Leben jenseits unseres Planeten? Fiktion und Wirklichkeit als Herausforderung an die Theologie

Die Entdeckung von Exoplaneten, Erkenntnisse der Astrobiologie und die Weltraumfahrt geben auch der systematischen Theologie neu zu denken. „Schuf“ Gott „die Erde“, so bedeutet das bewohnbares Land. Wissenschaftler rechnen mit vielen habitablen Zonen im Universum.

Anfang des 20. Jahrhunderts soll es in New York eine Massenpanik gegeben haben, als H.G. Wells Buch The War of the Worlds als realistisch anmutende Radioreportage ausgestrahlt wurde. Denn es handelt von einem Angriff der Marsianer in dreibeinigen Kampfmaschinen. Auch wenn dieser Bericht vermutlich stark übertrieben ist, wird daran doch deutlich, wie verbreitet einmal die Annahme war, unser Nachbarplanet sei bewohnt. Tatsächlich wurde erst durch die NASA-Missionen zum Mars deutlich, dass es sich bei diesem Planeten um eine ziemlich lebensfeindliche Umgebung handelt – jedenfalls was Leben angeht, wie es uns bekannt ist.

Viele Welten als Ausweis der göttlichen Majestät

In früheren Jahrhunderten wusste man noch nicht so viel über die Planeten unseres Sonnensystems. Selbst berühmte Astronomen wie Wilhelm Herschel nahmen im Analogieschluss an, auch die anderen Planeten seien wie die Erde bewohnt. Ja, sogar Mondbewohner und Sonnenbewohner wurden postuliert. Es wimmelte in der Vorstellung vieler Menschen derart von Leben im Universum, dass sogar Immanuel Kant bis ans Ende seines Lebens an dieser Annahme festhielt. Thomas Paine sah sich Ende des 18. Jahrhunderts gar genötigt, von hier aus das konventionelle Christentum zu attackieren: „… zu glauben, dass Gott eine Vielzahl von Welten geschaffen hat, wenigstens so zahlreich wie das, was wir Sterne nennen, macht das christliche Glaubenssystem auf einen Schlag klein und lächerlich und verstreut es im Verstand wie Federn in der Luft“ (1794).

Dabei hatten Theologen wie William Derham (Astro-Theologie 1715) nicht unwesentlich dazu beigetragen, die Vorstellung einer Vielzahl von Welten bekannt zu machen. Und nicht allen erging es so wie Giordano Bruno, der für seine innovativen Spekulationen mit dem Scheiterhaufen bestraft wurde. Neben dem kopernikanischen Prinzip oder auch Prinzip der Mittelmäßigkeit, das den Analogieschluss von der Erde auf andere Orte im Universum nahelegte, galt das Prinzip der Fülle. Die Himmel erzählten in der Tat die Ehre Gottes, und je reicher an Leben das Universum war, umso eher gereichte das Gott zu Ehre.

Science-Fiction: vom Spielplatz der Fantasie zum Feld wissenschaftlicher Forschung

Nun, das ist Geschichte. Die Geburt von H.G. Wells (1866–1946), Urvater des Science-Fiction, ist bereits 150 Jahre her. Leben diese Vorstellungen jetzt nur noch in der Literatur fort? Oder wie stehen wir heute zu der Frage nach Leben jenseits unseres Planeten? Der 150. Geburtstag von Wells und das 50. Jubiläum der bekannten amerikanischen Science-Fiction Serie Star Trek hat vor kurzem das renommierte Wissenschaftsjournal Nature veranlasst, der Rolle von Science-Fiction in der Wissenschaft eine Ausgabe zu widmen. Bereits seit 2014 haben sich am Center for Space and Habitability der Universität Bern Philosophen, Literaturwissenschaftler und Theologen mit Weltraumforschern zusammengefunden, um die Bedeutung möglichen Lebens jenseits unseres Planeten zu diskutieren. Auch das Center of Theological Inquiry in Princeton widmet sich derzeit mit Hilfe von NASA-Geldern ähnlichen Fragen.

Was hat sich getan, dass diese heute wieder en vogue sind? Anfang der 1960er Jahre begann die Suche nach intelligentem extraterrestrischem Leben (SETI) mit Hilfe von Radioteleskopen. Pionier war hier Frank Drake, von dem auch eine berühmte Gleichung zur Einschätzung der Häufigkeit des Vorkommens desselbigen stammt. Ebenfalls in den 1960er Jahren kam die sogenannte Exobiologie als Wissenschaft von extraterrestrischem Leben auf. Der Begriff wurde von dem Nobelpreisträger Joshua Lederberg geprägt, und er verband damit in erster Linie die Suche nach Leben auf dem Mars. Nachdem das erste Ergebnis der Viking-Missionen Mitte der 1970er Jahre dorthin aber eher negativ war, begann man, am Sinn einer wissenschaftlichen Disziplin zu zweifeln, deren Gegenstand (außerirdisches Leben) unbekannt war bzw. vielleicht gar nicht existierte. Die Exobiologie erlebte eine Wiederbelebung als Astrobiologie, welche die Frage nach Ursprung und Entwicklung des bekannten Lebens auf der Erde einschließt und somit offensichtlich einen Untersuchungsgegenstand hat. Exobiologie ist also heute ein Teil der Astrobiologie, teilweise werden die Begriffe (ebenso wie der Ausdruck Bioastronomie) aber auch synonym benutzt.

Intelligent und extraterrestrisch – eine fixe Idee oder von berechenbarer Häufigkeit?

Auftrieb hat die Astrobiologie zunächst durch die Entdeckung von Extremophiles erhalten, also von Mikroorganismen, die auf der Erde unter äußerst extremen Bedingungen gedeihen können. Vor gut 20 Jahren dann entdeckte man die allerersten Exoplaneten. Planeten außerhalb unseres eigenen Sonnensystems wurden für wahrscheinlich gehalten, doch konnten sie bis dato nicht beobachtet werden, da sie nicht leuchten. Man hat nun, unter anderem mit Hilfe verbesserter Beobachtungsgeräte, verschiedene Techniken entwickelt, um solche weit entfernten Planeten doch noch aufzuspüren. Bereits einige Hunderte sind verifiziert, doch wenn man mal annimmt, dass jeder Stern in unserer Galaxie wenigstens einen Planeten um sich kreisen hat, können wir bereits die Existenz von ca. 300 Milliarden Planeten annehmen. Wenn man wiederum weiß, dass es einige hundert Milliarden Galaxien in unserem Universum gibt, wird selbst bei einer geringen Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Leben die Annahme, dass es weiteres Leben im Universum gibt, doch sehr plausibel. Anhalt dafür könnten Biosignaturen in der Atmosphäre der jeweiligen Exoplaneten liefern, für deren (visuelle) Analyse man aber zumeist Weltraumteleskope braucht, die derzeit noch in der Entwicklung sind.

Die Suche wird sich dabei auf habitable Planeten konzentrieren, also auf Planeten, auf denen flüssiges Wasser existieren kann. Denn man geht davon aus, dass dieses Medium ein wesentliches Element für die Entwicklung von Leben darstellt. Nun hat man auch in unserem Sonnensystem bereits mehrfach Wasser auf anderen Himmelskörpern gefunden, jedoch noch keine einzige extraterrestrische Mikrobe. Die Hoffnungen und Erwartungen, die sich auf die Untersuchung von Marsmeteoriten richteten, wurden ebenfalls enttäuscht.

Irgendwo da draußen – intelligentes Leben ohne (eine) Religion?

Sind wir vielleicht doch allein im Universum? Diese Frage zu beantworten, ist es sicher noch viel zu früh, wenn wir sie denn jemals beantworten können. Das Universum ist vermutlich einfach zu groß, um jemals mit Sicherheit sagen zu können, es gäbe außer uns kein Leben. Verbreitet ist allerdings die Annahme, komplexes Leben wie auf der Erde sei sehr, sehr selten.

Welche Konsequenzen ergeben sich nun für das theologische Schaffen? Wie gesagt, kann man angesichts der schieren Größe des Universums und der Menge der enthaltenen Planeten eigentlich davon ausgehen, dass es irgendwo da draußen weiteres intelligentes Leben gibt. Kann man annehmen, dass dort ebenfalls religiöse Vorstellungen entwickelt worden sind, oder ist dies eine Besonderheit der Menschheit? Ist Religion vielleicht nur ein Stadium in der menschlichen Entwicklung? Die frühe SETI Forschung wurde auch von der Hoffnung getrieben, die als religionsfrei angenommenen Außerirdischen würden die Menschheit von ihren religiös motivierten Konflikten befreien.

Theologische Fragen innerhalb der interdisziplinären Forschung

Dabei stehen die allermeisten Weltreligionen der Frage aufgeschlossen gegenüber. David Weintraub (2014) hat sich einmal die Mühe gemacht, die jeweiligen Haltungen zu der Frage herauszuarbeiten. Was steht dabei insbesondere für das Christentum auf dem Spiel? Ich möchte die Herausforderungen anhand der theologischen Kategorien von Schöpfung, Offenbarung und Erlösung behandeln, und das in gewissem Maße auch im Gespräch mit dem Judentum, was ich für eine bleibende Aufgabe christlicher Theologie halte.

Schöpfungstheologisch gereicht eine mehrfache „Schöpfung“ der Größe Gottes schlicht zur Ehre. Zur Zeit der Verfassung der ersten Schöpfungserzählung hatte man natürlich noch keine Vorstellung von der Erde als Planeten. „Gott schuf den Himmel und die Erde“ meint deshalb auch nicht den Planeten Erde, sondern das bewohnbare Land. Warum sollte das nicht auch auf anderen Planeten zu finden sein? Es stellt sich die Frage, ob auch Außerirdische nach dem Bilde Gottes geschaffen sein können. Gilt das nicht nur für den Menschen? Biblisch ist der Mensch lediglich ein „Erdling“ im materiellen Sinne. Das Wort für Mensch, „Adam“, hat dieselbe Wurzel wie „Adamah“, also Erde. Besonders am Menschen ist lediglich seine Verantwortung für seine Taten vor Gott, vielleicht schlicht eine Folge seiner Entscheidungsfähigkeit und Intelligenz.

In Offenbarungsfragen konzentriere ich mich auf das partikularste Moment derselben, die Offenbarung des Gottesnamens an Moses. Kann man in diesem vielleicht eine universale Bedeutung erkennen, die den ganzen Kosmos umfasst? Nach der Auffassung Martin Bubers drückt der Gottesname zum einen das Da-Sein Gottes aus, bei Moses und seinem Volk insbesondere; in einem allgemeinen Sinne versteht Buber jedoch jede „Religion als Gegenwart“. Eheje ascher ehejeh (Ex 3,14) meint dann: „ich werde dasein, als der ich dasein werde“. Die Wiederholung des Ausdrucks drückt für Buber Gottes Unverfügbarkeit und Transzendenz aus, während die erste Erwähnung seine Immanenz betont: Gott ist ohnehin da, aber gerade deswegen unverfügbar, kann nicht magisch beschworen oder zu Diensten gemacht werden. Die Weise, auf die Gott sich zeigt, ist damit in Gottes Belieben gestellt. Gott kann damit auch in anderen Religionen angetroffen werden, so Buber. Und warum nicht in den Religionen der Völker anderer Planeten, möchte ich ergänzen.

Inkarnation im Plural oder ist Gott nur in Jesus Christus „Fleisch“ geworden?

Fragen rund um das Thema der Erlösung sind nun sicherlich die schwierigsten in diesem Kontext. Es gibt die Frage, ob Außerirdische getauft werden müssten. Oder sind Sünde und Erlösungsbedürftigkeit ein spezielles Problem schwarzer Schafe, also von uns Erdenbewohnern? Sogar Immanuel Kant hat über Ähnliches spekuliert. Gehen wir mal davon aus, dass alle verantwortungsfähigen Kreaturen „allzumal Sünder“ sind, dann braucht es auch eine kosmische Dimension der Erlösung. Die Vorstellung des – modern so genannten – „kosmischen Christus“ (Kol 1,15-17) antwortet theologisch auf diese Herausforderung. Doch ist dies nicht Ausdruck des alten Geozentrismus, wenn die Erlösungsgeschichte auf Erden soteriologisch (heilsgeschichtlich) im Zentrum des Kosmos stehen soll?

Man macht sich daher von alters her und auch in der neueren Theologie Gedanken über potentielle multiple Inkarnationen, und wie diese sich zur Einheit und Einzigkeit Gottes verhalten können. Das ist auch im Dialog mit dem Judentum natürlich eine wichtige Frage. Wenn man am Monotheismus festhalten will, muss man nach meiner Überzeugung davon ausgehen, dass – selbst wenn die Bewohner fremder Welten also ihre eigenen Sonnen haben – die Offenbarung und Erleuchtung ihnen von der einen Lichtquelle kommen muss, die uns auch hier auf Erden aufgeschienen ist.

Zum Weiterlesen

Armin Kreiner: Jesus, Ufos, Aliens. Freiburg 2011; Andreas Losch: Kants Wette. Von Kants starkem Glauben an außerirdisches Leben, der Geschichte dieser Fragestellung und ihrer Herausforderung für die Theologie heute, in: Theologische Zeitschrift 1/2015, S. 23-47

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