Das Individuum im Mittelpunkt? Zur Aktualität von Gemeinschaft und Solidarität

Das Selfie, auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen, ist fast zu einem aktuellen Symbol unserer individuellen und gesellschaftlichen mentalen Verfassung geworden. Das Ich in King-Size. Für ein Gegengewicht plädiert unser Autor – und bringt christliche Symbole der Gemeinschaft ins Spiel.

Wir leben in einer kulturellen Epoche, in der das Individuum das Maß aller Dinge geworden zu sein scheint. Die Orientierung an dem Individuum, an der freien Entfaltung eines jeden Menschen ist zugleich eine Errungenschaft und eine Gefahr. Es ist eine Errungenschaft, wir empfinden Empörung, wenn ein Mensch sich nicht frei entfalten kann, wenn sie oder er sich engen Traditionen, äußeren sozialen Erwartungen, einem autoritären Druck beugen muss. Die vergangenen Jahrhunderte waren bei allem Wechsel und bei all den Verirrungen und Wirrungen eine Freiheitsgeschichte. Heute können viele Menschen so frei von engen Konventionen und sozialen Vorgaben leben wie noch nie in der Menschheitsgeschichte.

Diese formale Freiheit bedeutet allerdings für viele nicht, dass sie ihre Ziele auch in ihrem Leben nach Belieben umsetzen können. Denn auch heute erleben viele Menschen einen Zwang, sich anzupassen. Zumeist ist es der ökonomische Zwang, etwa durch schlecht bezahlte Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen. Zur echten Freiheit gehören deshalb auch ein bestimmtes Maß an gesellschaftlicher Gerechtigkeit und die Aufhebung von krasser Ungleichheit. Hiervon sind wir auch heute weltweit und selbst innerhalb der Industrienationen noch weit entfernt. Es ist ein großes Problem, wenn die freie Entfaltung nur wenigen möglich ist, das Ziel der Freiheit kann so ideologische Qualitäten gewinnen. Die Gesellschaft ist dann vor allem eine Gesellschaft der Optionen für die Bessergestellten. Optionen haben die Starken, Gesunden, gut Ausgebildeten in einer Gesellschaft.

Was die Einzelnen verbindet, beginnt zu bröckeln

Die konsequente gesellschaftliche Ausrichtung auf den einzelnen Menschen, auf die freie Selbstbestimmung hat aber auch darüber hinaus einen gesellschaftlichen Preis. Denn die sozialen Strukturen der Gesellschaft erodieren peu à peu. Das ist ein langsamer und schleichender Prozess, aber er ist stetig und langanhaltend. Seine Folgen machen sich in den letzten Jahrzehnten, vor allem seit dem Fall der Mauer, in der Gesellschaft immer stärker bemerkbar. Die großen gesellschaftlichen Institutionen, die viele, auch unterschiedliche Menschen miteinander vereinen, werden zunehmend schwächer. Das gilt zum Beispiel für die politischen Parteien – vom Ende der großen Volksparteien ist immer wieder die Rede. Sich in einer Partei zu engagieren, insbesondere in einer Volkspartei, bedeutet immer auch, etwas von der eigenen Position preiszugeben, weil man nur gemeinsam mit anders Denkenden eine politische Mehrheit erringen kann. Der Erosionsprozess trifft aber auch auf die Gewerkschaften zu. Berufsbiographien sind heute sehr stark von Wechseln und Flexibilität geprägt.

Die Entwicklung gilt ebenso für die Medienlandschaft, die Zeitungen und größere Sendeanstalten. Schon in den 90er Jahren nahm die Vielzahl der Medienangebote drastisch zu. Die neuen digitalen Medien forcieren die Geschwindigkeit der Entwicklung. Die Entwicklung gilt weiterhin für die Vereinskultur, seit Jahren ist der Anteil der Bevölkerung, der sich in Vereinen engagiert, rückläufig. Sie gilt schließlich auch für die großen Volkskirchen. Auf der einen Seite gibt es wachsende Austrittszahlen, auf der anderen Seite ist auch das reale Gemeindeleben der Kirchenmitglieder in der Regel schwach ausgeprägt. Last not least ist auch die Familie, eine Kerninstitution des traditionellen Protestantismus, in den letzten Jahrzehnten aus vielfältigen Gründen fragiler geworden. Je für sich ist keine der Veränderungen entscheidend, aber sie kumulieren in den letzten Jahren in den westlichen Gesellschaften.

Entfaltung von Individualität setzt Gemeinschaft voraus

Aber kann man die Vorstellung, Menschen seien zunächst und vor allem Individuen, so zentral setzen? Verliert man darüber nicht eine andere Dimension aus den Augen? Es scheint an der Zeit zu sein, die Verbundenheit zwischen Menschen, die ja immer schon da ist, in ihrer Bedeutung wieder neu zu entdecken. Denn Menschsein heißt auch, in Verbundenheit mit anderen zu leben. Lange bevor wir unser Leben aktiv gestalten, sind wir auf die Zuwendung durch andere angewiesen. So kann man zum Beispiel auf die Kindheit schauen. Kein Mensch beginnt bei sich selbst und setzt seine Lebensbedingungen aktiv. Vielmehr finden wir uns immer schon in gemeinschaftlichen Strukturen vor, wir partizipieren an sozialen Verbindungen, die wir selbst nicht geschaffen haben. Erst durch die Zuwendung anderer Menschen werden wir in die Lage versetzt, uns zu individualisieren.

Das lässt sich besonders gut an dem Gebrauch von Sprache zeigen. Kein Mensch kann allein eine eigene Sprache erfinden, sie ist ein soziales Vermögen. Sie lebt von der Gemeinschaft und der Bezogenheit vieler Menschen aufeinander. Gleichzeitig ist die Sprache das wichtigste Mittel, um sich zu individualisieren. Erst mit der Sprache kann ich differenzierte Konzepte von mir selbst und von meiner Umgebung zum Ausdruck bringen. Das was für die Sprache gilt, kann man auf technische Fertigkeiten, auf Sitten und Gebräuche, auf die moralischen Werte ausweiten. Menschen können vereinzelt leben, aber die Verbundenheit mit anderen Menschen bleibt von großer Bedeutung. Auch der Einsiedler, der denkt, fällt nicht aus der Sprachgemeinschaft heraus. Ganz ohne Gemeinschaft und Solidarität kann kein Mensch leben.

Dennoch ist das Leitbild unserer Gesellschaft das selbstbestimmte, aktive Individuum. Wie können Formen von Verbundenheit, Gemeinschaft und Solidarität, aussehen, die der Individualität nicht widersprechen und doch zugleich die Verbundenheit nicht gering schätzen? Die christliche Tradition weist eine Besonderheit auf, wenn es darum geht, der zwischenmenschlichen Verbundenheit einen Ausdruck zu geben. Denn die Gemeinde, die sich im Gottesdienst versammelt, ist Gemeinde, weil sie sich unter Gottes Wort stellt.

Gemeinschaft „unter dem Wort“ – eine christliche Perspektive

Das Besondere ist hier, dass die Verbundenheit nicht aus dem Verhältnis der Menschen direkt abgeleitet wird. Die Verbundenheit der Menschen in der christlichen Gemeinde ist eine Verbundenheit in und durch Gott. Die Menschen in der Gemeinde sind nicht zusammen, weil sie sich so sympathisch sind, auch nicht, weil sie gemeinsam ihre Interessen gegenüber anderen durchsetzen wollen, sondern weil sie sich in Gott, in Christus vereint wissen. Die Bibel hat vielfältige Ausdrücke für die Gemeinschaft der Glaubenden: Sie sind Teil des Bundes, den Gott schließt, sie sind Volk Gottes, sie sind „in Christus“, sie sind mit ihm ein Leib und ein Geist. Alle diese Ausdrücke haben eines miteinander gemeinsam: Sie betonen die Bedeutung der Verbundenheit für den christlichen Glauben. Der Glaube wird oft, gerade auch im Protestantismus, als eine Einstellung von einzelnen Menschen beschrieben, als eine Erfahrung tief im Innern eines jeden Menschen. Aber die biblischen Texte sprechen eine andere Sprache. Hier wird im Gegenteil immer die Bedeutung der Gemeinde und der gegenseitigen Verbundenheit der Glaubenden hervorgehoben. All die Verbundenheit in der Gemeinde wiederum weist auf die Verbundenheit mit Gott, wo der Mensch zu dem rein Empfangenden wird.

Alle Verbundenheit in der Gemeinde verweist auf die Verbundenheit mit Gott.

Der Theologe, der das in besonderer Weise erkannt hat, ist Dietrich Bonhoeffer. Schon in seiner Dissertation „Sanctorum Communio“ hat er auf die vielen Stellen im Neuen Testament hingewiesen, die der Gemeinschaft der Glaubenden eine entscheidende Bedeutung zumessen. Was ist die Gemeinde seiner Ansicht nach? Sie ist nichts anderes als der auferstandene Herr: „Jesus Christus als Gemeinde existierend“ ist die berühmte Formel, die er dafür gefunden hat. Auch in späteren Schriften ist ihm die Gemeinschaft von größter Bedeutung, sei es die große Gemeinschaft in der weltweiten Ökumene, sei es die kleine Gemeinschaft im Predigerseminar in Finkenwalde. Entscheidend ist, dass Bonhoeffer durch seine christologische Ausrichtung nicht den einzelnen Glaubenden in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt, sondern die christliche Gemeinde und ihre Einbindung in die sie umgebende Welt.

Die christliche Gemeinschaft stärkt das Individuum und vermittelt Christus in der Welt

Die christliche Tradition bietet ein großes Reservoir an Bildern und Symbolen, an Ritualen und Strukturen, um die Bedeutung von Verbundenheit im menschlichen Leben zum Ausdruck zu bringen, die Verbundenheit mit Gott und zugleich die mit anderen Menschen. Beides bedingt einander: Die Verbundenheit mit Gott erwächst auch aus Erfahrungen der Verbundenheit mit anderen Menschen und umgekehrt: Die Verbundenheit mit anderen Menschen wird durch die Verbundenheit mit Gott gestärkt. Sie kann unterschiedliche Formen annehmen: Christliche Gemeinschaft findet in Ortsgemeinden ebenso statt wie in der weltweiten Ökumene. Man kann mit anderen Menschen auch dann in großer Intensität geschwisterlich Abendmahl feiern, wenn man mit ihnen im alltäglichen Leben nicht viel Kontakt hat. Insofern widerspricht es hier auch nicht, in Verbindung zu sein und zugleich als Individuum zu leben. In klösterlichen Gemeinschaften war das gemeinsame Leben ebenso bedeutsam wie die Zeit für sich allein. Vielleicht können die christlichen Traditionen und ihr Potential auch für die Gesellschaft im Ganzen von großer Bedeutung sein.

Die Kirchen gehören zu den Organisationen, die in der gesellschaftlichen Entwicklung an Kraft verlieren. Aktuell ist da in vielen Gemeinden eine große Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch und der realen Situation. Aber die christlichen Gemeinden stehen in einer Tradition, die künftig wieder mehr Kraft entfalten kann. Sowohl die Verbundenheit mit Gott wie auch die Verbundenheit mit anderen Menschen sind für den christlichen Glauben von größter Bedeutung und für beides gibt es ein großes Reservoir an Bildern, Geschichten und Symbolen.

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