Zwischen den Stühlen Warum der Antisemitismus-Vorwurf dem Antisemitismus Vorschub leisten kann

Das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern ist seit Jahrzehnten – gelinde gesagt – verfahren. Es verwundert daher nicht, dass auch kritische Beobachter*innen desselben leicht zwischen die verbalen Fronten geraten und oft als „Antisemiten“ etikettiert werden. Besser wird damit nichts.

Neuerdings verkleidet sich der Antisemitismus als Israelkritik. Das hat er immer schon getan, aber seit einiger Zeit tritt das stärker ins Bewusstsein. Israel bekommt dann die Rolle des Juden unter den Staaten. Pauschale Israelkritik durch die arabische und muslimische Welt bedient sich der Klischees des europäischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Und Europäer lassen ihre alten Klischees wieder neu aufleben. Es gibt sie, die antisemitische Israelkritik.

Israelbezogener Antisemitismus bedient antisemitische Klischees

Israelbezogener Antisemitismus verstärkt den Antisemitismus im eigenen Land. Manchmal tut er das sehr sublim, manchmal liegt der Antisemitismus offen zu Tage. Antisemitisch wird die Kritik an Israel immer dann, wenn das, was kritisiert wird, als „typisch jüdisch“ hingestellt wird.

Bereicherungs- und Bestechungsskandale zum Beispiel, die es bei der politischen Prominenz in vielen Staaten gibt, werden bei israelischen Politikern mit dem antisemitischen Klischee des „geldgierigen Juden“ in Zusammenhang gebracht. Israels Bündnis mit den USA wird – anders als das zwischen Europa und den USA – als „Herrschaft des Weltjudentums“ diskreditiert. Nur bei Israels militärischen Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn zitieren die Medien in schöner Regelmäßigkeit die jüdische Bibel: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Damit bedienen sie das Klischee des rachsüchtigen und unversöhnlichen Juden (dem Sinn der Formel zum Trotz, die ja den Rechtsgrundsatz der Angemessenheit ausdrückt und damit die Rachsucht gerade eindämmt). Klassische Motive antisemitischer Karikaturen wie Hakennase, Krake, Krösus, Vergewaltiger bestimmen die Karikaturen zur Politik des Staates Israel auch in seriösen deutschen Zeitungen.

„3D-Antisemitism“

Im Englischen nennt man israelbezogenen Antisemitismus „3D-Antisemitism“: double standards, delegitimization, demonization. Antisemitisch wird die Kritik an Israel – so wird behauptet –

  • wenn mit doppeltem Maß (double standards) gemessen wird, also an Israel kritisiert wird, was sich auch andere Staaten leisten, ohne dass diese kritisiert werden, oder wenn Israel unverhältnismäßig kritisiert wird, etwas angeprangert wird, was bei anderen Staaten verschwiegen, verharmlost oder übersehen wird;
  • wenn Israel als Staat in Frage gestellt wird (delegitimization);
  • wenn Israel pauschal verteufelt wird (demonization).

Aber ein Patentschlüssel sind diese drei Kriterien nicht. Sie können wie Gummi gebogen werden und lediglich das eigene (Vor-)Urteil, was antisemitisch ist und was nicht, legitimieren.

Palästinas falsche Freunde

Und manchmal kommt der Antisemitismus auch ganz offen und unverhohlen daher. Beim Thementag des „Kairos-Palästina-Netzwerkes“ am Rande des Stuttgarter Kirchentages 2015 wurde mir ein Flugblatt in die Hand gedrückt mit Sätzen wie diesen: „Schließt euch der BDS-Kampagne gegen das israelische Apartheid-System an! Zeigen Sie dem Land Israel und seinen Produkten die kalte Schulter.“ Auf dem gleichen Flugblatt war mit Blick auf den Piloten, der kurze Zeit vorher ein Passagierflugzeug absichtlich zum Absturz brachte, auch zu lesen: „Andreas Lubitz, Co-Pilot bei German Wings, war ein osteuropäischer Jude, der in Deutschland lebte. Seine Eltern zogen nach Israel und Andreas verbrachte selbst 4–5 Monate dort. Welche Art der Verbindung bestand zwischen Andreas und Israel/dem israelischen Geheimdienst?“ Wer trotz solcher Dokumente den Zusammenhang von Israel-Kritik mit Antisemitismus leugnet, dem ist nicht zu helfen. Die solche antisemitische Israel-Kritik üben, erweisen sich für mich auch als die „falschen Freunde Palästinas“, weil sie die nötige und berechtigte Kritik an Israel diskreditieren und damit unwirksam machen.

Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch.

Aber nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Natürlich gibt es eine berechtigte Kritik an politischen Entscheidungen der Knesset und der Regierung Israels. Und es gibt solche – auch in Deutschland, die diese berechtigte Kritik damit verhindern wollen, dass sie ihr das Etikett „antisemitisch“ anheften. Wir müssen lernen zu unterscheiden und zu differenzieren. Wir haben sowohl denen entgegenzutreten, die ihren Antisemitismus als Kritik an Israel verstecken, als auch denen, die die Kritik an Israels Politik damit verhindern wollen, dass sie sie als „Antisemitismus“ diffamieren.

„Antisemitismus“ sollte darum in Deutschland nur das heißen, was Antisemitismus ist. Weil eine pauschalisierende Verwendung des Begriffs „antisemitisch“ den Antisemitismus gerade verharmlost, bleibt diese Differenzierung eine dringliche gesellschaftliche und politische Aufgabe.

Schubladen-Denken verhindert den nötigen Wechsel der Perspektiven

Leider gab es in letzter Zeit eine Reihe von Beispielen für die skandalöse Tendenz, berechtigte Kritik an politischen Entscheidungen der Knesset und der Regierung Israels in Deutschland mit dem Etikett „Antisemitismus“ zu versehen und so zu unterdrücken. Die Etikettierung „antisemitisch“ in Nahost-Debatten setzt oft – gewollt oder ungewollt – die Kontrahenten herab.

Die Label „antisemitisch“ und „Antisemitismus“ werden zu Kommunikationsbarrieren, die die Beschäftigung mit dem eigentlichen Thema verhindern oder erschweren. „Totschlagargumente“ nennt der Volksmund solche Etiketten. Antisemitismus als Etikett verhindert eine sachliche Diskussion über Missstände wie die Besatzungs- und Siedlungspolitik Israels, indem es von dem ablenkt, was eigentlich zur Rede steht. Es verhindert aber ebenso die notwendige Auseinandersetzung mit real vorhandenem und bedrohlichem Antisemitismus.

Der Rahmen, den das Etikett vorgibt, verengt jeweils den Blick. Um etwas in neuem Licht sehen zu können, bedarf es eines Perspektivwechsels. Oft hilft er dazu, fremd- oder selbstgesetzte Rahmen in ihrer destruktiven Wirkung zu erkennen und zu „sprengen“. Diese gewaltsame Metapher ist durchaus angemessen, weil das Ziel die Freiheit zu neuen Denk- und Handlungsmöglichkeiten ist, für die begriffliche Gefängnismauern gesprengt werden müssen.

Wachturm an der israelischen Mauer in Bethlehem (Foto: olafpictures, Pixabay, CC0)

Label wie „Antisemitismus“ wirken in Debatten über den palästinensisch-israelischen Konflikt wie solche gemauerten Rahmen, die eine freie, kritische Debatte verhindern. Sie sind ideologischer Beton. Den brauchen die nicht, deren Argumente stichhaltig und überzeugend genug sind. Meine Argumente gegen die BDS-Bewegung etwa sind so stichhaltig – und nach meiner vielfachen Erfahrung – auch überzeugend, dass ich das Label „antisemitisch“ dafür nicht brauche. Es ist hinderlich und lenkt von der wahren Problematik dieses pauschalen Boykott-Aufrufes ab. Der Deutsche Bundestag wäre gut beraten gewesen, wenn er bei seinem Beschluss vom 17. Mai 2019 seine (berechtigte) Kritik an der BDS-Bewegung nicht als Kritik an israelbezogenem Antisemitismus etikettiert und damit verdunkelt hätte. Eine Tabuisierung der BDS-Bewegung verhindert gerade eine kritisch-argumentierende Auseinandersetzung mit ihr und ihren Vertretern.

Differenzierte Kritik an aktueller israelischer Politik: „auf Deutsch“ nicht verboten

Erkenntnis gewinnende kritische Debatten werden oft auch durch den demonstrativen oder versteckten Hinweis auf die Shoa verhindert und durch den daraus abgeleiteten Anspruch, als Juden immer Opfer zu sein. Dieser Hinweis macht bisweilen mundtot. Wegen der Shoa sei Kritik von außen in Israel nicht – und „schon gar nicht auf Deutsch“ – erlaubt, höre ich immer wieder.

Zu meinen Erfahrungen in Israel gehört es jedoch, dass in weiten Teilen der jüdischen Bevölkerung differenzierte Kritik auch „auf Deutsch“ durchaus willkommen ist. Israeli haben ein feines Gespür für den Unterschied. Selbst eine so pointierte (und nicht unproblematische) These wie die, dass die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsraison gehöre, lässt ja viel Spielraum für Kritik an der Politik Israels, den die deutsche Bundesregierung mehr oder weniger nutzt. Je nach politischem Standort ist den einen das zu wenig, den anderen zu viel.

Als während des Gaza-Konfliktes 2014 der damalige Finanzminister Jair Lapid Berlin besuchte, erzählte er auf bewegende Weise, wie sein Vater als kleiner Junge von seinem Versteck unter dem Bett des Großvaters aus dessen Verhaftung durch die Nazis erlebte. Das führte dazu, dass ihm niemand zu widersprechen wagte, als er in derselben Rede die Raketen aus dem Gazastreifen ungeniert mit der Shoa verglich. Solche Argumentation ist kein Einzelfall. Die Regierung Israels und ihre Freunde beherrschen virtuos das Instrument, ihre Politik mit der Shoa zu rechtfertigen und damit gegen Kritik zu immunisieren.

Das sokratische „Sieb der Wahrheit“: „Ich habe nur davon gehört.“

Dass die Gleichsetzung jeder Kritik an Israels Regierung mit Antisemitismus dumm und gefährlich ist, habe ich am eigenen Leibe erlebt. Im April 2018 wurde im Rahmen der Aktion „Köln trägt Kippa“ zu einer Kundgebung auf der Domplatte eingeladen. Während ich Ausschau hielt nach den Freunden aus der jüdischen Gemeinde, mit denen ich verabredet war, traute ich meinen Ohren nicht, als einer der Redner auf dieser Kundgebung mich unter Nennung meines Namens als „Antisemit“ bezeichnete. Ich protestierte lautstark und gab mich als der zu erkennen, der gerade beschimpft worden war, aber unbeirrt sprach der Redner weiter. Er hatte von mir in der Zeitung gelesen. Ich will nicht verschweigen, dass er bei einer späteren Begegnung den damals geäußerten Vorwurf öffentlich zurücknahm. Aber zunächst hat er dazu beigetragen, meinen Ruf zu schädigen.

Stein des Anstoßes war ein kurzer Essay unter der Überschrift „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender?“. Die Fachgruppe „Juden und Christen“ der rheinischen Landeskirche hatte mich um den Beitrag gebeten – als Text für eine Arbeitshilfe für Gemeinden, die aus diesem Anlass einen Gottesdienst feiern wollten. Der Text wurde von den Mitgliedern des Landeskirchenamtes wegen seiner Ausgewogenheit für gut befunden und in die landeskirchliche Arbeitshilfe aufgenommen. Es war der gekürzte Text einer Rundfunksendung unter dem gleichen Titel.

Vorsicht: „Stille Post“

Meine Position „Zwischen den Stühlen“ ist leicht zu attackieren. Wenn jemand nur diejenigen Sätze zitiert und aneinanderreiht, die meine Solidarität mit Israel zum Ausdruck bringen, ist mir leicht ein Etikett anzuhängen mit der Aufschrift „Freund Israels, der kein Verständnis für die Situation der Palästinenser zeigt“. Und umgekehrt: Wer nur die Sätze zitiert, die Israels Besatzungs- und Siedlungspolitik kritisieren, kann mich leicht zu einem „Feind Israels“ machen, zu einem „Antizionisten“ und „Antisemiten“.

Genau das hat Ulrich Sahm getan, ein seit Jahrzehnten in Jerusalem lebender Deutscher, der Online-Dienste und andere Klein-Medien mit extrem einseitigen Darstellungen der Ereignisse im Lande beliefert. Er hatte eine Kritik zu meinem Artikel im Internet veröffentlicht. Von dem hatte er nur aus zwei von vier Abschnitten zitiert und vermisst, was er vorher oder nachher in diesem Artikel sehr wohl hätte lesen können. Auch sonst reißt er Zitate aus dem Zusammenhang und fügt sie so aneinander, dass ihr Sinn entstellt und ihre Aussagen verkehrt werden. Die reißerischsten Zitate werden dann in der deutschen Presse fleißig zitiert und um neue vermehrt. So wird behauptet, der Artikel sei „eine Verunglimpfung des Staates Israel“ mit „einseitigen Schuldzuweisungen gegen Israel im Propaganda-Stil der Fatah und der Hamas“; zudem sei die Jerusalemer Erlöserkirche, an der ich für ein Jahr den Propst vertrete, ein „BDS-Stützpunkt“. Dabei äußerte ich nichts anderes als die Bundesregierung und sämtliche deutsche Außenminister seit über zwanzig Jahren.

Missverstandene (mediale) political correctness

Das Stichwort „Antisemitismus“ liegt in der Luft. Leider nicht unbegründet. Was liegt da näher, als in diesen Kontroversen Etiketten wie „antisemitisch“ oder „Antisemit“ zu verteilen. Als ich im Juni 2018 beim Deutschlandfunk Kultur wie in den Jahren zuvor für sechs „Worte zum Tage“ „Geschichten aus Israel und Palästina“ lieferte, bekam ich die eingereichten Texte postwendend zurück mit der Erklärung, die Atmosphäre in Deutschland sei inzwischen so aufgeladen, dass diese Texte zu viel Ärger verursachen würden. Eine Möglichkeit der Diskussion oder gar der redaktionellen Veränderung der Texte gab es nicht. Für mich in dreißig Jahren Rundfunkerfahrung ein singulärer Vorgang. Gegenüber den 36 „Geschichten aus Israel und Palästina“, die ich seit 2012 auf diese Weise veröffentlicht hatte, haben sich Art und Grundaussagen der Texte nicht verändert. Verändert hat sich die mediale Situation in Deutschland.

Die mediale Situation in Deutschland hat sich verändert.

Ich stehe da nicht allein, vielen anderen, sogar prominenten Freunden Israels, ergeht es ebenso. Jemand aus diesem Kreis schrieb mir den lapidaren Satz: „Willkommen im Club der Antisemiten!“ Unabhängig von meinen persönlichen Erfahrungen empfinde ich die gegenwärtige Situation als politisch bedrohlich. Wenn berechtigte Kritik an Entscheidungen der Knesset und der Regierung Israels mit dem Etikett „antisemitisch“ deklariert und damit tabuisiert wird, schadet das nicht nur dem freien und öffentlichen Diskurs über politisch kontroverse Ansichten, von dem unsere Demokratie lebt. Es bagatellisiert zugleich den gefährlichen „Antisemitismus“ in Deutschland.

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Im März 2020 erscheint von Rainer Stuhlmann: Wir weigern uns, Feinde zu sein. Hoffnungsgeschichten aus einem zerrissenen Land. Neukirchen, 224 Seiten, 14,95 EUR.

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