Gemeinsam mit dem Informatiker Albrecht Schmidt veranstalteten die evangelischen aspekte ein Experiment. Was geschieht, wenn ein Autor das Lesen und das Schreiben Künstlicher Intelligenz (KI/AI) überlässt?
Dieser Text beginnt mit einem Selbstversuch. Ich schreibe über das Lesen – und lasse mir dabei von einer Maschine helfen. Ich nutze ein großes Sprachmodell, ein KI-System wie ChatGPT oder Claude, und gebe ihm eine Aufgabe: Worum soll es gehen? Für welche Leserschaft? In welchem Ton? Wenige Sekunden später antwortet die Maschine mit Gliederungsvorschlägen, Formulierungen, Gegenfragen – und manchmal mit Sätzen, die ich sofort verwerfe.
Ein Experiment: Lesen lassen?
Schon dieser einfache Vorgang zeigt, wie sehr sich geistige Arbeit verändert. Der Computer ist nicht mehr nur Schreibmaschine oder Lexikon. Er wird zu einer Art Denkgegenüber. Er ersetzt nicht mein Urteil, und trägt keine Verantwortung für das, was am Ende unter meinem Namen erscheint. Aber er kann ordnen, variieren und Einwände simulieren. An den Universitäten ist das längst Alltag. Studierende nutzen KI, um Vorlesungsinhalte zu verstehen oder Hausarbeiten zu strukturieren. Forschende verwenden sie für Literaturüberblicke, Übersetzungen, Ideenskizzen oder bei der Überarbeitung.
Eine grobe Erfahrung lautet: In vielen sprachlichen Aufgaben ist KI besser als der Durchschnitt, aber schlechter als die Besten. Sie liefert Entwürfe, Zusammenfassungen und Ordnung im Unübersichtlichen. Schwach bleibt sie dort, wo es um tiefes Fachurteil, Verantwortung oder neues Denken geht. Wer wenig weiß, erkennt ihre Fehler schwer. Wer viel weiß, kann sie produktiv nutzen.
Das eigentliche Experiment besteht deshalb nicht darin, ob KI einen Artikel schreiben kann. Die interessantere Frage lautet: Was geschieht mit uns, wenn wir Teile des Lesens und Schreibens auslagern?
Lesen als Denkwerkzeug
Lesen beginnt nicht erst im Buch. Es beginnt vielleicht schon in dem Moment, in dem wir einen Gedanken notieren, damit er nicht verloren geht. Ein Satz auf einem Zettel, eine Randbemerkung im Buch: All das sind kleine Formen ausgelagerten Denkens. Was aufgeschrieben ist, muss nicht mehr allein im Gedächtnis gehalten werden. Es kann warten, wiedergefunden werden und uns später widersprechen.
In diesem Sinn ist Schrift ein zweites Gedächtnis. Sie ermöglicht Distanz zu den eigenen Gedanken. Erst wenn ein Gedanke vor uns steht, können wir ihn betrachten, ordnen, und mit anderen Gedanken verbinden. Lesen ist dann die Rückkehr zu diesem ausgelagerten Denken: zu den eigenen Gedanken von gestern, zu fremden Gedanken aus einem Buch, zu Überlieferungen aus einer langen Tradition.
Darin liegt auch die gesellschaftliche Kraft des Lesens. Wer lesen kann, ist weniger abhängig davon, was andere weitergeben, erklären oder für ihn auslegen. Schrift macht Wissen haltbar, allerdings nicht automatisch allen zugänglich. Der Buchdruck vergrößerte die Reichweite von Texten, beseitigte aber nicht von selbst Unterschiede in Bildung, Besitz, Sprache und Macht.
Für eine evangelische Perspektive ist das besonders leicht vermittelbar. Denn die Reformation war nicht nur ein theologisches Ereignis, sondern auch ein Medien- und Bildungsereignis. Bibelübersetzung, Buchdruck, Predigt, Schule und eigene Lektüre gehörten zusammen. Der Glaube sollte nicht nur durch Vermittlung anderer erreichbar sein, sondern im eigenen Hören, Lesen, Prüfen und Verstehen. Damit wird Lesen zu mehr als Informationsaufnahme.
Vom Lesen zum Lesenlassen
Wer liest, fragt: Was steht hier? Was bedeutet es? Wer spricht? Was fehlt? Lesen ist nicht nur das Entnehmen von Aussagen aus einem Text. Lesen ist auch Zeit, Aufmerksamkeit, Eintauchen. Eine gute Lektüre besteht nicht nur darin, am Ende etwas zu wissen. Sie besteht auch darin, unterwegs gewesen zu sein. Eine Zusammenfassung kann Zeit sparen und Zugänge eröffnen. Aber sie ersetzt nicht die Erfahrung, einem Gedanken über mehrere Seiten hinweg zu folgen.
Eine gute Lektüre besteht auch darin, unterwegs gewesen zu sein.
Wer nur noch Zusammenfassungen liest, bekommt mehr Information, aber möglicherweise weniger Begegnung. Man weiß schneller, worum es geht – aber nicht unbedingt besser, was es bedeutet. Wir müssen also entscheiden, wann Information genügt und wann wir selbst eintauchen müssen. Die Maschine liest. Doch verstehen und staunen müssen wir weiterhin selbst. Genau darin liegt vielleicht eine neue Lesekompetenz: nicht nur lesen zu können, sondern zu wissen, wann man lesen lässt.
Vom Schreiben zum Schreibenlassen
Wer schreiben lässt, muss damit mehr denn je wissen, was er sagen will. Denn Schreiben ist nicht nur das Festhalten fertiger Gedanken. Oft entstehen Gedanken erst im Schreiben. Beim Formulieren merken wir, wo eine Idee trägt und wo sie nur vage klingt. Wer schreibt, beobachtet das eigene Denken bei der Arbeit. KI verändert diesen Prozess. Sie nimmt dem Schreiben den ersten Widerstand, das leere Blatt. Das kann entlasten und beschleunigen. Es kann Menschen helfen, die Mühe haben, Gedanken in eine passende Form zu bringen. Aber gerade weil der Anfang leichter wird, muss das Urteil wacher werden.
Damit wird auch Autorenschaft komplizierter. Die Maschine kann Sätze anbieten, aber sie hat keine Absicht. Sie kennt keine biografische Erfahrung, kein Gewissen. Deshalb stellt KI das Schreibenlernen nicht einfach infrage, sondern macht es wichtiger. KI kann beim Schreibenlernen helfen. Aber sie sollte das Ringen um den eigenen Gedanken nicht ersetzen.
Von der Lesefreiheit zur Schreibfreiheit
Der reformatorische Impuls zielte nicht nur darauf, Texte zugänglich zu machen. Er zielte auf mündige Menschen, die sich zu dem Gelesenen verhalten können: fragend, prüfend, widersprechend, antwortend. Aus dem Zugang zum Text sollte eine eigene Stimme erwachsen. KI kann hier Hürden senken. Sie kann Menschen unterstützen, die unsicher schreiben, nicht in ihrer Muttersprache formulieren, mit institutionellen Textsorten kämpfen oder eine Behinderung haben. Sie kann Gedanken in eine Form bringen, die gehört wird.
Damit entsteht eine neue Möglichkeit von Teilhabe. Aus Lesefreiheit kann Schreibfreiheit werden. Doch diese Freiheit ist nicht automatisch gerecht verteilt. Wer leistungsfähige Systeme bezahlen kann, Sprachkompetenz und Bildung besitzt, wird mehr profitieren. Wer bereits viel weiß, kann KI besser steuern und ihre Ergebnisse besser prüfen.
Von Luther her gedacht ist KI deshalb nicht nur eine technische Frage, sondern eine Bildungsfrage. Sie kann Menschen sprachfähiger machen. Sie kann aber auch neue Vermittlungsinstanzen schaffen, deren Autorität kaum sichtbar ist. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wer KI nutzen kann. Entscheidend ist, wer ihre Vorschläge prüfen und ihnen widersprechen kann.
Wie lernen wir, neu zu denken?
Am Anfang dieses Artikels stand ein Experiment: Ein Text über Lesen und Schreiben entsteht im Gespräch mit einer Maschine. Am Ende zeigt sich: Das ist kein bloßer Schreibtrick. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich die Bedingungen geistiger Arbeit ändern. Neue Denkwerkzeuge erzeugen neue Denkweisen. Gerade deshalb bleibt Urteilskraft zentral. Wenn Maschinen Antworten liefern, müssen Menschen prüfen können: Ist das richtig? Ist es relevant? Welche Perspektive bleibt unsichtbar?
Oft entstehen Gedanken erst beim Schreiben.
Selbst denken bleibt eine Bildungsaufgabe. Lernen braucht auch Mühe, Langsamkeit, Irritation und das Ringen um eigene Gedanken. Wer nie selbst gelesen, geschrieben und argumentiert hat, kann maschinelle Ergebnisse schwer beurteilen. Deshalb brauchen wir Räume ohne KI, in denen Aufmerksamkeit, Sprache und Urteilskraft geübt werden. Und wir brauchen Räume mit KI, in denen Menschen lernen, Systeme kritisch zu nutzen, Fehler zu erkennen, eigene Positionen zu schärfen und der Maschine auch zu widersprechen.
Die Maschine kann lesen, schreiben, zusammenfassen und antworten. Aber sie kann nicht für uns verstehen, glauben, zweifeln, staunen oder Verantwortung übernehmen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Maschinen denken können, sondern wie Menschen denken lernen, wenn Maschinen mitdenken.
Von KI geschriebene Artikel?
Eine Reflexion von Stephan Mühlich zum obenstehenden Beitrag von Albrecht Schmidt
Der Artikel ist ein anregender und guter Text geworden. Wie bei jedem Text, versteht man mehr und besser, wenn man sich für die Umstände der Entstehung des Textes interessiert. Zu diesen Zweck ist der Prozess der Kommunikation mit der KI auf der Website evangelische-aspekte.de dokumentiert. Ein wichtiger Aspekt ist die mehrfache Überarbeitung und anschließend noch die redaktionelle Kürzung. Zur Beurteilung von Texten in Zusammenarbeit mit KI ist es vermutlich wichtig, dass zuletzt nicht ein einzelner Mensch die Ergebnisse bewertet.
Jedenfalls verändert sich wissenschaftliches Arbeiten schon heute mit den Möglichkeiten maschineller Unterstützung. Albrecht Schmidt berichtet von einer studentischen Arbeit, bei der das Textvolumen der Fragen und Aufgabenstellungen in Auseinandersetzung mit dem KI-Gegenüber den Text der Studienarbeit um ein Vielfaches übertrifft. So lernen Studierende heute schon, dass und wie es darauf ankommt, gut zu prompten, also der KI gute Fragen und gute Aufgaben zu geben.
Durch die Mitwirkung von KI wird der Umfang an verfügbaren Texten enorm zunehmen. Und wie bereits früher werden auch überflüssige, sinnlose und falsche oder irreführende Texte dabei sein. Da wird auch viel Müll zu beseitigen sein. Oder in einem anderen Bild: Die Textwüsten werden wachsen. KI ist in diesem Zusammenhang ein Transportmittel durch die Textwüsten. KI ist ein Kamel, das uns durch digitale Textwüsten tragen kann. Ob das Kamel auch durch ein Nadelöhr kommt, ist eine Frage, die sich biblisch interessierte Leser:innen stellen können. Und dabei in der Beurteilung die Gottesfrage nicht zu vergessen, bleibt den Hörer:innen des Evangeliums aufgegeben.
Stephan Mühlich ist Gemeindepfarrer in Stuttgart-Botnang und Redaktionsmitglied der evangelischen aspekte.
