Gehört das Judentum eigentlich (noch) zu Deutschland? Der Student Samuel Kantorovych und die Doktorandin Christina Feist klagen an

Jüdisches Leben in Deutschland ist in vielen Städten kaum sichtbar. Koschere Supermärkte oder Restaurants etwa sucht man vergebens, Ausnahme: Berlin. Gleichzeitig steigen die Zahlen antisemitischer Gewalttaten auf deutschen Straßen kontinuierlich.

Der Angriff kommt von hinten. Samuel Kantorovych steht Anfang November 2019 in der Umkleidekabine eines Freiburger Fitnessstudios, als er spürt, wie jemand an seinem Kopf reißt. Dann ist seine Kippa weg, der Angreifer hält sie in der Hand. Er bespuckt sie, wirft sie in den Müll, schreit Kantorovych immer wieder an. „Du Drecksjude, das gehört hier nicht her.“ Um Kantorovych herum stehen mehrere andere Besucher des Fitnessstudios. Es reagiert niemand. Kantorovych ist auf sich alleine gestellt. „Ich war maßlos überfordert“, sagt er heute.

Samuels Kippa im Müll.

Dass Kantorovych Jude ist und seine Religion in der Öffentlichkeit auslebt, passte seinem Angreifer nicht. Der Mann, nach Polizeiangaben 23 Jahre alt und deutscher Staatsbürger, hatte den Angriff gezielt geplant, dessen ist sich der 19-Jährige sicher. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt er in Freiburg, studiert dort. Nun will er wieder wegziehen. „Ich will dieser Person nie wieder begegnen und ich weiß nicht, ob ihr der Prozess gemacht wird oder nicht. Ich fühle mich hier in meiner Sicherheit kontinuierlich ein bisschen eingeschränkt“, sagt er.

In zwölf europäischen Ländern wurde jeder vierte Befragte offen diskriminiert

Dazu tragen auch Geschichten aus seinem Bekanntenkreis bei, die Kantorovych nahezu wöchentlich erzählt bekommt. Ein Freund von ihm habe beispielsweise von einem Mann ins Gesicht gesagt bekommen, es sei schade, dass damals nicht alle seiner Art vergast wurden. In den vergangenen Jahren ist Antisemitismus für neun von zehn jüdischen Befragten einer Studie im Auftrag der Europäischen Union zufolge zu einem schlimmeren Problem geworden. Die Studie wurde in Deutschland und elf anderen europäischen Ländern durchgeführt. Mehr als jeder vierte Befragte wurde bereits Opfer eines antisemitischen Angriffs – Kantorovych gehört seit einigen Wochen auch zu dieser Gruppe.

Genauso wie Christina Feist. Die Wienerin promoviert in Berlin, lebt seit März für einen Forschungsaufenthalt in Paris. 2019 will sie Yom Kippur, das große jüdische Versöhnungsfest, in Deutschland feiern. Gemeinsam mit Base Berlin, einem sozialen Projekt zweier Rabbiner aus Kreuzberg, reist sie nach Halle. Dienstagabend die Ankunft, Mittwochvormittag ist der feierliche Gottesdienst geplant. „Ich saß hinten in der Synagoge und hatte Blick aufs Fenster. Ich habe erst zwei Explosionen gehört, direkt hintereinander. Mein erster Gedanke war: Das ist ein Anschlag.“ In der Synagoge bleibt es aber ruhig, es entsteht keine Panik. Feist verwirft ihren ersten Gedanken wieder – vorerst. Wenig später wird klar: Gerade versucht ein Attentäter, die Synagoge zu stürmen. Er will alle Anwesenden töten, weil sie jüdisch sind. Es gelingt ihm nicht, die Synagoge zu betreten, also erschießt er zwei Menschen auf offener Straße.

Das Erlebte macht sich im persönlichen Alltag traumatisch bemerkbar

„Ich habe nach Halle gute zwei bis drei Wochen mit mir selbst gerungen, ob ich zu einem Therapeuten gehen soll oder nicht“, sagt Feist heute. Die Entscheidung ist schließlich alternativlos: Feist leidet an Schlaf- und Konzentrationsstörungen, hat Blackouts und Panikattacken. An einem Tag geht sie einkaufen, im Supermarkt ist jede Menge los. Plötzlich weiß sie nicht mehr, was geschieht. „Ich hatte keine Erinnerung mehr, wie ich in den Supermarkt gekommen bin und was ich dort wollte“, erzählt sie. Sie geht nach Hause.

Christina Feist

Christina Feist lebt im ersten Stock eines Berliner Mehrfamilienhauses. Das Fenster in der Küche öffnet den Blick auf die Straße. Besucht sie ein Bekannter, der in geschlossenen Räumen seine Kippa offen trägt, bittet sie ihn deshalb immer darum, die Kopfbedeckung in der Küche abzunehmen. „Das muss man sich mal vorstellen. Das ist meine Wohnung, mein zu Hause“, sagt sie. Doch ihre Sorge ist groß. Jemand könnte ihren Bekannten von außen sehen und dann darauf warten, dass der Mann die Wohnung und das Haus wieder verlässt. Ihn dann den eigenen Hass spüren lassen.

In jüdisch geprägten Vierteln in Berlin ist die Polizei sehr präsent. Sie soll die Sicherheit der Menschen dort garantieren, und eigentlich sollte ihre Anwesenheit abschreckend wirken. Das tut sie immer seltener. Feist erzählt von einem Bekannten, dem auf offener Straße „Sieg Heil“ entgegengeschrien wurde. Auf derselben Straßenseite, auf der er unterwegs war, sind vor jüdischen Einrichtungen immer Polizisten postiert. Das schreckte den Schreier nicht ab. Er setzte sich in sein Auto und verschwand einfach wieder.

Die Hasser treten immer unverfrorener auf und fühlen sich unangreifbar

Außerhalb Berlins ist direkter Schutz durch die Polizei noch nicht mal theoretisch vorhanden. „Wir haben um Polizeischutz gebettelt, ihn bis Halle aber nicht bekommen“, erzählt Kantorovych aus seiner Freiburger Gemeinde. Nach Halle wurden dann Polizeibeamte direkt vor der Tür der Synagoge positioniert. Es dauerte ein paar Wochen, da saßen sie nur noch in ihrem Streifenwagen. Mittlerweile parkt das Auto auf der anderen Straßenseite. Bald ist es nicht mehr zu sehen, vermutet Kantorovych.

Auch deshalb sagt er: „Deutschland ist eine einzige Baustelle, was jüdisches Leben angeht.“ Wer das Problem der jüdischen Gemeinden in Deutschland erkennen wolle, müsse über den Berliner Tellerrand hinaus und in die kleineren Städte des Landes blicken. Dort gebe es sicher jede Menge junge Menschen jüdischen Glaubens – doch es gebe keine koscheren Restaurants oder Supermärkte, keine Stammtischrunden, kein erkennbares Miteinander. Judentum finde in diesen Städten öffentlich nicht statt, erzählt er. Die Menschen in seinem Alter seien deshalb unsicher und beschäftigten sich lieber gar nicht mit der eigenen Identität. In Freiburg hat er das erlebt. Seine persönliche Konsequenz ist der Umzug zurück in die Heimat, nach Berlin.

Beleidigungen mit Worten werden immer öfter von Gewalttaten begleitet

In der Hauptstadt steigt die Zahl der antisemitischen Attacken seit Jahren an. RIAS Berlin ist ein Recherchezentrum, das Meldungen über antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt sammelt und dokumentiert. Im ersten Halbjahr 2019, für das gesamte Jahr dauert die Auswertung der Meldungen noch an, erfasste RIAS Berlin 404 antisemitische Vorfälle – mehr als zwei pro Tag also. Benjamin Steinitz, der Projektleiter von RIAS Berlin, sagt zur Auswertung der Zahlen: „Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antisemitische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder ihnen gar Gewalt folgen zu lassen.“ Antisemitismus wird also nicht nur mehr, sondern auch konkreter und brutaler.

Die Zahlen sind Belege der Angst, die Christina Feist empfindet, wenn Freunde von ihr sich öffentlich als Juden zu erkennen geben. Auch Samuel Kantorovych trug seine Kippa offen, tut das seit dem Angriff im Fitnessstudio nur noch eingeschränkt. „Ich habe mich nie richtig sicher in Deutschland gefühlt“, sagt er.

„Ich habe mich nie richtig sicher in Deutschland gefühlt.“

Kantorovych besuchte eine jüdische Grundschule und begann dort, seine Kippa zu tragen. Mit dem Wechsel auf ein staatliches Berliner Gymnasium packte er die Kopfbedeckung wieder in den Schrank. „Ich hatte das Gefühl, sie gehört nicht auf die Straße und nicht in die Schule.“ Dieses Gefühl änderte sich in der Oberstufe. In den Medien wurde damals hitzig darüber diskutiert, ob Muslima in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen dürfen sollten oder nicht. Kantorovych wollte ein Zeichen setzen, sich solidarisieren mit den kopftuchtragenden Mädchen seiner Schule. Er setzte seine Kippa auf, als religiöses Symbol, das er sich nicht verbieten lassen wollte. Heute sagt er: „So verstehe ich die Bedeutung des Wortes frei. Ich bin frei, wenn ich meine Religion ausüben und eine Kippa tragen darf.“

Kippa nur im „stillen Kämmerlein“ – Selbstzensur als Schutzvorkehrung?

Entsprechend entsetzt war Kantorovych, als der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im Mai 2019 Juden dazu riet, nicht immer und überall in Deutschland Kippa zu tragen. „Das ist doch Staatsversagen auf höchstem Niveau“, sagt der Student. Das Bundesinnenministerium, dem Klein als Antisemitismusbeauftragter zugeordnet ist, äußerte sich, zwei Wochen vor Redaktionsschluss von evangelische aspekte angefragt, nicht fristgerecht zum Thema. Klein fordert aktuell, die Anzeigeschwelle für antisemitische Angriffe zu senken, um den alltäglichen Hass, mit dem Juden in Deutschland konfrontiert sind, sichtbarer zu machen.

Die Kippa offen tragen, jüdisches Leben in Deutschland präsenter machen – das hält Kantorovych für unabdingbar, um Antisemitismus entschlossen zu begegnen. Gleichzeitig spricht er offen darüber, dass auch ein Plan B existiert. „Viele Jüdinnen und Juden in meinem Alter sitzen auf gepackten Koffern. Auszuwandern schließt eine Mehrheit längst nicht mehr aus.“ Auch Feist erzählt, erst neulich habe ein Freund verkündet, nun endlich nach Israel auszuwandern. Feist freute sich einerseits für ihn, andererseits fühlte sie sich wie zerrissen, sagt sie. Wieder habe der Antisemitismus ein Stück weit gesiegt.

Flagge zeigen, standhalten und Solidarität bekunden

Feist und Kantorovych sehen sich einem vielseitigen Gegner gegenüber. Von links gebe es immer mehr israelbezogenen Antisemitismus, sagt Kantorovych. „Das nervt mich. Ich bin nicht Israel und ich bin nicht die israelische Politik.“ Auch rechter und muslimischer Antisemitismus nehmen weiter zu, das zeigen die Zahlen genauso wie Kantorovychs und Feists Erlebnisse. Der Rechtsruck im Land nehme vielen ihre Hemmungen. „Es ist einfach real“, sagt Kantorovych. Feist sagt: „Mir wird schlecht, ganz ehrlich.“

Die Doktorandin dachte vor ein paar Jahren noch, das Erstarken der AfD sei nur eine Phase. Heute sieht sie sich eines Anderen belehrt. „Die Realistin in mir sagt: Es wird nicht besser, es wird definitiv noch schlimmer. Und es macht mir ein bisschen Angst, mir vorzustellen, wie schlimm es noch wird.“ Je mehr Akzeptanz die AfD erlange, desto salonfähiger werde der Fremdenhass in Deutschland – und mit ihm auch der Antisemitismus. Auch Feist sagt deshalb: „Es braucht mehr offenes jüdisches Leben in Deutschland.“ Sie wolle Teil einer jungen, engagierten, jüdischen Gemeinde sein, „die im Brustton der Überzeugung sagt: Wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Nicht von Attacken, nicht von Beleidigungen.

Feist und Kantorovych haben antisemitische Gewalt erlebt und wollen sich ihr entgegenstellen, bis es nicht mehr geht. „Wenn ich sehe, dass ich hier als Jude gefährdet bin, dann ist es vorbei“, sagt Kantorovych. Dann bleibt nur noch der Abschied.

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