S. Fischer, Frankfurt a. M. 2024, 676 S., 36,00 EUR, E-Book 24,99 EUR
Die in Oxford lehrende Historikerin Lyndal Roper, die bereits zum Reformationsjubiläum eine vielbeachtete Luther-Biographie vorgelegt hatte, wendet sich in ihrem aktuellen Werk dem Bauernkrieg zu, der vor 500 Jahren stattgefunden hat. Sie wählt dabei einen empathischen Zugang, versucht also, sich in die Gefühlslage der Bauern hineinzuversetzen. Was waren ihre theologischen und politischen Motive, was waren die Wünsche und Träume, als sie 1525 auch als Konsequenz aus der von Martin Luther herausgestellten „Freiheit eines Christenmenschen“ gegen ihre Herrscher aufbegehrten? Durch Ropers spannende Erzählweise und viele zeitgenössische Abbildungen werden wir als Leserinnen und Leser mit hineingenommen in die damaligen Ereignisse und Mentalitäten der Akteure, wobei auch die Rolle der Frauen – die maskuline Redeweise von der „Brüderlichkeit“ und dem Aufruhr des „gemeinen Mannes“ bewusst kontrastierend – besondere Berücksichtigung erfährt.
Bei der Rezeption des Bauernkriegs im 20. Jahrhundert nimmt Roper in Deutschland vor dem Mauerfall eine „hoch politisierte Historiographie“ wahr (479): Die marxistische Lesart habe den Blick auf die ökonomischen Umstände und den Klassenkampf verengt. In Abgrenzung davon begreift sie den Bauernkrieg als eine von dezidiert religiösen Überzeugungen getragene Massenbewegung. Im Zentrum stehen dabei die Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und einem (gottgewollten) guten Leben, die nicht nur für die Bauern damals, sondern für Menschen bis zum heutigen Tag von großer Bedeutung sind.
Roper arbeitet u.a. anhand der „Memminger Zwölf Artikel“ heraus, dass die Aufständischen nicht allein soziale Verbesserungen im Sinn hatten, als sie gegen die anmaßenden Privilegien ihrer Fürsten und gegen die ausbeuterischen Frondienste kämpften, sondern dass sie darüber hinaus eine Vision von einer gerechteren, von Gott geschaffenen Welt hatten. Damit wird eine Schöpfungstheologie adressiert, die Roper wiederum für unsere aktuellen Diskussionen um Nachhaltigkeit und um eine gerechte Verteilung von Ressourcen für relevant hält. Für die Bäuerinnen und Bauern 1525, die in einer größeren Nähe (und Abhängigkeit) zur umgebenden Natur, zu den Pflanzen, Tieren und dem Klima lebten, war diese Perspektive viel selbstverständlicher als dies in unseren hochindustrialisierten und urbanisierten Gesellschaften heute der Fall ist.