Bildung auf evangelisch Von der Kunst, im Recht zu lieben

Religionsunterricht in der Berufsschule dient nicht der konfessionell-kirchlichen Einbindung. Er wendet sich an Menschen, deren Biografien oft prekär sind und die sich in ihrer Unsicherheit in sich selbst verschließen. Welche Impulse setzt hier ein auf-schluss-reicher Unterricht?

In der Bibel durchläuft Gott selbst eine aufschlussreiche Bildungsbiografie: Nachdem der Schöpfer zu Anfang seine unbotmäßigen Geschöpfe ertränkt, ihre Verfehlung mit ultimativer Strafe quittiert hat, kann er später Menschen ganz nah an sich herankommen lassen, die wie Jakob, Saul oder David, Paulus oder Petrus alles andere als rechtschaffen sind. Er übt sich darin, Beziehung zu halten mit solchen, die Strafe verdienen. Gott lernt die Kunst des In-Beziehung-Bleibens. Rechtmäßige Konsequenz würde alles Leben verderben. Die wider-rechtliche und un-logische Dimension von Liebe, Treue und Verzeihen überwölbt theologisch die tödliche Folgerichtigkeit. Gott wird groß, indem er mit fremden Fehlern lebt, und korrigiert sein eigenes, eindimensional vom Recht bestimmtes Verhalten. Der altbekannte Slogan: „Mach’s wie Gott, werde Mensch“ lässt sich, derart biblisch zugespitzt, in der Folgerung: „…lerne, im Recht zu lieben“ konkretisieren.

Der multireligiösen Schulklasse ein evangelisch-essentielles Angebot machen

Wenn das kein religionspädagogisches Programm bietet! Glaube nämlich, so meine Überzeugung, ist das Integral aus guten Regeln und dem Vertrauen auf eine sich frei schenkende Gnade. Das kann eine Provokation sein, gerade für religiöse Menschen, die auf Gehorsam und Gericht geeicht sind. Im nicht nur konfessions-, sondern breit religionsübergreifenden Unterricht an der Berufsschule, wo die Mehrzahl fast jeder Klasse nicht christlich, doch oft ostentativ religiös geprägt ist, erfahre ich das jeden Tag neu. Was für Bildung das „evangelisch“ Essentielle ist, will ich hier beleuchten.

Der freiheitliche Staat will für Erziehung und Bildung nicht alleine zuständig sein. Er weiß, dass es nicht genügt, „wissenschaftlich“ zu erziehen und „Nützliches“ zu vermitteln. Den Menschen nur ökonomisch zu sehen – im Rahmen der Berufsausbildung eine dauernde latente Gefährdung –, bestreitet ihm seine Daseinsberechtigung, die jenseits aller „Werte“ liegt. Bestimmte man das „Leben“ allein durch biologische Merkmale, so gelangte man dahin, schützende Tabus abzutun und „wertloses Leben“ für möglich zu nehmen. Menschen sind mehrdimensional und müssen entsprechend gebildet werden.

Die größte Herausforderung, die derzeit gesellschaftlich gestellt ist, sehe ich in der Stärkung des Einzelnen gegen allfällig geforderten Perfektionismus. Evangelisch zu bilden, das muss den Nicht-Perfekten und Fragwürdigen liebenswert machen – auch ihm selbst.

Den Menschen in seiner Widersprüchlichkeit lesen und annehmen lernen

Das Plus eines konfessionellen Unterrichts an der Schule ist die Perspektive von Hoffnung und Gnade. Der Staat, religiös neutral, kann von einer Hoffnung über den Tod hinaus nicht reden. Mit Hoffnung richtet man für nutzbare „Kompetenzen“ wenig aus. Man sensibilisiert aber für das Unplanbare und stabilisiert womöglich für kommende Krisen.

Mein eigenes Bekenntnis biete ich im Unterricht als Reibungsfläche an. Ich erzähle von meinem Glauben und versuche, von ihm her die Welt transparent zu machen. Dass die Lerngruppen höchst heterogen sind, kann junge Menschen zur Reflexion ihrer eigenen Religiosität anregen und das Aushalten von Unterschieden einüben.

Innerhalb der Berufsschule steht Religion ganz besonders für einen ganzheitlichen Bildungsauftrag. Ich versuche, Menschen ein Bild ihrer Lebenssituation mit deren Erfolgen und Enttäuschungen anzubieten, das von bedingungsloser Annahme gezeichnet ist. Oft stehen gebrochene Schullaufbahnen und familiäre Verhältnisse, die Vertrauen zerstört haben, dagegen.

Ich versuche, Menschen ein Bild ihrer Lebenssituation anzubieten, das von bedingungsloser Annahme gezeichnet ist.

Im Horizont der viel gepriesenen Digitalisierung fast aller Lebensbereiche messe ich dem Religionsunterricht eine primär kritische Aufgabe zu, vorrangig im Blick auf das inhärente Menschenbild. Es gilt, das nicht-binäre Wesen des Menschen festzuhalten und auch provokant zu vermitteln. Das Seelenleben des Menschen gestaltet sich eben nicht als „ja“ und „nein“, sondern stets „gemischt“. Keine noch so fortgeschrittene Rechenmaschine vermag das wirklich zu erfassen. Biblische Gestalten mit hohem Ambivalenz-Faktor – die alten Richter, Hiob oder ein gegen den Strich der Tradition gelesener Judas – laden zu einem Menschenbild ein, das Schattierungen und Widersprüche einschließt.

Sich die eigene kulturell-religiöse Prägung kritisch-verstehend aneignen

Eine pädagogische Versuchung eigener Art stellt der „Rassismus der verminderten Erwartung“ dar. Ein freiheitliches Verständnis des Menschen verlangt, auch Jugendlichen aus prekären und „fremden“ Verhältnissen prinzipielle Offenheit für Grundsätze der Pluralität zuzumuten. Eine Beschützerhaltung, die letztlich nur exkludierende Neigungen fördern würde, widerspricht nicht nur demokratischen, sondern mehr noch evangelischen Grundsätzen. Sich selbst nicht als „Opfer“, sondern als verantwortlich denkend, empfindend und handelnd anzunehmen, auch gegen kulturelle oder familiäre Traditionen und Attitüden – das darf keinem jungen Menschen vorenthalten werden, schon gar nicht im Namen der Kultursensibilität. Konkret schlägt sich das etwa im Umgang mit einer fundamentalistischen Hermeneutik „heiliger Bücher“ nieder. Die behauptete Widerspruchslosigkeit eines religiösen Grundtextes, sei es die Bibel oder der Koran, kann politisch wie kulturell und sozial Blockaden errichten. Im Hintergrund ist die historisch-kritische Methodik deshalb ein unaufgebbarer Standard.

Junge Menschen stehen vor ihrem Hineingeboren-Sein in eine religiöse Gemeinschaft (Zugehörigkeit als „Schicksal“) und sind zugleich mit der Aufgabe konfrontiert, sich religiöse Überlieferung individuell anzueignen, auch in Differenz zur Religiosität der Eltern und Bezugsgruppe (Zugehörigkeit als „Entscheidung“). Wo allerdings religiöse Vermittlung niemals wirklich stattfand – und das ist bei nicht wenigen nominell christlichen Jugendlichen der Fall –, muss religiöse und spirituelle Sprachfähigkeit erst langsam gefunden werden.

Im Erleben des eigenen Scheiterns sich selbst vergeben lernen

Religiöser Analphabetismus verbindet sich nicht selten mit politischer Apathie. Unter Berufsschülern ist die Quote der Nichtwähler hoch. Dabei besitzt die Botschaft von einem gnädigen Gott eine ganz spezielle ideologiekritische, politisch mobilisierende Dimension. Mir liegt die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tendenzen, „die mich ganz beanspruchen, ohne mich ganzmachen zu können“ (Eberhard Jüngel), am Herzen. Da geht es um die Konsequenzen eines von Erbarmen und Akzeptanz geprägten Menschenbildes. Junge Menschen, die sich manchmal die Brüche ihrer Biografie kaum verzeihen können, bedürfen der Einsicht, wie lebensnotwendig die self-forgiveness ist. Ich versuche, das „Rechthaben des Menschen gegen den Menschen“ zu diskutieren, besonders bei Fragen um Strafe, „Besserung“ und Gerechtigkeit im Rahmen des Rechtsstaates. Kirche in die Schule zu holen, schließt immer eine – der Demokratie förderliche – Problematisierung des staatlichen Handelns ein.

Brisanter noch wird es, wo Anforderungen der beruflichen (Aus-)Bildung auf ein Gesamtverständnis der gebildeten Persönlichkeit bezogen werden. Gegenüber den (berufs-)fachlichen Kompetenzen, die zu vermitteln auch Aufgabe der Berufsschule ist – mancher sieht darin gar die Hauptaufgabe –, setzt der Religionsunterricht sich „Kompetenzenkompetenz“ zum Ziel: Er lädt junge Menschen ein, fachliche Fertigkeiten in einen umfassenden Entwurf von Persönlichkeit einzubinden.

Ist ausreichend Vertrauen gewachsen, dann gelingt es, sich in biografischen Krisen zu öffnen: In Pubertätskonflikten versuche ich, auf jene besonders einzugehen, deren autoritäre Familiensituation das notwendige Austragen von Konflikten unterdrückt. Eine Schülerin teilte ihre Wut mit der Klasse, sich von ihrem kurdischen Freund lösen zu müssen, „denn meine Familie ist total für Erdogan“.

Evangelisch informieren: zu einer befreienden Selbst- und Weltauslegung anregen

Dass überwiegend religionsdistanzierte junge Christen auf Muslime treffen, die ihre Religion zum Integrationssymbol ihrer Gruppe machen – oft, ohne wirklich religiös informiert zu sein –, erzeugt komplexe Herausforderungen. Beklemmend ist, wenn sich eine zur Schau getragene religiöse Gruppenidentität mit verschwörungstheoretischem Ressentiment gegen die „Mehrheit“ verbindet, gerade in der Corona-Pandemie. Unter zustimmendem Murmeln mehrerer Landsleute äußerte eine türkische Schülerin, „die Atheisten“ leugneten Gott, sie dagegen leugne „das Virus“, sehen könne man doch beides nicht.

Überwiegend religionsdistanzierte junge Christen treffen auf Muslime, die ihre Religion zum Integrationssymbol ihrer Gruppe machen.

Demonstrativ religiös zu sein, ist offenkundig nicht „typisch migrantisch“, geben sich junge orthodoxe Christen aus Ost- und Südosteuropa im Unterricht doch keineswegs religiöser als „Biodeutsche“. Eher schon ist es kennzeichnend für muslimische Jugendliche – womöglich ein trotziges Spiegelbild empfundener Stigmatisierung. Bei einzelnen Muslimen finden sich immer wieder luzide Ansätze zur Kritik der eigenen Community, nicht selten aber siegt die Neigung, Kritik an Erscheinungsformen des gegenwärtigen Islam persönlich zu nehmen. Da ist Empathie, nicht weniger aber konsequente Klarheit gefordert. Beziehung zu halten, möglichst zu stärken – ohne Verzicht auf rationale Redlichkeit: Manchmal kommt das der Bildungsbiografie des alttestamentlichen Gottes recht nahe.

Gemeinsam die großen Fragen auf das Individuelle zu beziehen, nach Ressourcen einer befreienden Selbst- und Weltauslegung zu suchen, das ist die Chance eines evangelisch verantworteten Unterrichts in der religiösen Pluralität. Ob Gott eine Hölle nötig hat – oder ob seine Größe nicht in finaler Versöhnung triumphiert: Diese immer neu zu stellende Frage mischt die pädagogische Lebenswelt auf. Das ist, was Kirche in der Schule ausrichten kann.

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