Fundiertes Wissen allein hat die Menschheit noch nie geleitet Über die Zukunft von Religion, Politik und Wissenschaft

Redaktionsmitglied Hermann Preßler befragt den Religions- und Politikwissenschaftler Michael Blume.

Herr Dr. Blume, religions- und politikmüde sind viele Menschen geworden und wollen von beiden Feldern unseres gemeinschaftlichen Lebens nicht mehr viel wissen. Dabei hat man den Menschen einmal bestimmt als soziales, politisches („zoon politikon“, Aristoteles) und als religiös veranlagtes Wesen („homo religiosus“). Warum entziehen sie sich heute dieser Bestimmung?

Meine Doktorarbeit schrieb ich über Religion in der Hirnforschung, die damals noch sogenannte „Neurotheologie“. Und obwohl ich da entlang der klassischen Trennung von Kultur- und Naturwissenschaften kritisch war, musste ich dann doch einräumen: So wie Musikalität, Kreativität, aber auch zum Beispiel Aggressivität, haben auch Religiosität und Spiritualität neurobiologische Grundlagen. Theologinnen und Theologen mögen bewerten, ob das auf eine „Bestimmung“ verweist; als Religionswissenschaftler bleibe ich da lieber beim „Potential“. Also: Menschen haben aus ihrer Evolutionsgeschichte das Potential auch zu individuell sehr unterschiedlichen Zugängen zu Musikalität, Religiosität und Spiritualität geerbt. Deswegen sind dies auch menschliche Universalien, die wir in allen Kulturen beobachten können, die aber immer auch kulturell erlernt werden und sich auch individuell unterschiedlich ausprägen. Christentum oder Hinduismus, Jazz oder Chorgesang lassen sich also weder biologistisch noch kulturalistisch reduzieren.

Heißt das, wir verlernen gerade etwas Wesentliches? Sind bestimmte kulturelle Bedingungen im Moment dem „Potenzial“ abträglich? 

Tatsächlich erhalten wir heute über immer mehr Medien so viele schon von Hans Blumenberg als Gefahr erkannte Kunstmythen höchster Qualität, dass die religiösen Mythologien oft verdrängt werden. Auch ich selbst habe ja meine Begeisterung für die Welt der Mythen erst einmal über Fantasy und Star Wars entdeckt, bevor mich dann die Homo oeconomicus-Mythen der Finanzausbildung tief abgestoßen haben. Gerade auch bürgerliche und liberale Menschen verfallen heute in einen plumpen Guter-Markt-Böser-Staat-Dualismus. Anders formuliert: Unser mythologisches Potential bleibt aktiv, aber aufgeklärte Religiosität hat es schwer gegen fundamentalistische Vereinfacher einerseits und eine Vielzahl von oft religionsnahen, multimedialen Kunstmythen andererseits. Aufgeklärte Kirchen arbeiten sozusagen mit gesundem, aber anspruchsvollem Obst gegen schmackhaften und preiswerten Industriezucker.

Als Antisemitismusbeauftragter sind Sie auch ein Vermittler, sprechen mit unterschiedlichen Religionsvertretern, sind überzeugt, dass religiöse Traditionen zum gesellschaftlichen Frieden statt zur gesellschaftlichen Spaltung beitragen können. Hoffnung oder Wunschdenken?

Ganz klar: Realismus. Denn zu den erwähnten, neurobiologischen Grundlagen kommt auch noch die Demografie hinzu: Religiös praktizierende Jüdinnen, Christinnen und Musliminnen haben im Durchschnitt mehr Kinder als Säkulare. Wir kennen sehr viele religiöse Traditionen wie die christlichen Amish oder die jüdischen Haredim – Ultraorthodoxe –, die über Jahrhunderte hinweg sehr kinderreich geblieben sind. Mit der Abkehr von den Religionen ging dagegen bisher immer und ausnahmslos ein Einbruch der Geburtenraten unter die Bestandserhaltungsgrenzen einher. Zumindest in einer freiheitlichen Gesellschaft ist also weder die Vorherrschaft einer einzelnen religiösen Tradition noch eine völlige Säkularisierung zu erwarten. Entweder wir lernen einen gelingenden Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Pluralität oder wir hinterlassen kommenden Generationen noch ein Problem mehr.

Damit beschreiben Sie aber lediglich, dass religiöse Traditionen wohl nicht verschwinden werden. Welche Voraussetzungen aber ermöglichen uns diesen Umgang?

Im Kern geht es um den Mut, „Nein“ zu sagen: Nein zu nur noch unverbindlichen Beziehungen, zur Maximierung nur des eigenen Einkommens, zu immer mehr Zerstreuung. Ich wage die Prognose, dass man Christinnen und Christen der Zukunft weniger an prunkvollen Gebäuden und Gewändern, sondern an ihren Zeit-Opfern erkennen wird: Zeit fürs Gebet und den Dialog, für die Familie und Ehrenämter, für Bücher und Spiritualität. Gerade auch Kinder und Enkel stehen quer zur Logik von Markt und Verschwörungsglauben, die letztlich Geschichten über Egoismus und ein baldiges Weltenende erzählen. Die Generation meiner Kinder diskutiert intensiver denn je die sogenannte Anthropodizee – ob weitere Menschen noch erlaubt wären. Wer gegen das Leid keine religiösen Hoffnungen hat, wird das häufiger verneinen.

Vorausgesetzt der Mensch ist unaufgebbar religiös – muss er dann dennoch religiös aufgeklärt werden, damit er nicht religiös beliebig glaubt und handelt? Mit anderen Worten: Welche Aufgaben haben die in unserem Land hauptsächlich vertretenen Glaubensgemeinschaften, die Kirchen, die Synagogen, die Moscheen – könnten sie ein tragfähiges gemeinsames Ethos transportieren?

Da darf ich direkt mit Charles Darwin antworten, der ja seinen einzigen Studienabschluss in anglikanischer Theologie erworben hat, antisemitische Verschwörungsmythen ablehnte und die Evolutionsforschung zur Religiosität schon in der Abstammung des Menschen von 1871 in eigenen Unterkapiteln anlegte. Darwin beschrieb die natürlichen Anlagen zum Glauben und forderte auf, diese dann aber kulturell und rational zu bedenken. Ein echter Monotheismus war nach seiner Auffassung nur als Kombination aus Natur und aufgeklärter Kultur erreichbar. In seinem letzten Lebensjahr begeisterte sich der Agnostiker noch für ein Buch eines irischen Kollegen, der über ein Emergenzmodell Religionen und Naturwissenschaften miteinander verknüpfte. Mein Buch dazu Evolution und Gottesfrage. Charles Darwin als Theologe erschien schon 2013 bei Herder und ist mindestens als E-Book noch erhältlich.

Aber Sie erklären uns doch, was unter diesem „Emergenzmodell“ zu verstehen ist?

Zwischen einem Reduktionismus, nach dem alles nur aus Physik besteht, und einem Dualismus, nach dem Materie und Geist strikt getrennt wären, steht der Emergentismus: Kein Atom ist für sich lebendig, aber mehrere Atome können eine lebendige Zelle bilden. Keine Nervenzelle hat für sich ein Bewusstsein, aber zusammen können sie eine menschliche Psyche hervorbringen. Und kein Mensch ist nur für sich Christ, aber wo zwei oder drei in Jesu Namen zusammenkommen, sei er mitten unter ihnen. Etwas trockener formuliert: Wo sich Elemente zu Systemen zusammenschalten, emergieren neue Systemeigenschaften. Wir sehen das übrigens auch im Konzert der Wissenschaften: Astronomen können mit einem Taschenrechner die physikalische Bahn eines Kometen über Jahrzehnte vorausberechnen. Aber die menschliche Sozialpsychologie ist so unreduzierbar komplex, dass kein Supercomputer das Ergebnis einer demokratischen Wahl auch nur drei Monate vorausberechnen kann. Wir sind von Natur aus nach oben offen.

Einerseits ist unser Alltag naturwissenschaftlich-technisch durchorganisiert. Andererseits leben wir in einer vom Streben nach individueller Freiheit bestimmten Zeit. Nun sehen wir, wie angesichts der Klimakrise und der COVID-19-Pandemie den Wissenschaften und der Demokratie von einer lautstarken, zum Teil aggressiven Minderheit die Zustimmung entzogen wird. Wie kommt es, dass fundiertes Wissen nicht mehr Richtschnur des Handels ist, und manche noch „freier“ sein möchten, als sozusagen die liberale Demokratie erlaubt? 

Ich denke, dass fundiertes Wissen in der Evolutionsgeschichte niemals die Richtschnur menschlichen Handelns war, sondern stets eine Mischung aus mythologisch verpacktem Erfahrungs- und Orientierungswissen mit mehr oder weniger fundierten Beobachtungen. Die enorm schnelle Verwissenschaftlichung unserer Gesellschaft – noch nie gab es einen Pandemie-Impfstoff gleich im ersten Jahr! – löst also nicht zufällig auch Ängste und Verschwörungsmythen aus. Hinzu kommt, dass unser mit Fallpauschalen und Renditeorientierung marktradikal und also miserabel gestaltetes Gesundheitssystem bei großen Teilen der Bevölkerung zu Misstrauen und verstärkter Nachfrage nach „sanfter“, teilweise auch esoterischer Heilkunde geführt hat. Der riesige Reformbedarf wird nun sichtbar.

In Ihrem Buch setzen Sie sich mit dem in eine jüdisch-christliche Familie geborenen Philosophen Karl Popper (†1994) und dessen Ideal der „offenen Gesellschaft“ als der Verfasstheit wahrhaft demokratisch gesinnter Bürger*innen auseinander. Popper verbindet sein politisches Denken mit einer Erinnerung an den Juden Jehoschua, dem Jesus des christlichen Glaubens. Der Begriff der „Verantwortung“ ist dabei das Leitmotiv – eine bleibende Orientierung im 21. Jahrhundert?

Oh ja – ich war ja schon als nichtreligiöser Jugendlicher „Popperianer“, bevor ich mich dann als junger Erwachsener für die Taufe in die evangelische Landeskirche entschied. Für mich war es sehr verblüffend zu entdecken, wie positiv und reflektiert der Humanist Popper in seiner „Offenen Gesellschaft“ über das Christentum schrieb. Das Ertragen wissenschaftlich schmerzhafter Erkenntnisse einerseits und das Mit-Leiden mit Leidenden andererseits belegte er gleich mehrfach mit der Metapher vom „Tragen des Kreuzes“! Ich denke, hier liegen bislang verborgene Ansätze für eine künftige, sowohl christliche wie auch humanistische Spiritualität des Wissens und Hoffens. Und ich wollte, dass man meinem neuen Buch noch die tiefe Verblüffung über diese Entdeckung anmerkt.

Können Sie uns diese Spannung bitte noch etwas erläutern? 

Popper schrieb in beiden Bänden der Offenen Gesellschaft, dass sich der Mensch in einen vermeintlich stabilen Naturzustand zurücksehne, was „falsche Religionen“ wie der Nationalismus oder Kommunismus bedienen würden. Dagegen gelte es, unabhängig von der eigenen Religion oder Weltanschauung gemeinsam mit dem „wahren Christentum“ das empathische Mit-Leiden wie auch das Er-Tragen unbequemer Wahrheiten zu kultivieren. Das Ganze mündet dann schließlich in der Aussage „Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir Menschen sind.“ Und dies äußerte Popper ausdrücklich nicht als christliches Glaubensbekenntnis, sondern als humanistischer Philosoph und Rationalist!

Wagen wir einen Blick bis in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts: Wie werden sich die Hüter der großen Traditionen des Judentums, Christentums und des Islams in unserem Land positionieren, welches die Gesellschaft integrierende Potenzial werden sie entfalten können?

Die Kirchen und Religionen werden stark geschrumpft sein und sich über digitale Medien in wissenschaftsoffene Monisten und verschwörungsgläubige Dualisten aufgespalten haben. Ein Wachstum wird einerseits von kinderreichen Fundamentalisten ausgehen, aber zarter auch von jenen aufgeklärten Traditionen, die Glauben, Liebe und Hoffnung sowohl durch zeitintensive Familien- und Jugendarbeit wie auch durch eine Bejahung von Dialog und Wissenschaft vorleben. Ich behaupte sogar, dass wir den Beginn dieses dynamischen und riskanten Prozesses in Europa, Nordamerika, Israel und Indien bereits beobachten können.

Was für ein „Dualismus“ ist das, der verschwörungsgläubig macht?

Von Rabbi Lord Jonathan Sack (†2020) stammt die Beobachtung, dass wir Menschen wohl nur in zwei sozialpsychologischen Modi über andere Menschen denken können: Entweder wir nehmen uns monistisch als Teil derselben Welt wahr, respektieren Vielfalt und gestehen auch Konkurrenten und sogar Feinden Menschenwürde und die Möglichkeit der Versöhnung zu. Oder aber wir spalten die Menschheit in unsere vermeintlich absolut gute Eigengruppe und die vermeintlich absolut bösen Feinde, die uns durch Angriffe und Verschwörungen angeblich ständig bedrohen. Sacks rief Angehörige aller Religionen und Weltanschauungen auf, wie die frühen Rabbiner nach der Zerstörung des Zweiten Tempels auch ihre eigenen Traditionen auf die Gefahren des Dualismus zu befragen. Gerade auch der Antisemitismus sei die weltweit führende Ausprägung des Dualismus geworden und könne heute jedes Milieu befallen. Ich behaupte: Rabbi Sacks hatte Recht.

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Michael Blume: Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus. Patmos Verlag 2021

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