Mystiker und Esoteriker aller Couleur beschwören die Tiefe der Gegenwart. Der Augenblick als solcher sei schon das Tor zur ewigen Glückseligkeit. Christliche Spiritualität unterscheidet sich davon in einem zentralen Punkt: Erfüllt wird der Augenblick nur durch den in ihm gegenwärtigen, in Christus offenbar gewordenen Gott.
Menschliche Zeiterfahrung ist von unterschiedlichster Art. Für Mystiker stellt sich der Zeitbegriff ganz anders dar als etwa für Manager, für Kinder anders als für Erwachsene, für Eskimos anders als für Japaner, für frühere Generationen anders als für heutige. Demgemäß wird ganz verschieden erlebt, was man landläufig „Gegenwart“ nennt. Wie hinfällig ist sie von Mal zu Mal, welche Tiefe hat sie aber auch?
Gegenwart im Horizont der Vergänglichkeit
Tatsächlich ist das Phänomen der Gegenwart zunächst einmal ein stets schwindendes. Indem das dem Subjekt Präsente den Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft darstellt, bedeutet „Gegenwart“ ein ständiges Kommen und Gehen, ein stetes Werden und Vergehen. Aber beides ist keineswegs gleichgewichtig: Schon die Dynamik der Zeit ist gekennzeichnet von der Zunahme der Vergangenheit einerseits und dem Gesetz andererseits, dass die Zukunft des Lebens immer knapper wird und irgendwann in Tod und Vergehen mündet. Der Schnittpunkt der Gegenwart ist also kein immerwährender Fluss, auch wenn viele Menschen so dahinleben, als gebe es immer wieder ein Morgen und unendlichen Fortschritt. In Wahrheit ist erlebte Gegenwart vom Horizont der Vergänglichkeit umzingelt.
Der in jedem Augenblick gegenwärtige Gott
Christlicher Gottesglaube aber weiß noch um einen ganz anderen Horizont: den der Ewigkeit. Unter diesem Aspekt gewinnt der Schnittpunkt „Gegenwart“ radikale Tiefe. Denn Vergangenheit und Zukunft, die sich augenblickshaft kreuzen, erweisen sich nicht bloß als Größen vergänglicher Zeit. Sondern die Horizonterweiterung des Glaubens blickt auf Gott, den Schöpfer und Vollender, den Richter und Erlöser. Das bedeutet eine enorme Bewusstseinserweiterung, ermöglicht durch den heiligen Geist. „Gott ist gegenwärtig“ heißt es in einem bekannten Kirchenlied, das Gerhard Tersteegen 1729 schuf. Doch die Schwierigkeit jener Worte besteht darin, dass sie den Eindruck erwecken könnten, Gottes Gegenwart sei auf den Gottesdienst im Kirchenraum begrenzt. Nimmt man indessen als Christenmensch ernst, dass ein halbwegs angemessenes Erfassen erlebter Gegenwart den in jedem Augenblick gegenwärtigen Gott einbeziehen muss, dann liegt es nahe, den kurzen Augenblick der Jetztzeit auf seine Tiefe hin zu durchleuchten – aufs sogenannte nunc aeternum hin.
Für Gott sind sämtliche Zeitläufe der Welt, also auch alle Lebensläufe stets präsent.
Schon dem Kirchenvater Augustin war klar: Für Gott selbst sind sämtliche Zeitläufe der Welt, also auch alle Lebensläufe stets präsent. Im Rückschluss bedeutet das: Jede Gegenwart bildet den Schnittpunkt von Linien, die ihren Ursprung bei Gott als dem allwissenden Schöpfer und ihr Ende bei demselben Gott als dem herrlichen Vollender haben. Der glaubende Mensch darf von daher wissen, dass Gott bereits im Anfang der Erwählende war. Seine „Gnadenwahl“ (Karl Barth) am Beginn aller Dinge umfasst und überschaut dabei auch meinen gesamten Lebensgang. Auf die „Letzten Dinge“ bezogen heißt das wiederum: Dank der in Jesus Christus ergangenen Gnade bin ich bereits durchs Gericht hindurch (Joh 5,24). Meine jeweilige Gegenwart ist mithin der Schnittpunkt von Linien, die abgrundtief von Gottes Gnade zeugen, was auch immer geschehen mag – wie das schon der Apostel Paulus betont hat (Röm 8,34-39).
Bewusstsein für die Tiefe der Gegenwart
Zum Ausleuchten der Gegenwart hat der katholische Dichter Reinhold Schneider (1903‒1958) schöne Worte gefunden: „Ein Schimmer des Schöpfungsmorgens liegt auf der Welt und ist nicht auszulöschen, so wie ein Schatten des Untergangs auf ihr liegt; auf jedem Tage ruht der Abglanz des ersten und des jüngsten Tages: das Bewußtsein der Nähe dieser beiden Tage macht vielleicht das tiefste Bewußtsein der Zeit und der Geschichte aus“ (Im Anfang liegt das Ende, 1946, S. 64).
Die Besinnung auf die Tiefe der Gegenwart ermöglicht es, Abstand zu gewinnen von der verbreiteten Gegenwartsflucht. Diese ist ein besonderes Kennzeichen des digitalen Zeitalters, das mit seiner versuchten Beschleunigung aller Dinge immer mehr nach Erfüllung strebt und dabei die Gegenwart eigentlich zunehmend entleert (dazu Werner Thiede: Digitaler Turmbau zu Babel, 22021).
Der Augenblick als Tor zur Ewigkeit?
Insbesondere Mystiker und Esoteriker aller Couleur erahnen die Tiefe der Gegenwart. Exemplarisch sei hier nur der Best- und Longseller Jetzt von Eckhart Tolle (2010) erwähnt, der sich als „Leitfaden zum spirituellen Erwachen“ versteht. Es gebe „nur diesen Moment“; das Jetzt sei „der Eingang zu unserer tiefsten inneren Glückseligkeit, zu ewigem Sein, zu dem Frieden, den wir unser Leben lang ersehnen, verfolgen, jagen, verpassen“. Doch lässt sich so formal sagen, der Augenblick als solcher sei das Tor zur ewigen Glückseligkeit? Hier wird vorausgesetzt, dass die menschliche Natur in ihrem Kern von göttlicher Art ist – so etwa zu lesen bei Ingo Jahnke: „Ich beabsichtige, mich selbst vollkommen anzunehmen und zu achten, weil ich den einmaligen göttlichen Funken in mir trage“ (72 Heilige Namen, 2022, S. 50). Wird dieser göttliche Funke substantiell verstanden, so ist die logische Folge die, dass der Mensch als fähig, ja, als verpflichtet zur Selbsterlösung betrachtet wird. Schon zur Zeit des Urchristentums hat die interreligiöse, bis heute anhaltende Bewegung der „Gnosis“ Entsprechendes gelehrt. Hierin liegen entscheidende Konflikte mit der christlichen Gnadenbotschaft. Die Verwechslungsgefahr ist groß.
Unbewusstes Gottesbewusstsein
Wenn ich in Jahnkes esoterischem Büchlein lese: „Ich bin mir bewusst, dass in meinem Herzen ein heiliger Raum existiert“, dann könnte ich hier als Theologe durchaus zustimmen; denn ich weiß im dargelegten Sinne, dass Gott in meiner, in jeder Seele verborgen präsent ist. Wäre er es nicht, sähe es in meinem, ja, in jedem Bewusstsein noch einmal ganz anders aus – auch wenn sich das nur wenige Menschen bewusst machen. Paulus hat diesen Sachverhalt laut Apg 17 so formuliert: Gott „hat gewollt, dass die Menschen ihn suchen, damit sie ihn vielleicht ertasten und finden könnten. Denn er ist ja jedem von uns ganz nahe. Durch ihn leben wir doch, regen wir uns, sind wir! Oder wie es einige eurer Dichter ausgedrückt haben: ›Wir sind sogar von seiner Art‹.“ An dieses oft nur unbewusste Gottesbewusstsein (dazu Viktor E. Frankl: Der unbewusste Gott, 1948) denkt der Apostel hier und auch Röm 2,14 offenkundig.
Das esoterische Missverständnis
Indes – die Gegenwart Gottes bedeutet nicht schon, dass ich oder etwa mein „höheres Selbst“ als göttlich zu bezeichnen wäre. Das esoterische Missverständnis besteht darin, dass der Seelenkern in einem substantiellen Sinn als göttlicher Funke aufgefasst wird. Christlicher Sicht hingegen entspricht es, die Gegenwart Gottes relational und personal zu verstehen. Dabei ist freilich diese liebevolle Präsenz, ja die biblisch bezeugte Treue Gottes dermaßen stabil, dass sie in gewissem Sinne doch geradezu als „substanziell“ erscheinen kann.
In christlicher Sicht ist die Gegenwart Gottes relational und personal zu verstehen.
Der Unterschied liegt darin, dass Gott als Liebe tatsächlich Beziehung meint, statt dass menschlicher Selbstbezug in Gestalt einer spirituell verstandenen Subjektivität zur religiösen oder religionsphilosophischen Hybris wird und so den Gnadengedanken zerstört. Christenmenschen sprechen hingegen betont von der Gnade Gottes: Sie blicken auf Kreuz und Auferstehung Jesu als auf die Zentralereignisse, in denen sich Gottes Erbarmen und das Geschenk der Rechtfertigung realisiert haben, auf Christus als den gegenwärtig liebenden und künftig wiederkommenden Herrn – in dem Bewusstsein: Nachdem Gott Frieden gestiftet hat durch das Blut, das Jesus am Kreuz vergoss, sollte „alles, was auf der Erde und im Himmel lebt, geeint werden durch ihn und in ihm als dem letzten Ziel“ (Kol 1,20).
Himmlische Freude und christliche Glückseligkeit
Und so darf und soll lebendiger Glaube sich stets und immer wieder neu darauf besinnen, dass jede glückliche, banale oder auch bittere Gegenwart einen heiligen Schnittpunkt der himmlischen Linien zwischen Gottes Schöpfungs- und Erwählungsratschluss einerseits und seinem Gnaden- und Vollendungshandeln andererseits darstellt. Die Vergangenheit, von der wir herkommen, mag schuld- und schmerzbelastet sein; doch im Licht der wahren Gegenwart gilt es, sich die wahre Vergangenheit zu vergegenwärtigen: Da ist alle Schuld ausgelöscht und alles Leid dahinten gelassen. Die Zukunft in dieser Welt ist zweifellos von mancherlei Düsternis geprägt; doch im Licht der wahren Gegenwart kommt die wahre Zukunft in den Blick, die mit Gottes universaler Offenbarung sein Reich der Liebe bringen und auf ewig aufrechterhalten wird.
So bringt das Bewusstsein wahrer Gegenwart wahre Glückseligkeit mit sich. Selbst wenn vor uns der tiefe Abgrund des Nichts droht, dürfen wir uns doch stets an die Wahrheit erinnern: Gott ist im Kommen, ihm gehört die Zukunft. Und so dürfen wir uns auch immer wieder auf unsere Unsterblichkeit besinnen, die wir der Liebe und Gnade Gottes, der unauflöslichen Verbindung mit dem unsterblichen Vater und mit seinem auferstandenen Sohn verdanken. In solchem Glauben erfahren wir jene wahre Gegenwart, die bereits den Saum der Ewigkeit berührt.
Zum Weiterlesen
Werner Thiede: Himmlische Freude. Vom tiefen Glück des Glaubens. Leipzig, 2024; Unsterblichkeit der Seele? Interdisziplinäre Annäherungen an eine Menschheitsfrage. Berlin, 22022.
