Aufgefallen sind sie sicher schon allen. Kreuze am Wegesrand. Sie mögen aus Holz, Metall oder Stein sein, ganz frisch oder Jahrhunderte alt. Die Tradition ist bis heute lebendig geblieben.
Die Kreuze können Ausdruck von Dankbarkeit oder Trauer sein, bezeichnen einen Ort für eine Andacht oder erinnern an ein Unheil oder sogar ein Verbrechen. Das fällt z.B. bei einem Spaziergang im Hohenlohischen auf. Im Norden von Baden-Württemberg liegt das von Touristen aus aller Welt viel besuchte Kloster Schöntal. Weniger bekannt sind die unterschiedlichen Ortsteile der Gemeinde Schöntal. Bei einem Spaziergang durch Sindeldorf stößt man auf eine Häufung von Kreuzen und Bildstöcken mit der Darstellung der Kreuzigung.
Kreuze als öffentliche Glaubenszeugnisse
Eine Recherche im Internet zeigt, dass dies tatsächlich eine Besonderheit dieses kleinen Ortes ist. Er ist nicht nur landschaftlich schön gelegen, sondern weist entlang der Wanderwege eine Vielzahl von Glaubenszeugnissen auf. Auch ein Teil des Pfades der Stille verläuft hier. Zum Meditieren und Gedenken gibt es reichlich Gelegenheit.
Weil es so viele Glaubenszeugnisse rund um den Ort gibt, haben die Sindeldorfer vier Rundwanderwege samt Erklärungen ausgewiesen. Die so genannten Stöcklewege führen um den idyllisch gelegenen Ort und führen an Zeugnissen vorbei, die von den Bewohnern errichtet worden sind. Die Wandertouren starten in der Ortsmitte, an der sich die Kirche, das Rathaus sowie das Pfarrhaus mit Pfarrscheune befinden.
Grabkreuz, Wegekreuz, Missionskreuz
Da stößt man zum Beispiel auf das Grabkreuz von Paul Schütz (1906-1945). Wenige Tage vor Kriegsende wurden Soldaten kurze Zeit in Sindeldorf privat einquartiert. Auf dem weiteren Weg nach Waldenburg wird Paul Schütz kurz vor Ingelfingen getötet. Er hatte in Sindeldorf freundliche Menschen getroffen und deshalb befand sich deren Adresse in seiner Tasche. Da seine Heimat weit entfernt war, wurde er in Sindeldorf begraben.
Einer der Wege führt auch zu der nach dem Vorbild von Lourdes errichteten und mit einem Steinkreuz bekrönten Mariengrotte. Diese wurde wohl gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus Tuffstein erbaut. In der Rundbogennische befindet sich eine Marienfigur aus Porzellan. An den Nischenwänden sind Danktafeln angebracht. Davor sind Knie- und Sitzbänke aufgestellt. Im Mai werden dort regelmäßig Maiandachten mit dem Kirchenchor gefeiert.
An anderer Stelle steht ein gusseisernes Kreuz, das Matthäus Rau 1884 gestiftet hat. Die Inschrift lautet: „Gekreuzigter Jesus / Erbarme dich unser“. Im gleichen Jahr hatte Matthäus Humm ein Wegekreuz gestiftet. Zwischen Bäumen ist ein großes Missionskreuz aus Holz mit der Aufschrift „Rette Deine Seele“ zu finden. Es steht im Inneren eines Wäldchens, das von den Sindeldorfern „Heilichs Wäldle“ genannt wird.
Ort für Gebet und Meditation
Die mit Knie- und Sitzbänken ausgestattete Stelle soll zu Gebet und Meditation einladen. In früheren Zeiten wurden hierher noch Flurprozessionen durchgeführt. Zeitzeugen erinnern sich, dass die Strecke von der Kirche zum Kreuz für Ministranten und Fahnenträger sehr beschwerlich gewesen sein soll.
Am Rande eines Ackers befindet sich ein schön gearbeiteter Bildstock mit einem Kreuzigungsgruppen-Relief. Dieser wurde 1854 von F. Anton Grübel und seiner Ehefrau Maria A. Grübel errichtet und trägt die Inschrift: „O Wanderer sih / an meinen Schmerz / Und frage dan dein / eigen Herz Welcher / von uns beiden gröser / muste leiden“.
So gut sind die Wegkreuze und Glaubenszeichen selten dokumentiert. Ein anderes Beispiel ist der schwäbische Ort Zwiefalten. Hier hat der pensionierte Pfarrer Erwin Binder alle religiösen Mahnmale der Gegend erfasst. Das sind 94 Kapellen, Wegekreuze, Lourdesgrotten und Bildstöcke. Es sind Zeugnisse des Glaubens vergangener Generationen, aber auch von persönlichen Schicksalen. Denn nicht die Kirche, sondern Privatpersonen haben in der Regel diese Kleindenkmäler initiiert.
Zunehmender Vandalismus gegen Wegekreuze
Überall in Deutschland sind Wegekreuze zu finden. Allein in Köln existieren über 200 Wegekreuze, Bildstöcke und Heiligenhäuschen. Sie begegnen den Autofahrern als Gedenk- und Unfallkreuz am Straßenrand oder als steinerne Säulen mit Kruzifix oder Pietà. Das Erzbistum Köln beklagt zunehmenden Vandalismus. Christuskorpus oder Pietà werden entweder komplett abgerissen oder mit Graffitis entstellt und schwer beschädigt, heißt es. Doch nicht nur der Vandalismus ist ein Problem: Auch die Witterung macht den Kleindenkmälern zu schaffen. Deshalb kümmern sich zunehmend Bürgerinitiativen um den Erhalt der Wegekreuze.
Gedenk-, Votiv- und Sühnekreuze
Rheinische Wegkreuze – geheimnisvolle Zeugen mittelalterlichen Denkens ist der Titel eines Buches von Karl-Friedrich Amendt. Er unterscheidet Gedenkkreuze zur Erinnerung an Menschen, die durch einen Unfall, ein Unwetter oder ein Verbrechen zu Tode gekommen sind, von Votivkreuzen, die Stifter zum Dank aufstellen, wenn sie zum Beispiel aus einer Notlage errettet worden sind.
Bekannt sind auch so genannte Sühnekreuze. Dazu zählt zum Beispiel das Glockenkreuz im rheinischen Erpel. Dazu wird die Sage erzählt, dass ein Lehrjunge einmal in Abwesenheit des Meisters versuchte, eine Glocke selbst zu gießen. Nachdem das Ergebnis ausgezeichnet war, wurde er von seinem eifersüchtigen Meister erstochen. Wie an vielen anderen Orten wurde für den Toten ein Kreuz aufgestellt. Solche Mord- oder Sühnekreuze wurden ab 1300 an Tatorten aufgestellt. Sie gehörten zur Wiedergutmachung des Täters. Mit ihm wurde ein Vertrag geschlossen. So ein Sühnevertrag von 1463 belegt, dass damals für die Ermordung eines Sohnes ein Steinkreuz, 45 Gulden als Spesen und Schadensersatz, eine Heilige Messe mit zwei Priestern, zehn Pfund Wachs für Kerzen, je ein Paar Hosen für die Schiedsleute und zwei Eimer Wein fällig wurden.
Das Friedenskreuz
Ein Zeichen für überstandene Not ist auch das neun Meter hohe Friedenskreuz von Wehbach, einem Stadtteil von Kirchen im nördlichen Rheinland-Pfalz an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Durch Bürger wurde nach dem Zweiten Weltkrieg oberhalb der Ortschaft das Friedenskreuz errichtet. Damit wollte die Bevölkerung ihre Erleichterung darüber zum Ausdruck bringen, dass Wehbach weitgehend von Bombardierungen verschont geblieben war.
