Keine Wissenschaft ohne Glauben Warum man Glauben und Wissen auseinanderhalten muss, aber nicht trennen kann

Philosophen wie Platon und Kant haben gezeigt, dass es Wissen ohne Glauben nicht geben kann. Auch die moderne Wissenschaft kommt ohne Glauben nicht aus. Ihre eigenen Ergebnisse nötigen sie, hoffnungs- und vertrauensvoll über sie hinauszugehen.

Alltäglicher und religiöser Begriff des Glaubens

In der öffentlichen Debatte wird der Glaube, so als sei es selbstverständlich, mit der Religion verknüpft, während das Wissen primär der Wissenschaft zugerechnet wird. Falsch ist das nicht, aber es hat wenig mit unserem alltäglichen Sprachgebrauch zu tun und schon gar nichts mit der Wortgeschichte beider Begriffe.

Wie oft sprechen wir davon, dass wir glauben, es werde bald regnen, der Urlaub sollte uns gut bekommen oder auf den Freund sei Verlass. Und wissen können wir, auch ohne Wissenschaftler zu sein, dass es jetzt regnet, dass wir soeben den Zug verpasst haben oder dass wir im 21. Jahrhundert leben. Der alltägliche Gebrauch beider Begriffe ist so vielfältig, dass wir entweder eine zusätzliche Angabe machen müssen oder uns eindeutig in religiösen oder akademischen Zusammenhängen verständigen, um das Wissen nur auf die Wissenschaft und den Glauben nur auf die Religion zu beziehen.

Die erste Theorie von Glauben und Wissen bei Platon

Hinzu kommt, dass schon in der ersten ausdrücklichen Theorie des Wissens der Glaube zu dessen notwendigen Voraussetzungen gerechnet wird, und dass bereits hier der Glaube ohne Wissen bedeutungslos ist. Beide sind somit wechselseitig auf einander angewiesen. In Platons „Liniengleichnis“, das in der Politeia dem „Höhlengleichnis“ vorangeht, werden die notwendigen Elemente des menschlichen Wissens aufgezählt (Platon: Politeia 505a – 511d):

An der ersten Stelle steht der sinnliche Eindruck, von etwas, das uns in die Augen fällt, unser Ohr erreicht oder die Haut berührt. Um diesen leibhaftigen Eindruck in einen Zusammenhang mit anderen Sinnesreizen stellen zu können, benötigt man zweitens eine Vorstellung von dem Zusammenhang, in dem sich diese Eindrücke untereinander und mit deFotor jeweiligen Person befinden.

Diese zusammenfassende Vorstellung nennt Platon Glauben, und verwendet dazu den gleichen Terminus (pistis), den er auch gebraucht, wenn er vom Glauben an die Götter spricht. Nur muss der das Wissen begründende Glaube an den weltlichen Zusammenhang der sinnlichen Vorstellungen in jedem Fall gegeben sein, wenn das Vorgestellte in eindeutiger Weise so bezeichnet werden soll, dass es anderen eindeutig mitgeteilt werden kann.

Das geschieht im dritten Schritt mit der Bildung von Begriffen, die einzelne Sachverhalte bezeichnen und bereits zum Wissen gehören. Im vierten und letzten Schritt werden die Begriffe untereinander so verknüpft, dass sie zu durch die Vernunft erschlossenen Einsichten führen, die Bedeutung sowohl für die Weltbeschreibung wie auch für die Lebensführung der Menschen haben. Hier ist der äußerste Punkt eines auch argumentativ gesicherten Wissens erreicht. Doch dort, wo dieses Wissen endet, und der Mensch gleichwohl in der Erwartung eines Erfolgs oder wenigstens eines guten Ausgangs hoffen, handeln und leben möchte, ist er erneut auf den Glauben angewiesen, den die Griechen nicht nur mit Blick auf die Götter ebenfalls pistis nennen.

Glauben und Wissen in der christlichen Religion

Das philosophisch ermittelte Ineinander von Wissen und Glauben bestimmt auch die Geschichte der großen Buchreligionen, die zwar mit dem Anspruch des Wissens Schöpfungsgeschichten erzählen und Heilsversprechen geben, nach heutigem Verständnis aber lediglich mythologisch gefasste Glaubensinhalte mitteilen. Die können auch heute noch große Bedeutung für uns haben, ohne jedoch als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung oder empirisch begründeter Prognosen angesehen zu werden.

Das Christentum macht die Unterscheidung von Wissen und Glauben zum Teil seiner Verheißung.

Die christliche Lehre hat das religionsgeschichtliche Verdienst, die erstmal von den griechischen Philosophen entwickelte Unterscheidung zwischen Wissen und Glauben zum Element ihrer religiösen Verheißung zu machen. An die erlösende Botschaft Jesu Christi muss man glauben, unbeschadet des Wissens, von dem die politische Organisation des römischen Reiches, das Gesetz der Juden oder die Überzeugungen anderer Kulturen geprägt sind. Für Paulus ist dies die Voraussetzung seines vom Geist der Toleranz geleiteten Missionsgebots. Er will der Apostel aller Menschen sein und dabei erkennt er nicht nur die Steuerhoheit des römischen Kaisers an, sondern auch die von anderen Überzeugungen geprägten Lebensgewohnheiten in den griechischen Stadtkulturen Kleinasiens – sofern sie der Lehre Christi nicht direkt widersprechen.

Auch die Juden sind davon nicht ausgeschlossen. Der von Paulus inspirierte Hebräer-Brief führt den gelehrten Juden vor, wie das, was im Alten Testament als geschichtliche Weissagung (und somit nach Art eines Wissens) behauptet wird, im Licht des Evangeliums zum Gegenstand des Glaubens werden kann.

Offenbarungsgeschehen und historische Fakten

Genau genommen, ist schon das Offenbarungsgeschehen kein mit den Kriterien exakten historischen Wissens zu erfassender Tatbestand. Vielmehr ist es ein bereits von gläubigen Erwartungen getragenes Ereignis, das in der Anteilnahme der Gläubigen den Charakter eines übermenschlichen Geschehens gewinnt, das nicht anders denn als unwiderlegliches Zeichen göttlicher Gegenwart verstanden werden kann. Das ist eine Konsequenz, die schon Schleiermacher gezogen hat, nachdem er in der Pioniertat seiner Leben-Jesu-Forschung feststellen musste, dass sich kein Detail des überlieferten Offenbarungsberichts nach den Kriterien strenger geschichtlicher Forschung belegen lässt (F.D.E. Schleiermacher: Vorlesungen über das Leben Jesu, hg. v. Walter Jaeschke, Krit. Gesamtausg. Bd. 15, Berlin/Boston 2019).

In der historisch ebenfalls einzigartigen Annahme, der sich im Evangelium offenbarende Gott sei ein liebender Gott, sind sich die alltägliche und die religiöse Verwendung des Glaubensbegriffs besonders nahe: Schon in der zwischenmenschlichen Liebe kommt man, wenn sie denn ernst gemeint ist, nicht ohne Glauben aus. Und die religionsgeschichtliche Innovation im christlichen Glauben an die Liebe Gottes zu dem Menschen liegt darin, dass sie nur in der korrespondierenden Liebe des Menschen zu Gott erfahren werden kann.

Dieser Gottesbegriff ist selbst auf einen Glauben gegründet. Ihm ist zwar das Wissen von der Sterblichkeit des Menschen, von seiner Fehlbarkeit und seinem Leiden eingeschrieben, aber er kommt gänzlich ohne ontologische, kosmologische oder gar auf geschichtliche Tatsachen gegründete „Gottesbeweise“ aus. Er ist auch nicht auf die Proklamation übernatürlicher Wahrheiten angewiesen, hat keine sich selbst widersprechenden Transzendenzbehauptungen nötig und kann auch auf die willkürliche Auszeichnung von etwas „Heiligem“ verzichten. Ihm genügt das erhebende Erleben der Entsprechung zwischen dem unbegreiflichen Ganzen des Daseins und dem ihm korrespondierenden Ganzen der menschlichen Person. Sie kann durch kein Wissen ausgelotet werden, kann jedoch von dem ohnehin auf den Glauben angewiesenen Menschen im vertrauensvollen und zuversichtlichen Ja des Glaubens angenommen werden.

Wissenschaftliches Wissen und wissenschaftlicher Glaube

Dass die moderne Wissenschaft in eine Frontstellung gegenüber der Religion geriet und sich vom späten 18. Jahrhundert an sogar als rein „positiv“ verstehen konnte, hat historische Gründe, die wesentlich durch die Abwehrhaltung der Kirchen gegenüber den empirischen Wissenschaften begründet sind. Dass insbesondere die römisch-katholische Kirche – aber gewiss nicht sie allein! – durch die Erkenntnisse der Kosmologie, der Medizin und der Biologie ihre Dogmen gefährdet sah, ist bekannt. Und verständlich ist die Opposition auch deshalb, weil die Geistlichen selbst nicht in der Lage waren, vorbehaltlos zwischen Wissen und Glauben zu unterscheiden.

Hier liegt das eigentliche theologische Versagen der Kirchen, die es nicht vermochten, die genuin humane Grundlage ihrer Botschaft zu klären. Bis heute fallen sie, zumeist in dem Bestreben ihre öffentliche Wirksamkeit zu demonstrieren, in die alten Fehler zurück, nicht in der erforderlichen begrifflichen Klarheit zwischen religiösem Glauben und der wissenschaftlich-technischen Erkenntnis im politischen Raum zu unterscheiden.

Ohne Glauben kein Wissen

Doch so leicht es fallen sollte, aus der Sicht des religiösen Glaubens die Grenze zu einem Wissen zu achten, das Gegenstand empirischer oder konsistenter logischer Prüfung ist, so schwer fällt Wissenschaftlern das Eingeständnis, dass auch sie dem Glauben nicht entkommen. Das muss, wohlgemerkt, kein bestimmter religiöser Glaube sein. Aber es ist ein Glaube, der bereits in das Fundament des wissenschaftlichen Wissens eingelassen ist, und der sie spätestens dort in seinen Bann zieht, wo ihr Wissen endet.

Der Glaube ist bereits in das Fundament des wissenschaftlichen Wissens eingelassen.

Zur fundierenden Rolle des Glaubens hat Platon schon alles gesagt; und wem dies nicht genügt, der lese bei Kant nach, wie er die Stufenfolge von Meinen, Glauben und Wissen bestimmt: Ohne das Vertrauen in die integrative Kraft unserer Vorstellungen, die aus den verschiedenen sinnlichen Eindrücken von uns für wahr gehaltene Einheiten schaffen, welche dann zur Grundlage unseres begrifflichen Weltbezuges werden, kommt gar kein Wissen zustande (Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, 3. Abschn. des Kanons der reinen Vernunft. Akad.-Ausg. Bd. 3, S. 533). Man muss schon an das Wissen und seine Möglichkeiten glauben, um sich derart um sie zu bemühen, dass man als Wissenschaftler gelten kann.

Der Glaube an den Wert der Wissenschaft

Das ist schon deshalb schwerer, als es erscheint, weil das Wissen nicht immer dasselbe bleibt. Man könnte dem Wissen auch in seiner impliziten Angewiesenheit auf den von ihm selbst bewirkten Fortschritt misstrauen. Hinzu kommen die zahlreichen Fehlschläge, die es mit seiner Anwendung nach sich zieht. Dennoch hält das Gros der in der Wissenschaft tätigen Personen nicht nur an dem Wissen, das sie haben, sondern auch nach dem sie streben, fest und gehen davon aus, dass sein Nutzen die ebenfalls offensichtlichen Nachteile durch Missbrauch oder Versagen überwiegt. Hier also gibt es einen pragmatischen Glauben, der sich mit dem Vertrauen auf den Wert der Erziehung, der Kultur oder der Kunst verbindet. Ohne diesen Glauben ist die Wissenschaft nicht möglich. Nicht anders ist es mit der Moral, dem Menschenrecht oder der Humanität, für die es zwar gute Argumente gibt, an deren geschichtliche Tragfähigkeit wir jedoch auch nur glauben können  (vgl. Volker Gerhardt: Humanität. Über den Geist der Menschheit, München 2019).

Wissenschaftliche Erkenntnis genügt nicht, um das Leben zu bewältigen

Beim Wissen und der Wissenschaft kommt aber noch etwas hinzu, das jeden Positivismus (so sympathisch er in seiner Bescheidenheit auch sein mag) verbietet: Auch unter dem nüchternen Anspruch positiven Wissen müssen seine Anwälte eingestehen, dass es niemals reicht, um das zu seiner Zukunft offene menschliche Leben zu bewältigen. Wohlgemerkt: Hier muss noch von keinen den Tod oder die Grenzen von Raum und Zeit überschreitenden Erwartungen die Rede sein; es genügt, an die Ereignisse des morgigen Tages oder an die des nächsten Jahres zu denken, und schon verlässt uns das sichere Wissen – ganz gleich ob es Krieg oder Frieden, die Entwicklung der Weltwirtschaft oder die Klimaschwankungen betrifft. Wir haben Prognosen, die sich auf vergleichsweise verlässliche Daten, im einen oder anderen Fall sogar auf „Naturkonstanten“, stützen können. Aber für das, was wirklich eintreten wird, gibt es nur Extrapolationen, die wir in der Regel unbesehen übernehmen und im politischen Handeln, in der Planung von wissenschaftlichen Projekten oder in unserer eigenen Lebensplanung einfach als verlässlich unterstellen. Und in dieser Unterstellung liegt ein Glauben, den man umso klarer als solchen erkennt, je größer der wissenschaftliche Anspruch an uns selber ist.

Wissenschaft nötigt selbst dazu, über sie hinauszugehen

Es ist die Wissenschaft, die vielleicht schon in den frühen Kulturen der Sumerer, Babylonier und Ägypter die Menschen genötigt hat über das, was sie in Astronomie, Mathematik, Medizin oder Recht nicht mit hinreichender Sicherheit in Erfahrung bringen konnten, durch Religion hinauszugehen und es so zu versichern. Gleichwohl gibt es hier nur Vermutungen. Das ist heute nicht anders geworden, obgleich wir mit guten Gründen auf einer methodisch gesicherten Trennung bestehen können. Und so lässt sich heute mit größter Gewissheit sagen, dass es keine andere Leistung der Menschheit gibt, die sie mit vergleichbarer Zwangsläufigkeit nötigt, hoffungs- und vertrauensvoll über das Wissen hinauszugehen, wie die Wissenschaft! Wer an der Wissenschaft festhalten will, dem bleibt angesichts ihrer begrenzten Reichweite gar nichts anderes übrig, als sowohl ihre grundständigen wie auch ihre immer wieder von neuem entstehenden Defizite durch Glauben zu kompensieren.

Wissen, Nicht-Wissen und Glauben

Nicht ohne Grund sind es die Pioniere der Wissenschaften des 19. und des 20. Jahrhunderts, wie Darwin oder Einstein, denen es durch ihre Forschungen und Theorien gelungen ist, den Horizont des menschlichen Wissens wesentlich zu erweitern. Sie sind es aber auch, die uns daran erinnert haben, dass jeder Erkenntnisgewinn das Bewusstsein vom Ausmaß unseres Nicht-Wissens maßgeblich erhöht. Wir können nur im Einverständnis mit uns selber leben, wenn wir uns den Glauben an die Möglichkeit und den Sinn menschlichen Handelns bewahren.

Das muss kein kirchlicher Glaube sein. Aber es lässt sich zeigen, dass der auf Gründe gestützte, ernsthaft verfolgte und individuell verantwortlich wahrgenommene Glaube an den Sinn unseres Daseins eine Bedeutung hat, die den historischen Formen des religiösen Glaubens am nächsten stehen (vgl. Volker Gerhardt: Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, München 2014/2016).

2 Gedanken zu „<span class="entry-title-primary">Keine Wissenschaft ohne Glauben</span> <span class="entry-subtitle">Warum man Glauben und Wissen auseinanderhalten muss, aber nicht trennen kann</span>“

  1. Ich habe den Glauben an das Christentum aufgegeben. Die meisten in der Bibel genannten Personen haben aufgrund historischer Forschungen überhaupt nicht existiert. Im Übrigen: was soll das für ein Gott sein, der ein Volk (die Juden) zu einem auserwählten Volk macht ?

  2. Für Christen ist entscheidend, dass die Person Jesus von Nazareth wirklich gelebt hat, und das wird auch von Historikern kaum ernsthaft bestritten. Bei vielen anderen Personen der Bibel ist nicht entscheidend, ob sie historisch so existiert haben, wie die Bibel es beschreibt. Denn die Bibel ist eben auf weite Strecken kein Geschichtsbuch, das historische Fakten überliefern will, sondern ein Geschichten-Buch, in dem Menschen von persönlichen Glaubenserfahrungen erzählen.
    Im Übrigen: Warum sollte es gegen Gott sprechen, das er ein Volk (das Volk Israel) auswählt, um es mit einer besonderen Aufgabe (für alle Völker) auszustatten und sich ihm gleichzeitig in besonderer Weise zu verpflichten?

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