Vorbilder Ausgabe 3/2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist früher Samstagabend: Am strahlend blauen Himmel, formiert sich aus dem Nichts, aus kleinen weißen Wölkchen, der Schriftzug „ABI 2022…“. Was ist das denn? Und wie kommt sowas zustande?
Großes Fragen bleibt, bis am Montagmorgen der Presse zu entnehmen ist, dass fünf Kunstflieger, darunter ein Vater eines Abiturienten, dieses Himmelsspektakel für die Abschlussfeier der Schulabgänger*innen kreierten.

Wunderbar – war es anzusehen – und wunderbar schnell hat es sich in Schall und Rauch wieder aufgelöst. Wunderbar – was Eltern als Vorbilder alles vollbringen – und wunderbar, dass es immer noch höher geht, noch außergewöhnlicher, noch optimierter und noch…. Fragt sich nur: Wer fand das wunderbar?

Die Abiturient*innen die freitags die Schule „geschwänzt“ haben und zur Fridays for Future-Demo gegangen sind, jedenfalls nicht! Dass wir (Eltern) so manches „verkackt“ haben, müssen wir uns leider immer wieder von der jungen Generation sagen lassen, umso besser, wenn Hannes Germann sich mit seinen Schülerinnen und Schülern auf die Suche nach „Vor-Leber*innen“, mit Fehlern und Schwächen, macht.

Eins ist klar: Kein Mensch ist fehlerfrei und kein Vorbild perfekt. Selbst wenn ich zu Pinsel und Papier greife, mir die wärmsten und schönsten Farbtöne aussuche und mir, wie auf dem Titelbild erkenntlich, mein eigenes Bildnis schaffe, ein abstraktes, anmutendes Vorbild, das nur für mich existiert, werde ich früher oder später erkennen müssen, dass sich auch auf dieses Bild mit der Zeit ein Grauschleier legt.

Und wie sieht es mit den Selbstoptimierungspraktiken und den unerschöpflichen technischen Möglichkeiten aus, die mir durch die Werbung Tag für Tag auf dem Silbertablett serviert werden, damit ich zum „besseren Ich“ werde? Grundsätzlich, so Hermann Diebel-Fischer, ist es nicht verwerflich, wenn Menschen mehr auf sich Acht geben. Nur in welcher Art und Weise und zu welchem Preis? Lesen Sie selbst, was es mit der Exerzitien-App Evermore, herausgegeben von der Evangelischen Landeskirche Hannover, auf sich hat.

Richtig angefixt hat mich die Antwort von Manfred Schütz in der Theologischen Werkstatt auf Dietrich Bonhoeffers Frage, „was das Christentum oder auch wer Christus heute für uns eigentlich ist?“

Ich meine es ist Zeit, wieder einmal in sich zu gehen und die Frage zuzulassen: bin ich, sind Sie, seid ihr eigentlich jemandem ein Vorbild?

Die Redaktion wünscht Ihnen eine vorbildliche (Urlaubs-)Lektüre
Ihre

Andrea Wenz

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