen Lebenswelt

Um Menschen, ungeachtet ihrer religiösen oder kirchlichen Beziehung, die sakralen Räume wieder als mystische Räume mit einem Bezug zu ihrer Welt-, Lebens- und möglicherweise auch ihrer Gottessicht entdecken zu lassen, bedarf es in ihrer Ausstattung eines Brückenschlags in die Gegenwart mit Kunstwerken, die der Aussage von Bruce Naumann entsprechen: „Der wahre Künstler hilft der Welt, indem er mystische Wahrheiten enthüllt“.

Dieses Wort von Bruce Naumann stellt keine religiösen Bedingungen für die Künstlerinnen und Künstler. Damit bringt er sich aber in ein Gegenüber zu den Kirchen, die vielfach, wenn sie auf Werke des 20. und 21. Jahrhunderts zurückgreifen wollten, diese, ganz im Sinne von „zurückgreifen“, vergleichbar dem sozialistischen Realismus, als Propaganda und Untermauerung ihres Lehrprogramms verstanden haben. Hierin äußert sich die Grundeinstellung zur zeitgenössischen Kunst, die seit dem Bruch der Kirche mit der Entwicklung der Kunst im 19. Jahrhundert und deren Bewertung als entartet – weit bevor die Nationalsozialisten dieses Wort aufgegriffen haben – die leidvolle Beziehung von Kirche und Kunst prägte und eine eigene Spezies der sog. Kirchenkünstler entstehen ließ, die mit ihren Schöpfungen mehr dem Auftraggeber Kirche als den Menschen in ihren Anfragen und ihrem Suchen unter Berücksichtigung ihrer Lebenssituation entsprachen.

Kirche St. Augustinus in Dettelbach (Foto: Jürgen Lenssen)

Statt sich einer katechetischen Unterweisung oder Kunstwerken, die aus einer uns fremd gewordenen Lebens-, Welt- und Gottessicht heraus entstanden sind, gegenübergestellt zu sehen, sollen sich aber im Kirchenraum die Menschen in ihrer Grundsituation wiederfinden. Das ist eine Forderung, auf die sich die Ausstatter seit der Romanik bis zum Barock eingelassen haben, die wir Heutigen aber vielfach so nicht mehr verstehen und nachempfinden können. Deshalb ist es notwendig, zeitgenössische Werke in unsere Kirchen einzubringen, anstatt sie allein den Museen und Galerien zu überlassen und somit die Prozesse der mystischen Annäherung und transzendentalen Öffnung aus unseren Kirchen dorthin zu verlagern.

Auftragsvergabe ohne lästige „Gretchenfrage“

Aus diesem gedanklichen und spirituellen Ansatz heraus habe ich mich in den 29 Jahren meiner Tätigkeit als Bau- und Kunstreferent der Diözese Würzburg dank meiner Berufung und Unterstützung von Bischof Paul-Werner Scheele darum bemüht, außer der denkmalpflegerischen Bewahrung der historischen Ausstattung in die Kirchenräume der Diözese Kunstwerke von Künstlerinnen und Künstler einzubringen. Ich habe sie vor der Auftragsvergabe nie mit der sog. „Gretchenfrage“ belästigt. Entscheidend war allein die künstlerische Qualität und deren Wahrnehmung außerhalb des kirchlichen Raumes sowie die Bereitschaft, mit ihren Werken den Menschen Ahnungsräume des Unfassbaren zu eröffnen, dank derer sie über sich hinaus schauend zu transzendentalen Ausrichtungen ihres Lebens gelangen können.

Zeitgenössische Kunst statt Historismus

Dass es möglich war, über Freiräume in den Kirchen verfügen zu können, bedingte die unter Bischof Julius Döpfner eingeforderte und betriebene Entfernung historistischer Ausstattungsstücke. Er sah in diesen Werken des Historismus „eine Materialisierung des Nationalismus“, des Bodens also, aus dem der Nationalsozialismus erwuchs. Die entstandene Bilderlosigkeit weckte auf Dauer den Wunsch der Gemeinden nach einer Neugestaltung ihrer Kirchenräume. Wie Döpfner beim Wiederaufbau des Domes die Verluste im Innenraum aufgrund des Bombardements der Stadt nicht mit Kopien, sondern mit Kunstwerken der Gegenwart ersetzte, sollten auch in den von der historistischen Ausstattung befreiten Kirchen nur zeitgenössische Kunstwerke die von den Gemeinden empfundene Lücke schließen und – soweit noch vorhanden – in Beziehung zu den verbliebenen gotischen oder barocken Arbeiten stehen.

Kirche und Kunst: Ahnungsräume des Unfassbaren

Aufgrund des oben erwähnten Auswahlverfahrens weisen viele ländliche Kirchen im Bistum Werke von Künstlern und Künstlerinnen auf, von denen nur einige wenige genannt seien: Markus Fräger, Jacques Gassmann, Clemens Kaletsch, Thomas Lange, Michael Triegel. Bei der mir vom Domkapitel übertragenen Neugestaltung der Neumünsterkirche, der Grabeskirche des Hl. Kilian, (2007–2009) und des Domes in Würzburg (2011–2012) wurden im Neumünster ehemals in der Barockzeit gefüllte Wandflächen mit Werken von Thomas Lange, Markus Fräger und Hann Trier sowie Michael Triegel versehen. Im von Italienern stuckierten Dom sind italienische Künstler der Gegenwart mit ihren Werken vertreten: Mimmo Paladino, Marco Tirelli und Matteo Montani. In dessen Sepultur finden sich neben den Fenstern von Georg Meistermann (1956) der Kreuzweg von Ben Willikens und plastische Arbeiten von Karlheinz Oswald Mutsuo Hirano und Ernst Singer. In der Krypta fanden Werke von Thomas Lange, Jacques Gassmann, Friedrich Press sowie Ernst Singer erstmalig ihre Aufstellung bzw. Hängung.

Lebendiges Spannungsverhältnis ohne musealen Touch

Das so entstandene Miteinander im Dom von Werken aus dem 11. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert und den Werken um das Jahr 1965 wie auch mit denen um das Jahr 2010 ist äußerst lebendig und darin behauptet sich die Gegenwart. Gleiches gilt für die barockisierte Neumünsterkirche. Jeder museale Touch ist in beiden Kirchen geschwunden – wie in den vielen Landkirchen – und lassen den Sakralraum bei aller geschichtlichen Bedeutsamkeit samt künstlerischen Zeugnissen als Raum der Gegenwart erscheinen, der die Fragen und die Suche des heutigen Menschen aufgreift und in die Geschichte der Kirchengestaltungen mit ihren immer neuen Veränderungen eingebunden ist.

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