Welche Rolle spielt Kirche bei Olympischen Spielen, was verbindet Kirche und Sport? Im Interview spricht Olympiapfarrer Thomas Weber über die Begleitung in besonderen Momenten im Umfeld des Spitzensports und die Bedeutung kirchlicher Präsenz bei sportlichen Großveranstaltungen.
Du bist heute als Gemeinde- und Olympiapfarrer tätig. Was hat dich damals dazu bewegt, Theologie zu studieren?
Thomas Weber: Ich bin im Siegerland mit dem CVJM groß geworden. Sport ist ein wesentlicher Bestandteil beim CVJM. Besonders begeistert hat mich, dass die Älteren gemeinsam mit uns Jüngeren Fußball gespielt haben und Altersunterschiede nicht zur Trennung verschiedener Gruppen geführt haben. Das war für mich eine prägende Gemeinschaftserfahrung. Gerade durch den Sport ist es dem CVJM gelungen, uns junge Menschen für den Glauben zu begeistern.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich diese Begeisterung weitergeben möchte. Aus diesem Wunsch heraus habe ich mich schließlich für das Theologiestudium entschieden. Nach dem Vikariat habe ich 1999 meine erste Pfarrstelle als Gemeindepfarrer in Gevelsberg angetreten. Dort bin ich bis heute tätig und versuche, die Erfahrungen aus meiner CVJM-Zeit weiterzugeben. Deshalb gehören Sommer- und Skifreizeiten selbstverständlich zum Gemeindeleben.
Wie kam es, dass du nicht nur Gemeindepfarrer, sondern auch Olympiapfarrer geworden bist?
Auf dem Kirchentag in München 1993 bin ich über den Markt der Möglichkeiten am Stand von Kirche und Sport mit dem damaligen Sportbeauftragten der EKvW Karl-Christoph Flick ins Gespräch gekommen. Über ihn bin ich zum Arbeitskreis Kirche und Sport in Westfalen gekommen. Dann bin ich Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kirche und Sport der EKD geworden und schließlich von der EKD als Olympia-Seelsorger beauftragt worden. Die ersten Großveranstaltungen, die ich begleitet habe, waren die Sommer-Universiade 2003 in Daegu in Südkorea und die Olympischen Winterspiele 2006 in Turin.
Inwiefern hat sich deine Arbeit als Olympiapfarrer verändert?
Die Olympischen Spiele insgesamt haben sich sehr verändert. Ich habe oft gehört, dass die Olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer in Norwegen faszinierend gewesen seien. Der Austragungsort war so überschaubar, dass dort heute nicht einmal das Pressezentrum seinen Platz haben könnte. Die Dimensionen sind heute deutlich größer. Außerdem ist der Erwartungsdruck gestiegen, nicht nur auf die Sportler und Sportlerinnen, sondern auch auf das gesamte Team und die Verantwortlichen im Hintergrund. Das hängt nicht zuletzt mit dem gewachsenen Medieninteresse an den Olympischen Spielen zusammen.
Die ersten Olympischen Spiele, die ich als Olympiapfarrer mit begleitet habe, waren die Winterspiele 2006 in Turin. Auch da waren die Dimensionen noch überschaubar. Die Teams waren eher klein und die Wettkampfstätten nah beieinander.
Die nächsten Winterspiele finden in diesem Jahr im Februar in Italien statt. Die Wettkampfstätten liegen bis zu 400 Kilometer voneinander entfernt. Das ist nicht nur eine große Herausforderung für die Athletinnen und Athleten und ihre Teams, sondern auch für uns, meine katholische Kollegin und mich, in der Seelsorge.

Hinzu kommt, dass die Teams insgesamt größer und zugleich vielfältiger geworden sind. Darüber hinaus macht sich bemerkbar, dass die Kirchen an Akzeptanz verloren haben. Die Olympia-Teams sind in dieser Hinsicht ein Spiegel der Gesellschaft. Das stellt uns vor neue Herausforderungen und verändert unsere seelsorgerliche Arbeit vor Ort. Für meine katholische Kollegin und mich geht es bei den Olympischen Spielen deshalb immer auch um Sichtbarkeit. Durch unsere Präsenz machen wir deutlich, dass Kirche dort ist, wo viele Menschen zusammenkommen. Wir sind auch an Orten, an denen man Kirche vielleicht nicht erwartet. Das führt häufig zu positiven Irritationen und zu überraschend offenen Gesprächen. Nicht selten nehmen Menschen die Begegnung mit uns zum Anlass, von ihrer eigenen Glaubensbiografie und ihren Erfahrungen mit Kirche zu erzählen.
Was war bislang dein schönstes Erlebnis als Olympiapfarrer?
Ich habe schon sehr viel Schönes als Olympiapfarrer erlebt. Am schönsten ist es für mich, am Glück und Erfolg der Athletinnen und Athleten teilhaben zu dürfen. Besonders eindrücklich erinnere ich mich an einen Gottesdienst in Peking, an dem eine strahlende Olympiasiegerin teilgenommen hat. Das war ein besonderer Moment, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Gleichzeitig waren bei diesem Gottesdienst auch Athletinnen und Athleten anwesend, die enttäuscht von ihren eigenen Leistungen waren. Beides war spürbar: Erfolg und Niederlage, große Freude und tiefe Enttäuschung. Der Gottesdienst fand in einem geschützten Rahmen statt, fernab von den Medien. Gerade dadurch war es möglich, den unterschiedlichen Emotionen Raum zu geben. Das hat vielen gutgetan und wir haben im Anschluss sehr viele positive Rückmeldungen bekommen.
Was war bisher deine größte Herausforderung als Olympiapfarrer?
Die größte Herausforderung war für mich bei den Olympischen Sommerspielen in Rio 2016. Hier gab es einen Todesfall in der deutschen Mannschaft. Ein Trainer war schwer verletzt worden und lag auf der Intensivstation. Schließlich mussten im Krankenhaus die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet werden. Die Betroffenheit im Team war enorm. Zwei Tage später fand in Rio eine große Trauerfeier im Olympischen Dorf statt. Die gesamte Mannschaft war anwesend, ebenso Politikerinnen und Politiker. Es war ein sehr trauriger Anlass und zugleich ein Moment, der die Mannschaft enger zusammengebracht hat.
Ein weiteres sehr herausforderndes Erlebnis hatte ich bei der Universiade in Thailand. Dort habe ich eine Athletin und einen Athleten begleitet, deren Vater bzw. Schwiegervater verstorben war. In solchen Momenten geht es vor allem darum, da zu sein, zuzuhören und Halt zu geben. Manchmal bin ich als Olympiapfarrer daher auch als Notfallseelsorger gefragt.
Wie sieht die ökumenische Zusammenarbeit bei den Olympischen Spielen aus?
Seit 1972 gibt es die Tradition der ökumenischen Seelsorge bei den Olympischen Spielen. Wir, meine katholische Kollegin und ich, gestalten Gottesdienste und Andachten zusammen und sind ansprechbar nicht nur für die Teammitglieder und die vielen Menschen, die im Hintergrund wirken, sondern auch für die Zuschauer. Vor Ort stellen wir immer wieder fest, wie gut es ist, gemeinsam unterwegs zu sein. Nicht umsonst hat Jesus seine Jünger damals zu zweit ausgesandt. Besonders wichtig ist uns, dass die Kirchen auch bei solchen Großveranstaltungen sichtbar werden. Deswegen verteilen wir immer auch unsere Mittendrin-Broschüre, in der sich Gebete und kurze Bibeltexte finden.
Wie passen für dich Sport und Glaube zusammen?
Für mich bezieht sich der Glaube auf alle Lebensbereiche. Es gibt also nach meinem Verständnis keinen Bereich außerhalb des Glaubens. Und Sport gehört für mich auch immer schon dazu. Ich war nie Leistungssportler, aber ich habe immer gerne Sport gemacht und mache nach wie vor gerne Sport. Dabei tut mir nicht nur die Bewegung gut, sondern auch das Spiel.
Was lässt sich aus deiner Sicht im Sport über den Glauben und über das Leben lernen?
Ich finde die Zielgerichtetheit von Athletinnen und Athleten besonders beeindruckend. Sie wollen etwas erreichen und arbeiten konsequent auf ein Ziel hin, ohne zu wissen, ob sich der Einsatz am Ende wirklich auszahlt. Der sportliche Wettkampf lebt davon, sich mit anderen zu messen und Grenzen auszutesten. Gleichzeitig zeigt der Sport, dass Siege und Niederlage dazugehören und Erfolg und Enttäuschung nah beieinander liegen. Hinzu kommt der enorme Druck, der im Sport spürbar ist und immer mehr zunimmt. Leistungsdruck gibt es aber nicht nur im Sport. Er prägt auch unsere Gesellschaft. Umso wichtiger ist es, ein Ziel vor Augen zu haben, das Orientierung gibt. In diesem Zusammenhang spielt für mich auch mein Konfirmationsspruch eine wichtige Rolle. Mein Pfarrer hat ihn damals für mich ausgesucht und ich kann mich bis heute sehr gut damit identifizieren: „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.“ (1 Tim 6,12)
Dabei verstehe ich Sport nicht als ein Ausstechen oder Abdrängen anderer. Für mich bedeutet Sport Einsatz und Leistungsbereitschaft, aber immer verbunden mit Fairness, Respekt und Gemeinschaft. Deshalb haben sportliche Großveranstaltungen aus meiner Sicht auch etwas mit Demokratie zu tun. Ohne das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen, ein Engagement, das auch unser kirchliches Leben prägt, wären solche Veranstaltungen kaum möglich.
Das Interview führte Laura Brand.
