Selbstbilder infrage stellen Was hat der Antisemitismus in der Kirche zu suchen?

Von 2015 bis 2019 haben die Evangelischen Akademien gemeinsam das Projekt „Antisemitismus und Protestantismus – Verstrickungen, Beiträge, Lernprozesse“ durchgeführt. Dabei wurde deutlich, dass auch in der Kirche beim Kampf gegen Antisemitismus noch viel zu tun bleibt.

Spätestens mit der Einsetzung eines Bundesbeauftragten gegen Antisemitismus, der weitere Beauftragte in fast allen Bundesländern folgten, zeigen sich Risse am bundesdeutschen Selbstbild, in dem Antisemitismus weitgehend tabuisiert ist. Antisemitismus gerät seit einigen Jahren verstärkt in den Blick, eine Zunahme antisemitischer Vorfälle wird konstatiert. Wenngleich also eingestanden wird, dass Deutschland ein Problem mit Antisemitismus hat, wird dieser nicht vor allem als gesamtgesellschaftliches Problem diskutiert, sondern weiterhin bestimmten Gruppen zugeschrieben. Versteht man unter Antisemitismus ausschließlich strafbare Handlungen, so trifft diese Einschätzung natürlich zu. Antisemitische Übergriffe und zuletzt der Terroranschlag auf die Hallenser Synagoge und die dortige jüdische Gemeinde gehen auf das Konto rechtsextremer Täter und Tätergruppen: Die Kriminalstatistik ordnete im vergangenen Jahr etwa 90 Prozent der strafbaren antisemitischen Handlungen dem rechten Spektrum zu.

Antisemitismus ist allerdings nicht nur, was strafbar ist, und auch nicht nur, was sich abwertend gegen konkrete Jüdinnen und Juden richtet. Antisemitismus ist ein grundlegendes Denk- und Wahrnehmungsmuster, das der Ordnung von Widersprüchen und schwer auszuhaltenden Ambivalenzen dient. Die abwertenden Konstruktionen des Juden als dem Anderen erhalten ihren Sinn nur durch die komplementäre Konstruktion des Eigenen. Das trifft auch für die Konstituierung des Christentums zu, das sich in Abgrenzung und Abwertung des Judentums definiert, und zeigt sich bis heute etwa in der Wahrnehmung des Staates Israel als Gefährder des Weltfriedens (Grass), während das Selbstbild des durch vorbildliche Erinnerungsarbeit geläuterten Deutschlands vor sich hergetragen wird. Antisemitismus fußt auf der grundlegenden Dichotomie „Wir und die Juden“, die letztlich Ausgrenzung und Gewalt legitimiert. Diese Dichotomie aufzubrechen ist eine Aufgabe, die alle betrifft und die bedeutet, sich vor allem den Selbstbildern kritisch zu stellen. Nimmt man Adornos knappe Definition des Antisemitismus als „Gerücht über die Juden“ ernst, dann geht es darum, das Gerücht zu zerlegen, das Zerrbild zu spiegeln.

Bildungsprogramm: Selbstreflexion

Von 2015 bis 2019 haben die Evangelischen Akademien gemeinsam das Projekt „Antisemitismus und Protestantismus – Verstrickungen, Beiträge, Lernprozesse“ durchgeführt. Damit wurde zunächst eine innerinstitutionelle Selbstreflexion in Gang gesetzt, die im nächsten Schritt auf die Diskurs- und Bildungsarbeit der Akademien insgesamt und darüber hinaus ausstrahlen sollte. Das Projekt fokussierte auf zwei zentrale Fragen: zum einen auf den Zusammenhang von Antisemitismus und Protestantismus – und zwar sowohl hinsichtlich der Theologie als auch der sozialgeschichtlichen Bedeutung des Protestantismus. Zum anderen sollte das Projekt die gesellschaftliche Verantwortung, Antisemitismus zu bekämpfen, aktiv in evangelische Bildungsbereiche einbeziehen. Dazu wurden bundesweit mehr als dreißig Diskurstagungen, Seminare und Workshops für verschiedene Zielgruppen entwickelt und durchgeführt.

Ausgangspunkt und Kern des Projekts war die Überzeugung, dass verlässliche Bildungsarbeit gegen Antisemitismus nur möglich ist, wenn die Bildungsverantwortlichen sich ihrer eigenen Verstrickungen in antisemitische Denk- und Wahrnehmungsmuster bewusst sind. Nicht nur zu Beginn des Projekts, sondern auch in vielen Veranstaltungen, wurde die Notwendigkeit einer vor allem selbstkritischen Auseinandersetzung infrage gestellt – angesichts der tatsächlich gravierenden und gewaltvollen Angriffe auf Jüdinnen und Juden von rechtsextremen und auch muslimischen Tätern und auch angesichts einer ernsthaften Veränderung gegenüber dem Judentum seitens der Kirchen.

21.7.1961
West-Berlin
10. evangelischer Kirchentag, Arbeitsgruppe “Juden und Christen” in der Messehalle am Funkturm

In der Tat hat der 1945 begonnene christlich-jüdische Dialog bis heute beachtliche Lernprozesse angestoßen und zur Durchsetzung fundamentaler, zumeist theologischer Entwicklungen in Bezug auf das Judentum geführt: das Eingeständnis christlicher Mitverantwortung und Schuld am Holocaust, die unlösbare Verbindung des christlichen Glaubens mit dem Judentum, die bleibende Erwählung Israels, die Korrektur der antijüdischen Verzerrungen des Gesetzes oder des „Alten Testaments“ als solchem und seit 2016 endlich auch die Absage an die Judenmission. Darüber hinaus gibt es von kirchenoffizieller Seite eine Vielzahl an Materialien, Beschlüssen bis hin zu klaren Stellungnahmen gegen Antisemitismus.

Gleichwohl bleibt viel zu tun: Zum einen klafft eine deutliche Lücke zwischen den Positionen der Kirchenführung und der kirchlichen Basis, zum anderen ist die „christliche Grundierung“ auch des als säkular verstandenen Antisemitismus zu wenig verstanden. Darüber hinaus braucht die kritische Auseinandersetzung mit der Selbstbild-Stilisierung zu Lasten des „Jüdischen“ Lernräume und Denkanlässe, die mit dem Projekt eröffnet werden konnten. Die Desiderate zu benennen heißt nicht, die Erfolge etwa des christlich-jüdischen Dialogs zu schmälern. Es heißt aber, dass es keinen Grund gibt, sich darauf auszuruhen. Die Kirche hat sich bislang vor allem mit theologischen Fragen um das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum befasst, kaum mit dem Verhältnis von Kirche und Antisemitismus. Dies ist auf allen Ebenen dringend nachzuholen, um auch handlungsfähig zu werden in Bezug auf aktuellen Antisemitismus, der sich auch unter Christinnen und Christen nicht mehr überwiegend in theologischen Kategorien vollzieht.

Es klafft eine Lücke zwischen der Kirchenführung und der kirchlichen Basis.

Mit dem Projekt ist es gelungen, kirchliche Akteure, Theologie und Kirchengeschichte mit aktueller Antisemitismusforschung und antisemitismuskritischer Bildungsarbeit immer wieder zusammen und damit die jeweilige Fachrichtung in eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Wissensproduktion zu bringen. Dies wurde zum einen durch dezidiert interdisziplinäre Konzepte und Fragestellungen erreicht. Ein anderes Veranstaltungsformat richtete sich an Studierende der Theologie und Religionspädagogik und verband zentrale Fragen des jüdisch-christlichen Dialogs (Wie geht Christsein ohne Abwertung des Jüdischen?) mit der Thematisierung eines alltäglichen wie latenten Antisemitismus in der eigenen Lebenswelt.

Aber auch die pure Tatsache, dass kirchliche Institutionen sich mit gegenwärtigem Antisemitismus befassen, bringt Kirche in eine notwendige Position einer aktiven Verantwortungsübernahme für das Einstehen gegen Antisemitismus. Kirchliche und kirchennahe Multiplikator*innen in Erwachsenenbildung, Schule und Jugendbildung sind hier wichtige Akteure. Die Bearbeitung der über Jahrhunderte formierten Selbstbilder erweitert den Horizont jener Multiplikator*innen, die Verantwortung für eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit – auch mit kirchenfernen – Erwachsenen und Jugendlichen übernehmen.

Deutlich wurde im Laufe des Projekts allerdings, dass die Auseinandersetzung mit Antisemitismus zukünftig noch verstärkt dort stattfinden muss, wo Kirche „aufs Volk“ trifft: bei Gemeindepfarrer*innen, Diakon*innen, Religionslehrer*innen, kirchlichen Ehrenämtlern, Kirchenmusiker*innen, in kirchlichen Aus- und Fortbildungsinstitutionen.

Fremdbild und Selbstbild

In unserem Projekt tauchten immer wieder Fragen nach Bildern auf: Wie bebildert man eigentlich eine Tagungsankündigung zum Thema Antisemitismus? Kann man antisemitische Darstellungen zur Aufklärung über Antisemitismus sinnvoll einsetzen? Wie geht man mit antijüdischen Bildern im Sakralraum um? Dass diese Fragen so oft gestellt wurden, verweist auf ein nicht gelöstes Problem, wenn man Selbstreflexion im Lernprozess ernst nimmt.

Wir sind es gewohnt, den Blick derer einzunehmen, die das „Gerücht über die Juden“ verbreiten, nicht aus der Perspektive derer zu schauen und zu fühlen, die getroffen werden. Wir sind es nicht gewohnt, Antisemitismus als Ausdruck des Eigenen zu betrachten. Jeder und jede, die sich mit Antisemitismus beschäftigt, Bildungsmaterial entwickelt oder Bebilderungen zum Thema sucht, stößt auf stereotype Bilder, ressentimentgeladene Darstellungen, auf vermeintliche Eigenheiten „des Juden“, des Jüdischen oder des Judentums. Die Gefahr der Reproduktion dessen, was man mit den Bildern dekonstruieren und auflösen will, ist real – es ist bisher nicht gelungen, das Dargestellte als Blick des Darstellenden zu dechiffrieren. Noch immer verweist der Begriff Antisemitismus auf Juden anstatt auf Antisemiten und Antisemitinnen. Selbst an sich unproblematische Bilder wie ein zur Zeit in den Bildredaktionen größerer Zeitungen beliebtes Foto eines gewöhnlichen Mannes mit Kippa während einer großen Demonstration gegen Judenhass 2014 zeigen einen Fehlschluss: Wenn es um Antisemitismus geht, geht es nicht um reale Juden, sondern um eine Projektion auf das Andere, das das Nicht-Wir repräsentiert. Wenn es gelingt, diese Projektionen zurück zu spiegeln und dafür Bilder zu finden und zu schaffen, sind wir ein großes Stück weiter.

Für die Broschüre „Antisemitismus und Protestantismus“, die zentrale Überlegungen unseres gleichnamigen Projekts zusammenfasst, haben wir dazu einen Anfang gewagt und die Illustratorin Alice Socal gebeten, neue Bilder zu entwickeln. Die Broschüre kann über die Geschäftsstelle des Dachverbands bezogen werden: . Ein Download ist über die Website des Projekts möglich: www.evangelische-akademien.de/publikation/antisemitismus-und-protestantismus-impulse-zur-selbstreflexion

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