Goldader Kunst und Kirche im Digitalen Raum

Aus einer spontanen Idee entstand in der Netzgemeinde DA_ZWISCHEN ein geistlicher Übungsweg, der die gesamte Fastenzeit hindurch Menschen aus allen Teilen Deutschlands digital miteinander verbunden hat.

Eine Gemeinde, die mit ihren Mitgliedern ausschließlich über Messenger kommuniziert, ist notwendigerweise auf visuelle Kommunikation angewiesen. Wie kann Kirche im Digitalen sichtbar werden? Wie tritt sie in Erscheinung? Welche Ästhetik ist gefragt? – Eigentlich begleiten uns diese Fragen immer, vielleicht auch unbewusst, wenn wir in und an der Netzgemeinde DA_ZWISCHEN arbeiten. Und irgendwie geht es dabei auch immer um die Frage nach der Beziehung zwischen Kunst und Kirche – durch unser Projekt „Goldader” haben wir uns ganz explizit der Kunst im digitalen Raum gewidmet.

Die Netzgemeinde

DA_ZWISCHEN ist eine Messenger-Gemeinde, die ihre rund 4.000 Mitglieder auf vier Messenger-Plattformen, wie Facebook und WhatsApp, miteinander verbindet. Relativ frei von Zeit und Raum entscheiden unsere Abonennt*innen, wann sie die Angebote nutzen. Sie gestalten die wöchentlichen Impulse – und die Gottesdienste, die es seit Corona gibt – mit ihren Gedanken, Worten und Bildern mit. Seit 2016 sind wir für all diejenigen da, die auch in ihrem digitalen Sozialraum mit Kirche in Kontakt sein wollen. Gegründet im Bistum Speyer gehören mittlerweile auch die röm.-kath. Bistümer Freiburg, Köln und Würzburg mit dazu, in den Startlöchern stehen das Bistum Trier und die Evangelische Landeskirche in Baden.

Neben den Impulsen und Gottesdiensten, die DA_ZWISCHEN einfach mal im Messenger auftauchen, hat die Corona-Pandemie uns dazu ermutigt, den digitalen Lebensraum stärker für den persönlichen Kontakt zu nutzen. So gab es im letzten Winter „Kontakt, Kunst und Karamell” mit Austausch und Gebet und vielen verschiedenen Wort- und Musikkünstler*innen per Videokonferenz.

Kunst im Digitalen Raum

Wir, als Kirche im Digitalen, suchen sehr bewusst den Kontakt zu zeitgenössischen Künstler*innen mit digitaler Affinität. Dabei geht es um mehr als nur „hip” oder „trendy” zu sein: Es hat etwas damit zu tun, wahrzunehmen, dass der digitale Raum eine eigene Ästhetik entwickelt hat, die zur Identität derer gehört, die die digitalen Räume gestalten. Kunst und Kirche im Digitalen muss sich für und in diesem Raum neu erfinden, um als integraler Bestandteil der digitalen Lebenswelt wahrgenommen zu werden.

Das Herausfordernde des Digitalen Raumes ist dabei, dass die Trennung zwischen Künstler*innen und Rezipient*innen verschwimmt. Gerade in den Sozialen Medien kommt der Content im Wesentlichen von allen Nutzer*innen gemeinsam. Ein dort geteiltes Kunstwerk wird kommentiert, adaptiert, zitiert. Die so genannte Meme-Kultur gibt dafür ein beredtes Beispiel. Wikipedia definiert: „Bei Memes kann es sich um selbst erstellte Werke handeln, aber auch um montierte oder aus dem ursprünglichen Kontext gerissene Fotografien, Zeichnungen, Animationen oder Filme von anderen.”

Auf diese Weise entsteht ein schöpferischer Prozess, der aus einem Einzelnen ein gemeinsames Ganzes schaffen kann.

Mit dem amerikanischen Künstlerduo Scott Erickson und Justin McRoberts haben wir Protagonisten dieser neuen Kultur entdeckt, die in ihrer Arbeit Kreativität und Spiritualität verbinden. Ericksons Bilder und McRoberts’ Sätze haben durch ihre Art und Ästhetik unsere Netzgemeinde inspiriert und durch die Fastenzeit begleitet. Unter dem Stichwort „Goldader” waren die Worte und Bilder des Künstler-Duos wie Ausgrabungswerkzeuge, die mit uns gemeinsam das Wesentliche in uns, das uns trägt und lebendig macht, frei legen wollten. Durch Erickson und McRoberts sind wir inspiriert worden, die englischen Gebete ins Deutsche zu übersetzen und damit selbst kreativ und schöpferisch tätig zu werden. So inspiriert Kunst und Kirche zu weiterer Kunst.

Das Projekt Goldader

An jedem Tag der Fastenzeit haben wir an alle Teilnehmenden einen Bild- und Textimpuls verschickt. Diese Impulse entstammen dem Buch „40 Days of Prayer” von Erickson und McRoberts. Die beiden Amerikaner waren sehr schnell Feuer und Flamme von unserer Idee und haben gespannt mitverfolgt, was „The Germans” aus ihrer Kunst machen. Zu jedem Impuls gab es die Einladung, diesen zu übersetzen, entweder direkt aus dem Englischen oder in freier Assoziation zu den Bildern.

Gerahmt wurde dieser Weg durch wöchentlich stattfindende Treffen via Videokonferenz. In acht festen und je nach Anzahl zwei bis vier flexiblen Gruppen haben sich die Beteiligten über ihre Erfahrungen mit den Impulsen und ihren jeweiligen Weg durch die Fastenzeit ausgetauscht.

Gerade in dieser Lockdown-Zeit waren uns Formen von Vergemeinschaftung wichtig, in einer Zeit, in der alle – teilweise auch allein – zuhause sitzen, in der die Einsamkeit um sich greift. Da tut es gut, mit anderen Menschen verbunden zu sein. Sich in dem Videotreffen zu sehen, aber auch zu wissen: Mit mir sind über 100 andere Menschen auf dem gleichen Weg unterwegs, die mit mir gemeinsam jetzt diesen Exerzitienweg gehen. Das schafft eine Form von Verbundenheit.

Die Bilder und Texte zeigten sich als unglaublich interpretationsoffen. Im gemeinschaftlichen Gespräch kam es nicht selten zu Aha-Effekten. Details kamen ans Licht, wurden beleuchtet und im eigenen Lebenskontext neu gedeutet. Dabei zeigte sich, dass das digitale Format einen sehr niederschwelligen Zugang zu den Kunstwerken ermöglichte. Viele Nutzer*innen haben die Bilder beispielsweise als Hintergrund auf ihren Handys gespeichert und so den ganzen Tag, Lieblingsbilder gerne auch länger, immer wieder in den Blick genommen.

Die Rückmeldungen der Teilnehmenden waren durchweg positiv. Eine Nutzerin schrieb: „Danke für diese Fastenzeit mit Euch. Es war Bereicherung, Trost, Stärkung. Manchmal war es auch spannend. Und immer war es ein Stück Glück.” Auch die Beteiligung der Nutzer*innen war überdurchschnittlich hoch. Die Übersetzungen, die auf einem Padlet gesammelt wurden, füllten schon in der ersten Woche 30 DIN-A4-Seiten.

Kunst als Impulsgeber für kreative Auseinandersetzung in der Gemeinde.

Die Kunst an sich war hier Impulsgeber. Der eigentliche Schatz, die „Goldader”, lag aber in den Teilnehmenden. Wenn es gilt, dass die Wahrheit immer im Auge der Betrachtenden liegt, dann haben sich in diesem Projekt die je eigenen Wahrheiten getroffen und Stück für Stück eine tiefer liegende Wahrheit herausgearbeitet.

Auf dem 40-tägigen Übungsweg zeigte sich bald, dass die „Übersetzungen” der Netzgemeinde eine ganz eigene Qualität haben. Schnell war klar: das dürfen wir nicht einfach so verklingen lassen. Hinter den Texten der Netzgemeinde versteckten sich echte Glaubenszeugnisse und spirituelle Schätze, Goldadern im besten Sinn.

Greifbare Zukunft

Deswegen gehen wir diesen Weg weiter. Zusammen mit dem Kreativverein Godnews (godnews.de) wollen wir die Motive und Texte mit ausgewählten Übersetzungen der Netzgemeinde als fein gedrucktes Kartenset herausgeben: geplant sind 40 schwarz-gold gedruckte Karten (Format 12 x 17 cm) auf schönem Papier für das persönliche Gebet oder als Grundlage für Gruppenexerzitien und Andachten.

An dieser Stelle schließt sich dann ein Kreis, der mit dem gedruckten Buch der kanadischen Künstler begann und über einen experimentellen Austausch im Digitalen Raum in gedruckten Karten ein Ziel findet. Dabei ist uns wichtig zu betonen, dass dieses Endprodukt keineswegs von Anfang an das Ziel gewesen ist. Wir haben einen offenen Prozess begonnen, der sich in diese Richtung entwickelt hat. Das entspricht zum einen der Arbeitsweise von DA_ZWISCHEN, zum anderen aber auch der Logik des Digitalen Raums. Wir brechen auf, ohne zu wissen, wo wir landen. Wir lassen uns inspirieren und geben unsere Inspiration weiter. Daraus wächst ein großes, gemeinsames Ganzes.

Und wenn uns heute im Digitalen Raum Menschen fragen: „Seid ihr nicht die mit den Goldadern?”, dann ist auch klar: Kunst schafft auch Identifikation.

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