Zufrieden? Du Narr! Warum Zufrieden-Sein zu wenig ist

Zufriedenheit kann man lernen und trainieren. Angebote dafür gibt es zuhauf. Nach christlichem Verständnis ist Zufriedenheit aber nicht das Ziel. Stattdessen verheißt die Bibel allen, die sich auf ein Leben mit Gott einlassen, Seligkeit.

„Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens“ – fünfzehn Strophen lang beschwört Paul Gerhardt 1666 in seinem gleichnamigen Kirchenlied (Ev. Gesangbuch 371) eine Zufriedenheit, die aus Gottvertrauen wächst. Seit Jahrhunderten singen sich Christinnen und Christen im Gottesdienst diese und ähnliche Aufforderungen zu. Es gehört zur langen Tradition christlicher Spiritualität, sich trotz körperlicher Not oder seelischer Pein in das eigene Leben zu schicken und den inneren Frieden mit dem zu schließen, was Gott einem zugedacht hat.

Heute ist das für viele Menschen allerdings keine Option mehr. Zum einen wollen sie Dinge, die sie stören, nicht mehr einfach hinnehmen, sondern möglichst verändern. „Gib dich zufrieden und sei stille“ empfinden sie deshalb als eine repressive Parole. Zum anderen ist für den Umgang mit Widrigkeiten, die sich nicht aus der Welt schaffen lassen, meist nicht mehr die Kirche erste Anlaufstelle. Wo für Generationen früherer Jahrhunderte der Pfarrer (und in jüngerer Zeit auch die Pfarrerin) als Seelsorger in vielen Lebenslagen ein wichtiger Ratgeber war, suchen Menschen heute oft anderweitig Hilfe. In einem kaum noch überschaubaren Strom an Ratgeberliteratur sowie Coaching- und Seminarangeboten wird z.B. „die Kunst zufrieden zu sein“ gelehrt, die Frage beantwortet, wann und wie wir „wirklich zufrieden“ sind, und erklärt, wie wir Zufriedenheit im Job, in der Beziehung oder im Alter erreichen. Es gibt Tipps, Übungen und Trainings für mehr Zufriedenheit, sei es durch eine bessere Work-Life-Balance, positives Denken oder durch Yoga.

Alles eine Frage der Einstellung

Auffallenderweise wird auch in diesem Kontext vielfach vermittelt, dass Zufriedenheit weniger eine Frage der äußeren Umstände als der inneren Einstellung sei. Natürlich müssen bestimmte körperliche, materielle und soziale Grundbedürfnisse befriedigt sein, damit man sich zufrieden fühlen kann. Aber nichts davon sorgt auch automatisch für Zufriedenheit. Ob Menschen sich wirklich zufrieden fühlen, hängt vielmehr v.a. von psychischen Faktoren ab: Wie gut bin ich in der Lage, mich mit den Einschränkungen oder Widrigkeiten, denen ich ausgesetzt bin, zu arrangieren? Gelingt es mir, mich zumindest teilweise von ihnen zu distanzieren, oder treffen und beherrschen sie mich durch und durch? Kann ich aus positiven Erfahrungen Kraft schöpfen, um Rückschläge und Niederlagen wegzustecken?

Dass Zufriedenheit vor allem eine Frage der Einstellung ist, findet sich auch in der Bibel.

Dass Zufriedenheit vor allem eine Frage der Einstellung ist, findet sich auch in der Bibel, obgleich in überraschend anderem Sinne. Beispielhaft greift Jesus das Thema in einem seiner Gleichnisse auf, das im Lukas-Evangelium überliefert ist:

Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? (Lukas 12,16-20; Lutherübers. 2017)

Habe Ruhe und guten Mut!

Kann man zufriedener sein als dieser Bauer, der im wahrsten Sinne des Wortes auf Dauer „ausgesorgt“ hat? Hier lehnt sich jemand nicht nur für den Moment entspannt zurück, sondern genießt im Vorausblick lange sorgenfreie Jahre. Gott allerdings lässt es nicht so weit kommen. Wir verstehen es gerne so, dass damit die Gier des Großgrundbesitzers (um einen solchen handelt es sich offensichtlich) bestraft werden soll. Erscheint dieser in seinem Bemühen, immer noch größere Scheunen zu bauen, nicht wie ein Sinnbild des modernen Kapitalisten, der einer ungehemmten Wachstumsideologie folgt? Bei genauerem Hinsehen ist aber im Gleichnis weder von persönlicher Unersättlichkeit noch von ökonomischer Unvernunft die Rede. Zwar lässt Gottes Frage: „Wem wird dann (nach deinem Tod) gehören, was du bereitet hast“, das Anhäufen von Gütern als töricht und sinnlos erscheinen. Doch das gilt nur aus der Perspektive des unmittelbar eintretenden Todes. Innerweltlich betrachtet, handelt der Kornbauer durchaus vernünftig.  Dass er die reiche Ernte, die ihm zuteilwurde, vor dem Verfall schützen will, ist weder Ausdruck von Gier (er ist mit dem Ertrag ja vollauf zufrieden) noch von Verantwortungslosigkeit.

Jesu Gleichnis taugt also weder als Munition für ein reichtumskritisches „Geld macht nicht glücklich“ (der Kornbauer ist eher ein Gegenbeispiel dafür) noch für ein sozialkritisches „Teile deine Güter“ (soziale Ungerechtigkeit wird gar nicht thematisiert), noch für ein wachstumskritisches „Weniger ist mehr“ (denn im Tod bleibt von weniger ebenso nichts wie von mehr).

Was betrübst du dich, meine Seele?

Worum geht es also dann? – Das erschließt sich aus dem Selbstgespräch in der Mitte des Gleichnisses: Der Kornbauer führt es mit seiner „Seele“, wofür im griechischen Text des Gleichnisses das Wort „psyche“ steht. Tatsächlich lässt sich dieses Gespräch mit der eigenen „Seele“ als ein „innerpsychischer“ Vorgang betrachten. Trotz der scheinbaren Wortidentität meint „Seele“ nach biblischem Verständnis aber etwas Anderes als unser heutiger Begriff von „Psyche“. Denn im biblischen Verständnis von Seele ist im Unterschied zu unserer Psyche der Gottesbezug stets mitgedacht. Die Schöpfungsgeschichte fasst dies in das Bild, dass der Mensch durch das Einhauchen des göttlichen Atems zu einer lebendigen Seele wird (1. Mose 2,7).  Die Seele steht also für das von Gott gegebene und auf Gott bezogene Leben des Menschen, zu dem er selbst in ein Verhältnis tritt. „Was betrübst du dich, meine Seele und bist so unruhig in mir“, kann z.B. der Psalmbeter fragen, um sich gleich darauf selbst zu antworten: „Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“ (Psalm 42,6.12; Ps 43,5).

Ganz anders nun in unserem Gleichnis! Das Selbstgespräch, das hier geführt wird, ist das zufriedenheitsstiftende Sich-selbst-Zureden eines Menschen unter Absehung von Gott. Indem dabei von der „Seele“ als  innerer Gesprächspartnerin die Rede ist, wird allerdings das auf der Ebene der Handlung Ausgesparte, nämlich das Verhältnis zu Gott, auf der Ebene der Erzählung zugleich thematisiert. Denn für die zeitgenössischen Hörer*innen (wie für informierte Leser*innen) schwingt im Begriff der „Seele“ die Frage nach dem Gottesverhältnis automatisch mit. Nicht nur wer das Bekenntnis des Beters aus Psalm 62,2 im Ohr hat: „Bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe“ (Einheitsübers.), wird deshalb hier aufhorchen. Auch andere werden das „Habe nun Ruhe und guten Mut, meine Seele“ des Kornbauern als bewussten Kontrapunkt zu dem in den Psalmen immer wieder angestimmten „Lobe den Herrn, meine Seele“ (Ps 103, 104, 146) hören, das auch hier eigentlich als Antwort auf den erfahrenen Segen zu erwarten gewesen wäre.

Zufrieden in sich selbst verkrümmt

Man wird vor diesem Hintergrund nicht zu weit gehen, wenn man den von Jesus in seinem Selbstgespräch durchaus aufrecht gezeichneten Kornbauern mit Luthers Worten als einen in seiner Zufriedenheit „in sich selbst verkrümmten“ Menschen bezeichnet. Luther umschreibt damit den Menschen unter der Macht der Sünde. Nicht dass der Kornbauer es an Dank fehlen lässt, ist dabei das Problem – Gott ist nicht dankgeil und in dieser Hinsicht auch nicht nachtragend. Sondern dass er Gott in der Betrachtung seiner Existenz gänzlich aus dem Spiel lässt. Denn damit macht er letztlich sich selbst zum Herrn seines Lebens, statt Gott als seinem Schöpfer und Retter diesen Platz einzuräumen. Und genau diese Gleichgültigkeit gegenüber Gott, diese Gottvergessenheit aus Selbstversessenheit, berührt den Kern dessen, was die Bibel „Sünde“ nennt.

Zufriedenheit, wie man sie heute herzustellen versucht, erscheint als ein Versuch, mit sich selbst in Einklang zu kommen, ohne es zugleich mit Gott zu tun zu bekommen.

Zufriedenheit, wie man sie heute vielfach beratend oder therapeutisch herzustellen versucht, erscheint somit im Lichte dieses Gleichnisses als ein Versuch, mit sich selbst in Einklang zu kommen, ohne es zugleich mit Gott zu tun zu bekommen. Das muss nicht nutzlos sein – auch im Gleichnis verschafft es dem Kornbauern ja die gewünschte Genugtuung. Aber es ist, wie der Fortgang der Geschichte zeigt, nur von begrenztem Wert – nicht nur, weil es mit dem eintretenden Tod jederzeit zerplatzen kann, sondern auch weil die Frage, was uns an den Grenzen unserer Existenz noch trägt und Grund unseres Vertrauens sein kann –  angesichts nicht mehr gut zu machender Verfehlungen, erfahrener Sinnlosigkeit, erlittenen Leides oder des sich abzeichnenden Todes – dabei unbeantwortet bleibt.

Ein himmelweiter Unterschied

Im Zentrum der Verkündigung Jesu steht denn auch kein Versprechen von Zufriedenheit, sondern die Verheißung von Seligkeit (griech. soteria = Rettung, Heil). Im Wort „Seligkeit“ klingt dabei im Deutschen „Seele“ wieder mit an, obwohl beide Worte unterschiedlichen Ursprungs sind. Beispielhaft findet sich diese Verheißung Jesu in den Seligpreisungen der Bergpredigt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich“ (Matthäus 5,10). Ebenso formuliert Paulus den Gewinn des Glaubens als Seligpreisung: „Selig sind die, denen die Ungerechtigkeiten vergeben und denen die Sünden bedeckt sind!“ (Römer 4,7, vgl. Psalm 32,1). Dass Menschen, die gemäß dem Aufruf Jesu „zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“ trachten (Matthäus 6,33), dauerhaft zufrieden sein werden, ist somit nicht garantiert, selbst wenn ihnen „alles andere zufällt“. Garantiert greift aber der Versuch zu kurz, mit sich selbst ins Reine zu kommen, ohne zugleich mit Gott auch nur in Berührung zu kommen. Denn Seligkeit erfährt nur der Mensch, der sich auch in seiner ganzen Schäbigkeit noch von Gott angenommen weiß. Und so bleibt es ein himmelweiter Unterschied, ob man nur zufrieden lebt oder in Frieden mit Gott und aus dem Frieden mit ihm.

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