Akademien in der Krise Zukunft und aktuelle Situation

Im Süden Deutschlands ist der idyllisch gelegene Ort Bad Boll zur Keimzelle der Evangelischen Akademien in Deutschland geworden, die viele Jahrzehnte dem öffentlichen Diskurs Impulse gegeben haben. Die glanzvollen Zeiten scheinen vorbei. Es ist von Niedergang und „Sinkflug“ die Rede.

Es ist schwierig, in Kreisen der evangelischen Kirche jemanden zu finden, der sich an eine aktuelle Bestandsaufnahme der evangelischen Akademien wagt. Einige erleben hautnah eine handfeste Krise mit rapidem Bedeutungsverlust, andere sehen keinen Grund für ständige Klagen, sondern wollen die Arbeit zukunftsfest machen. Unbestritten ist, dass der Stellenwert der Einrichtung in den Medien lang nicht mehr so hoch zu sein scheint wie früher.

Deutlich ist, dass in den meisten Fällen die Stellung der Akademien als Orte des Diskurses längst nicht mehr so herausgehoben ist wie früher. Sie konkurrieren inzwischen mit anderen Einrichtungen auf einem breit gefächerten Bildungsmarkt und sind eingebunden in ein vielstimmiges Konzert. Unverkennbar ist auch, dass sich die Sparzwänge bei den Kirchen an vielen Orten niederschlagen. Die Finanzierung wird immer schwieriger.

Diskurskultur und politische Bildung

Von Seiten der Kirchen wird dagegen immer wieder die Bedeutung der Bildungsarbeit betont. Der Dachverband der Akademien spricht von der Unverzichtbarkeit des Diskurses als Beitrag der Kirche für eine demokratische Gesellschaft. Die Akademien sollen Orte sein, an denen die Teilnehmenden konfliktfrei ihre Positionen austauschen können und sich auch mit kritischen Themen wie dem Rechtsruck in der Gesellschaft auseinandersetzen können. Dahinter steckt die Idee vom herrschaftsfreien Diskurs, der von dem kürzlich verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas entwickelt worden ist. Für die Skeptiker stellt sich jedoch die Frage, ob Akademien diesen Ansprüchen überhaupt noch genügen können.

Schon im Jahr 2013 haben die beiden ZEIT-Autoren Wolfgang Thielmann und Andreas Öhler in einem Artikel in der ZEIT-Beilage Christ und Welt über die Krise der evangelischen Akademien berichtet. Öffentlichkeitswirksam geführte Debatten gebe es schon lange nicht mehr, hieß es damals. Gründe sahen die Autoren unter anderem in der „Krise der Religion“ und der „Marginalisierung der Kirchen“ sowie dem Wegbrechen des klassischen evangelischen Bildungsmilieus.

Dennoch zählten die Autoren die Akademien noch zu den größten Akteuren der Zivilgesellschaft. Sie kritisierten, dass die Akademien mit Aktionismus auf die veränderte Situation reagieren. „Doch mit Event-Rezepten kann man die Akademien genauso wenig retten, als wenn man sie zu Pilgerstätten für Einkehr und Besinnung umfunktionieren würde“, so Thielmann und Öhler. Ihre Feststellungen sind immer noch aktuell. Programme der Akademien strahlen inzwischen eine gewisse Beliebigkeit aus. Auch andere Bildungsstätten wie die Volkshochschulen oder Familienbildungsstätten haben entsprechende Angebote. Die evangelischen Akademien sind ein Akteur unter vielen und werden nicht mehr unbedingt als Aushängeschild der kirchlichen Bildungsarbeit in Deutschland wahrgenommen.

Gründungsära in den 50er und 60er Jahren

Vor drei Jahrzehnten war die Welt noch in Ordnung. Da wurde in der Keimzelle der evangelischen Akademien in Bad Boll nicht nur groß gefeiert. Auf gut 300 Seiten wurde in einem Jubiläumsband die Arbeit der Einrichtung gewürdigt. Der damalige Direktor Manfred Fischer erinnerte an „ein denkwürdiges Ereignis nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs“. Von 29. September bis 12. Oktober 1945 fand eine zweiwöchige Tagung für Männer des Rechts und der Wirtschaft statt. Das war auch der Gründungstermin für die Akademie, der bewusst auf den 29. September fiel. Dies war der Michaelistag, der an den Erzengel Michael erinnert, der den Drachen und die Dämonen besiegt.

Inseln einer demokratischen Debattenkultur

Mit der Einladung zu einem öffentlichen Dialog sei ein neuer Arbeitszweig der Kirche entstanden, beschreibt Fischer die aus seiner Sicht „bedeutendste kirchliche Neuerung in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“. Bewusst habe die Kirche damals Mitverantwortung für die Gestaltung des öffentlichen Lebens in den verschiedenen Arbeitsbereichen übernommen. Die Akademie hat nach Fischers Worten nach Gründung der Bundesrepublik bei den wichtigsten gesellschaftspolitischen Themen mitgewirkt und mitgemischt. Da ging es um die Wiederbewaffnung, Eigentums- und Vermögensfragen, Unternehmen und Gewerkschaften. Politiker gingen ein und aus. Für Wirbel sorgte auch der Besuch des führenden Kopfs der 68er-Studentenbewegung Rudi Dutschke.

Später kamen grundsätzliche Themen dazu, wie das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie, Ökumene und Kirchenreform oder Entwicklungspolitik. Frauen-, Umwelt- und Friedensbewegung oder Bürgerinitiativen fanden in den Akademien Diskursräume.

Aktuelle Sparzwänge

Doch diese Zeiten, als die Akademie den öffentlichen Diskurs geprägt hat, sind vorbei. Wie in einem Brennglas scheinen sich die Probleme der Akademiearbeit in Bad Boll zu konzentrieren. Bis zum Jahr 2011 wurde die Zahl der Studienleiter um ein Drittel auf 25 gekürzt. Ende 2025 waren es noch zehn. 2025 wurde ein radikales Sparprogramm von der württembergischen Landeskirche beschlossen. Danach muss die Akademie zwischen 2026 und 2028 jährlich 1,2 Millionen Euro einsparen, was 35 % ihres Budgets entspricht. Damit ist von der einst stolzen Akademie, die einst Pionierarbeit geleistet hat in Deutschland, nur noch ein Schatten geblieben.

Dass die Situation in vielen Landeskirchen ernst ist, zeigt sich auch an diesen finanziellen Zwängen, die bei den Akademien immer deutlicher werden. Es scheint eine Parallelität zu geben. Je leiser die Stimme der Kirche in der Gesellschaft wird, um so weniger sind die Akademien Resonanzkörper der aus den Reihen der Kirchen angestoßenen gesellschaftlichen Debatten. Auf die seit Jahren anhaltende kritische Diskussion über ihre Rolle haben die 16 Akademien mit einem Positionspapier reagiert mit dem Titel „Diskurskultur und politische Bildung – Die Evangelischen Akademien in einer Zeit der Transformation“. Es ist das Ergebnis einer mehrjährigen Diskussion, die „den Gründungsauftrag der Akademien angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen aktualisiert“, wie es in einer Mitteilung des Dachverbands heißt.

„Evangelische Akademien sind ein sichtbarer und wirksamer Ausdruck kirchlicher Verantwortung für Gesellschaft und Demokratie. Sie wurden gegründet, um gesellschaftliche Diskurse zu organisieren, protestantische Perspektiven einzubringen, Kontroversen ein Forum zu geben und damit einen nachhaltigen Beitrag zur Demokratisierung unserer Gesellschaft zu leisten. Das gilt bis heute“, sagt Udo Hahn, Vorsitzender des Dachverbands „Evangelische Akademien in Deutschland e. V.“ (EAD) und Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing.

Damit entwirft Hahn eine optimistische Zukunftsperspektive, die an den ursprünglichen Auftrag der Akademien anknüpft. Der Jugendarbeit wird ein hoher Stellenwert eingeräumt. Doch für diesen Bereich hat erst jüngst der Bund Fördermittel gekürzt.

„Die Evangelischen Akademien stehen ein für eine auf Zukunft ausgerichtete Kirche, die Verantwortung für die Gesellschaft und die Demokratie übernimmt, eine Kirche, die sich öffnet für Neues und für die Vielfalt der Menschen“. Dies ist nach Angaben des Dachverbands ein Kernsatz des Positionspapiers.

Zukunftsperspektiven

Die Bilanz der evangelischen Akademien lässt sich immer noch sehen. Beeindruckend ist die Breite und Vielfalt der Programme. In jährlich rund 1.700 Veranstaltungen erreichen die Evangelischen Akademien nach Angaben ihres Dachverbands über 50.000 kirchennahe wie kirchenferne Menschen aller Generationen und Berufsgruppen. Sie bieten laut EAD auch jenen Kirchenmitgliedern eine Kontaktfläche, die sich neuen oder unkonventionellen Formen kirchlichen Handelns zuwenden. Der Anteil junger Menschen unter 27 Jahren liegt bei 20 Prozent, nach Ansicht des Dachverbands eine wichtige Zukunftsressource für die Kirche.

Der Anteil junger Menschen liegt bei 20 Prozent.

Skeptiker sind jedoch der Ansicht, dass das „Geschäftsmodell“, mit dem die Akademien einst angetreten sind, nicht mehr funktioniert. Selbst so große Institutionen wie die Kirche finden immer weniger Widerhall in der Öffentlichkeit, während sich die allgemeine Meinungsbildung in Kommunikationsblasen verlagert hat, in denen es vor allem darum geht, Aufmerksamkeit zu erzeugen und weniger darum, Hintergründe zu erklären.

Dass der Anteil junger Menschen bei den Teilnehmenden höher ist als in der Gesamtbevölkerung, darauf weist auch Hanna-Lena Neuser hin, Vorständin der EAD und Direktorin der Evangelischen Akademie Frankfurt. Sie blickt genauso zuversichtlich in die Zukunft wie ihre Kollegin aus Berlin. „Wir sind eine wichtige zivilgesellschaftliche Akteurin, mit der auch zukünftig zu rechnen ist“, betont Dr. Friederike Krippner, Vorständin der EAD und Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin. Generell von einer Krise der Einrichtungen zu reden, lehnt sie strikt ab. „Mich interessiert rollengemäß eher, wie sich die Akademien für die Zukunft fit machen. In Berlin haben wir in den letzten fünf Jahren eine Teilnehmenden-Steigerung um über 300 Prozent erlebt“, betont sie auf Anfrage der evangelischen aspekte.

Deshalb stimmt sie auch der Krisen-Diagnose so generell nicht zu. „Wir erheben die Teilnehmendenzahlen intern, aber sie sind valide“, sagt Krippner. Zurückzuführen ist das auf mehrere Faktoren: Rund ein Drittel sind Online-Veranstaltungen. Daher konnte der Teilnehmendenkreis erweitert werden. Dazu kommen mehrere durch unterschiedliche Bundes- und Landesmittel geförderte Projekte. Dadurch gibt es mehr Projektleitende und mehr Veranstaltungen und mehr Teilnehmende. „Ich würde gegen die These des Bedeutungsverlust aber auch andere Faktoren anführen: Wir sind offensichtlich ein attraktiver Partner für die Durchführung von Projekten, was sich daran zeigt, dass es uns gut gelingt, Mittel auch für langjährige Prozesse einzuwerben (derzeit insgesamt vier Projekte in den Bereichen Antiziganismus, Kirchliche Transformation im ländlichen Raum; Demokratie im ländlichen Raum; Antisemitismuskritik). Wir sind von der Landeskirche und EKD immer wieder für die Strukturierung großer Prozesse angefragt (EKD-Denkschrift, EKBO-rassismuskritischer Prozess der Synode).“ Und weiter: „Die Frage ist ja: Ist der Maßstab die Akademie der 60er Jahre, wo Politiker noch mehrere Tage nach Tutzing kamen – was heute kein Politiker irgendwohin mehr tut. Oder was ist eine Akademie mit Strahlkraft im Jahr 2026? Ich vertrete sehr selbstbewusst die Meinung, dass die Kirche uns braucht, weil die Gesellschaft eine in dieser Weise wirkende Kirche braucht.“

Trotz des unübersehbaren Ansehensverlustes, den Sparzwängen und der oft ungünstigen Lage gibt es positive Ansätze für die Zukunft, wie Frankfurt und Berlin zeigen. Es sind wichtige Debatten, die in den Akademien geführt werden, sei es über Konflikte in Syrien oder den Rechtsruck in der Gesellschaft, das zeigt sich an den Programmen. Ein generelles Rezept, wie es im Positionspapier dargelegt wird, scheint es nicht zu geben, vielmehr Konzepte, die an die örtlichen Gegebenheiten angepasst sind. Hier sollte weitergedacht werden. Denn die Akademien sind immer noch Inseln einer demokratischen Debattenkultur.

Im Dachverband „Evangelische Akademien in Deutschland e. V.“ (EAD) sind 16 Evangelische Akademien zusammengeschlossen. Sie bieten Diskurs- und politische Bildungsangebote zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Gesellschaft, Religion, Kultur und Wissenschaft. Weitere Informationen unter: www.evangelische-akademien.de.

Zum Weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar