500 Jahre Wormser Reichstag 3 plus 7 Fragen an Katharina Kunter

Am 17./18. April 1521 fand in Worms Luthers Widerrufsverweigerung und auch eine Gesprächsverweigerung des Kaisers statt.

Eine 500-Jahrfeier kann man nur alle tausend Jahre feiern… Auch „Worms 1521“ wird mit einem vielseitigen Programm begleitet. So mit der großen Landesausstellung Gewissen und Protest. Welche Rolle hat für Luther das Gewissen? War er in Worms standhaft, oder nicht? Manche fragen: Wurde mit der Berufung auf Schrift und Gewissen moderner Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet? Andere sehen Worms als Vorbild: „was ein Einzelner erreichen kann“. Die Ausstellung präsentiert Persönlichkeiten wie Hans und Sophie Scholl oder die Ereignisse der Friedlichen Revolution 1989 und stellt Menschen aus der DDR vor, die mutig Widerstand gegen die SED-Diktatur geleistet haben, erklärt Katharina Kunter, die die Ausstellungskonzeption betreute.

Als 2017 der Reformationsbeginn begangen wurde, war eine Frage, ob alles nicht zu sehr „personalisiert“ auf Luther sei. Mit Worms lässt sich wohl sagen, dass diese Personalisierung spätestens die römische Kurie am 3. Januar 1521 höchstselbst vollzogen hat, als sie Luther mit dem Bann belegte… Andere beklagen, dass durch das Hinausdrängen Luthers langfristig ein Kirchenwesen ohne Vatikan entstanden ist.

Auf dem „Lutherweg“ von Wittenberg nach Worms ist heute ein Pilgerweg. Luthers Vorwurf war stets, dass seine Sache inhaltlich nie wirklich angehört wurde. In Erfurt wurde Luther von vierzig Reitern empfangen – andererseits stellten sich körperliche Beschwerden ein. Auch in Worms wurde dann lediglich gefragt, ob seine Schriften von ihm seien und ob er sie widerrufe. So gesehen war Worms 1521 nicht nur Ort von Luthers Widerrufsverweigerung, sondern auch der Gesprächsverweigerung des Kaisers. (Ökumenisch ist man heute in vielem weiter…) Schon im Verhör 1518 wurde Luther durch den Legaten Cajetan nur gefragt, ob er widerrufe. 1521 antwortet er so:

„wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde […], so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.“

Die Rede verbreitete sich in verschiedenen Fassungen in mehr als zehn Auflagen (Vgl. z.B. WA 7,825ff). Was zu einer Popularisierung des Gewissensbegriffs gewiss beigetragen hat. Am 26. April verließ Luther Worms, wurde auf der Rückreise zum Schein „überfallen“ und heimlich auf die Wartburg verbracht, wo er sich daran machte, das Neue Testament zu übersetzen.

 1. Frau Kunter, wie ist die Ausstellung zu 500 Jahre Wormser Reichstag aufgebaut?

Die Ausstellung beginnt in der Wormser Andreaskirche. Hier werden die Besucher zunächst in das historische Ereignis, also Luthers Widerrufsverweigerung 1521 vor Kaiser und Reich, eingeführt. Weil das Ereignis jedoch nicht ohne den zeitgleich entstehenden Mythos vom einsamen, um seine Gewissensentscheidung ringenden mutigen Mönch Luther und seinem Ausspruch „Hier stehe ich und kann nicht anders“ zu trennen ist, bleibt die Ausstellung nicht im Jahr 1521 stehen. Von der Andreaskirche gelangen die Besucher in das neu sanierte Museum Andreasstift. Dort begeben sie sich auf eine Reise durch die vergangenen 500 Jahre und begegnen Menschen, die sich in historischen Konfliktsituationen manchmal auf Luther, in jedem Fall aber mutig auf ihr Gewissen beriefen. Bartholomé de las Casas gehört etwa zu diesen, ebenso wie Anne Hutchinson, Georg Büchner, Sophie Scholl und natürlich Martin Luther King.

1.1 Manche nennen auch Auswirkungen 1989 beim Fall der Mauer.

Selbstverständlich thematisiert die Ausstellung auch Protest, Opposition und Zivilcourage in der SED-Diktatur, die ja zur gemeinsamen, geteilten deutschen Geschichte nach 1945 gehört. So wird zum Beispiel der Eisenberger Kreis, ein Schüler-Widerstandskreis in der DDR der 1950er Jahre, ausführlicher vorgestellt. Seine Gründer, Thomas Ammer und seine Freunde, kamen aus der evangelischen Jugend und orientierten sich in ihrem Widerstand an der Weißen Rose. Aus der Evangelischen Kirche in der DDR stammten dann auch bekannte Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen der Friedlichen Revolution im Herbst 1989, die ebenfalls in der Ausstellung vorkommen.

1.2 Zu den Schriften und Positionen, die Luther widerrufen sollte, zählten auch: ein Psalmenkommentar, seelsorgliche Texte, die Betonung von Barmherzigkeit, Abwehr von zu viel Klerikalismus oder der Wunsch nach Gottesdienst in der Muttersprache. Wäre es nicht denkbar gewesen, dass der Reichstag dazu in ein Gespräch eintritt?

Tatsächlich ging Luther zunächst davon aus, dass ihn in Worms eine ausführliche Disputation über seine Schriften und deren Begründung aus der Heiligen Schrift erwartete. Würde man Geschichte kontrafaktisch denken, hätte sich aus dieser dann vielleicht tatsächlich ein eher kirchlich-theologisch orientiertes Gespräch über seine Schriften ergeben können. Das ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Denn Luthers Ladung vor Kaiser und Reichstag war von Anfang an als ein Verhör geplant, mit zwei vorbereiteten Fragen, zu denen Luther Stellung beziehen musste.

2. Was ist das Besondere an Luthers Gewissensbegriff?

Luther brachte in Worms seine aus eigener Erfahrung gewonnene, sehr persönliche Glaubenswahrheit zum Ausdruck. Er beschrieb diese mit dem schönen Bild, dass sein „Gewissen in den Worten Gottes gefangen sei“. Nur, wenn die Gegenseite biblisch oder mit Vernunft argumentiere, sei er bereit, diese zu überprüfen. Mit der Berufung auf sein Gewissen begab er sich also in Opposition zur übergeordneten kirchlichen und weltlichen Lehrautorität und Tradition. Kern seines Gewissensbegriffes war der individuelle Gehorsam gegenüber Gott; durchaus ein moderner, weil subjektiver Wesenszug.

2.1 Andererseits war es kein freischwebender, richtungsloser Individualismus, sondern kannte Maßstäbe und Kriterien – wie eben die biblischen Urtexte oder Entscheide der Alten Kirche.

Ja, Luthers Gewissensbegriff war an die Heilige Schrift gebunden; ein autonomes, allein auf den Menschen bezogenes Gewissen kannte er noch nicht.

2.2 Wie sehr stand Luther dabei in Einklang mit anderen Rufen nach reformatio (Gravamina, „Zurück zu den Quellen“)?

Luther war, wie das der Historiker Heinz Schilling schön formuliert hat, ein Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Auf ihn wirkten also viele politische, geistliche und kulturelle Bewegungen und Entwicklungen der Zeit ein; er ist nicht kontextlos. Manchmal wirkt er als Katalysator. Manchmal verdichten sich dann aber auch in seiner Person zeitgenössische Einflüsse und Ideen zu einem eigenen Wesenszug.

3. Mit Worms 1521 in seiner historischen Dimension verbinden sich ja gleich mehrere Aspekte. Welche Positionen Luthers halten Sie für heutige Diskurse besonders inspirierend?

Wie und mit welchen ethischen oder auch religiösen Gründen verhalten sich Menschen gegenüber Mehrheiten und Autoritäten? Ab wann setzen sie sich mit Mut gegen Unwahrheiten oder mit Zivilcourage gegen Ungerechtigkeit zur Wehr und berufen sich dabei auf ihr Gewissen? Unter welchen Voraussetzungen stößt der Wille zur Anpassung, zum Kompromiss an seine Grenze? Diese Frage ist auch heute noch von großer Aktualität und stellt sich in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder neu. Besonders herausfordernd finde ich darüber hinaus die Frage, ob es im digitalen Zeitalter zukünftig überhaupt noch so individuelle Gewissensentscheidungen wie die Luthers geben wird, oder ob solche nicht mehr und mehr von Algorithmen und künstlicher Intelligenz gesteuert werden.

3.1 Stimmt es, dass Luthers Reise nach Worms teilweise einem Triumphzug gleichkam?

So hat es jedenfalls ein prominenter Augenzeuge von Luthers Einzug in Worms, der päpstliche Nuntius Hieronymus Aleander, beschrieben. Die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhundert hat dieses Bild fortgeschrieben und in Gemälden wie von Friedrich Wilhelm Martersteig einprägsam in Szene gesetzt. Für Luthers gesamte Reise von Wittenberg nach Worms mit seinen unterschiedlichen Stationen lässt sich das Bild des „Triumphzuges“ allerdings nicht an zeitgenössischen Quellen belegen. Im Gegenteil: Luther reiste als ein angefochtener Mönch nach Worms. Das Bild von seiner Reise als „Triumphzug“ gehört insofern zum Mythos des Wormser Luthers.

3.2 In Worms kam es auch zu wichtigen Begegnungen. Christian III. von Dänemark war da, Philipp von Hessen…

Beide waren damals „blutjung“, unter 20 Jahre, und erlebten Luther auf dem Wormser Reichstag offensichtlich als eine enorm beeindruckende Person, die ihren späteren Weg als Herrscher entscheidend prägen sollte.

3.3 Kann man sagen, dass Luther sich vor allem als Reformkatholik verstand und sein Pochen auf die Schrift als Erneuerung, oder genauer: Rückruf seiner Kirche in die Ursprungsgestalt des Christentums gedacht war?

Man muss Luther historisch differenzieren. Für den Luther der 95 Thesen, der 2017 im Reformationsjubiläum „gefeiert“ wurde, mag die Bezeichnung „Reformkatholik“ noch durchgehen. Aber auf den „Wormser Luther“, der 2021 im Mittelpunkt der Erinnerung steht, trifft diese Deutung nicht mehr zu.

Seine reformatorischen Hauptschriften von 1520, die Babylonica, die Adels- und Freiheitsschrift, brachen theologisch und ekklesiologisch mit der lateineuropäischen Papstkirche. Er wollte keine priesterlichen Heilsfunktionen mehr, er wollte einen Papst, der ein Gläubiger unter seinesgleichen war, eine reduzierte Sakramentenzahl, keine Klöster und keinen Zölibat mehr. Er setzte sich für emanzipierte und selbst die Heilige Schrift lesende Laien ein. Er wurde als Ketzer angeklagt und weigerte sich in Worms – gegen die Autoritäten von Papst, Kaiser und Reich – seine Schriften zu widerrufen. All das tat er nicht im Leisen, Diplomatischen und Vermittelnden. Seine Argumente und seine Rhetorik waren scharf, sie polarisierten. Er nahm die Spaltung der Kirche in Kauf; er hatte eine andere Idee von Kirche. Seine Vision war aber sicherlich nicht die aktuelle Gestalt der evangelischen Kirche in Deutschland.

Das Interview führte Manfred Schütz auf schriftlichem Weg.

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