Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft Tägliche Erfahrungen einer Jüdin in Deutschland

Anonymität ist für Juden in Deutschland die einzige Möglichkeit, Antisemitismus auszuweichen. Und doch lässt uns Juna Grossmann teilhaben an ihrer Wirklichkeit, verlässt ihre Deckung und erzählt von ihren alltäglichen Antisemitismus-Erfahrungen: in ihrem Blog, im Buch, auf Lesereise und hier.

Ich komme heute viel ins Gespräch, und kann so einen Blick auf das haben, was Menschen fragen, wie sie Antisemitismus, ob betroffen oder in der Beobachtung, wahrnehmen. Viele denken, dass das heute kein Problem mehr sei. Andere sehen den Antisemitismus und meinen: „Es muss ja einen Grund dafür geben“. Gibt es Gründe für Hass? Kann es sie geben? Nein.

„Die Juden“ sind keine homogene Masse. Alles, was ich aus den meist abstrakten Vorwürfen extrahieren kann, ist das Verhalten einzelner Menschen, die zufällig Juden sind. Erst letzte Woche erklärte man mir, dass Juden „sexbesessen“ seien. Der Verlautbarer zog in diesem Fall Harvey Weinstein als Begründung heran, ein anderer Jeffrey Epstein. ZWEI einzelne Menschen, die zufällig Juden sind. Wurde Ihnen als Christen persönlich Pädophilie vorgeworfen, weil es einzelne Christen gibt, die Kinder missbrauchen? Nein. Ist schließlich absurd.

Nicht so bei Juden. Alles was wir tun, alles was wir sagen, alles, womit wir uns mitteilen, läuft über ein Radar der Weltöffentlichkeit. Alles wird mit Argusaugen und meist wenig wohlwollend betrachtet. Tanzt man aus der von außen vorgegebenen Reihe, tun das angeblich alle Juden.
Also: nicht auffallen, stets unter dem Radar fliegen. Sei nicht zu gut in der Schule, nicht zu erfolgreich im Beruf, nicht zu sehr in der Öffentlichkeit! Es ist eine anstrengende Gratwanderung – ein Leben lang, ohne Pausen, stets auf dem Kritik-Tableau. Es sei denn, man verschweigt seine Identität komplett, wird selbst Antisemit, oder meidet ein nichtjüdisches Umfeld komplett. Das allerdings heißt nicht, dass man ein ruhigeres Leben hätte. Nur die Zahl der Todesdrohungen sinkt vermutlich signifikant.

Das ist kein neues Problem. Schon Albert Einstein soll beim Bau seines Caputher Hauses darauf geachtet haben, dass es möglichst bescheiden ist, sonst würde man „dem Juden“ Einstein vorwerfen, er wäre prunksüchtig. Er sollte Recht behalten.

Nichtwissen lässt Raum, Falschwissen nicht

Emilia Schmechowski schreibt in ihrem Buch Rückkehr nach Polen den Satz: „Nichtwissen, denke ich, ist nicht das Problem. Nichtwissen lässt Raum für Antworten. Falschwissen hingegen macht den Raum zu, und den Menschen auch.“ Es machte Klick, als ich ihn las. Warum verweigern sich so viele dem wirklichen Gespräch und beharren auf ihren „Informationen“? Wie sonst kann man erklären, dass mir nicht nur einmal die Beschneidung von Mädchen vorgeworfen wurde. Man weiß, dass wir irgendwas mit Beschneidung machen, aber doch nicht genau was. Überhaupt das Thema Beschneidung, auch ein Trigger. So wie das Wort Israel. Beides ist quasi ein Lackmustest, will man sein Umfeld testen. Ich will das nicht. Also lassen wir das Thema besser.

Was oft aus dem Religionsunterricht zum Thema Schabbat hängen bleibt, ist, dass Juden am Schabbat nur 100 Schritte gehen dürften. Die Gesetze sind aber ein Gummiband, das wir bis zu einem bestimmten Grad dehnen können, so der Eruv: ein Draht um ganze Stadtteile wie die Altstadt Jerushalayims oder Brooklyn gespannt. Innerhalb dieses Drahtes gilt alles als ein Haus, Sie dürfen sich getrost mehr als 100 Schritte darin bewegen. Und die Aufzüge halten am Schabbat praktischerweise an jeder Etage, es lebe der Paternoster!

Viel mehr Wissen und Akzeptanz habe ich z.B. während einer USA-Reise im Dezember erlebt, als sich in meiner muslimisch-jüdischen Reisegruppe auch Rabbi Elias Dray befand. Es war dort ganz selbstverständlich, dass das Hotel in dem wir wohnten, mangels koscherem Service, ihm alles zur Verfügung stellte, damit er sein Frühstück mit uns einnehmen konnte. Koscheres Essen wurde geordert, notfalls Plastikgeschirr und -besteck bereitgestellt. Er musste nichts erklären. Man wusste, was zu tun ist. Niemand drehte sich um. Nichts wurde bewertet oder kommentiert. Es war erholsam normal!

Rabbi Dray erzählte später, dass er mit seiner Familie am Wannsee, nachdem sie die Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“ besuchten, nebenan an einem Kiosk Getränke kauften, sich an die zur Verfügung gestellten Tische setzten und ihr mitgebrachtes koscheres Essen einnahmen. Gäste, die zuvor auch in der Gedenkstätte waren, in dem Haus also, in dem die Nazis die Vernichtung der Juden planten, beschwerten sich beim Kioskbetreiber lautstark „dass die da Mitgebrachtes essen“.

Ein Fenster zur jüdischen Welt

Ich entschied vor einigen Jahren mit meinem Blog ein Fenster zu öffnen zu einer Welt, die noch immer für viele in diesem Land mysteriös zu sein scheint. Ich erklärte, warum wir Milchiges von Fleischigem trennen sollen, was „koscher“ bedeutet, warum sich manche Männer Schläfenlocken wachsen lassen, Frauen das Haar mit der Heirat bedecken und warum sich wohl der Großteil der jüdischen Menschen heutzutage reichlich wenig darum kümmert und dennoch seiner Religion verbunden ist und sie vor allem kennt.

Die jüdische Welt scheint noch immer für viele in diesem Land mysteriös zu sein.

Inzwischen reise ich durchs Land und rede öffentlich über alltäglichen Antisemitismus und versuche gleichzeitig in meinem Leben alles, um ihm nicht mehr als vermeidbar zu begegnen. Das gelingt einigermaßen und ich bin mir meiner Privilegien sehr bewusst: Ich bin anonym. Ich lebe in Kreuzberg, in dem anders sein noch Normalität ist, zum Glück. Ich fahre kaum mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und wenn ja, spreche ich dort Deutsch und nicht Ivrith. Vor allem aber entspreche ich nicht dem Bild, das sich Menschen noch immer von Jüdinnen und Juden machen. Wenn ich einen Davidstern trage oder ein T-Shirt mit hebräischer Schrift, ernte ich irritierte oder decolleté-tieftauchende Blicke.

Antisemitismus im Beruf

Ich habe einen 40-Stunden-Job, in dem ich in weiten Teilen von konfrontativen Anfeindungen verschont bin. Und dennoch ist nichts normal. In meiner Arbeit im Museumsbetrieb sind Befristungen normal. Ich verschweige so lange wie möglich bewusst, dass manche Dinge bei mir anders sind und dass es einen Grund gibt, warum ich darauf bestehe, im Spätsommer oder Frühherbst Urlaub zu nehmen und immer um Weihnachten und Ostern zur Arbeit komme. Ich weiß nicht, was hinter meinem Rücken den Neuen gesteckt wird. Ich will es auch nicht wissen. Ich weiß noch, wie froh ich war, als wir jemanden einstellten, der jüdische Studien studiert hatte, für den jüdische Bekanntschaften normal sind. Was für eine Erleichterung.

Ich verstecke mich und verstecke mich doch wieder nicht. Es ist ein Leben in Obacht und ein Leben, in dem ich meine eigenen Vorurteile beobachte und Vorurteile von außen an mich herangetragen werden – z.B. meinen manche, ich müsste mit gewissen Personenkreisen per se Probleme haben. Aber warum z.B. sollte ich ein Problem mit dem neuen Wachmann haben, der erst vor einem Jahr über die Balkanroute nach Deutschland fliehen konnte, der nun darum bangt, dass seine Frau endlich nachkommen darf? Der wichtigste Satz aus der Tora für mich ist: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägypten gewesen seid“ (Ex 23,9). Dieser Satz heißt Verantwortung. Dennoch wird unterstellt, dass ich mich mit einem Moslem per se nicht verstehen könne. Als gäbe es irgendeine angeborene Feindschaft: Nein, die gibt es nicht. Im Gegenteil.

Mitarbeiterverantwortung erfordert immer Fingerspitzengefühl. Für mich noch mehr: Läuft etwas mit oder unter meinen Mitarbeitern und Kollegen nicht gut und ich muss Maßnahmen ergreifen, bin ich mir bewusst, dass die Sicht auf die Dinge antisemitisch umkippen kann. Ich führe das Personalgespräch z.B. angeblich nicht, um Fehler in Zukunft zu vermeiden, Streits zu schlichten oder Ähnliches, sondern weil ich mich dadurch für die Shoah rächen will. In anderen Fällen muss ich mir vorwerfen lassen, dass ich zu viel durchgehen lasse. Tja, es ist eben ein Dilemma. Doch nicht nur im Beruf schwingt die Alarmglocke leise surrend mit. Neue Bekanntschaften oder Besuch hier zu Hause. All das ist mit dem stetigen Wissen verbunden: Sollte „es“ rauskommen, könnte die Lage kippen. Die Mesusa ist an der Tür, nur selten wird sie wahrgenommen oder erkannt. Mein Freund, der mich anfänglich noch unbeschwert damit vorstellte, ich sei jüdisch, hat es inzwischen gelassen. Für ihn waren die Reaktionen eine neue, nicht immer positive Erfahrung.

„Sollte es rauskommen, dass ich Jüdin bin, könnte die Lage kippen.“

Zum Glück aber sind nicht alle Menschen gleich. Zum Glück gibt es andere. Trotz dieser wunderbaren Begegnungen bin ich immer vorsichtiger geworden. Ich bin bedachtsam, weil ich zu oft erfahren musste, dass ich am „Jüdischsein“ gewertet werde. Ich bin eben nie einfach nur Juna.

Klug, reich und humorvoll

Juden seien klüger und besser in der Schule heißt es – fragen Sie mal meinen letzten Mathelehrer.
Juden seien reich, können besser mit Geld umgehen – ich höre das schallende Lachen meines Bankberaters.
Juden haben solch einen wunderbaren Humor – lesen Sie einmal in jüdischen Facebookgruppen mit oder gehen Sie auf eine Veranstaltung des Gemeindetages.
Juden beherrschen die Medien – denken Sie wirklich, wir hätten einen so schlechten Programmgeschmack?
Juden beherrschen die Banken – zwinkern zu meinem noch immer lachenden Bankberater.
Juden sind für das Wetter verantwortlich – erwähnte ich, dass ich Winter in Berlin nicht ausstehen kann?

Und so geht es scheinbar unendlich weiter. Ich antworte hier humorvoll, doch danach ist mir nicht immer. Ich bin ein Mensch, kein Übermensch. Ich kann die Dinge, die da zumeist in Briefen an mich gesandt werden, an manchen Tagen besser, an anderen schlechter ertragen. Sie alle, ausnahmslos, hinterlassen ihre Spuren.

Weihnachten 2019 war in meinem Postfach Hochbetrieb. An Weihnachten haben Menschen mehr Zeit, auch meine E-Mail-Adresse zu suchen, sie in ihre Hassverteiler einzuspeisen oder sich mir mit Beschimpfungen direkt mitzuteilen: Ich solle meinen Mund halten und überhaupt habe man genug, dass sich „die Juden“ ständig äußern.

Nun, das Problem ist leicht zu lösen: Tun Sie etwas gegen gruppenbezogenen Hass, gegen Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Homophobie. Dann könnten sich all die Menschen, die sich mit Menschenfeindlichkeit auseinandersetzen müssen, um wichtigere Dinge kümmern: Leben, lernen und ab und an ein paar Blumen pflanzen.

Zum Weiterlesen

irgendwiejuedisch.com (Juna Grossmanns Blog); Juna Grossmann: Schonzeit vorbei. Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus. Droemer Knaur, 2018.

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