Die Liebe als Kriterium Anregungen zur Bibelhermeneutik

Vor 500 Jahren übersetzte Martin Luther auf der Wartburg das Neue Testament. Das trug auch zu einem besseren Verständnis der biblischen Begriffswelt bei.

Die Bibel ist das meistgelesene Buch der Welt. Mit ihrem ersten Teil von den Anfängen der Schöpfung bis zu den Propheten ist sie das Grundbuch des alten Israel. Um das Jahr Null der Zeitenwende stehen diese Schriften im Umfang weitgehend fest. Die Schriften des zweiten Teils liegen im 1./2. Jahrhundert n.Chr. gesammelt vor. Derart gebündelt wandert das Buch seither durch Höhlenbibliotheken und Klosterschulen, Kaiserpaläste und bäuerliche Stuben. Die Bibel wird zum mächtigsten Buch der Erde, wie jedenfalls der Spiegel-Verlag urteilt.

„Die Bibel ist das Buch, ohne das man nichts versteht“, meint auch Christian Nürnberger. Der Mainzer Journalist hat gleich mehrere Titel als Einführung zur Bibel verfasst. Ihm geht es vor allem um den roten Faden, der in den Schriften ausfindig zu machen ist. Bei einem Buch von über tausend Seiten scheint die Idee nicht abwegig. Was ist da nicht alles zu lesen: Von Simson, der Hunderte mit einer Eselskinnbacke erschlug. Die Anweisung du sollst nicht töten. Die Bergpredigt…

Ohne über die Ergebnisse von Christian Nürnbergers Rote-Faden-Suche im Einzelnen zu befinden, lässt sich nüchtern festhalten: Das ist ein gut lutherisches Vorgehen. Auch Martin Luther stellte fest, dass in den biblischen Schriften schwierige und „dunkle“ Texte zu finden sind, sowie hellere und klare. Auch Luther hielt Ausschau nach der Mitte der Schrift.

Die (christliche Nächsten-)Liebe als Kriterium

Was Luther bei seiner Suche findet, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen – um es kurz zu machen: Es ist die Liebe.

Die Mitte der Schrift wie die Mitte christlicher Existenz ist nach Luther die Liebe. Es ist die Liebe, die bereit ist, „jeglichen Bedürftigen“ zu helfen, dabei weltumspannend nach Möglichkeit auch an alle Menschen der Erde zu denken, mit „Speisen die Hungrigen, Tränken die Dürstenden“, bereit Entbehrungen auf sich zu nehmen, und sogar: „Vergeben den Feinden“ (vgl. WA 26, 505,11ff). Dass diese Liebe personal verantwortet sein will und auch personal begründet ist – Stichwort: Jesus von Nazareth –, und wie das nun alles im Einzelnen zusammenhängt, dafür braucht es dann wiederum mehr als ein Wort.

Weit entfernt von Bibelfundamentalismus

Die Einsicht zur Mitte der Schrift hatte Luther bereits, als er mit dem Übersetzen der Bibel begann. Rund um den Bibeldruck von 1521/22 verfasst er einen ganzen Kranz hermeneutischer Texte (Hermeneutik: die Lehre vom Verstehen), die den Leserinnen und Lesern Hilfestellung beim Lesen geben wollten.

„Für Dich“

Als Luther im Dezember vor 500 Jahren anfing, das Neue Testament zu übersetzen, war das die erste deutsche Übersetzung aus dem griechischen Urtext. Sie war somit besonders nah am Original. Sie war auch darin besonders, dass man dem Übersetzer direkt abnahm und abspürte, dass da nicht irgendein Sachtext übertragen wurde. Hier übersetzte einer, der von seinem „Übersetzungsgegenstand“ wirklich tangiert war, betroffen und getroffen, der von deren Wichtigkeit und Bedeutung wirklich eingenommen war.

Es geht in der Bibel ja nicht um historisches Wissen. Wann wurde Salomo König. Wann wurde König Hoschea abgesetzt, usw. Etliches davon ist nicht unwichtig. Aber es ist nicht das, weshalb die Schrift verfasst wurde. Viel wichtiger, ja ausschlaggebend ist: Was ist der „Nutzen“, was ist die Bedeutung alles dessen – und zwar konkret „für mich“.

Auch das ist eine lutherische Frage. Hatte Luther schon 1520 die Regel angeregt, man solle so predigen, dass man erfährt, warum Christus gekommen ist, wie man ihn gebrauchen und genießen soll, was er mir bracht und geben hat (in der Freiheitsschrift), konnte er 1521/22 in der Schrift Ein klein Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten soll umso kräftiger das „für uns“ des Evangeliums als Gabe und Geschenk herausstreichen: „das ist das große Feuer der Liebe Gottes zu uns“, die er im Neuen Testament so hell leuchten sah. Das ist eine klare hermeneutische Zuspitzung, die auch gewürdigt werden will. Bei derartigen Aussagen gilt es ja stets, das theologiegeschichtlich Besondere, sich aus der übrigen Zeit Abhebende mit wahrzunehmen. Fast könnte man die Auslegung existentiell nennen. – Luther sitzt ja im Übrigen unter Reichsacht im Versteck der Wartburg fest und muss in einem Umfeld der Restauration um die Früchte seiner Arbeit bangen. – Der kleine Unterricht fand dann Eingang in Luthers Einführung ins Neue Testament, die er ab dem Erstdruck, dem sog. Septembertestament von 1522, als erklärende Verstehenshilfe des Evangeliums seinen Lesern stets beigab.

Nicht um historische Kenntnis ist es zu tun, sondern das „Evangelium“ so auszusagen, dass es nachvollziehbar ist als eine wirklich „gute Botschaft“. Nämlich, dass und wie in, mit, durch Jesus von Nazareth eben das überwunden wird, was Menschen von einem Leben in wahrer Fülle – das auch auf Dauer Bestand hat – abhält, hindert, trennt (z.B. Gottferne und Tod). Dabei ist durchaus naheliegend, dass heute noch einmal andere Verständnisfragen im Vordergrund stehen als zur Zeit des Mittelalters. Biblische Texte sind heute wie damals nicht unter einer Art sacrificium intellectus (in einer Preisgabe des Verstandes) in einem gesetzlichen Sinne „blind“ zu glauben. Sondern es gilt zu zeigen, in welchem Sinn sie wirklich von Gott her „für uns“ sind. Das meint die An- und Zueignung des reformatorischen „pro me“.

Vom „Nutzen“ der Schrift

Luther ist also weit entfernt von einer Art „Bibelfundamentalismus“, den man ihm ungerechterweise manchmal vorgeworfen hat. Darauf hat gerade die EKD immer wieder aufmerksam gemacht. Luther weiß sehr gut um die Notwendigkeit, in der Heiligen Schrift Unterscheidungen zu treffen. Das freilich ist kein von außen herangetragenes Unterscheiden. Sondern wird von den Schriften selbst gefordert und verlangt, es entspricht deren eigenen Genus und Gehalt.

Das lässt sich schon daran erkennen, dass es sich ja um Schriften unterschiedlichster Form mit ganz unterschiedlichen Adressaten handelt. Ein Brief des Paulus an die Korinther richtet sich zunächst: an die Korinther. Der Brief an die Gemeinde in Ephesus: an diese konkrete Gemeinde in Ephesus. Der Brief an Philemon: an Philemon. Dass diese Schriften auch darüber hinaus von Belang sind, muss(te) ein Stück weit erst sekundär begründet werden. Z.B. weil der Inhalt weit über die konkrete Gemeindesituation hinaus geht, darüber hinaus Geltendes enthält, usw. usf. Seine Regelgültigkeit (Kanonizität) galt es eigens festzustellen.

Weitere Textgattungen neben Briefen sind z.B. Geschichts-Darstellungen oder prophetische Texte mit Aussagen, Zukünftiges betreffend. Es finden sich Gebetssammlungen wie die Psalmen. Und es gibt Mischtexte, in denen all diese oder einzelne Textformen gemischt vorkommen. Luther hat versucht, auf diese Formen genau zu achten. Beim Übersetzen und dann auch bei der Schriftauslegung. Man könnte ihn den Erfinder der später sog. Formgeschichtlichen Methode nennen: Was manche erst dem 19./20. Jh zuschreiben, hat Luther als „praktizierender“ Vorläufer organisch und originär in seinem Umgang mit der biblischen Überlieferung textnah betrieben und „geübt“.

Aggiornamento meint: Verheutigen

Spätestens hier muss man auch auf unseren heutigen Umgang mit den biblischen Texten zu sprechen kommen. Wenn es z.B. in den Dokumenten des katholischen Synodalen Weges heißt, dass die Bibel „ständig sprudelnde Quelle“ und „Urkunde“ ist und mit dem griechischen Kirchenvater Gregor von Nyssa die Heilige Schrift als „Richtschnur“ und „sicheres Wahrheitskriterium für jede Lehre“ bezeichnet wird, dann ist das gewiss ein gutes Wort. Ebenso wenn dabei die „Entwicklung eines gesunden Aggiornamento“ (Verheutigung) nicht aus dem Blick gelassen wird. Spannend, dass dabei auch Fragen angesprochen werden, die offen scheinen. Denn wer, womöglich als Physiker, könnte sagen, was naturwissenschaftlich oder philosophisch heute eigentlich noch unter „Substanz“ zu verstehen ist (vgl. den Artikel von Michael Grün in aspekte-Heft 1/2021)? Oder was bedeutet eigentlich das Wort Bischof oder Priester? Jesus z.B. war zu jener Zeit kein Priester, als er mit den Jüngern in Jerusalem das Abschiedsmahl hielt. Er hatte nie am Tempel gedient und kam seiner Herkunft nach nicht aus dem Stamm der Leviten. Seine Jünger nannten ihn Rabbi… Auch sie waren alle keine Priester im althergebrachten Verständnis. (Dennoch wird Jesus später auch eine Art Oberpriester (Hohepriester) genannt. In welchem Sinn?)

Bibelexegese und Hermeneutik

Oder würde z.B. ein Kirchenmagazin eine Heftausgabe zu dem Begriff Friede veranstalten, müsste man darauf achten, dass nicht eine Konkordanzmethode angewendet wird. Konkordanzmethode meint, man schaut, wo ein Wort in der Bibel vorkommt, womöglich sogar nur der deutsche (also übersetzte) Begriff, und versucht dann über einen Abgleich der Textstellen dessen Bedeutungsgehalt zu bestimmen. Sofort ist einleuchtend, dass dazu eigentlich die Originalsprachen heranzuziehen sind. Die Benutzung einer Konkordanz ist also (zuerst) ein Einstieg.

Ein klassisches Beispiel der Lutherbibel für den kreiseziehenden Bedeutungsgehalt von Begriffen ist dann die Wiedergabe von Worten wie chäsäd und ämäth (Güte, Wahrheit, Zuverlässigkeit; dann auch zädäk Gerechtigkeit) mit Treue und Gemeinschaftstreue. Denn das heißt: Gott erweist seine Gerechtigkeit darin, dass er seinem Geschöpf selbst durch Abgründe und durch den Tod hindurch die Treue hält. Das richtige Wortverständnis hat enorme Folgen…

Ferner zu bedenken ist, dass ein und dasselbe Wort in verschiedenen Kontexten ganz Verschiedenes bezeichnen kann. Und obendrein, dass dieselbe Sache, die mit einem Wort bezeichnet wird, an Textstellen auch mit anderen Bezeichnungen vorkommt – oder schlicht ganz ohne Erwähnung dieser Begriffe verhandelt wird. Bei Friede wäre vielleicht auch an Geborgenheit zu denken. (An Trost, an Freude.) Bei einem Heft zu Liebe auch an Verantwortung. Und so weiter…

Willkommen im weiten Feld der Bibelexegese und der Hermeneutik. Dabei gilt die Devise des Bibelexperten Luther: „Beachte, dass das die Kraft der Schrift ist, dass sie nicht in den verwandelt wird, der sie studiert, sondern dass sie den, der sie liebt, in sich und in ihre Kräfte verwandelt.“

Zur Kanonizität

Trotz ihrer Universalität ist die Bibel im Umfang ein handliches Buch. Das schließt ja gar nicht aus, sondern ein, dass noch weitere Texte dasselbe ebenso gut wiedergeben könn(t)en. Zum Beispiel ist es ja so, dass man ohne Weiteres das komplette Werk des Tübinger Religionsphilosophen Oswald Bayer für kanonisch erklären kann. (Und um es an dieser Stelle einzuflechten, fast alles, was der Autor dieses Beitrags schreibt, können Sie genau so oder so ähnlich bei Oswald Bayer finden, nur dort viel besser formuliert.) Nur: Dessen Gesamtwerk umfasst ebenfalls weit über 1000 Druckseiten. Würde man diese der Bibel anheften, wäre es mit der Handlichkeit vorbei. Darum (und nur darum) lässt man es. Denn jeder wird zugeben, dass der vorliegende Kanon (jedenfalls schon vom Umfang her) zureichend ist und vollkommen reicht.

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