Keine Zeit für Held*innen Zur Rolle von Vorbildern der heranwachsenden Generation

Aus der Lerntheorie wissen wir seit Albert Banduras Modelllernen, dass der Mensch auch durch Beobachtung lernen und neue Kompetenzen erwerben kann. Die Motivation dazu bekommen wir durch Vorbilder. Aber wer sind die Held*innen der jungen Generation?

Nach Bandura können andere Menschen als „Modell“ gesehen werden. Durch Beobachtung desselben lernen wir schneller und risikoärmer. Das gibt Vorbildern Verantwortung und verleiht der Frage Gewicht, wer das denn für die jungen Menschen ist.

Vorbilder zwischen Konsum und Klimawandel

Ein moderner Klassiker des HipHops läuft über die Box, die Trikots sind von Manchester City, Paris Saint German oder Real Madrid und tragen die Namen von Fußball-Superstars. Die Schuhe glänzen. Air Jordans. Die Jungs der siebten Klasse werfen ein paar Körbe auf dem Schulhof, der Unterricht ist längst aus, jetzt kommt das, was für viele Jugendlichen wirklich zählt. Freizeit.

Und nirgendwo sind Vorbilder mehr zu spüren als in der Freizeit, in der die Jugendlichen, die gerade in einer der prägendsten Phasen ihres Lebens stecken, nach Orientierung, nach Idealen, nach Zielen für ihr Leben suchen. Schon längst wurde dieser Markt erschlossen, in den sozialen Medien werben Influencer*innen für Produkte, indem sie zumindest vorgeben diese auch selbst zu benutzen, Rapper*innen verkaufen auch Getränke und Lebensmittel, Fußballer*innen empfehlen Versicherungen, Chips, Rasierer oder Parfum.

Dennoch begeistert sich die junge Generation eben auch für Menschen, die versuchen die Welt besser zu machen, seien das Greta Thunberg oder Luisa Neubauer oder Carola Rackete. Die SINUS-Jugendstudie kommt zu dem Schluss, dass für viele junge Menschen die Klimakrise eine der zentralen Fragen ist, und die Jugendlichen durchaus politisch interessiert sind, sich aber kaum vertreten fühlen.

Bei der Vielfalt und Menge an Menschen, die sich den Jugendlichen als Vorbilder anbieten – wer konkret sind die Menschen, die den größten Einfluss auf sie haben? An wem wird sich denn wirklich orientiert?

Wenn ich an echte Vorbilder denke…

Es ist Zeit, das Basketball-Spiel für ein ehrliches Gespräch auf Augenhöhe zu unterbrechen. Und schnell wird klar, dass es mehrere Gespräche geben muss, in anderen, geschützteren Settings. Und der Neugier folgend verbrachte ich einige Tage damit, immer wieder mit Jugendlichen ins Gespräch zu gehen. Schnell wird klar, dass ein klassisches Interview-Setting dem Thema nicht gerecht wird, die Jugendlichen wollen tief einsteigen, berichten von ihnen nahestehenden Menschen und Themen. Es geht an den Kern des jeweiligen Seins. Standardisiert wurden folgende Fragen gestellt und in ein Gespräch eingebaut, um eine möglichst natürliche Gesprächsatmosphäre zu haben:

  • Wenn ich erwachsen bin, dann möchte ich sein wie:
  • Wenn ich an echte Vorbilder denke, wer ist das und warum?
  • Diesen Star bewundere ich, weil:

Von allen wurden viele nahestehende Personen als Fixpunkte, als Orientierung für das weitere Leben genannt. Also Mutter oder Vater, bei männlichenJugendlichen auch zum Teil Onkel oder Cousins. Und es wurden schon erste Einschränkungen getroffen. Dabei zeigt sich ein oft sehr traditionelles, bürgerliches Bild. „Eigentlich möchte ich sein wie mein Vater, aber ich suche mir gleich beim ersten Mal die richtige Frau, mit der ich dann immer zusammenbleibe.“ Ich möchte sein „wie niemand besonderes. Einfach ganz normal. Mit so zwei bis drei Kinder. Einem guten Beruf. Vielleicht einem Haus mit Garten.“

„Bin Stammspieler wie Benzema“ (Capital Bra, Benzema)

Sobald das Gespräch in Richtung medial inszenierter Vorbilder geht, sind die Jugendlichen oft sehr differenziert. Klar möchten sie den Style und den Swag, den Reichtum, haben, aber sie erkennen auch den Preis. So wird Mbappé eben bewundert, weil er gut Fußball spielen kann, und dient in diesem Bereich als Vorbild, aber das Leben von Mbappé will keine*r führen. Auch Influencer*innen werden immer wieder genannt, da aber oft auch für Details. „Die hat voll Style.“ „Der ist halt witzig.“ Und es ist klar, dass dies eben nur Teilaspekte des Lebens sind. Die wichtigeren Dinge werden dem auch immer gegenübergestellt „Klar wäre ich gerne fame, aber ehrlich: lieber glücklich und die Menschen um mich rum glücklich machen“.

Jeder Mensch macht Fehler…

Was aus den Gesprächen mit den Jugendlichen vor allem bleibt, ist, dass Influencer*innen und Stars nett sind, um an der Oberfläche zu reden, um ins Gespräch zu kommen. Schnell wollen die Jugendlichen aber über das reden, was wirklich zählt. „Mein Vorbild? Mein Vater. Der über Nacht geflohen ist, weil er niemals eine Waffe in die Hand nehmen wollte. Der Menschen so sehr nicht töten wollte, dass er seine Familie zurückgelassen hat. Und der dann alles getan hat, um seine Familie wieder bei sich zu haben.“

„Am meisten beeindruckt bin ich von meinem Bruder. Der hatte es durch seine Behinderung nicht so leicht wie ich, aber der geht seinen Weg.“

„Wissen Sie, meine Mutter kam in dieses Land und konnte die Sprache nicht. Aber sie war immer für uns da. Sie hat gearbeitet, sie hat dafür gesorgt, dass wir was zu essen hatten, dass wir neue Stifte im Mäppchen hatten und vernünftige Kleider. Klar ist die mein Vorbild. Weil ich es jetzt viel besser habe als sie, will ich zeigen, dass ich was werde. Um ihr all das zurückgeben zu können.“

Genervt sind alle Befragten schnell, wenn es um Fehler der Vorbilder geht. Es wird ein deutliches Unverständnis geäußert gegenüber der medialen Kritik an Personen des öffentlichen Lebens. „Herr Germann, jeder Mensch macht Fehler. Sie und ich doch auch. Warum hacken dann alle immer gleich darauf rum? Die sollen sich entschuldigen und es dann besser machen. So machen wir das doch auch.“

Auch Menschen wie Greta Thunberg bekommen Respekt zugesprochen, für das, was sie tun. Aber nicht, um blind als Vorbild adaptiert zu werden, sondern als Anregung dafür, etwas mehr Umweltschutz in den eigenen Alltag, in der eigenen Welt umzusetzen. „Das ist schon echt gut, dass die was bewegen, das haben Sie und unsere Eltern ganz schön verkackt. Wir essen jetzt zuhause kein Fleisch mehr und fahren mehr mit dem Rad. Das fanden meine Eltern am Anfang zwar, glaube ich, sehr nervig, aber wir machen das jetzt so.“

Die mediale Dekonstruktion der öffentlich kolportierten Vorbilder ist allgegenwärtig, und so sehr der Wunsch nach dem umfassend Guten menschlich ist, so sehr müssen alle Menschen an diesem Anspruch scheitern. Dass gerade die jungen Menschen dies durchschauen und sich sehr genau überlegen, wer ihnen zum Vorbild taugt, macht mich als Pädagoge sehr glücklich. Dass Menschen eben wegen ihres Fußballspiels bewundert werden, ihnen aber dennoch in einem gewissen Rahmen menschliche Fehler verziehen werden.

Vorbilder, die Schule machen

In den Gesprächen wurden auch immer wieder Beispiele aus dem Schulalltag genannt. Einerseits verbringen die Schüler*innen hier viel ihrer Lebenszeit, andererseits findet natürlich das Gespräch innerhalb der Schule statt. Dennoch schienen die Schüler*innen authentisch und vertrauensvoll zu sprechen. Die Schüler*innen gingen da immer weiter von dem Begriff des Vorbilds als allumfassendes Idol weg und bewegten sich mehr in der Kategorie, die bei Banduras ›Lernen am Modell‹ funktioniert. Es wird die herzliche Art der einen Kollegin benannt, die gelassene Art eines anderen Kollegen oder die Beobachtung, dass es Menschen wie die Schulleitung gibt, die die Schule für ihre Schüler*innen besser machen will. Immer wieder werden Menschen benannt, die den (Schul-)Alltag bereichern, durch ihr Lachen, ihre Art zuzuhören, ihre Sicht auf die Welt.

Alle, die vor dieser gerade heranwachsenden Generation leben, „leben vor“, sind potenzielle Vorbilder. Also nicht nur die Stars, sondern besonders die Menschen aus der (familiären) Nähe. Als solche haben wir Verantwortung, unser eigenes Verhalten zu reflektieren. Jede*r, der oder die schon mal versucht hat, einem Jugendlichen etwas zu verbieten, an das er oder sie sich selbst nicht hält, weiß, dass das nicht funktioniert. Das ist die Kehrseite von Banduras Modelllernen. Zum Glück besteht seine Theorie nicht nur aus der Beobachtung von Modellen. Durch Selbstreflexion können Menschen ihr Verhalten überdenken, mit den Sichtweisen anderer (sozial) und dem eigenen Wissen (logisch) abgleichen. Und so Fehler verzeihen.

Sicher wird auch diese junge Generation nicht alles perfekt machen. Aber sie erkennen das Gute auch in uns, wenn wir es zeigen, und sie verzeihen. Wenn wir bereit sind, an uns zu arbeiten.

Oder, um mit dem Rapper Capital Bra zu schließen:

Ich bin kein Lehrer, ich bin kein Politiker,
Ich hab’ nix studiert oder so irgend einen Scheiß, Bruderherz
Aber ich weiß was vom Leben
Und ich weiß, ich weiß, Gott ist auf unserer Seite
Bei den Menschen, die ein reines Herz haben
Habt ein reines Herz und ihr kommt weiter

(Capital Bra, Der Bratan bleibt der gleiche)

Capital Bra ist ein deutscher Rapper mit ukrainischer Staatsangehörigkeit. Mehrere seiner erfolgreichen Songs handeln von Fußballstars wie Mbappé, Zinedine Zidane oder Karim Benzema. Dabei geht es nicht nur um Fußball – diese Sportler stehen dafür, dass sich Fleiß auszahlt. Wie die von ihm besungenen Fußballer schafft es Capital Bra, zum Star zu werden und wird so selbst zur Identifikationsfigur.

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