Zufriedenheit liegt in der Welt Anne Hashagen im Gespräch mit Hermann Preßler

Frau Hashagen, Ihr Buch Ich denke, aber wer ist Ich? Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens endet mit einem Hohelied der Liebe. Ich zitiere aus den Schlusssätzen: „Liebe ist real. Wir erleben Liebe, wenn wir uns des Sinns bewusst sind, von dem die Welt nur so strotzt. Wo ist Liebe? Sie ist überall.“ Angesichts ganz anderer Realitäten in der Welt klingt das eher wie eine Beschwörung als eine Bestandsaufnahme.

Wenn wir sagen „Liebe ist real”, wenden wir uns damit gegen die traditionelle Vorstellung, dass es auf der einen Seite eine physische Welt und auf der anderen eine mentale oder auch transzendente Welt gibt. Erstere wird gemeinhin als „real” betrachtet, die zweitere als immateriell. Durch diese Trennung werden im Grunde auch Liebe und Werte, alles worum es uns geht im Leben, in einem „außerweltlichen” Bereich platziert. Wir sagen: Nein, Liebe ist real – sie wird durch unser Tun in Existenz gebracht.

Die Werte, die wir erleben, sind ein Ausdruck des Gefüges der Realität. Unter der „Spread-Mind“-Theorie des Philosophen Riccardo Manzotti sind „wir“, d.h. unser ›Ich‹, wörtlich gesprochen in der Welt. Unsere Erfahrungen und der damit verbundene Sinn werden nicht willkürlich in unseren Köpfen erzeugt. Genauso wenig ist Sinn ein transzendentes, außerweltliches Ziel. Der Sinn des Lebens sind reale Momente unserer Existenz in dieser Welt. Wir finden Sinn in unserer Existenz, weil die Welt, die wir erleben, der Stoff ist, aus dem wir selbst bestehen, unser ›Ich‹ gemacht ist.

Zweifelsohne gibt es viel Liebe in der Welt. Wer sich geliebt weiß, fühlt sich in einer vielleicht unvergleichlichen Weise existent. Einen Platz im Herzen eines anderen Menschen zu haben und sich dessen bewusst zu sein, verschafft Menschen eine unbedingte Verortung im Sein, verankert sie in der Welt. Nun gehen Sie noch einen Schritt darüber hinaus und sagen: „Wir sind die Welt.“ In welchem Sinne?

Hierzu ist vorab anzumerken, dass die Frage unseres „Bewusstseins“ – wie und wo entsteht unsere ganz eigene Erfahrungswelt, unser „Ich“ in der Welt – sowohl wissenschaftlich als auch philosophisch weiterhin ungeklärt ist. Man spricht hier vom ungelösten hard problem, während die easy problems – z.B. wie unser Gehirn Informationen verarbeitet oder wie unser Gedächtnis und Aufmerksamkeit funktionieren – durch die Neurowissenschaft zunehmend verstanden werden. Nehmen wir als ganz einfaches Beispiel, dass ich einen Apfel in der Hand halte und ihn betrachte. Die meisten Neurowissenschaftler (sog. „Internalisten“) vermuten, dass es in unserem Gehirn eine Art innere Repräsentation, ein „mentales“ Bild dieses Apfels gibt, das durch die hochverschalteten neuronalen Verbindungen auf irgendeine, bislang mysteriöse Weise „emergiert“. Ein solches „Bild“ ist jedoch nie gefunden worden – in unserem Gehirn gibt es nur Neuronen und ihre elektrischen Verschaltungen.

Riccardo Manzotti, Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Mailand, macht mit seiner „Spread Mind-Theorie“ einen konzeptionellen Umschwung. Sehr vereinfacht sagt er: Nein, es gibt kein mentales Bild dieses Apfels in meinem Gehirn. In dem Moment, in dem der Apfel Teil meiner Erfahrung wird, „bin“ ich dieser Apfel. Wir „sind“ die Welt, die wir erfahren und die durch unseren Körper/unsere Sinnesorgane in Existenz gebracht wird. Unser „Ich“ ist keine Illusion – unser „Ich“ ist real und besteht aus den Objekten unserer Erfahrung. Wir „sind“ die Welt – die Welt, die relativ zu unserem Körper existiert. Wir „sind“ kein ominöser „Geist“, keine „Informationswolke“ in unserem Kopf, die man gar irgendwann „downloaden“ kann, wie es viele Neurowissenschaftler immer noch vermuten.

Natürlich ist der Apfel, der durch diese Möglichkeit – nämlich meinen Körper – zustande kommt, kein traditioneller, absoluter Apfel, wie ihn sich ein naiver Realist vorstellt. Ebenso wenig ist es der Apfel, den sich ein Kind vorstellt. Der Apfel meiner Erfahrung ist der ganz spezifische Apfel, der relativ zu meinem Körper stattfindet. Es ist der Apfel, der Abschnitt eines Apfels, den mein Körper, mein Gehirn und meine Sinnesorgane, möglich machen. Es ist weder ein objektiver noch ein subjektiver Apfel – es ist ein relativer und auf jeden Fall physischer Apfel.

Wenn es so sein könnte, dass wir nicht nur im Gegenüber zur Welt mit all ihren Objekten, Menschen, Ereignissen leben, sondern mit ihr unauflöslich verbunden sind, befinden sich dann nicht alle, die Glück und Zufriedenheit als eine rein innere, persönliche Erfahrung definieren, auf einem Irrweg?

Glück ist in der heutigen „Glücksindustrie“ zu einem Lifestyle geworden, ein meist ichbezogener Ansatz, der uns ständig dazu auffordert, unsere Gedanken und Gefühle zu überprüfen, um in uns selbst unser Glück zu finden. Man teilt uns mit, wir könnten durch eine Art Aktivierung unserer Stärken und genaues Lauschen auf unsere ›innere Stimme‹ unser Glück selbständig hervorrufen und dann so ein besseres Leben führen.  Der Arbeitsmarkt möchte „glückliche“ Mitarbeiter, gepriesen werden „Resilienz“ und „Authentizität“, beides sehr problematische Begriffe. Die Spread-Mind-Theorie postuliert, dass Glück in der Welt liegt. Es ist ein existenzieller Zustand, der daraus resultiert, dass wir verstehen, wer wir sind und was wir wollen in Einheit mit der Welt. Glück primär „in sich selbst“ zu suchen, führt dazu, dass Menschen ihre gemeinschaftlichen und politischen Ziele vernachlässigen zugunsten einer rein narzisstischen Selbstbetrachtung.

Glück primär „in sich selbst“ zu suchen, führt zu einer narzisstischen Selbstbetrachtung.

Sehr fragwürdig ist z.B. die sog. ›Glücksformel‹, die Vertreter der Positiven Psychologie aufgestellt haben und die oft zitiert wird. Demnach ist ›Glück‹ zu 50 Prozent vererbt, zu 10 Prozent durch unsere Lebensumstände bestimmt und zu 40 Prozent durch uns selbst zu beeinflussen. Dies bedeutet folglich: Glück ist etwas, das man zu einem großen Prozentsatz durch eigene Kraft erreichen kann. Und wenn man es nicht schafft, so ist es die eigene Schuld.

Ich habe selbst einen Facebook-Account, und in großen Abständen erstelle auch ich eine „Story“. Regelmäßig schickt mir Facebook einen Hinweis, wie oft meine „Story“ aufgerufen wurde – und verbindet damit die Aufforderung, „eine neue Story“ zu erstellen, um „noch mehr Momente mit meinen Freunden zu teilen“. Dabei klingt „teilen“ nach Verbundenheit und Gemeinschaftsgeist. Ich poste, also bin ich. Ist das das Mittel zur Zufriedenheit?

Ganz im Gegenheil. Die sozialen Medien, allen voran Instagram, wo es um die ständige Darstellung und Vermarktung des „Ichs“ geht, machen vor allem junge Menschen unglücklich. Angststörungen sind in den USA das häufigste psychische Problem. Eine aktuelle Studie untersuchte die Entwicklung der Angststörungen in den USA zwischen 2008 und 2018 und offenbarte, dass Angststörungen in 2018 bei 7 Prozent der Erwachsenen und 15 Prozent der jungen Erwachsenen auftraten. Während sich jedoch im Untersuchungszeitraum zwischen 2008 und 2018 die Zahl der angstgestörten über 50-Jährigen kaum erhöht hatte, war die Zahl der jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren mit Angststörungen stark angewachsen, nämlich von 8 Prozent auf 15 Prozent. Die Hintergründe werden noch untersucht, doch scheinen der stark gestiegene Social Media Konsum junger Menschen, ökonomische Untersicherheit und soziale Vereinzelung die entscheidenden Treiber zu sein.

Die sozialen Medien triggern unseren evolutionär vorhandenen Drang nach Neuigkeiten und bedeuten eine in der Menschheitsgeschichte nie dagewesene soziale, digitale Vergleichbarkeit. Neid und Unglück sind die Folge. Seinen Social Media-Konsum moderat zu halten, ist der einzige Rat, den man geben kann.

Ob ein Mensch zufrieden ist, misst er oft daran, ob er bekommt, was er erwartet. In Ihrem Buch befassen Sie sich auch mit dem Psychiater Victor Frankl, für den Zufriedenheit eine Folge des Sinns ist, den ein Mensch sucht (oder vermisst). Frankl aber rät, anders zu messen und umgekehrt zu fragen: Was erwartet das Leben von mir? Bzw. was kann ich dem Leben geben? Stimmen Sie mit ihm überein?

Absolut. Es geht darum, seinen Platz in der Welt zu erkennen. Wie schaffe ich es, mich in meinem Tun in Harmonie mit der Welt zu fühlen und welchen Beitrag kann ich in der Welt leisten. Glück ist in der Welt zu finden. Schon Franz Kafka (1883–1924) erkannte dies und stellte fest: „Im Kampf zwischen Dir und der Welt, sekundiere der Welt“. Es verwundert nicht, dass zu den Therapieangeboten für klinisch depressive Menschen (neben Medikamenten) Aktivitäten gehören wie Sport, Malen oder Werken. Zudem der Anschluss an mitfühlende andere Menschen, vielleicht ein Haustier, denn benötigt werden Zuspruch und Zuwendung. Ein sicherer Platz in der Welt, dort ist das Glück (wieder) zu finden.

Literatur

  • Anne Hashagen, Riccardo Manzotti: Ich denke, aber wer ist Ich? Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens. Büchner 2021.
  • Viktor E. Frankl: Über den Sinn des Lebens. Beltz 2021

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