Was tun gegen Antisemitismus? Aktiv werden, statt Hilflosigkeit und Wegschauen

Antisemitismus ist nicht nur ein historisches Phänomen. Laut einer EU Studie sagen fast 90 Prozent aller Juden, der Antisemitismus habe in den letzten fünf Jahren deutlich zugenommen. Wo Politiker nach dem Anschlag in Halle überrascht reagierten, war man es in jüdischen Gemeinden keineswegs.

Wohin Antisemitismus führen kann, wissen wir seit der Shoah, dem nationalsozialistischen Massenmord an Jüdinnen und Juden, sehr genau. Die Erinnerung daran ist wichtig, aber Antisemitismus ist nicht nur Geschichte.

Jüdinnen und Juden sind in erster Linie von Antisemitismus betroffen, daher erkennen sie ihn oft früher als andere. Er bedroht unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger und somit unsere Gesellschaft und Demokratie in ihren Grundsätzen. Es ist nötig, dass wir uns alle angesprochen fühlen und handeln.

Die Amadeu Antonio Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen. Der Namensgeber der Stiftung, Amadeu Antonio, wurde 1990 von rechtsextremen Jugendlichen zu Tode geprügelt, weil er schwarz war. Er war eines der ersten Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit dem Fall der Mauer.

Einige der im Folgenden genannten Vorschläge, was jede/r gegen Antisemitismus tun kann, stammen (mit freundlicher Genehmigung) von der Stiftung. Sie sind unter www.amadeu-antonio-stiftung.de nachzulesen.

Was Sie tun können – wahrnehmen, ernst nehmen

Nehmen Sie die Sorgen jüdischer Menschen ernst! Ein großes Problem im Umgang mit dem Antisemitismus ist, dass er von vielen nicht wahrgenommen wird. Jüdische Menschen bekommen ihn aber täglich zu spüren. Daher ist es wichtig, ihnen gut zuzuhören, hinzuhören. Nutzen Sie die Angebote jüdischer Gemeinden, z.B. eine Synagoge zu besuchen, lesen Sie Berichte über ihre Erfahrungen. Auf www.report-antisemitism.de z.B. werden antisemitische Vorfälle statistisch aufbereitet und geschildert.

Es gibt rund 200.000 Juden in Deutschland, doch die wenigsten Menschen kennen einen Juden oder eine Jüdin persönlich. War es seither via Rent a Jew möglich, Begegnungen von nicht jüdischen Menschen mit einem Juden oder einer Jüdin zu ermöglichen, so wird die Bewegung gerade unter dem Titel Meet a Jew neu aufgestellt. Rent a Jew vermittelte jüdische Gesprächspartner verschiedenen Alters und Hintergrunds für Besuche in Schulen, Volkshochschulen, Universitäten oder Kirchengemeinden. Unter dem Motto „miteinander reden statt übereinander“ konnten so Einblicke in das aktuelle jüdische Leben in Deutschland gewonnen werden und es gab die Möglichkeit uneingeschränkt Fragen zu stellen. In Kürze sollen die Bemühungen unter www.meet-a-jew.de fortgesetzt werden.

Dahinter steht Likrat (hebr. für „auf einander zu“), ein Dialogprojekt des Zentralrats der Juden. Im Rahmen des Projekts stellen junge Menschen ihr Judentum in Schulklassen vor. Diese Gesprächsform setzt auf die Gleichaltrigkeit der Dialogpartner und schafft so ein Gespräch auf Augenhöhe, mit dem stereotype Wahrnehmungen durchbrochen werden können.

Antisemitismus ist keine Sache einzelner

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Antisemitismus als Feindschaft gegenüber und Diskriminierung von Juden und Jüdinnen. Dabei beziehe sich die Feindseligkeit sowohl auf religiöse als auch rassistische Vorurteile (z.B. die äußerliche Erscheinung oder den Charakter). Antisemitismus werde oft bei einfachen Erklärungen von komplexen Zusammenhängen, z.B. wirtschaftlichen Krisen, Revolutionen oder sogar Kriegen deutlich.

Antisemitismus kommt in der gesamten Gesellschaft vor. Er ist nicht nur eine Sache einzelner, die sich bewusst antisemitisch äußern oder jüdische Menschen bedrohen. Antisemitismus ist vielmehr tief in kulturellen und sozialen Codes unserer Gesellschaft verankert, oft ohne dass es uns bewusst wird. Er äußert sich in einem bestimmten Bild von Jüdinnen und Juden, in Vorurteilen und einseitigen Wahrnehmungen, in Bildern und Witzen, Verschwörungsmythen, Erniedrigungen und Beleidigungen, Schändungen von Friedhöfen, Synagogen und Gedenkstätten bis hin zu körperlicher Gewalt und Morddrohungen.

Man wird ja wohl noch sagen dürfen… –  Erkennen, benennen, widersprechen

In einer Diskussion über den Nahost-Konflikt werden oft Jüdinnen und Juden generell des Völkermordes an den Palästinensern bezichtigt. Solche Pauschalisierungen fassen alle jüdischen Menschen zu einem Kollektivsubjekt zusammen, sie werden alle für die Politik des Staates Israel verantwortlich gemacht. Sprechen Sie solche Missstände an. Es gibt keinen Zusammenschluss aller Jüdinnen und Juden. Der Begriff „Völkermord“ spielt auf den Holocaust an und ist auf den Nahost-Konflikt nicht übertragbar. Er soll die historische Verantwortung Deutschlands für die Verfolgung der Juden herunterspielen. Da es extrem schwierig ist, die komplexe Situation im Nahen Osten, zumal von außen, angemessen zu erfassen, sind einfache Schuldzuweisungen hier ohnehin fehl am Platz.

Ein weiteres Beispiel für antisemitische Äußerungen ist die Behauptung, Großkonzerne würden in Wahrheit von jüdischen Kreisen gesteuert. Solche Kommentare können Sie gut entkräften, indem Sie fragen, worauf sich diese Behauptung denn stütze. Die Bundeszentrale für politische Bildung rät, solche Anmerkungen zu etwas Persönlichem zu machen und das Gegenüber zur fragen: „Wo fühlst du dich konkret Ungerechtigkeiten ausgesetzt? Und was hat das mit Juden zu tun?“ Beziehen Sie andere mit ein und machen Sie Ihre Haltung deutlich: Ich halte nichts von solchen Anschuldigungen!

Bei Witzen über Juden gilt es, besonders achtsam zu sein. Durch Witze werden oft Vorurteile bestärkt. Es geht um „wir“ und „die anderen“, also um Ausgrenzung. Fragen Sie sich, was hinter dem Witz steckt. Welches Bild von Juden wird hier vermittelt? Setzen Sie Grenzen, das wirkt auch auf die Umstehenden.

Bei Positionierungen, die Sie als falsch oder menschenverachtend beurteilen, gilt es immer zu widersprechen. Nicht unbedingt, um das Gegenüber zu überzeugen, sondern vor allem, um gegenüber Umstehenden, die unsicher sind, deutlich Positionierungen, gute Argumente und eine klare Haltung zu zeigen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und demokratisches Miteinander sollten in den Vordergrund gerückt werden. Das gilt im digitalen Bereich genauso wie bei Gesprächen in der Nachbarschaft oder der Lektüre Ihrer Zeitung. Widersprechen Sie, schreiben Sie einen Kommentar oder einen Leserbrief!

Immer und überall gilt: Solidarisieren Sie sich mit den betroffenen Personen.

Immer und überall gilt als erstes: Solidarisieren Sie sich mit Personen, die von diskriminierenden und menschenverachtenden Anfeindungen betroffen sind. Sie können Ihre Unterstützung zeigen, indem Sie sich mit ihnen gegen Anfeindungen verbünden – sowohl mit direktem Zuspruch als auch mit öffentlichen Statements oder auch einer Zeugenaussage. Es ist wichtig Betroffene zu fragen, was sie brauchen.

Aktiv werden! Aber wie?

Wenn es Lokalbezüge gibt, lassen sich viele für Geschichte begeistern. Daher bietet es sich immer an, die Rolle von Antisemitismus in der eigenen Stadt zu untersuchen: Was ist in der Zeit des Nationalsozialismus in der eigenen Nachbarschaft geschehen? Wohin wurden die Jüdinnen und Juden aus Ihrem Wohnort vertrieben? Was wurde aus ihren Wohnungen und Häusern? Welche Bedeutung hat der Antisemitismus dort heute? In vielen Regionen gibt es lokale Geschichtswerkstätten oder -vereine, die gerne behilflich sind.

Oft scheint es zunächst, als hätte es nie jüdisches Leben in der Region gegeben. Wenn Sie sich auf Spurensuche begeben, verhindern Sie, dass die Nachbarinnen und Nachbarn von einst in Vergessenheit geraten. Sie können sich für eine lokale Gedenkpolitik, Straßenumbenennungen und Erinnerungsveranstaltungen engagieren.

Gibt es in Ihrer Umgebung, in Ihrer Stadt bisher kaum Auseinandersetzung mit Antisemitismus? Sie können Veranstaltungen zum Thema Antisemitismus bei sich vor Ort organisieren.

Der jüdische Friedhof in Ihrer Stadt wurde zerstört? Sie können Spenden sammeln, sich Gleichgesinnte suchen und selbst beim Wiederaufbau helfen.

Es findet eine Demonstration mit antisemitischer Stoßrichtung statt? Über Leserbriefe und/oder Flugblätter können Sie die Öffentlichkeit informieren. Oder organisieren Sie mit anderen einen Gegenprotest.

In der Dorfkirche gibt es immer noch alte antijüdische Darstellungen? Sie können sich bei der Gemeinde dafür einsetzen, dass eine Hinweistafel mit einem kritischen Text angebracht wird.

Vor kurzem sind Hauswände mit antisemitischen Graffiti beschmiert worden? Sie können eine öffentliche Aktion organisieren, bei der sie entfernt werden und darüber einen Artikel für die Lokalzeitung schreiben.

Antisemitismus ist Gotteslästerung

Gerade als Christen haben wir die Pflicht, gegen Antisemitismus vorzugehen. „Antisemitismus ist Gotteslästerung“, betonte der württembergische Landesbischof Frank Otfried July nach dem Anschlag in Halle. Er forderte zu Zivilcourage auf, um rechtsextremer Gesinnung Widerstand entgegenzusetzen: „Jeder kann dazu beitragen. Widersprechen, wenn dumpfes Geraune hörbar oder Geschichtsfälschung hoffähig wird.“

Wie Jüdinnen und Juden sich verhalten, ändert nichts am Antisemitismus.

Antisemitismus ist unser aller Problem. Das bedeutet, dass wir nicht warten dürfen, bis uns jemand zum Handeln zwingt, bis „etwas“ vor unserer Haustür passiert. Paul Spiegel, der vom Jahr 2000 bis zu seinem Tod Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland war, äußerte sich verwundert darüber, dass immer Juden gefragt werden, was man denn gegen Antisemitismus tun könne. Offenbar gilt das als political correct. Dabei ist es egal, wie sich Jüdinnen und Juden verhalten, es ändert nichts am Vorhandensein des Antisemitismus. Es braucht nicht einmal Juden, um antisemitische Probleme in der Gesellschaft zu haben. Das ist jetzt, nach der Ermordung von 6 Millionen Juden klarer denn je: Trotz des äußerst geringen Bevölkerungsanteils der Juden in Deutschland flammt der Antisemitismus auf. Die Verhaltensänderung muss also von den anderen, von uns kommen.

Antisemitismus ist keine Inselerscheinung. Die große Schwester heißt Fremdenfeindlichkeit. Beiden ist gemein: Wir brauchen mehr Empathie. Wir müssen zusammenstehen, niemand darf „wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ So steht es auch im Grundgesetz.

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