DDR: Aufarbeitung Fehlanzeige? Kolumne

Die juristische wie auch die gesellschaftliche Aufarbeitung staatlich begangenen Unrechts in der DDR gelang nur äußerst unzureichend. Je mehr man sich in die Geschichte dieses Regimes vertieft, desto deutlicher wird: Die medial noch einigermaßen präsenten Mauertoten sind nur die sichtbare Spitze eines gewaltigen Eisbergs.

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland kann rückblickend als eine der großen Errungenschaften der bundesrepublikanischen Gesellschaft angesehen werden. Danach sah es in den ersten Jahren nach dem Ende dieses Regimes kaum aus: Weiterhin aktive Netzwerke in den Funktionseliten verhinderten oftmals, dass Programme der Entnazifizierung wirklich greifen konnten. „Persilscheine“ wurden massenhaft ausgestellt, selbst schwer belastete Personen gelangten schnell wieder in einflussreiche Positionen. Im Taumel des Wirtschaftswunders wandten sich zudem viele lieber den schönen Dingen des Lebens zu – statt der eigenen Vergangenheit.

Es ist mutigen Menschen wie dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu verdanken, dass es letztlich doch noch zur juristischen Aufarbeitung vieler Nazi-Verbrechen kam. Zudem trug die 68er-Bewegung dazu bei, dass nicht nur gesellschaftlich, sondern auch innerhalb der Familien hartnäckiger die Frage gestellt wurde, wer für die Gräuel der NS-Zeit verantwortlich war. 1985 war man immerhin so weit, dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zuzustimmen, dass der 8. Mai 1945 auch für Deutschland ein „Tag der Befreiung“ gewesen ist. Heute ist eine vielgestaltige Erinnerungskultur lebendig: KZ-Gedenkstätten, Stolpersteine, Zeitzeugengespräche und ein entsprechender Stellenwert in der Schulbildung. Das zeigt, dass wir es in beispielhafter Weise gelernt haben, mit der eigenen (beispiellosen) Schuld in Hinsicht auf die Verantwortung für die Zukunft umzugehen.

Doch haben wir aus der Geschichte gelernt? Leider nur bedingt. Denn im Umgang mit dem zweiten deutschen totalitären Unrechtsstaat, der DDR, scheinen sich dieselben Versäumnisse zu wiederholen. Ein Staat, der Menschen über Jahrzehnte in seinen Mauern einsperrte und unterdrückte. Überwacht von einem perfiden Spitzelsystem namens Stasi, das Menschen körperlich und seelisch folterte und viele in den Suizid trieb. Ungerechtfertigte Verurteilungen, bis hin zur Todesstrafe, unmenschliche Straflager und Umerziehungsanstalten – all das gab es in der DDR. Je mehr man sich in die Geschichte dieses Regimes vertieft, desto deutlicher wird: Die medial noch einigermaßen präsenten Mauertoten sind nur die sichtbare Spitze eines gewaltigen Eisbergs.

Doch leider gelang sowohl die juristische als auch die gesellschaftliche Aufarbeitung nur äußerst unzureichend. Mich hat es nachhaltig schockiert, als ich neulich gelesen habe, dass von den damals angeklagten hauptamtlichen und inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern nicht einmal 1 Prozent (!) verurteilt worden ist. Selbst Erich Mielke wurde lediglich wegen eines Verbrechens in der NS-Zeit, nicht aber für sein Wirken als Hauptverantwortlicher der Stasi zur Rechenschaft gezogen.

Bald wird die DDR genauso lange vergangen sein, wie sie existiert hat: 40 Jahre. Vieles gerät zunehmend in Vergessenheit, und auch an Schulen scheint die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit keine zentrale Rolle zu spielen. Kaum ein heutiger Schüler weiß noch, wer Erich Honecker war. Nicht zuletzt angesichts aktueller politischer Entwicklungen – warum sind gerade die sogenannten neuen Bundesländer so anfällig für Radikalisierung? – halte ich es für dringend geboten, die Aufarbeitung dieser Vergangenheit deutlich zu intensivieren. Dies ist eine gemeinsame Aufgabe – von Bildungseinrichtungen, Wissenschaft, Justiz, Politik und der gesamten Gesellschaft.

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