Zwischen Wiedergutmachung und Repression Zur Situation der christlichen Minderheit in der Türkei

Als ich mir die Sängerinnen und Sänger des „Chores der Zivilisationen“ aus Antakya ansah, erkannte ich den Priester der syrisch-orthodoxen Kirche in Antakya und einen Mitarbeiter des Obermuftis wieder. Christen, Muslime, Alewiten, Türken, Juden und Armenier singen gemeinsam. Das ist möglich – in Antakya, im Süden der Türkei.

Wenige Monate vor dem Konzert in Bremen hatte ich die Türkei mit einer Gruppe von badischen Kirchenleuten besucht, die alle Erfahrungen im interreligiösen Dialog hatten. Unsere Rundreise begannen wir in Antakya, dem ehemaligen Antiochia. Die Stadt sollte unser Ausgangspunkt sein, um der Frage nach zu gehen, wie das Land mit seiner christlichen Minderheit umgeht.

„Nachbarschaft ohne Grenzen“ in Antakya

Im „Haus Pax“ der katholischen Kirche begrüßt uns Ordensschwester Barbara Kallasch. Ihr Gästehaus liegt genau im „Dreieck Abrahams“ zwischen einer katholischen Kirche, einer Moschee und einer Synagoge. „Zu unseren Festen besuchen wir uns“, erzählt sie und beschreibt eine Nachbarschaft ohne Grenzen. Seit 1400 Jahren leben Muslime, Juden und Christen in der Türkei zusammen; als muslimische Eroberer im 7. Jahrhundert kamen, waren die Christen schon dort. Die erste Kirche der Welt, die St. Peters -Kirche, liegt auf einem Stadthügel von Antakya. Sie ist eine unscheinbare Grotte, eine verborgene Höhle, die man nur zu Fuß erreichen kann. Noch heute feiern Christen in der Kirche Gottesdienste.

Zurück in der Altstadt Antakyas präsentiert uns der Pfarrer der syrisch-orthodoxen Kirche ein Originaldokument aus der Zeit osmanischer Herrschaft. Muslime hatten sich beim Sultan über Glockenläuten und christliche Prozessionen beschwert. Der Herrscher wies den Bürgermeister an, für die Gewährleistung der christlichen Gottesdienste zu sorgen. „Durch Toleranz sollte das multiethnische und multireligiöse osmanische Reich zusammengehalten werden“, urteilt der Priester. So weit so gut! Wie passt dazu die Begegnung mit einem Geschäftsbesitzer in der Stadt? Er schloss hinter uns die Tür und erzählte von Schwierigkeiten: Manche Muslime würden nicht mehr bei Christen einkaufen. Anderswo im Lande, besonders im Osten, sei es allerdings schlimmer als in Antakya. Dorthin wollen wir.

Die armenischen Christen in Vakifli

Unser nächster Halt ist Vakifli – das letzte Dorf der Armenier in der Türkei. Noch ungefähr 60.000 christliche Armenier leben im Land, vor hundert Jahren – vor dem Völkermord der türkischen Republik an ihnen –  zählten sie noch 1,7 Millionen. 150 zumeist alte Leute bilden die Gemeinde in Vakifli. Die 110 Jahre alte kleine Mutter-Maria-Kirche mit Glockenturm und sichtbarem Kreuz ist von einem Zaun umstellt. Das Gebäude aus hellen Sandsteinquadern ist in bestem Zustand. Der Staat kommt für die Unterhaltung auf und unterstützt auch die Dorfbewohner. Etwas Geld verdienen die Bewohner durch Landwirtschaft und durch Likörverkauf.

Beim Verkosten kommen wir ins Gespräch: Für türkische Nationalisten sei „Du Armenier!“ ein Schimpfwort, erfahren wir. Durch die AKP-Regierung von Tayyip Erdogan sei die politische Lage allerdings besser geworden. Liegenschaften, die unrechtmäßig enteignet wurden, würden zurückgegeben und es dürften wieder Gottesdienste gehalten werden. Wir hören heraus, dass es am besten ist für Armenier, sich unauffällig zu verhalten. Nur zu gut ist den Menschen noch der Mord 2007 am armenischen Journalisten Hrant Dink in Erinnerung. Er hatte öffentlich von „Völkermord an den Armeniern“ gesprochen und sich damit Anklagen und Verurteilungen wegen „Beleidigung des Türkentums“ zugezogen.

Zum Abschluss unseres Besuches kommen unsere Gastgeber auf Antakya zu sprechen. Einige singen dort mit. Der Chor ist ihnen ein Vorbild für die ganze Türkei: So sollten überall Mehrheit und Minderheiten zueinander finden.

Bei den orthodoxen Christen in Iskenderun

Im orthodoxen Gottesdienst der Kirche St. Nikolaus in Iskenderun singt ein Chor stundenlang – ohne instrumentale Begleitung. Die Kirche quillt über mit Ikonen. Einer der Gemeindeleiter erklärt uns den orthodoxen Glauben und unversehens verändert sich seine Stimmung von süß auf sauer: Er berichtet, dass nachts ein Sicherheitsdienst gebraucht wird und neun Überwachungskameras – immer wieder komme es zu Brandbombenanschlägen auf orthodoxe Kirchen und Friedhöfe. Teile des eigenen Grundstückes sind für ein Parkhaus und Straßenbau ohne Entschädigung enteignet worden, Baugenehmigungen erhält die Gemeinde nur mit vielen Einschränkungen. Es gebe ja nicht mehr viele Christen in der Türkei und die beiden Töchter des Priesters würden auch weggehen. Sie hätten beste Hochschulabschlüsse und bekämen trotzdem keine Anstellung – weil sie Christen seien, schimpft er. Feste feiern die Christen in Iskenderun gerne zusammen mit den Alewiten, einer anderen Minderheit, nicht mit Muslimen.

Christen sind Bürger zweiter Klasse.

Iskenderun ist überall! Minderheiten machen anderswo gleich bittere Erfahrungen mit dem Staat. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte stellt fest, dass der fehlende Rechtsstatus als Körperschaft öffentlichen Rechts unsichere Besitzverhältnisse begründet. Und nicht nur das: „Christen sind Bürger zweiter Klasse, bürokratischen Schikanen und körperlicher Bedrohung ausgesetzt.“  Nach mehreren Klagen vor internationalen Gerichten, bei denen die Kläger Recht bekamen, bekundete die Regierung Erdogan erstmals 2011, dass enteignete Immobilien zurückgegeben oder Entschädigungen gezahlt werden sollen. Wir fragen den Gemeindeleiter, was er dazu sagt. Ihm fehlt der Glaube. Eine rechtliche Anerkennung bekomme man trotzdem nicht. Erdogan habe ja auch angekündigt, dass bald wieder orthodoxe Priester in der Türkei ausgebildet werden dürfen – wann denn endlich?

Die Begegnung wühlt uns auf. An der sechs Kilometer langen Meerespromenade von Iskenderun suchen wir Entspannung, eine leichte Brise kühlt uns ab. Wir sind angestrengt – und den Osten haben wir noch vor uns.

Im Kloster Mor Gabriel in Ostanatolien

Der Weg ist weit zum berühmten Kloster Mor Gabriel in Ostanatolien. Wir passieren Diyarbakir. In Antakya trugen die wenigsten Frauen Kopftuch – hier tragen sie es alle. Diese Region tickt offenbar konservativ – und explosiv: Polizeiwagen ähneln Panzerwagen – wir sind im Kurdengebiet unterwegs.

Hohe Steinmauern umgeben Mor Gabriel, ein im vierten Jahrhundert gegründetes Kloster, eines der ältesten der Welt. In der Berglandschaft des Tur Abdin residiert Metropolit Timotheos Aktas. Tee in Tulpengläsern lässt er anbieten und kommt gleich zur Sache. Wir erfahren, dass viel Zeit aufgewendet werden muss für Prozesse gegen den türkischen Staat, um sich gegen Enteignungen zu wehren. Machtlos ist der Bischoff gegen das Verbot Aramäisch zu sprechen: Die syrisch-orthodoxen Mönche und Priester sprechen die Sprache Jesu, die Verkehrssprache der damaligen Welt am Mittelmeer, aber es ist ihnen untersagt, Religionsunterricht auf Aramäisch zu halten. Die Sprache soll sterben. Es stellt sich mir ein deja-vu-Erlebnis ein: Die gleichen Schilderungen von Enteignungen und Diskriminierung wie in Iskenderun, die gleiche Verbitterung.

Der Metropolit berichtet dann von Morden an Christen in jüngster Zeit. Er habe Angst. Vor ihm sei schon ausgespuckt worden – man habe ihm seine Verachtung zeigen wollen. „Christsein bedeutet Leiden“, resümierte der alte Mann mit weißem langem Bart. Der Bischof beklagt, dass nationalistische Politiker Druck auf Christen ausüben, um sie zur Auswanderung zu treiben.

Timotheos Aktas steht nicht allein da gegen den türkischen Staat – das deutsche Parlament unterstützt ihn. 2012 haben alle Fraktionen zugesagt, sich für den Fortbestand des in seiner Existenz bedrohten Klosters einzusetzen. Zwar erkennen die Parlamentarier das Bemühen der AKP-Regierung um mehr Religionsfreiheit an, erklären aber gerade das Umgehen mit dem Kloster zum Gradmesser für die Ernsthaftigkeit toleranter Politik.

Ein Kampf der Religionen?

Vielleicht kann das Kloster geschützt werden, aber die Auswanderung der Christen dürfte sich fortsetzen. Anfang des 20. Jahrhunderts stellten sie noch 25 Prozent der Gesamtbevölkerung, heute sind sie geschrumpft auf 0,2 Prozent. Findet hier ein Kampf der Religionen statt, fragen wir nach unserer Rückkehr nach Antakya den Obermufti der Provinz Hattay. Er streitet den Zusammenhang ab. Ethnische Probleme, nicht religiöse stünden im Hintergrund. Der Islam sei tolerant, wie man an Antakya sehe.

Nicht militanter Islamismus, sondern aggressiver Nationalismus ist das Problem.

Die vielen Eindrücke auf der Reise lassen sich nicht einfach auf einen Nenner bringen. Tatsächlich gibt es keinen offenen militanten Islamismus in der Türkei. Die Religionsbehörde Diyanet wacht streng über die Moscheen und unterbindet jede Radikalisierung – ganz im Sinne der Bevölkerung: Männer tragen nicht Vollbart – sie wollen auf keinen Fall für Islamisten gehalten werden. Mit der Andeutung von „ethnischen Problemen“ gibt der Obermufti der Suche nach Erklärungen eine andere Richtung. Nach Auskunft einheimischer Christen wiederholen sich in Drohbriefen Formulierungen wie diese: „Die Türkei gehört allein den Türken“. Offenbar erkennt man Christen nicht als Türken an. Der Türke hat Muslim zu sein und stolz auf die glorreiche Vergangenheit des muslimischen Osmanischen Reiches. Und der muslimische Türke erwartet von den Fremden Assimilation oder Abgang. Das Problem scheint ein aggressiver Nationalismus zu sein.

Die Türkei auf dem Weg in die EU

Welche Rolle spielt Präsident Tayyip Erdogan? Zu Beginn des Beitrittsprozesses zur Europäischen Union hat er den Minderheitenschutz noch einmal ausdrücklich bestätigt und entsprechende Wiedergutmachungen gegenüber den Kirchen angekündigt. Der Wille zu einer Anpassung an europäische Standards scheint sich allerdings abzuschwächen, seit die EU einen Beitritt auf den Sankt-Nimmerleinstag hinausgeschoben hat. Die Verpflichtung zum Laizismus interessiert den Präsidenten nicht mehr. Das bringt seit Mai 2013 in Istanbul und in anderen Städten immer wieder hunderttausende Demonstranten auf die Straße: Sie protestieren gegen eine Islamisierung der Gesellschaft.

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