Mehr Mut! Zum Verhältnis von Kunst und Kirche

Ob zeitgenössische Künstler*innen ein gespanntes Verhältnis zur Kirche haben? Oder ist es eher umgekehrt, weil kirchliche Entscheidungsgremien die protestantische Kultur als eher „bilderfeindlich“ einstufen und Werke bevorzugen, die „konsensfähig“ sind?

Ab 2002 war ich als Studienleiter für Kunst und Stadt für die Evangelische Stadtakademie Frankfurt und dann – nach deren Fusion mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain – für die daraus neu erwachsene Evangelische Akademie Frankfurt tätig, bevor ich die Institution 2019 für eine Tätigkeit außerhalb der Kirche verließ. Die relativ kleine Einrichtung der Stadtakademie hatte bereits vor meinem Eintritt eine fokussiert kulturwissenschaftliche Blickrichtung und widmete sich kulturellen Themen mit Veranstaltungsreihen, in denen auch zeitgenössische Kunst eine Rolle spielte. Als Kunsthistoriker, der zuvor bereits kuratorisch unterwegs gewesen war, machte ich es mir zur Aufgabe, innerhalb der Akademie einen Ausstellungsbereich zu etablieren, der konsequent und kontinuierlich bespielt wurde. Häufig waren es Gruppenausstellungen zu gesellschaftlich relevanten Themen, die wir in der Akademie zeigten, von Themen wie „Grenze“, „Natur“, „Familie“, „Veränderung“, „Gewalt“, „Europa“ und „Zukunft“ bis hin zu den großen Themen, die die Kunst und die Religion verbinden: „Liebe“, „Tod“, „Körper“, „Transzendenz“, „Paradies“, „Himmel“, um nur einige zu nennen. Interdisziplinäre Veranstaltungsreihen haben die Ausstellungen jeweils vertieft.

Kirchen bieten alternative Räume für Kunst

Nicht nur war der Ausstellungsraum der Akademie Frankfurt im regionalen Kunstgeschehen bald als relevanter Ort etabliert, er besaß durch die konsequente kuratorische Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst innerhalb der Akademienlandschaft auch ein Alleinstellungsmerkmal. Insgesamt habe ich während meiner Tätigkeit für die Akademie mit rund 200 regionalen wie internationalen Kunstschaffenden zusammenarbeiten dürfen. Und ja: Es gab in einigen wenigen Fällen eine Absage auf unsere Anfrage, inklusive Verweis auf unsere konfessionelle Gebundenheit, die man als problematisch ansah. Die überwältigende Mehrheit der Kunstschaffenden störte dies allerdings nicht, Erstaunen löste schon eher unser schmales Budget und die Notwendigkeit der Drittmittelakquise aus (angesichts des vermeintlichen finanziellen Tankers der Landeskirche im Hintergrund). Gleichwohl war es für viele Künstler*innen eine neue Erfahrung, mit einer christlichen Einrichtung zusammenzuarbeiten, und einige von ihnen mögen der Institution Kirche distanziert gegenübergestanden haben. Weder jedoch wurde das von uns abgefragt, noch hat es die Zusammenarbeit in irgendeiner Form beeinträchtigt. Im Gegenteil. Reibung und Kritik – jenseits der selten konstruktiven Bubbles in den sozialen Netzwerken – sind wichtige Impulse für die Kirche wie die Gesellschaft insgesamt, um diese weiterzuentwickeln.

Die Frankfurter Akademie war in der Stadtgesellschaft für ihre ernsthafte Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst bekannt, und das hat offenbar viele Künstler*innen überzeugt, ebenso wie die interdisziplinäre Betrachtung der Themen. Reizvoll war für viele auch der Offspace-Charakter unseres Raumes, dieser „andere Ort“ jenseits des perfekten White Cube von Museum oder Galerie, das Gefühl, dass die Bilder hier – eingebettet in einen Kontext – nicht nur ein Kunstpublikum erreichten.

Traditionell gefüllter Kirchraum und säkulare Kreationen in Resonanz

Der Boom der Innenstädte, der durch Corona vorläufig gestoppt wurde, hat vor allem in den Großstädten in den vergangenen Jahren zu einer Verdrängung von Kunst- und Projekträumen geführt. Hier lägen für die zahlreichen kirchlichen Liegenschaften bislang ungenutzte Potenziale für Anknüpfungen an die Kreativszene. Über die Jahre hinweg hat sich auch die Kunstarbeit „meiner“ Akademie verändert, erschlossen sich neue Räume, etwa durch großformatige Projekte im öffentlichen Raum sowie in temporären Installationen in Kirchenräumen.

Der Kirchenraum bietet hervorragende Folien für künstlerische Projektionen.

Zugegebenermaßen nicht ganz freiwillig, bedingt durch den Umbau des Frankfurter Akademiegebäudes und eine anschließende Nutzungsänderung, habe ich den Kirchenraum und seine großartigen Möglichkeiten für die Kunst entdeckt. Dieser wunderbare, spirituelle, auratische und zumeist sehr groß dimensionierte Ort in der Stadt bietet hervorragende Folien für künstlerische Projektionen, auch und gerade weil er bereits angefüllt ist mit überkommenen Bildern, die durch die zeitgenössischen Interventionen in Schwingung geraten. Die andere Realität der Kirchenräume und das Reflektieren der religiösen Themen auf die eigenen Arbeiten, die ja überwiegend in völlig säkularem Kontext entstanden sind, wird von vielen Künstler*innen sehr geschätzt, so meine Erfahrung. Ein Interesse, das sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat und noch in den Achtzigerjahren nicht vorstellbar gewesen wäre. Nicht nur habe ich zusammen mit einer Vielzahl von Künstler*innen selbst rückblickend einige der stärksten Installationen in Frankfurter Kirchen verwirklichen können, ich erinnere mich auch an starke, wunderbare Inszenierungen in Sakralräumen in anderen Städten, etwa an die Installation von Thomas Kilpper zur Flüchtlingsthematik am Turm der Karlskirche in Kassel anlässlich der letzten Documenta.

Das herausragende künstlerische Werk sperrt sich gegen den „guten Geschmack“

Beeindruckt hat mich auch das starke Interesse an Sakralräumen aufseiten der Kunstschaffenden in Bezug auf dauerhafte Installationen. In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist Markus Zink als Kunstreferent der Landeskirche für diesen Bereich zuständig. Ich war bei einigen Jurys zur Teilnahme eingeladen und gestehe, dass ich ihn um diesen Teil seines Jobs nicht beneide. Denn obwohl man von vielen – auch namhaften – Künstler*innen die Äußerung hört, einmal eine Kirchenausstattung entwerfen zu wollen, ist Kunst innerhalb der Struktur der Kirche ein Bereich, in dem vorwiegend konsensfähige Positionen zirkulieren – wie auch Kunstschaffende, die vorwiegend im kirchlichen Kontext unterwegs sind beziehungsweise weitergereicht werden. So sehr ich die demokratische Tradition und Verpflichtung der Landeskirche schätze, an dieser Stelle wird sie zum Albtraum. Denn das herausragende künstlerische Werk sucht vieles, aber nicht den Konsens. Angesichts der Tatsache, dass künstlerische Wettbewerbsergebnisse einige Generationen überdauern sollen, wünscht man sich mehr Mut.

Nein, in meiner Wahrnehmung geht die Distanziertheit im Verhältnis von Kunst und Kirche in keinem Fall von den Kunstschaffenden aus, sondern ist leider immer noch vielfach in der Kirche selbst zu finden. Noch immer steht und fällt das Thema nicht nur mit einzelnen Protagonist*innen vor Ort, etwa dem/der kunstbegeisterten Pfarrer*in, sondern häufig auch mit der Einstellung der jeweiligen Entscheidungsgremien. Sei es, dass der Konvent einer Akademie plötzlich andere Themen für wichtiger erachtet, sei es, dass der Kirchenvorstand einer Gemeinde den geplanten Ausstellungen nur ein geringes Maß an Aufmerksamkeit widmet. Irgendwie hält sich auch hartnäckig das Märchen, die protestantische Kultur sei ja per se eine eher bilderfeindliche. Ein Argument, das mir häufiger entgegenschlug und gegen das in der Regel nur Sarkasmus half. Denn natürlich ist ausgerechnet die Bibel eines der bildgewaltigsten Werke überhaupt, natürlich gab es historisch betrachtet auch in sehr protestantischen Gegenden immer eine künstlerische Bildproduktion, und natürlich sind Bilder aus unserer Mediengesellschaft heute nicht mehr wegzudenken.

Musikprojekte sind willkommen, Bildproduktion stößt auf Skepsis

Eine zeitgenössisch agierende Kirche wäre daher gut beraten, die schöpferischen Auseinandersetzungen mit der Gegenwart, die sich in der Kunst manifestiert, aufzugreifen. – Musikprojekte, so teuer sie auch sein mögen, so jedenfalls mein Eindruck, haben es in der kirchlichen Kultur deutlich einfacher. Verstanden, warum das so ist, habe ich nicht.

Mut bewiesen hat in jedem Fall Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN, als er den kirchlichen Gremien den ersten Förderpreis der evangelischen Kirche für junge Kunst abrang, die „kunstinitiative“, die 2017 mit drei Preisträger*innen in drei Kirchen in Darmstadt durchgeführt wurde und die Markus Zink und ich gemeinsam organisiert und umgesetzt haben. Volker Jung hat nicht nur gesehen, dass ein Förderpreis für die zumeist in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lebenden jungen Kunstschaffenden der Kirche gut zu Gesicht steht, sondern vor allem auch, dass im Dialog mit den schöpferischen Bildern der zeitgenössischen Kunst Impulse für die Kirche erwachsen können. In diesem Jahr findet die – pandemiebedingt um ein Jahr verschobene – zweite Ausgabe der „kunstinitiative“ statt, diesmal in Wiesbaden.

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1 Gedanke zu „<span class="entry-title-primary">Mehr Mut!</span> <span class="entry-subtitle">Zum Verhältnis von Kunst und Kirche</span>“

  1. Liebe Evangelische Aspekte,
    in der Kirch enotre dame de toute grace auf dem Plateau d’Assy hat Marc Chagall seine ersten Glasfenster eingebaut, und mit einem Mosaik in der Taufkapelle die christliche Taufe jüdisch interpretiert. Sehr mutig, von der Kirche und Chagall. Ein kleiner Ausflug unter www.matthiasburger.de/Assy.html
    (20 min). Ihr M.Burger

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